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Kapitalistisches Patriarchat, Patriarchaler Kapitalismus

 
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Kapitalistisches Patriarchat, Patriarchaler Kapitalismus
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Melnitz



Anmeldedatum: 11.10.2006
Beiträge: 3354

Beitrag Kapitalistisches Patriarchat, Patriarchaler Kapitalismus Antworten mit Zitat
Emanzipation-Oder-Barbarei-Blog fasst einen Vortrag Andrea Trumanns zusammen:

Zitat:
Das letzte Wochenende war Andrea Trumann auf Einladung von gleich zwei Gruppen hier in Göttingen. Ihre zentrale Botschaft lief darauf hinaus, dass

„wahre Selbstbestimmung erst in einer wahrhaft freien Gesellschat möglich ist“.

Die These, dass also die Emanzipation von patriarchaler Herrschaft in der Moderne auch nur möglich ist, wenn das für den Kapitalismus angemessene Naturbeherrschungsverhältnis aufgehoben wird, führte sie zu der Einschätzung, dass die Bestrebungen zu sexueller Selbstbestimmung im Kapitalismus patriarchale Herrschaft mehr verschleiert als überwindet. Der Zwang, der zunächst als gesellschaftliche Normierung sich durchsetze, wurde dadurch, dass auch Frauen nun den Subjektstatus erreichen können, eben in dieses Subjekt hinein verlegt. Das konnte man ja bereits in ihrem Buch nachlesen.

Trumanns Subjekt-Kritik
Dass also das Patriarchat in dieser Form den Kapitalismus bedingt, dieser also gerade die Struktur liefert, die die Zweigeschlechtlichkeit konstituiert, dürfte bei so mancher recht vereinfachten Rezeption postmoderner Kritik sehr wenig gefallen. Diverse Herrschaftsverhältnisse, darunter Kapitalismus und Patriarchat, bilden, das konnte Trumann in ihrem Workshop sehr gut zeigen, eben nicht einfach ein „Ensemble verschiedener Herrschaftsverhältnisse“, die nur irgendwie „Verwobenheiten“ miteinander eingehen. Sie hat doch recht gut zeigen können, wo der Mangel so einer „Zusammenhangs“-Theorie besteht: Die „verschiedenen Herrschaftsverhältnisse“ sind eben nicht einfach verschiedene, abgeschlossene Entitäten, die sich erst im Nachhinein miteinander „verweben“ und deswegen zeitlich versetzt schon ganz lange existiert haben können oder unabhängig voneinander betrachtet und aufgehoben werden können. Wenngleich es z.B. patriarchale Herrschaft in verschiedenen Formen schon sehr lange gibt, lässt sie das moderne bürgerliche Patriarchat doch nur zusammen mit eben dieser bürgerlichen Gesellschaft erklären:

Das moderne Patriarchat abzuschaffen heißt für Trumann das bürgerliche Subjekt abzuschaffen, dass quasi die Form ist, in dem sich das Naturbeherrschungsverhältnis der Moderne ausdrückt: Das (männliche) Subjekt, dass die Außenwelt sich Untertan macht muss dieses Herrschaftsverhältnis zunächst in sich selbst aufrichten. Die Beherrschung der „inneren Natur“ ist die Vorausetzung für die Herrschaft über die äußere. Diese innere Abspaltung konstruiert überhaupt erst soetwas wie eine innere und äußere Natur, um das Subjekt zu einem scheinbar identischen zu machen. Und dieses Verhältnis, das Subjekt, ist eben das Warensubjekt, das entsprechend den Anforderungen der Warenprodution diszipliniert sein und disziplinieren muss, als auch das männliche Subjekt des modernen Patriarchats, dass sich auf dieser Struktur der Abspaltung errichtet. (Wer das nochmal genauer nachlesen möchte, findet ihre Herleitung nochmal hier)

Identität und Abspaltung
Um das mit der Abspaltung nachvollziehen zu können, könnte man in Anlehnung an die Psychoanalye die Subjektbildung in der Moderne als Ich-Bildung beschreiben: Um den Ansprüchen, die an ein Subjekt gestellt werden, genügen zu können müssen verschiedene Momente vom Ich Abgespalten werden, die den (immanent) rationalen Zugriff auf die Außenwelt herstellen zu können. Für diesen Zugriff braucht es also auch einen ebensolchen Zugriff nach innen, der Emotionalität, Triebe etc. unter Kontrolle bringt. Die Herausbildung eines Ich konstituiert dabei also ebenso sein Gegenstück: Dessen Identität verlegt alles, was in dieser Identität nicht aufgeht ins Unbewusste. Die unbewussten Momente müssen, wenn sie das Ich gefährden, verdrängt werden.
In diesem Sinne konstituiert sich auch erst soetwas wie die „Natur“: Der Begriff der „Kultur“ verschiebt alles, was darin nicht aufgeht in die Natur. Diese Natur erscheint eben gerade, weil es sich bei diesem Prozess um einen Verdrängungsprozess handelt, als natürlich. Es handelt sich dabei selbstverständlich um eine Projektionsleistung: Was im Unbewussten sein Dasein fristet, also im Begriff nicht existieren kann, erscheint als etwas Äußerliches. Was nicht Teil der Identität sein darf erscheint entweder als „natürlicher“ Trieb, als die nicht zum Ich gehörende innere Gefahr, die das Subjekt beständig droht zu „Verweiblichen“, sollte es diesen Wünschen nachgeben. Nach außen hin wird der innere Widerspruch aufgelöst durch Projektion: Emotionalität, Naturhaftigkeit, Passivität erscheint als „Weiblichkeit“ wieder. (Diese Projektionsleistung hat auch noch andere Implikationen, etwa wird im Rassismus das von der eigenen „Kultur“ abgespaltene als dessen Naturhaftigkeit den „Primitiven“, der „Schwarzen“ etc zugeschrieben. Aber um der Kürze willen bleiben wir hier mal nur beim Geschlechterverhältnis.)

Die moderne Zweigeschlechtlichkeit und das Patriarchat ist eng mit der Identitätslogik der Moderne verkoppelt. Zweigeschlechtlichkeit ist immer hierarchisiert, d.h. patriarchal: Das Abgespaltene ist immer das Inferiore, dass beherrscht werden muss. (Die Frau vom Mann, die Triebe vom Ich, die „Natur“ vom Subjekt etc.). So gesehen ist die Aufhebung dieses Naturbeherrschungsverhältnisses auch notwendig für die Aufhebung des Kapitalismus und des Patriarchats.

Man könnte jetzt einwenden, dass zu behaupten, dass der Prozess des Identisch-Machens des Ich teile von sich selbst abspalten müsste, über die Hintertür wieder eine Natur einführen muss. Wenn z.B. bestimmte Emotionen abgespalten werden müssen, hieße das ja, dass wie vor der Subjektbildung bereits da gewesen sein müssten. Dem ist aber nicht so, das abgespaltene wird in der Herausbildung des Identischen ja gerade erst mit produziert. Bei der Herausbildung der Geschlechtsidentität etwa geht die Psychoanalyse davon aus, dass in der kindlichen Entwicklung Identifikationsprozesse mit beiden Elternteilen stattfinden. Darin entwickeln sich Bedürfnisse und Wünsche, die später zum Zwecke der Ich-Bildung ins Unbewusste verdrängt werden müssen. Diese Bedürfnisse sind also keine natürlichen, sondern entstehen in der Auseinandersetzung mit der zweigeschlechtlichen Gesellschaft, die die Verdrängung zum Zwecke der Herausbildung eines geschlechtlich „einwandfreien“ Ichs verlangt.

Öffentlichkeit und Privatheit
Auf einer Gesamtgesellschaftlichen Ebene erscheint das, was wir hier an der Subjektkonstitution nachvollzogen haben, wider: Die bürgerliche Gesellschaft reflektiert sich zunächst einmal als Öffentlichkeit (Produktion, Politik etc.). In der Herausbildung dieser modernen Öffentlichkeit spalten sich jedoch diejenigen Moment ins Private ab, die von dieser Öffentlichkeit zwar bedingt werden, aber in seinen Organisationsformen nicht aufgehen können. So die als weiblich konnotierte Reproduktionstätigkeit, die das Subjekt, dass sich dann später in dieser Öffentlichkeit als rationales bewegen kann, erst einmal (in der Familie) produziert und am Leben erhält.
Nicht zufällig erscheint bürgerlichen Theoretikern nur die Öffentliche Sphäre als Gesellschaft, während das Private als natürlich gesetzt wird. Das Private wird sozusagen zum gesellschaftlichen Unbewussten, dessen Dazugehörigkeit zu ihr selbst von ihr verdrängt wird und bestenfalls als „natürliche“ Voraussetzung erscheint. Sexualität, Reproduktion etc. erscheinen als natürlich.

Diese notwendige Selbsttäuschung wird aber nun leider in auch in der Gesellschaftskritik immer wieder reproduziert: Schon für Marx spielte das Geschlechterverhältnis eine recht nachgeordnete Rolle. Er entwickelte den Kapitalismus nicht als gebrochene Totalität, dessen Real-Begriff vom Wert auch notwendigerweise sein dialektisches Gegenstück in der privaten Reproduktion hervorbringt. Für ihn bildete der Kapitalismus zwar eine widersprüchliche, aber letzen Endes mit sich selbst identische Totalität. Dies gesellschaftlich Unbewusste bleibt auch bei ihm naturhaft, statt als Abspaltungsprodukt der scheinbaren Identität begriffen zu werden. Das wird nun leider auch von vielen linken Theorien immer wieder so praktiziert: Kapitalismus sei eine Totalität, die sich aus dem Wert entfaltet. Es ist aber eine gebrochene, die zwar zum totalen strebt, aber in diesem Streben zur Identität die Abspaltung hervorbringt, die darin nicht aufgeht.

Feminismus oder Kapitalismuskritik?
Falsch wäre es allerdings das jetzt als Ableitungsverhältnis sich vorzustellen: Wovon Trumann gesprochen hat ist nämlich nicht das kapitalistische Subjekt, das auch das Patriarchat als Nebenprodukt hervorbringt. Das Subjekt kann als solches überhaupt nur als kapitalistisch-sexistisches (und, das wär nochmal extra zu betrachten, als rassistisches, antisemitisches usw.) existieren. Nur eine Vorstellung von der Moderne, die diese Dimensionen zusammendenkt, kann dieses Subjekt erklären.

Auch falsch wäre der Gedanke, damit sei das Patriarchat, solange der Kapitalismus existiert, ohnehin festgenagelt. Recht ist Trumann darin zu geben, dass wahre Selbstbestimmung nur der freien Gesellschaft zu haben ist. Das heißt aber nicht, dass Patriarchat ebenso wie die Wertverwertung keine inneren Dynamiken entwickeln kann. Wie etwa die Frauenbewegung gezeigt hat, gibt es da eine Eigenständigkeit gegenüber den abstrakten Bestimmungen, die darauf verweisen, dass diese nicht von Anfang bis Ende, von oben bis unten das falsche Ganze determinieren. Es macht halt einen Unterschied, ob die Frau am Herd gefesselt ist, ob sie Nein sagen kann, ob Abtreibung möglich ist oder nicht. Und da macht es natürlich auch in der politischen Organisierung Sinn, Geschlechterverhältnisse zu reflektieren, denn für die Aufhebung des falschen Ganzen muss nicht nur der Wert weg, sondern eben auch die heteronormative Zweigeschelchtlichkeit, das Subjekt überhaupt usw. Das alles, und das wäre noch einmal gegen eine ableitungslogische Vorstellung zu betonen, verschwindet eben nicht, wenn man eines davon (sei es der Wert, sei es das Patriarchat) aufzuheben versucht.

Also?
Klar kann man also damit sagen, ein Feminismus ohne Kapitalismuskritik läuft ins Leere. Aber bevor hier die Keule gegen den Feminismus geschwungen wird, wäre das gleiche anders herum durch dekliniert für so manche Polit-Gruppe vielleicht noch viel entscheidender: Kapitalismuskritik geht nämlich auch nicht ohne Feminismus.

Jetzt also solche Schlüsse aus der Trumann-These zu ziehen:

Vielleicht wäre trotzdem mehr damit geholfen (hat sie [Trumann] übrigens doch auch so schön erklärt) mal zu reflektieren warum so viel notwendig falsches Bewustsein am Start ist um in den bestehenden Verhältnissen zurechtzukommen um dann mal ans Eingemachte zu gehen (sprich so viele Leute von dem Projekt Kommunismus zu überzeugen, damit irgendwann mal die Machtfrage gestellt werden kann) um das Patriachat mal wirklich zu überwinden.
(Kommentar von Dorfdisco)

geht an der Sache völlig vorbei. Zum einen Begreift es sowohl Patriarchat als auch Kapitalismus als was rein Äußerliches, was mit der eigenen Praxis nichts zu tun hat. Zum anderen wird hier letztlich das ganze als Ableitungsverhältnis gedacht: Wenn ich den Kommunismus will und die Machtfrage stelle, löst sich also alles andere mit der Aufhebung des Werts (oder was auch immer „Machtfrage stellen“ hier heißen soll) in Wohlgefallen auf. Und das soll dann also ungefähr so funktionieren:

Wenn ich über gesellschaftlich hervorgebrachte Gesamtscheisse die durch mich durch geht reden will geh ich zur Psychoanalyse und lass da nicht irgendwelche linken Küchentisch-Hobby-Psychologen und Politgruppengurus rumpfuschen.
Mit deiner Titulierung “gesellschaftliche Gesamtscheiße” machst du übrigens schon deutlich, dass es halt “gesamtgesellschaftlich” gedacht werden muss und gibst dir selber ja quasi schon ne Abfuhr mit deinem Individuallösungsmodel “sich-selbst-überwinden”.
(Kommentar von Dorfdisco)

Die Machtfrage wird also nur gegen das falsche Ganze „da draußen“ gestellt. Mit sich selbst hat das nur insofern zu tun, dass einen die Zumutungen krank machen können. Man ist eigentlich gar nicht eines dieser kapitalistisch-sexistisch strukturierten Subjekte, das höchstens insofern, als man von der „Gesamtscheiße“ dazu gezwungen wird. Dass aber es vielleicht auch möglich wäre, sich im Falschen nicht ganz affirmativ zu verhalten, und das eine oder andere auch mal anders zu machen, als es im Falschen sonst üblich ist, kommt da gar nicht mehr in den Sinn. Ebenso wenig, wie, dass eine Überwindung der „Gesamtscheiße“ auch nur dann funktioniert, wenn man nicht alle von irgendwas überzeugt und dann in die glohreiche Schlacht gegen das Böse da draußen zieht, sondern auch die Verstricktheit der eigenen Person, seines Verhaltens reflektiert und verändert.

Vielleicht sollte man für alle, die glauben, mit dem Verweis darauf, dass ihre Kapitalismuskritik so bedeutend auch für den Feminismus sein müsste, die Notwendigkeit einer Beschäftigung mit Geschlechterverhältnissen sich erledigt hätte, noch eine Veranstaltung „Kapitalismuskritik als Modernisierungsbewegung des Patriarchats“ hinterherschieben.

28. November 2007, 09:20 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
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