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Ruanda und die Schweiz

 
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Ruanda und die Schweiz
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Melnitz



Anmeldedatum: 11.10.2006
Beiträge: 3354

Beitrag Ruanda und die Schweiz Antworten mit Zitat
Manche sagen, er wäre ein sanfter Moralist, aber was Lukas Bärfuss in seinem neuen Roman "Hundert Tage" über die Rolle der Schweiz in Ruanda schreibt birgt starken Tobak:

Zitat:
In den langen Stunden, in denen ich in Haus Amsar sass und Radio hörte, mit den Batterien, die Théoneste den Toten gestohlen hatte, habe ich oft den klugen Reden der Fachleute gelauscht. Wie sie über das Chaos in Kigali sprachen, über die Hölle, die über das Land hereingebrochen war, was ohne Zweifel zutraf, aber jetzt weiss ich, dass in der perfekten Hölle die perfekte Ordnung herrscht, und manchmal, wenn ich mir dieses Land hier ansehe, das Gleichmass, die Korrektheit, mit der alles abgewickelt wird, dann erinnere ich mich daran, dass man jenes Höllenland auch die Schweiz Afrikas nannte, nicht nur der Hügel und der Kühe wegen, sondern auch wegen der Disziplin, die in jedem Lebensbereich herrschte, und ich weiss jetzt, dass jeder Völkermord nur in einem geregelten Staatswesen möglich ist, in dem jeder seinen Platz kennt und auch nicht der unscheinbarste Strauch zufällig an einer bestimmten Stelle wächst und kein Baum willkürlich gefällt wird, sondern durch einen Beschluss, der auf einem dafür bestimmten Formular und von einer dafür eingesetzten Behörde erlassen wird. Und manchmal, wenn ich das Räderwerk dieser Gesellschaft reibungslos ineinandergreifen sehe, wenn ich nichts höre, kein Knirschen, kein Knacken, nur leise das Öl zwischen den Zahnrädchen schmatzen höre, die Menschen sehe, die all dies hinnehmen, eine Ordnung befolgen, die sie nicht erlassen haben und niemals hinterfragen, dann frage ich mich, ob wir im Gegenzug auch das Ruanda Europas werden könnten, und ich weiss, wenn uns etwas davor bewahrt, dann bestimmt nicht die Wohlbestalltheit unserer Gesellschaft, unsere Disziplin oder auch nur der Respekt vor den Institutionen, den Obrigkeiten, unsere Liebe zur Ordnung und zur Routine, ganz im Gegenteil. All das ist kein Hindernis, sondern die Voraussetzung für einen Massenmord.

Nichts liebt das Böse mehr als den korrekten Vollzug einer Massnahme, und darin, das muss man doch zugeben, gehören wir zu den Weltmeistern. Das ist unser Stolz, die Voraussetzung für alles, was uns auszeichnet und was wir als so verbreitungswürdig betrachten, dass wir es ins Herz des schwarzen Kontinents trugen.

Ich habe die Berichte gelesen, die man über unsere Arbeit verfasst hat, und ich habe ncoh die Worte des kleinen Paul im Ohr, am Morgen seiner Flucht, nachdem er an der Avenue de l'Armée an einem Haufen Leichen vorbeigekommen war, den auch ich gesehen hatte und von dem ich zuerst glaubte, es seien ein paar Ballen alter Kleider, die man in den Strassengraben geworfen hatte, bis dich dann die Fliegen sah, so dicht wie ein schwarzer Vorhang, als wollten sie die Toten vor unseren Blicken beschützen. Wie konnten wir uns nur so irren, stammelte der kleine Paul, neben sich zwanzig Kilo Gepäck in zwei Koffern, mehr war nicht erlaubt, der eine war gefüllt mit ein paar Brocken seiner liebsten Mineralien. Wie konnten wir nur so scheitern, stammelte er, und auch die Kommissionen sprachen in ihren ausgewogenen, gerechten Berichten von Scheitern der Direktion, aber wir sind nicht gescheitert, denn wenn wir ihre Lehrer waren, so waren sie bestimmt keine schlechten Schüler. Sie haben die Lektion umgesetzt, haben die Situation analysiert, eine Lösung erarbeitet, Voraussetzungen geschaffen, Mittel bereitgestellt, Instrumente organisiert, Listen erstellt, Personal ausgebildet, Abläufe bestimmt, den Müll beiseite geschafft, und sie taten dies ruhig und bestimmt, von keiner Panik geleitet, zügig, aber ohne Hast, sie erledigten die Aufgabe, wie wir es ihnen gezeigt hatten, umsichtig, die Eventualitäten einplanend. Hätten sie sich nicht an unsere Vorgaben gehalten, so hätten sie keine achthunderttausend Menschen umbringen können, nicht in hundert Tagen.

28. Juli 2008, 23:40 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Muoit



Anmeldedatum: 31.10.2006
Beiträge: 1498

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Ja.

_________________
Power to the Pöbel!
29. Juli 2008, 02:28 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
minino
Admin-Dog


Anmeldedatum: 10.08.2005
Beiträge: 2105
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Zitat:
Und manchmal, wenn ich das Räderwerk dieser Gesellschaft reibungslos ineinandergreifen sehe, wenn ich nichts höre, kein Knirschen, kein Knacken, nur leise das Öl zwischen den Zahnrädchen schmatzen höre, die Menschen sehe, die all dies hinnehmen, eine Ordnung befolgen, die sie nicht erlassen haben und niemals hinterfragen, dann frage ich mich, ob wir im Gegenzug auch das Ruanda Europas werden könnten, und ich weiss, wenn uns etwas davor bewahrt, dann bestimmt nicht die Wohlbestalltheit unserer Gesellschaft, unsere Disziplin oder auch nur der Respekt vor den Institutionen, den Obrigkeiten, unsere Liebe zur Ordnung und zur Routine, ganz im Gegenteil. All das ist kein Hindernis, sondern die Voraussetzung für einen Massenmord.


Interessante These, habe ich mir so noch nie überlegt. Ist aber eigentlich logisch, weil ein Massenmord ja möglichst so gemacht wird, dass es niemand schnallt, und das geht nunmal am Besten da wos so ist.

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Nein, nein, wir wollen nicht eure Welt, wir wollen nicht eure Macht, und wir wollen nicht euer Geld,
wir wollen nichts von eurem ganzen Schwindel hören, wir wollen euren Schwindel zerstören!
30. Juli 2008, 12:22 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Savo



Anmeldedatum: 16.12.2006
Beiträge: 3051

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Die hier haben mal was dazu veröffentlicht:
Code:

http://www.aufbau.org/index.php?option=com_content&task=view&id=368&Itemid=69


_________________
"Komplettere Esel als diese Arbeiter gibt es wohl nicht." (Marx)
30. Juli 2008, 16:41 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
minino
Admin-Dog


Anmeldedatum: 10.08.2005
Beiträge: 2105
Wohnort: Kt. Zug

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Die Meinung von diesem zweiten Text, dass "Bärfuss" derselben Meinung wie seine Ich-Erzähler ist (rassistische Scheisse):

Zitat:
Was ihn dennoch zum literarischen Desaster macht, ist seine neokolonialistische Perspektive, die fehlbare, aber vernünftige Europäer pauschal den bestenfalls halbzivilisierten Afrikanern gegenüberstellt, die ihre guten Manieren jederzeit gegen ebenso unverständliche wie grausame Riten einzutauschen bereit sind.

Das widerspricht aber irgendwie dem obigen Text, wo gesagt wird " ob wir im Gegenzug auch das Ruanda Europas werden könnten". Also quasi die Ordnung Ruandas mit der der Schweiz gleichsetzt und aussagt, dass in beiden solche Massenmorde möglich sind, und es eben nicht wegen irgendwelcher Rückständigkeit oder sowas sei.

Ist das obige auch ein Abschnitt aus dem Buch, also quasi von demselben Ich-Erzähler aus?

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30. Juli 2008, 16:12 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
dlx



Anmeldedatum: 24.12.2006
Beiträge: 289

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Nur so nebenbei, die Rezension ist nicht vom Aufbau selbst, sondern von der Jungen Welt. Lustig, dass die den Roman zerreissen, während eher in Jungle World und konkret für ganz passabel empfunden wird.

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Endlich also hat es sich herausgestellt, daß die Wiege der Freiheit nichts anders ist als das Zentrum der Barbarei und die Pflanzschule der Jesuiten, daß die Enkel Tells und Winkelrieds durch keine andern Gründe zur Raison zu bringen sind als durch Kanonenkugeln.
30. Juli 2008, 19:58 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Melnitz



Anmeldedatum: 11.10.2006
Beiträge: 3354

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minino hat Folgendes geschrieben:
Ist das obige auch ein Abschnitt aus dem Buch, also quasi von demselben Ich-Erzähler aus?


Ja, mein geposteter Abschnitt ist aus dem Buch und aus der Warte des Ich-Erzählers.

Ich muss mir zu der Rezension aus der Jungen Welt erst noch Gedanken machen. Aber im Gegensatz zu einem Houellebecq (islamophobe Stereotypen en masse und klar ersichtlich) z. B., findet sich solche rassistischen Strickmuster bei Bärfuss m. E. kaum oder wenn, dann nur sehr versteckt.

Hier noch die Rezension aus der Jungle World.
30. Juli 2008, 21:40 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
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