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Über Prekariat und Prekarisierung

 
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Über Prekariat und Prekarisierung
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Melnitz



Anmeldedatum: 11.10.2006
Beiträge: 3354

Beitrag Über Prekariat und Prekarisierung Antworten mit Zitat
Ofenschlot:

Zitat:
Über Prekariat und Prekarisierung (Aus einem aufgegebenen Projekt, #19)

Einer der ersten Texte in dieser Reihe, vielleicht sogar der erste, ich überblicke das selber nicht mehr so genau, jedenfalls ziemlich genau vier Jahre alt.

Damals, 2006, war die Rede von der Prekarität und den Prekariern bzw. den Prekarisierten besonders hot hot hot – schon wieder alles vergessen? Über zerstückelte Erwerbsbiographien, die Zunahme von Zeitarbeit und befristeten Arbeitsverträgen, den traurigen Zirkus der Hinzuverdiener berichten heute die bürgerlichen Medien. Und die Linke? Will vor allem »nicht für eure Krise zahlen«, dabei ist man sich selbst gar nicht so im Klaren darüber, welcher Natur die Krise ist und wie sie sich zum »Normalbetrieb« des Kapitals verhält. Was einen großen Schatten auf die Kenntnisse der Linken von jenem Normalbetrieb wirft. Davon handelt der Text.


Im Vorfeld des 1. Mai kam kaum eine der großen Tageszeitungen, kaum eines der anspruchsvollen Wochenmagazine ohne eine Story, einen Essay, eine Reportage über (mit Vorliebe) prekäre Intellektuelle, (generell) prekär Beschäftigte und (die neue Begriffssensation) das Prekariat aus. Was das Prekariat vom Proletariat unterscheiden soll, ist seine fundamentale soziale Unsicherheit: Man wird nicht nur ausgebeutet, es fallen auch die angeblich stabilen Bedingungen weg, die die Ausbeutung reguliert haben – langfristige Arbeitsverträge, Kündigungsschutz, Sicherheit am Arbeitsplatz, Tarifverträge, gewerkschaftliche Organisierung, Mitbestimmungsrechte.

Anlass des Medienhypes war ein Farbtupfer im tristen Mai-Ritual, in Hamburg und Berlin fand der Euromayday statt (in Hamburg zudem die zweite Runde des Kongresses »Die Kosten rebellieren«). Eine von jungen linken Initiativen getragene und zahlenmäßig recht erfolgreiche Demonstration, die abseits der Totentänze von Gewerkschaften und der müden Kiezrandale einer neuen Arbeiterbewegung Ausdruck verleihen wollen: Akademiker ohne Aussicht auf Karriere; Illegale, für die kein Tarifvertrag gelten kann, da sie offiziell gar nicht hier sein dürfen; Leute aus dem sogenannten Dienstleistungssektor, die sich als gehetzte Postboten oder für Catering-Services krumm arbeiten.

Die Prekarisierungsdebatte markiert gegenüber anderen linken Großthemen der letzten Jahre einen Fortschritt. Während die Antiglobalisierungsbewegung sich in kreuzbrave sozialdemokratische Forderungen nach regulierten Märkten und besteuerten Spekulationen erschöpfte und die Aneignungsdebatte, die den revolutionären Gebrauchswert von kollektivem U-Bahn-Schwarzfahren und Supermarktplündereien abwog, kaum über eine Kritik der Zirkulationssphäre hinausgekommen ist, verspricht die Auseinandersetzung mit den Phänomenen der Prekarisierung den Blick auf das Herz bürgerlicher Reichtumsproduktion zu lenken – die Produktionsverhältnissen. Die lange verdrängte und den Gewerkschaftern überlassene Diskussion über Zusammensetzung und Struktur der Arbeiterklasse soll wieder geführt werden.

Arbeiterklasse? Hier fangen die Probleme an, denn kaum ein Vorkämpfer des Prekariats würde dieses Wort umstandslos in den Mund nehmen. Folgt man den historischen Wurzeln der Debatte, geht es eher um das Gegenteil – um die Flucht aus der Arbeiterklasse, um die Verabschiedung eines Begriffes.

Die Wurzeln führen nach Italien, in die Zeit nach dem heißen Herbst 1969 als militante Streiks in den industriellen Zentren, vor allem bei FIAT, das Land an den Rand einer großen Revolte bringen. Was in der linksdeutschen Italienbegeisterung untergeht: Der heiße Herbst endet mit einer Niederlage der linksradikalen Betriebskader, die ihre Kollegen auch gegen die KP und die Gewerkschaften samt ihrer Appeasement-Politik aufgewiegelt haben und dadurch den Auseinandersetzungen zu Radikalität und Rigidität verhalfen. Den bürokratischen Apparaten gelingt es, die Kontrolle über die Streikbewegung zurückzugewinnen, viele Linksradikale treten schließlich in Partei und Gewerkschaft (wieder) ein. Für die anderen stellt sich die Frage, wie ein neuer Zugang zur Klasse, zu den Subalternen gefunden werden kann. Der Industriearbeiter steht zunehmend weniger in ihrem Mittelpunkt, der Fokus richtet sich auf die subproletarischen Jugendlichen, die überhaupt nicht mehr in die Fabrik wollen, auf die Frauen, die Lohn für Hausarbeit fordern, auf die zahlreichen post-studentischen Subkulturen, in denen alternative Arbeitsformen (selbstverwaltete Klitschen, nur saisonales Arbeiten) durchprobiert werden. Kurzum, der Schwerpunkt linksradikaler Organisierungsversuche liegt bei den Prekären. Prekarität wird hier noch ambivalent, tendenziell sogar positiv gesehen: Die Leute entdecken in der Unsicherheit eine neue Ungebundenheit, die Abwesenheit von patriarchalen Familienverhältnissen, die Verweigerung des täglichen Fabrikrhythmus wird als Autonomie begriffen.

Aus der heutigen Prekarisierungsdebatte ist dieser offene, selbstbewusste umgang mit der Unsicherheit fast verschwunden und scheint maximal noch für die Neoboheme der Kulturarbeiter, Journalisten, Musiker, Künstler, Geisteswissenschaftler mit Patchwork-Jobs, Mediengestalter etc., relevant. Dennoch, die Annahme, dass die Prekären nicht mit »der« Arbeiterklasse, soll heißen: Industriearbeiterschaft, zusammenfallen, sondern eine neue Klasse ausmachen, zieht sich implizit von den italienischen Anfängen bis zum Euromayday. Tatsächlich aber gibt es nicht »die« Prekären. Wer von Prekarität spricht, muss verschiedene Formen unterscheiden, eine grundsätzliche, eine spezifische und eine fetischisierte.

In der grundsätzlichen drückt sich aus, dass Lohnarbeit immer prekär ist. In jeder Buchführung geht der Lohn vom Gewinn ab, Lohn ist für die Kapitalseite eine negative Größe, als solche gilt es, ihn beständig zu verringern – durch innerbetriebliche Rationalisierung (Erhöhung der Arbeitsintensität, Verringerung der Belegschaft), schließlich durch direkte Lohnkürzungen. Daraus – nicht aus der Zerschlagung des Sozialstaates – rührt die fundamentale Unsicherheit. Jede historische Bilanz gewerkschaftlicher Aktivität, auf die eine Gewerkschaft für gewöhnlich sehr stolz ist, enthüllt dies. Sie dokumentiert eine Sisyphosarbeit, in der kein mühsam ausgehandelter Tarifabschluss dauerhaften Bestand hat. Jede Maßnahme zur Arbeitszeitverkürzung hechelt den realen Prozessen der Arbeitsverdichtung und der Produktivitätssteigerung hoffnungslos hinterher.

Die sagenhaften – stabilen, regulierten, durch gewerkschaftliche Gegenmacht abgesicherten – fordistischen Bedingungen der 1950er bis 1970er und auch noch der 1980er Jahre, die sogenannten Normalarbeitsverhältnisse, erweisen sich als ideologisches Trugbild. Sie waren auf einige industrielle Kerne in westlichen Industrienationen beschränkt, galten nur für eine männliche, weiße Minderheit von Facharbeitern und selbst dies nur formal. Der Begriff des Fordismus kann den Prozess der reellen Subsumtion, die völlige Eingliederung der Arbeitskraft in den Verwertungsprozess, nicht erfassen.

Erst von dieser der grundsätzlichen Prekarität her lassen sich die spezifischen Formen bestimmen. Die prekären Beschäftigungsverhältnisse, über die heute so aufgeregt geredet wird, zerstören nicht den regulierten Arbeitsmarkt, sie sind kein von oben installiertes »neoliberales Projekt«. Die Prekarisierung entspringt direkt der inneren Dynamik des Kapitalverhältnisses. Wenn diese Verhältnisse vor allem als atypische, als – wenn auch massenhafte – Abweichung eines – wenn auch verblassenden – Normalzustands kritisiert werden, findet ein Quidproquo statt, die Nobilitierung eines Zustands, der keine verdient. Diese scheinbaren Anomalien sind allesamt reguliert: Tarifverträge beinhalten Ausstiegs- und Ausnahmeklauseln, sanktionieren mittlerweile die Wiedereinführung neuer Niedriglohnsektoren – ein Drittel aller Vollzeitbeschäftigten in Deutschland arbeitet zu Niedriglöhnen. Es gibt da keinen »Wildwuchs«. Planmäßig führen Unternehmen eine betriebsinternen Markt ein: Aus den einzelnen Abteilungen werden eigenständige Firmen, die auf eigene Faust kalkulieren müssen, gleiche Arbeit wird unterschiedlich entlohnt, da die Arbeiter für verschiedene, jeweils ausgegründete Subunternehmer tätig sind.

Was wir als Prekarisierung erleben, ist nichts anderes als eine umfassende Mobilmachung der Arbeitskraft. Das betrifft nicht nur alle Bereiche der produktiven Arbeit. Nicht mal die Arbeitslosigkeit darf als »sicher« gelten, der Arbeitslose soll in einen permanenten Stand-By-Modus versetzt werden, sich in Weiterbildungsmaßnahmen dauerqualifizieren und muss bei mangelndem Wohlverhalten, das immer die Arbeitsagentur definiert, mit Kürzung der Bezüge rechnen.

Die strukturelle Prekarität und ihre aktuelle Tendenz sind nicht Gegenstand der Debatte, wie sie sich im Vorfeld Euromayday manifestiert hat. Hier ist Prekarität nicht Mittel zum Zweck, sondern Grund des Übels. In einem Pamphlet zum Euromayday kritisiert die Berliner Gruppe Freundinnen und Freunde der klassenlosen Gesellschaft exemplarisch:

»Weil immer nur von Prekarität die Rede ist, kann man über schlechter werdende Arbeitsbedingungen klagen und von den Produktionsverhältnissen schweigen. Man kann sich einbilden und anderen vorbeten, alle Probleme dieser Welt seien Folge mangelnder Rechte und schlechter Politik. Man kann sogar auf die Idee kommen, der Staat solle zum Garanten all dessen werden, „was Menschen für ein Leben in Würde brauchen”, und sich am grünen Tisch Forderungen aus den Fingern saugen – zum Beispiel die nach einem komfortablen Grundeinkommen für alle, damit man sich über die Abschaffung der Lohnarbeit keine Gedanken mehr zu machen braucht.«

Es liegt ein Gegenstandswechsel vor: Die Linke, die angetreten ist, sich endlich genauer mit der Sache selbst zu beschäftigen, weicht auf das Terrain von Staat und Politik aus. Der Staat feiert ein Comeback als Großregulator gesellschaftlicher Verhältnisse zugunsten der Prekären. Wenn die Arbeit nicht mehr die Existenz sichern kann, dann soll es eben der Staat richten (als ob Lohnarbeit jemals den Zweck der Existenzsicherung gehabt hätte). Damit steht nicht mehr das Lohnarbeitsverhältnis zur Disposition, sondern eine mal mehr, mal weniger sozialverträgliche Politik. Wer vom Staat etwa ein bedingungsloses Grundeinkommen fordert, erkennt den grundsätzlichen Zweck der Ökonomie an, Vermehrung des investierten Kapitals auf Teufel komm raus, und tritt unfreiwillig freiwillig in die Debatte ein, wie hoch das Grundeinkommen sein darf, um noch dem Kapitalzwecken verträglich zu sein. Damit verharrt die Bewegung der Abhängigen genau dort: in der Abhängigkeit.

Prekarisierung wird dann zum Fetisch, wenn aus dem dynamischen sozialen Verhältnis ein geronnener Zustand wird, den es von Außen zu therapieren gilt. Nur als Verdinglichung ergibt der Neologismus Prekariat (schlechten) Sinn: Das Proletariat wird als prinzipiell statisch verstanden, davon setzt sich als ebenso homogen vorgestellte Schicht das Prekariat, die Superausgebeuteten, ab. Natürlich gibt es die faschistoide, mafiöse Ausprägung des Klassenbewusstseins, das sich vor allem nach unten abgrenzt – der gewerkschaftlich organisierte Bauarbeiter mit deutschem Pass, der spontan die illegal Beschäftigten bei der Gewerkschaft denunziert. Aber man entkommt diesen himmelschreienden Widersprüchen und mörderischen Konkurrenzverhältnissen innerhalb der Arbeiterklasse nicht, indem man, darin die Vorgaben staatlicher und gewerkschaftlicher Politik reproduzierend, bestimmte Klassensegmente einfach abspaltet und zum neuen revolutionären Subjekt verklärt.

Der Ausgangspunkt der Gruppen, die das Thema der Prekarisierung derzeit auf die Agenda setzen, unterscheidet sich kaum von dem der italienischen Urahnen. Es geht darum, überhaupt wieder Tritt zu fassen und so etwas wie Generallinie zu formulieren. So wie die italienischen Autonomen lernen mussten, dass es nicht nur den Fabrikkampf gibt, sondern eine Vielzahl von sozialen Kämpfen (Mieterstreiks, Frauenrevolten, Aufstände in den Knästen, besetzte Universitäten), die es zu vernetzen gilt, erleben heutige Aktivisten eine Vielzahl von – kleinen, verschüchterten, defensiven, aber immerhin: präsenten – Auseinandersetzungen. Wer sich genauer den jüngsten Streik im öffentlichen Dienst [Anspielung auf einen durchaus hart geführten Streik der Müllwerker], den sechsmonatigen Arbeitskampf beim Flughafen-Cateringservice Gate Gourmet in Düsseldorf, die an einzelnen Unis überraschend impulsiven Abwehrmaßnahmen gegen die Einführung von Studiengebühren anschaut, entdeckt Momente einer Kampfbereitschaft, die ohne Einhegung und Betreuung durch Polit- und Gewerkschaftsprofis auskommt.

Die Frage ist: Was verbindet die Kämpfe? Was haben die Studentin aus gutem Elternhaus, die das Rektorat besetzt, der Müllwerker, der innerhalb einer Arbeitsstunde die doppelte Menge Müll fahren muss als noch vor ein paar Jahren, die Putzfrau ohne Aufenthaltsgenehmigung, die mit ihren ebenfalls illegalisierten Kolleginnen ein komplexes Überlebensnetzwerk ausgebaut hat, gemeinsam? Antwort: die real bzw. (im Fall der Studentin) erwartbar beschissenen Arbeitsbedingungen. Das soll der Ansatz sein, der die voneinander isolierten Widerstandsformen vereinheitlicht. Aber nur auf einem hochabstrakten Level, zu unterschiedlich sind die Bedingungen vor Ort. Ein Jungakademiker, der keinen geordneten Übergang in das Berufsleben vollzieht, sondern eine Ochsentour als Praktikant, Volontär, Assistent und wissenschaftliche Hilfskraft durchmachen muss, erlebt die schlechten Arbeitsbedingungen anders – in der Regel als Übergangsübel – als der Müllwerker, dem die Einsicht dämmert, dass kein Tarifvertrag mehr
den Arbeitsdruck mildern wird.

Dabei leistet das Kapital selbst durch alle Spaltungen der Arbeiterklasse hindurch die Vereinheitlichung. Es ist das Kapital, das eine neue Auffassung von Arbeit durchsetzt. Alles, was Menschen leisten und tun, auch dann, wenn sie gerade in keinem Lohnabhängigkeitsverhältnis stehen, soll direkt auf den Verwertungsprozess bezogen sein. Die Pointe, die denjenigen entgeht, die wie kritisch oder verdruckst auch immer, auf den Staat oder halbstaatliche Organisationen wie Gewerkschaften setzen, um dem Druck Einhalt zu gebieten, die Pointe liegt darin, dass die Prekarisierung, die das Kapital der Arbeitskraft aufherrscht, auf es selber zurückfällt. Wo alles inwertgesetzt ist, wo jede Arbeit buchstäblich produktiv werden muss, vergrößert sich die Angriffsfläche.

Das bleibt eine abstrakte Behauptung, solange diese Angriffsfläche nicht auch genutzt wird. Nirgendwo steht geschrieben, dass aus der universellen Verunsicherung eine universelle Widerstandshaltung erwächst, auf Jahre hinaus dürfte noch das Gegenteil der Fall sein. Es würde vielleicht am meisten helfen, wenn die Euromayday-Aktivisten ihre Klientel auf diesen jahrelangen und gewiss sehr harten Klassenkampf einstimmen würden.

18. Juni 2010, 02:24 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
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