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Kartonfabrik Deisswil

 
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Kartonfabrik Deisswil
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Melnitz



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Beitrag Kartonfabrik Deisswil Antworten mit Zitat
Nach Clariant steht nun eine weitere Massenentlassung an. Die Kartonfabrik Deisswil wurde von der österreichischen Besitzerin per sofort geschlossen (mehr Hintergründe gibts hier). Mittlerweile ist die sogenannte Konsultationsphase angelaufen. Es sieht bitter aus, die Verzweiflung ist riesig (man sehe sich nur einmal den - kurzen - Beitrag von Schweiz Aktuell an). Doch auch die Wut ist gross und wie bei der Officina ist eine ganze Region von der Schliessung betroffen. So ist innerhalb kürzester Zeit eine Facebook-Gruppe (http://www.facebook.com/home.php?#!/group.php?gid=113801635312020) gegen die Schliessung der Fabrik auf 1500 Mitglieder angewachsen und wächst ständig weiter. Nach Clariant nimmt also eine weitere Belegschaft den Kampf gegen die Schliessung auf. Leider auch, wie es scheint, mit denselben Illusionen. Da wird auf symbolische Menschenketten um die Fabrik gesetzt, Politiker werden in die Pflicht berufen (notabene GDP-Politiker) und die Gewerkschaft UNIA hat schon das Zepter an sich gerissen. Es ist klar, solche Dinge gehören zu einem Lernprozess. Diese Leute haben (wahrscheinlich) noch nie in ihrem Leben an einen Arbeitskampf gedacht, geschweige denn an einem teilgenommen. Sie wurden von diesem Entscheid völlig überrascht und auf dem linken Fuss erwischt. Erst müssen sie einmal ihre Verblüffung und den Schock überwinden. Da wäre es total vermessen zu erwarten, dass sie gleich die Fabrik besetzen und ein Bossnapping à la française durchführen. Aber es macht schon wütend, wenn man sieht, wie jede Belegschaft in der Schweiz, die einen solchen Kampf zu führen gezwungen ist, scheinbar wieder bei Null anfangen muss. Hoffentlich gehen diese Lernprozesse in diesem Fall etwas schneller vonstatten...
13. April 2010, 00:32 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Savo



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Zitat:
Keine Gnade für Karton Deisswil
Die Fabrik im bernischen Deisswil wird definitiv geschlossen, wie der Mutterkonzern heute bekannt gab. Eine Hoffnung bleibt jedoch für die Standortgemeinde.

Der österrichische Mayr-Melnhof-Konzern hat am Mittwoch die definitive Schliessung der Kartonfabrik im bernischen Deisswil bestätigt. Allerdings ist der Konzern bereit, über allfällige Alternativnutzungen des Standorts zu diskutieren.

Dies teilte Mayr-Melnhof-Sprecher Stephan Sweerts-Sporck der österreichischen Nachrichtenagentur APA und der Schweizerischen Depeschenagentur SDA am Mittwoch in einem Mail mit.

250 Beschäftigte entlassen

Nach Abschluss des gesetzlichen Konsultationsverfahrens und der eingehenden Prüfung der Ergebnisse und Möglichkeiten habe der Verwaltungsrat die definitive Schliessung des Schweizer Standorts und die Entlassung der über 250 Beschäftigten beschlossen.

Das wirtschaftliche und das internationale industrielle Umfeld würden Mayr-Melnhof zur Aufgabe der Kartonproduktion an Standort Deisswil zwingen.

Um Zukunftsperspektiven zu ermöglichen, werde man «die Sondierung hinsichtlich Alternativnutzungen» des Standorts aufnehmen. Die Kartonproduktion in Deisswil werde allerdings auf Dauer eingestellt, bekräftigt Sweerts-Sporck in seinem Mail.


quelle: http://www.tagesanzeiger.ch/wirtschaft/unternehmen-und-konjunktur/Keine-Gnade-fuer-Karton-Deisswil/story/16623979

weiterer artikel: http://www.derbund.ch/bern/MayrMelnhof-beharrt-auf-DeisswilSchliessung/story/15281955

die unia droht in einer stellungnahme indirekt mit einer "zuspitzung des konfliktes":
http://unia.ch/news_aktionen.9.0.html?&no_cache=1&tx_ttnews[tt_news]=5816&tx_ttnews[backPid]=290&cHash=3f077a9b30

der letzte abschnitt verspricht aber wenig gutes - bevor überhaupt über kampfmassnahmen diskutiert wurde (versammlung der belegschaft folgt noch), wird bereits ein sozialplan gefordert und so den arbeiterInnen ein weg aufgedrängt, der nicht in ihrem interessen sein kann:

Zitat:
Für entlassene Deisswil-Beschäftigte ist ein vorbildlicher Sozialplan Pflicht
Die Belegschaft beschliesst über das weitere Vorgehen an einer nächsten Betriebs­versammlung. Der Konzern darf sich keinesfalls aus seiner Verantwortung stehlen. Für entlassene Deisswil-Beschäftigte ist ein vorbildlicher Sozialplan absolute Pflicht.


in den kurzintervies in "schweiz aktuell" zeigt sich vor allem resignation - durch die eingestellte produktion sind die arbeiterInnen zusätzlich voneinander getrennt und so fehlt zur zeit ein ort des austausches, der in dieser phase enorm wichtig wäre:
http://videoportal.sf.tv/video?id=8dc183d7-38f5-4fe8-843b-d2a10cf632e4

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"Komplettere Esel als diese Arbeiter gibt es wohl nicht." (Marx)
14. Mai 2010, 00:55 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Melnitz



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Streik!
26. Mai 2010, 14:18 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Savo



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folgende nachricht zirkuliert zur zeit:

"karton deisswil arbeiter blockieren bis auf weiteres die betriebstore. solibesuche und teilnahme an blockadeposten willkommen."

...die antworten kämpfend finden!

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"Komplettere Esel als diese Arbeiter gibt es wohl nicht." (Marx)
27. Mai 2010, 17:26 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Melnitz



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Savo hat Folgendes geschrieben:
folgende nachricht zirkuliert zur zeit:

"karton deisswil arbeiter blockieren bis auf weiteres die betriebstore. solibesuche und teilnahme an blockadeposten willkommen."

...die antworten kämpfend finden!


Do it!
27. Mai 2010, 22:31 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Melnitz



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Es ist nicht die Officina von Bellinzona. Aber geht trotzdem hin:

Kartonfabrik ist blockiert

Beitrag auf Tele Bärn
28. Mai 2010, 09:55 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Pressluftpinocchio
Schraubenverdreher


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Da wird einem ja ganz warm ums Herz.

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28. Mai 2010, 11:25 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden E-Mail senden
Melnitz



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Here we go again:

Kein Zugang zu Kartonfabrik (Tele Bärn)
29. Mai 2010, 00:14 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Melnitz



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Was für eine Wandlung! Ein UNIA-Video zur Fahrt der ArbeiterInnen von Deisswil nach Wien. Unterwürfigkeit und Fügsamkeit:


30. Mai 2010, 15:38 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Savo



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ideologieproduktion à la unia.

reist nach deisswil! diese woche (dienstag ab 16.00 bis mittwoch nachmittag) wirds nun richtig heiss: verhandlungen mit dem mm-konzern und beschluss über verhandlungsresultat/weiterführung, usw.

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30. Mai 2010, 17:51 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Savo



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Zitat:
Die Mayr-Melnhof Gruppe hat sämtliche Anteile an der Karton Deisswil AG an eine regionale Schweizer Investorengruppe verkauft. Die Kartonproduktion bleibt stillgelegt. Das Standortnetzwerk der MM Kartondivision kann den Gutteil der laufenden Kundenaufträge bedienen.

Mit diesem finalen Schritt ist ein einmaliger buchmäßiger Ergebniseffekt von rund 8 Mio. EUR verbunden.


http://www.mayr-melnhof.com/home/latest-news/406.html

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31. Mai 2010, 20:37 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Melnitz



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Dieser Kampf ist verwirrender als ein Spiel des HC Ambrì-Piotta.

Hier ein - mittlerweile - von den Ereignissen überholter Ereignisbericht:

Deisswil: Bericht zur Situation
31. Mai 2010, 21:39 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Melnitz



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Was zu befürchten war:

Zitat:
Neue Nutzung für Kartonfabrik Deisswil AG 1.6.2010 09:31

Eine Schweizer Unternehmergruppe hat die Kartonfabrik Deisswil gekauft. An dem Standort sollen Arbeitsplätze geschaffen werden jedoch darf dort kein Karton mehr produziert werden. Die Deisswil AG in Stettlen/BE teilte mit, dass Einzelheiten erst am Freitag bekannt gegeben würden. Die Gemeinde hatte bereits vor zwei Wochen Kontakt mit der Investorengruppe aufgenommen. Sie will sich um die Schaffung von Arbeitsplätzen bemühen. Die Firma gehörte der Mayr-MelnhofGruppe aus Österreich. Sie verkaufte ihre Beteiligung mit der Auflage, dass die Kartonfabrik stillgelegt wird.


http://news.search.ch/wirtschaft/2010-06-01/neue-nutzung-fuer-kartonfabrik-deisswil-ag
01. Juni 2010, 09:32 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
far



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Zitat:
Deisswil-Arbeiter erhalten neue Verträge
Im Arbeitskampf um die Kartonfabrik Deisswil ist eine Lösung gefunden worden. Die Berner Investorengruppe, die die Fabrik übernommen hat, bietet allen Angestellten neue Verträge an.


Kartonfabrik: Schliessung ist nun definitiv
Die neuen Firmenbesitzer um KMU-Förderer und CS-Banker Hans-Ulrich Müller verlängern den gültigen Firmen- Gesamtarbeitsvertrag bis 2014, wie die Gewerkschaft Unia am Freitag mitteilte. Somit erhalten die Angestellten neue Verträge zu den bisherigen Bedingungen. Von der Schliessung der Fabrik waren 253 Personen betroffen.

Überdies hat die Gewerkschaft nach eigenen Angaben weitere Garantien durchgesetzt. Falls sich das Unternehmen in den nächsten zwei Jahren gezwungen sehe, sich von Angestellten zu trennen, komme «ein anständiger Sozialplan zum Tragen», heisst es in der Mitteilung.

Mit der Unterzeichnung dieser Vereinbarung verpflichten sich Unia und die Belegschaft, den Arbeitskampf zu beenden und die Betriebsblockade aufzuheben.

Zu den Investoren gehört auch Heinz Hofmann, bisher Vizepräsident der Karton Deisswil AG, wie es an einer Betriebsversammlung vor Ort hiess. Zudem beteiligt sich die Standortgemeinde Stettlen.

Rickenbacher begrüsst «ungewöhnliches Projekt»

Der bernische Volkswirtschaftsdirektor Andreas Rickenbacher hat die Übernahme der Kartonfabrik Deisswil durch regionale Investoren begrüsst. Die Zusammenarbeit von Wirtschaft, Politik und Sozialpartner habe die Lösung ermöglicht, sagte er am Freitag in Deisswil.

An einer Pressekonferenz der neuen Besitzer dankte Rickenbacher ausdrücklich dem Berner Investor und KMU-Förderer Hans-Ulrich Müller, der sich federführend in Deisswil engagiert. Er sei frühzeitig informiert worden und habe deshalb die Türe zur Gewerkschaft Unia öffnen können, sagte Rickenbacher. Dies habe nun die Lösung des Arbeitskonflikts ermöglicht.

Das Projekt sei «ungewöhnlich», räumte Rickenbacher ein. Normalerweise habe man zuerst Arbeit und suche dann Arbeitskräfte, hier gehe man den umgekehrten Weg. Er sei aber zuversichtlich, dass dies funktionieren werde.

Was in der Fabrik künftig genau produziert wird, ist noch offen. Sicher wird kein Karton hergestellt, das hat der frühere Besitzer Mayr-Melnhof aus Österreich beim Verkauf der Fabrik Anfang Woche vertraglich festgelegt.

Investor Müller schweben nach eigenem Bekunden mehrere Projekte vor. Unter anderem will er das Altpapiergeschäft fortsetzen und nach Möglichkeit ausbauen.

Weiter sei es denkbar, Beschäftigte vorübergehend an andere Firmen «auszuleihen». Ausserdem stünden Liquidationsaufgaben in der Kartonfabrik an. Hinzu kommt die Suche nach neuen Arbeiten. So könne eine Firma für Gebäudeunterhalt aufgebaut werden.

Die Belegschaft - es geht um 253 Menschen - soll auch ermuntert werden, selber Ideen einzubringen für allfällige Industrie- und Gewerbeprojekte. Müller will nach eigenen Angaben auch niemandem vor dem Glück stehen, der eine externe Stelle findet.

«In Deisswil ist es unsere Vision, innert drei bis fünf Jahren möglichst viele Arbeitsplätze zu erhalten», sagte Müller vor den Medien. An dem Projekt beteiligen sich auch die Standortgemeinde Stettlen, wie Gemeindepräsident Lorenz Hess sagte.

Angaben über das finanzielle Engagement Müllers und der Gemeinde wurden zunächst nicht gemacht.

(sda)

http://www.20min.ch/news/bern/story/Deisswil-Arbeiter-erhalten-neue-Vertraege-31941936

_________________
Um einen Widerstand zu brechen, braucht es Gewalt, aber wenn der Widerstand hält, ist es die Gewalt, die zerbricht.
04. Juni 2010, 12:41 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden E-Mail senden
fräulein else



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gehört vielleicht eher in spektakel und entertainment oder wie das heisst, aber scheisse find ich's geil, wenn ne scheissfabrik brennt..!

http://www.20min.ch/news/kreuz_und_quer/story/Uhren-Fabrik-total-abgebrannt-19954280

_________________
"Es wird immer schwerer, normal zu sein"
12. Juni 2010, 11:57 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Melnitz



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By the way, Artikel zu Deisswil und Diskussion auf Indymedia:

http://ch.indymedia.org/de/2010/06/76391.shtml
19. Juni 2010, 02:45 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Melnitz



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Es gibt auch kritische Beiträge zum Arbeitskampf in Deisswil und der Rolle der Unia. Erschienen im "Sonntag" vom 21.10.2010. Gefunden bei Chefduzen:

Zitat:
«Ein Sieg, der keiner ist»: Arbeiter wütend auf Unia

Sechs Monate nach dem Aus der Kartonfabrik Deisswil haben nur 40 der ehemals 250 Arbeiter in Firmen des Berner Investors Hans-Ulrich Müller einen Job erhalten.

Ein Investor, der Jobs verspricht, eine Gewerkschaft, die frohlockt und Arbeiter, die sich verraten
fühlen: Das Ende der Kartonfabrik Deisswil ist keine Erfolgsgeschichte für die Unia.


VON CHRISTOPH MOSER
Es klang wie ein Märchen, als der österreichische Mayr-MeInhof Konzem am 2. Juni bekannt gab, die vor dem Aus stehende Kartonfabrik Deisswil werde an Schweizer Investoren verkauft. Die 253 betroffenen Arbeiter, die bereits seit acht langen Wochen um ihren Arbeitsplatz bangten, schöpften Hoffnung. Erst recht, als ein paar Tage später bekannt wurde, beim Investor handle es sich um den Berner CS-Banker Hans-Ulrich Müller, der im «Bernapark», wie das Fabrikgelände inzwischen heisst, neue Arbeitsplätze schaffen wolle. Geradezu euphorisch reagierten die Arbeiter, als die Gewerkschaft Unia am 4. Juni in einem Communiqué mitteilte, allen Mitarbeitenden würden Arbeitsverträge zu den bisherigen Bedingungen angeboten. Und frohlockte: «Erfolg für Unia und die Belegschaft». Seither hat die Unia in dieser Sache nicht mehr kommuniziert.

MIT GUTEM GRUND. Heute, rund ein halbes Jahr später, sind viele Arbeiter frustriert. Und fühlen sich über den Tisch gezogen. «Was wie ein Märchen geklungen hat, war ein Märchen», sagt einer. Da ist einerseits die Tatsache, dass lange nicht alle einen Job angeboten erhalten habe. Laut Berner Wirtschaftsförderung sind rund 40 Personen in einer der Firmen des Investors untergekommen. 60 Personen arbeiten befristet bis Ende November noch in der Kartonfabrik, Zukunft ungewiss. Für 15 Personen wird nach einer Lösung gesucht, die auf Frühpensionierung hinausläuft. Der grosse Rest, gegen 140 Personen, musste ausserhalb des «Bernaparks» einen neuen Job finden oder suchen noch. «Der Druck, freiwillig zu gehen, ist immens», sagt ein Arbeiter. «Wir werden regelrecht hinausgeekelt.»



Da ist andererseits die Tatsache, dass, wer bleibt, empfindliche Lohneinbussen hinnehmen muss. Schicht- und Sonntagszulagen werden gestrichen, das bedeutet für viele Arbeiter eine Lohneinbusse von gegen 30 Prozent. «Von gleichbleibenden Arbeitsbedingungen kann jedenfalls keine Rede sein››, so ein Arbeiter. Jeden Freitagabend treffen sich enttäuschte Deisswiler an der Rampe der Firma Egger Bier in Worb, um sich auszutauschen. Andere tun dies in Internet-Foren. Sie sind wütend, aber ihre Wut richtet sich nicht gegen den neuen Besitzer, sondem gegen die Unia.

DARUNTER SIND AUCH Arbeiter, die ganz grundsätzliche Vorwürfe an die Gewerkschaft richten. «Die Unia hat vieles über unsere Köpfe hinweg entschjeden», sagt einer. So sei der Sozialplan, den die Unia ausgehandelt hat, der Belegschaft nie vorgelegt worden. «Der Unia ging es nur darum, dass sie gut dasteht. Wir Arbeiter wurden verraten und verkauft.» Die Vorwürfe gehen gar so weit, die Gewerkschaft habe die Selbstorganisation der Arbeiter vereitelt, nur um ihren eigenen Machtanspruch zu sichern. Als die Arbeiter Mittagstische organisierten, um sich gegenseitig über den aktuellen Stand zu informieren, «sind sofort Unia-Funktionäre eingeschritten und haben gesagt, Mitarbeiter dürften nicht selber Betriebsversammlungen einberufen», erzählt ein Beteiligter. Besonders kritisiert wird der für die Sektion Bern zuständige Unia-Sekretär Roland Herzog: «Er involvierte die Belegschaft kaum und handelte oft eigenmächtig», sagen Arbeiter. So habe Herzog die Information der Arbeiter, in der Lagerhalle befänden sich noch Papierrollen im Wert von 8 Millionen Franken, die im Arbeitskampf als Druckmittel eingesetzt werden könnten, tagelang ignoriert. Als Unia-Geschäftsleitungsmitglied Corrado Pardini über die Lagerbestände informiert wurde, habe dieser sofort zur Blockade der Fabrik aufgerufen. Wenige Stunden später habe Herzog die Blockade in Absprache mit der Betriebskommission wieder aufgehoben, um die Verhandlungen rnit dem neuen Besitzer nicht zu gefährden. Als Pardini dies erfuhr, sei es zum Machtkampf gekommen. Pardini habe angeordnet, die Blockade wieder aufzunehmen, was dann auch geschah. «Die eine Hand wusste nicht, was die andere tut», kritisiert ein Arbeiter. «Spannungen innerhalb der Unia-Führung haben die Belegschaft verwirrt und letztlich auch demobilisiert», sagt ein anderer. Bei der Unia wehrt man sich. Geschäftsleitungsmitglied Corrado Pardini spricht von einer «sehr schwierigen Herausforderung» für die Unia: «Wir haben dem neuen Investor vertraut, obwohl wir seine Ziele für ambitioniert hielten, weil er entsprechende Garantien unterzeichnet hat.» Pardini räumt ein, dass die 40 neu geschaffenen Arbeitsplätze am «unteren Rand der Erwartungen» liegen. Entscheidend sei jedoch: «Als im Juni die Fabrik geschlossen wurde, hat Investor Müller wie vereinbart alle Arbeiter übernommen. Das war unser Ziel und verschaffte den Arbeitern Zeit, sich neu zu orientieren» Dass eine Weiterbeschäftigung zu Grundlöhnen und ohne Zulagen vereinbart worden sei, habe man «immer so kommuniziert». Sämtliche Beschlüsse, inklusive der Zustimmung zum Sozialplan, der Abfindungen von 40'000 Franken vorsieht, seien von den Mitarbeitern demokratisch entschieden worden.

UNIA-SEKRETÄR Roland Herzog sagt, er verstehe Kritik, die aus «persönlicher Betroffenheit geäussert wird, weil sich nicht alle Hoffnungen erfüllt haben», ist aber überzeugt: «Wer mit uns an vorderster Front war, stellt uns ein gutes Zeugnis aus. Wir haben das Bestmögliche herausgeholt.» Der Vorwurf, die Belegschaft habe den Sozialplan nicht gesehen, weist er zurück: «Der Inhalt war bekannt.» Dass es rund um die Blockade zu «Probleınen» kam, bestreitet er nicht. Von einem «Unia-Sieg, der keiner ist» sprechen die frustrierten Arbeiter. Rund ein Dutzend ist aus der Unia ausgetreten. Herzog bestätigt die Austritte, sagt jedoch: «Der grosse Zuwachs an Mitgliedern überwiegt die Austritte bei weitem.»

Aus: Der Sonntag, Nr. 46, 21. November 2010, Seite 10


_________________
"We houden er niets van de prietpraat, die in de rest van Nederland gedaan wordt. We zijn er gewoon op de man, een woord is een woord, een hand een hand en een vuist is een vuist." (Hafenarbeiter aus Rotterdam)
22. November 2010, 02:07 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
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