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Spaniens geraubte Kinder

 
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Spaniens geraubte Kinder
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lazlo wanda



Anmeldedatum: 26.12.2008
Beiträge: 650

Beitrag Spaniens geraubte Kinder Antworten mit Zitat
Zitat:
Spaniens geraubte Kinder

Eine Welle von Klage-Gesuchen rückt ungeklärte Verbrechen erneut ins Licht

Zehntausende von Kindern sollen während der Franco-Diktatur und bis in die achtziger Jahre hinein Opfer systematischer Entführungen geworden sein. Sie waren ihren Eltern weggenommen und an kinderlose Paare weitergereicht worden.


Cornelia Derichsweiler, Madrid

Beatriz Ruiz hat ihre Tochter nach der Geburt nur zwei Tage lang gesehen. Dann teilte ihr das Krankenhauspersonal mit, man müsse das Baby zur Beobachtung in eine Spezialabteilung mitnehmen. Eine reine Routineangelegenheit, hiess es. Kurze Zeit später informierte man die Familie darüber, dass das Kind an Mittelohrentzündung gestorben sei. Der Vater habe damals darauf bestanden, das Baby zu sehen und zu beerdigen, berichtet Mar Soriano, die Schwester der vermeintlich Verstorbenen: «Die Verantwortlichen der Klinik aber versicherten ihm, die Familie müsse sich um nichts mehr kümmern, man habe das Kind bereits eingeäschert.» Das war 1964.

Mysteriöse Todesfälle

Schon damals war in der Familie der Verdacht aufgekeimt, das Neugeborene könnte geraubt worden sein. Ein Verdacht, der sich noch verstärkte, als man erfuhr, dass am gleichen Tag sieben andere Babys an der gleichen Ursache in der Madrider Klinik gestorben seien. Mar Soriano hat inzwischen mit anderen Betroffenen eine Vereinigung gegründet, die den verschwundenen Angehörigen nachforscht und die Verantwortlichen vor Gericht stellen will.

Nicht nur in der Hauptstadt, sondern auch an zahlreichen anderen Krankenhäusern im Land hatten sich bis weit in die achtziger Jahre hinein rätselhafte Todesfälle dieser Art gehäuft. Das Schema war offenbar immer das gleiche: Den Eltern wurde gesagt, ihre Babys seien gestorben. In Wirklichkeit aber, so stellt sich nun nach und nach heraus, wurden sie an kinderlose Paare weitergegeben. In den Geburtsregistern tauchten diese Babys dann jedoch als leibliche Söhne und Töchter ihrer neuen Eltern auf. Begonnen hatte die systematische Kindesentführung bereits in den Jahren des Bürgerkrieges (1936-1939) und der Nachkriegszeit. Damals nahm der Franco-Staat den Müttern die Babys in den Frauengefängnissen weg, in denen zahlreiche republikanische Regime-Gegnerinnen eingesperrt waren. Die ideologische Grundlage dafür lieferte ein Militärpsychologe namens Antonio Vallejo Nájera. Er verbreitete die Ansicht, der Marxismus sei eine Art Geistesverwirrung. Deshalb müssten die Kinder linksgerichteter Eltern vor deren schädlichem Einfluss gerettet werden, um so die spanische Rasse zu regenerieren. Der den inhaftierten Müttern entrissene Nachwuchs wurde an regimetreue, meist kinderlose Paare vermittelt. Jahrzehntelang war dieses Kapitel franquistischer Repression totgeschwiegen worden.

Vor einigen Jahren aber brachten die Forschungen des katalanischen Historikers Ricard Vinyes und die Ermittlungen des Untersuchungsrichters Garzón dieses Verbrechen erneut ans Licht. Garzón hatte im Zuge seiner Ermittlungen über die Vergehen der Franco-Zeit auch das systematische Verschwindenlassen der Kinder von Bürgerkriegs-Verlierern dokumentiert. Er bezifferte die Zahl dieser minderjährigen Opfer auf 30 000. Garzón war der Erste, der sich daran gewagt hatte, die faschistische Vergangenheit im Land juristisch unter die Lupe zu nehmen. Inzwischen wurde er vom Dienst suspendiert. Er soll sich mit seinen Untersuchungen über ein Amnestiegesetz von 1977 hinweggesetzt haben.

Illegaler Handel

Der systematische Kinderraub, der in den ersten Jahren des Franco-Regimes zunächst ideologisch motiviert war, entwickelte sich später zu einem lukrativen Geschäft. In den sechziger Jahren verlagerten sich diese Entführungen in die Geburtskliniken des Landes. Opfer solcher Praktiken waren vor allem sozial verletzliche Personengruppen: alleinstehende junge Mütter oder einfache und unbemittelte Familien.

Nicht nur Gynäkologen, auch Anwälte, Geistliche und Nonnen sollen in den illegalen Handel verstrickt sein, der offenbar von Regime und Kirche mitgetragen wurde. Die Adoptiveltern mussten sich ihren Kinderwunsch in der Regel teuer erkaufen. Juan Luis Moreno etwa erfuhr am Sterbebett seines Vaters, dass er eines jener «niños robados» - geraubte Kinder - war, wie sie in Spanien genannt werden. Morenos Vater eröffnete ihm kurz vor seinem Tod, er habe ihn 1969 in einer Klinik in Zaragoza von einem Geistlichen für 150 000 Peseten erworben, damals ein Vermögen. Noch Jahre später, berichtete der heute 41-Jährige jüngst dem spanischen Staatsfernsehen, pilgerten seine in Katalonien ansässigen Eltern immer jeweils im Sommer nach Zaragoza, um dort die fälligen Ratenzahlungen zu leisten.

Juan Luis Moreno gehört zu den mehr als 200 Betroffenen einer erst kürzlich gegründeten Vereinigung, die nun bei der Generalstaatsanwaltschaft eine Sammelklage wegen Kindsraubs einreichen will. Nach Ansicht ihres Anwalts Enrique Vila handelte es sich damals um ein weitverzweigtes mafiöses Netzwerk, das in ganz Spanien operierte. Den Verantwortlichen wirft der Anwalt Entführung unter Benutzung betrügerischer Methoden vor, da den Eltern vorgegaukelt wurde, dass die Neugeborenen gestorben seien.

Leere Gräber

Die Berichte solcher Fälle haben sich in letzter Zeit in den Medien gehäuft und immer mehr Betroffene ermutigt, Nachforschungen anzustellen. Einige Angehörige etwa entdeckten, dass die Gräber, in denen ihre Kinder oder Geschwister beerdigt sein sollten, leer waren. Manche der angeblich kurz nach ihrer Geburt verstorbenen Babys wurden nie auf den Friedhöfen registriert.

Die Opfer, die Gerechtigkeit vor Gericht suchen, sehen sich jedoch einem juristischen Kompetenzwirrwarr ausgesetzt. Die Sammelklage einer Opfervereinigung beim nationalen Gerichtshof in Madrid etwa blieb ohne Erfolg: Die Fälle lägen allesamt weit zurück, seien womöglich sogar verjährt, meinte der dort zuständige Staatsanwalt Javier Zaragoza. Er versprach den Opfern jedoch administrative Unterstützung: So soll ein zentrales Büro eingerichtet werden, das den Betroffenen auf der Basis von DNA-Proben bei der Suche nach ihren Verwandten helfen will.


Quelle: NZZ, Do, 27.1.11

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Erwarte nichts. Heute: das ist dein Leben. Kurt Tucholsky

Jaged mer doch all die Verbänd zum Tüüfel! Zorniger Tramfahrer zur Gewerkschaftspolitik an der "Streik-Versammlung"
31. Januar 2011, 18:55 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
lazlo wanda



Anmeldedatum: 26.12.2008
Beiträge: 650

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dasselbe geschah ja übrigens auch in der Schweiz mit den Kindern von sogenannt "Administrativ Versorgten" (siehe
Thread in Podium und Lounge).

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31. Januar 2011, 18:04 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Savo



Anmeldedatum: 16.12.2006
Beiträge: 3051

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...und "pro juventute" hat auch ganz fleissig kinder gesammelt. auf der strasse oder auch mal vor dem kindergarten.
31. Januar 2011, 18:26 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
fräulein else



Anmeldedatum: 14.01.2008
Beiträge: 1032

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Savo hat Folgendes geschrieben:
...und "pro juventute" hat auch ganz fleissig kinder gesammelt. auf der strasse oder auch mal vor dem kindergarten.

wer's nicht kennt: nachlesen!

http://de.wikipedia.org/wiki/Kinder_der_Landstrasse

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01. Februar 2011, 01:35 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
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