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Artikel zum Streik in der französischen Fussball-Nati

 
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Artikel zum Streik in der französischen Fussball-Nati
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lazlo wanda



Anmeldedatum: 26.12.2008
Beiträge: 650

Beitrag Artikel zum Streik in der französischen Fussball-Nati Antworten mit Zitat
http://www.nzz.ch/nachrichten/blogs/nzz_blogs/paris_blog/farbige_fussballer%22frankreichs_verraeter_1.10549929.html

Zitat:
Der Vorwurf kommt wie das Amen in der Kirche: Wann immer ein Sozialwissenschafter die Hintergründe einer Verhaltensweise zu beleuchten trachtet, die die Mehrheit seiner Mitbürger missbilligt, heisst es, der Forscher suche ja bloss zu entschuldigen, was unentschuldbar sei (oft noch gepaart mit dem Verweis auf die angeblich linke, laxe Gesinnung «der Intellektuellen» im Allgemeinen und der Soziologen im Besonderen). Dieser Kritik – die einen Gutteil der sozialwissenschaftlichen Arbeit von vornherein verurteilt – hat sich auch Stéphane Beaud ausgesetzt mit seiner Studie «Traîtres à la nation?», die die Hintergründe des Streiks von Frankreichs Nationalmannschaft bei der Fussball-WM 2010 zu erhellen versucht. Dieser präzedenzlose Vorfall hatte letzten Sommer im ganzen Lande die Flammen der Empörung hochschlagen lassen.

Zur Erinnerung: Auslöser des Streiks war der Rauswurf des Spielers Nicolas Anelka, der den Nationaltrainer, Raymond Domenech, mit den Worten «Va te faire enculer, sale fils de pute!» beschimpft hatte (die Übersetzung der Aufforderung ist für wohlerzogene NZZ-Leser unzumutbar). Am Folgetag von Anelkas Ausschluss, dem 20. Juni 2010, traten alle Spieler vor einem Training unangekündigt in Streik. Was folgte, war ein nationales Psychodrama, mit Rücktritten und Entlassungen bei der Fédération Française de Football (FFF) – darunter jener von Domenech im September – und mit harschester Kritik an den «unmündigen», «unverantwortlichen», ja als «Verräter der Nation» verschrienen Spielern.

Stéphane Beaud schiebt demgegenüber die Frage nach der «moralischen» Beurteilung des Streiks völlig beiseite (Soziologen sind nicht dazu da, Verhaltensweisen als gut oder schlecht einzustufen), nimmt diesen als solchen aber ernst und sucht zu ergründen, was die Spieler zu einer derart radikalen Initiative bewegt haben mag. Der erste seiner zwei Interpretationsansätze betrifft den – in seiner Darstellung «strukturellen» – Konflikt zwischen den «Bleus» und den Medien. Grundsätzlich und in der Langzeitperspektive hält der Forscher fest, dass die Distanz zwischen Sportjournalisten und Fussballern stark gewachsen sei. Erstere verliessen heute immer früher die Schule (nicht selten schon mit dreizehn Jahren), während Letztere immer länger studierten (häufig in einer der anspruchsvollen hiesigen Journalistenschulen). Während jedoch der Bildungs-Graben immer weiter werde, verschmälere sich der Raum für Kontakte zusehends. Die Zeiten seien vorbei, da Journalisten mit Giresse, Platini, Tigana an der Hotelbar einen Café trinken gingen. Das exponentiell gestiegene Interesse von grossem Publikum und Medien (die beiden nähren einander gegenseitig), der Druck der Sponsoren sowie das Dazwischenschalten von Anwälten, Agenten und anderen Intermediären hätten dazu geführt, dass noch das kürzeste Interview mit einem Fussballstar heute Gegenstand von wochenlangen Verhandlungen sei. Beaud verweist auf den paradoxen Umstand, dass die Nachfrage für Informationen noch nie so gross war, diese aufgrund des wachsenden Grabens zwischen Fussballern und Journalisten aber «zunehmend fad, einförmig und aseptisch» werden.

Zu dieser weltweiten und wohl nur schwer steuerbaren Entwicklung kommt in Frankreich erschwerend hinzu, dass Domenech die Beziehungen zwischen den Spielern der Nationalmannschaft und den Medien auf das absolute Minimum heruntergeschraubt hat. Um die Konzentration und Leistungsfähigkeit der «Bleus» während Meisterschaften zu fördern, versuchte der Nationaltrainer, sie weitestgehend zu isolieren: «Keine Presse, kein Fernsehen, kein Internet», so seine Weisung (unnötig zu betonen, dass dieser Anordnung im Zeitalter von iPhone und iPad nicht just ein durchschlagender Erfolg beschieden war). Laut Beaud entlud sich die doppelte Frustration der Journalisten über das von Domenech verhängte Kontaktverbot – dem die Spieler umso bereitwilliger nachkamen, als keiner von ihnen ein begnadeter Kommunikator war – und über die während der WM 2010 wie schon in den Jahren davor ungenügenden Leistungen der «Bleus» nach dem verlorenen Spiel gegen Mexiko am 17. Juni 2010 in Kritiken/Attacken von ungewohnter Virulenz.

Der Soziologe zitiert hier einen Leitartikel des Chefredaktors der führenden hiesigen Sportzeitung, «L'Équipe», Fabrice Jouhaud: «Diese Männer, die nichts zu geben haben»... «Die völlige Wurstigkeit [<le je-m'en-foutisme>] ist ihr Banner, das einzige, unter dem diese Mannschaft zu versammeln vermag»... «Machen wir uns über diese <Bleus> lustig»... «Amüsieren wir uns über ihre Arroganz, die sich so gut mit ihrer Ignoranz paart»... «Die Herablassung, die sie im Kielwasser ihres Trainers seit zwei Jahren an den Tag legen, bestärkt durch einen Verband [die FFF], dessen Emblem statt des Hahns nunmehr die kopflos davon rennende Ente sein sollte, erheischt als Strafe die Nichtbeachtung. Später wird es dann einmal an der Zeit sein, über diese Führung nachzudenken, die nichts führt, über diese Spieler, die sich darauf beschränken sollten, Türklinken mit Senf zu bepinseln und ihren grossen Mund zu halten»... Beauds These ist, dass in diesen und anderen «Verrissen» auch die Rechnungen von Medienvertretern (und insbesondere von jenen des Leitorgans der Sparte) mit führenden Fussballern der 2000er Jahre beglichen werden, die viele Journalisten als schwierig, wo nicht gar als unsympathisch empfinden.

Was mit erklären mag, warum Anelkas Beschimpfung des Nationaltrainers in dieser Form aufgemacht wurde: Als reisserische Fotomontage auf der Frontseite, mit dem vulgären, schockierenden Wortlaut der Schmähung als Titel. Laut Beaud stellt dieser «Scoop» einen schwerwiegenden Tabubruch dar. Der Umkleideraum, wo die besagten Worte ausgesprochen worden sein sollen, bildet für Fussballer – wie für Rugbyspieler, Basket- oder Handballer – ihr ureigenes Reich. Nichts, was dort passiert, darf nach aussen dringen. Die Tatsache, dass (mindestens) einer der Anwesenden Anelkas Beschimpfung an die Journalisten von «L'Équipe» weitertrug und dass diese sie veröffentlichten – und gar in dieser Form –, stiess alle Spieler der Nationalmannschaft vor den Kopf. Und einte sie – zumindest zeitweise – in der Streikaktion.

Diese wiederum rief sogleich die Politik auf den Plan – was selten eine gute Sache ist und erst recht nicht im Frankreich von Nicolas Sarkozy. Der Präsident, der im Vorfeld der WM mehrfach prophezeit hatte, die Grosstaten der «Bleus» würden die durch die Krise niedergedrückten Franzosen wieder aufrichten, war über den kläglichen Ausgang des Wettstreits erwartungsgemäss erbost. Seine Gefolgsleute beflissen sich, die präsidentielle Lesart des Vorfalls urbi et orbi zu proklamieren. So die damalige Sportministerin vor den Parlamentariern: «Gleich Ihnen kann ich nur das Desaster konstatieren mit einer Équipe de France, in der unmündige Bandenführer [<caïds immatures>] eingeschüchterten Buben befehlen».

Neokonservative «Intellektuelle» und was Beaud «Entrepreneure der republikanischen Moral» nennt intonierten daraufhin den eingängigen Refrain von der unsteten, unberechenbaren Banlieue-Jugend, deren mangelnde Vertrauenswürdigkeit und «Integrationsfähigkeit» der Vorfall einmal mehr erwiesen habe. So echauffierte sich der Philosoph Alain Finkielkraut – um nur eine virulente Stimme unter vielen zu zitieren – mit Bezug auf die «Bleus» über «eine Bande von Ganoven, die nur eine einzige Moral kennt: jene der Mafia... Die Generation Zidane hat uns Träumen gemacht, heute bringt uns die Generation <caillera> eher zum Kotzen» («caillera» meint «racaille»: «verabscheuungswürdiges Gesindel», ein von Sarkozy in Bezug auf Banlieue-Jugendliche popularisierter Begriff).


Zahlreiche Presseartikel inszenierten in den Tagen nach dem WM-Streik laut Beaud «die Gegenüberstellung zwischen den <Rädelsführern> der Gruppe (den <caïds>) – Anelka, Évra, Gallas, Ribéry, Abidal – und den <Mitläufern> wider ihren Willen: Gourcuff, Lloris, Toulalan. Eine Gegenüberstellung, die dem Leser heimlich eine Reihe von anderen Gegensatzpaaren suggeriert: Spieler aus sozial benachteiligten Banlieue-Vierteln/aus gutbürgerlichen Vorstädten, Söhne von Armen/von Vertretern der Mittelklasse, ohne Schulabschluss/mit Diplom, mit fehlerhafter/gepflegter Ausdrucksweise, verwöhnte, rebellische Bengel/Musterkinder» usw. Vor allem jedoch: schwarz/weiss. Womit das Thema auf das ominöse Feld verpflanzt worden wäre, das Sarkozy nicht erst seit seiner Wahl 2007 verbissen beackert: jenes des Kampfs der Kulturen, um nicht zu sagen: der Rassen.

Indes stürzte die allzu realitätsfremde Konstruktion wie ein Kartenhaus zusammen, als drei Wochen nach dem Streik bekannt wurde, dass nicht nur «unmündige» Mohren und/oder Muselmänner zu seinen «Rädelsführern» zählten, sondern mit Jérémy Toulalan auch ein mit beiden Füssen im Leben stehender, charakterlich gefestigter, freundlich-bescheidener, vorbildlich kollegialer – und dazu noch: weisshäutiger Bretone. Es ist Beauds – überzeugende – These, dass der Streik der «Bleus» weitherum als ein «Nachbeben» des grossen Banlieue-Aufstands von 2005 empfunden wurde. «Die öffentliche, in symbolischer Hinsicht überaus heftige Stigmatisierung der Fussballer aus Problem-Vierteln, die durch den medialen und politischen Gerichtshof, der sich selbst für den Fall zuständig erklärte, sofort der antinationalen Unredlichkeit für schuldig befunden wurden, hat die Insider der französischen Gesellschaft bloss in ihren negativen Vorurteilen gegen die Outsider bestärken können, als welche die aus der postkolonialen Immigration hervorgegangenen jungen Leute erscheinen. Diese Stigmatisierung hat die Figur vom <inneren Feind> genährt, die diese jungen Leute in der nationalen Vorstellung heute immer mehr verkörpern».

Beauds Hypothese ist ungleich differenzierter als diese Lesart: «Der Streik der <Bleus> vom 20. Juni 2010 kann nicht zur bösartigen Aktion einiger <Rädelsführer> aus den gefährlichen Klassen der Banlieue-Problemviertel reduziert werden. Er war, viel tiefer gehend, der Ausdruck eines kollektiven Aufstands der Spieler, der sich zunächst gegen die Presse gerichtet hat – in erster Linie gegen <L'Équipe>, die das <Anelkagate> konstruiert hat –, um vehement gegen die vielgestaltige Stigmatisierung zu protestieren, deren Objekt die Spieler vor und nach dem Spiel gegen Mexiko waren; sodann gegen die fehlende Unterstützung der FFF während der Anelka-Affaire (die die Spieler als ein <Unrecht> empfanden); endlich gegen die allzu eng korsettierte Betreuung durch die Verantwortlichen der FFF. Dieser kollektive Aufstand konnte nur vor dem Hintergrund struktureller Rahmenbedingungen und einer gewissen Anzahl latenter Konflikte entstehen: sportliche Schwäche der Mannschaft, steigendes Misstrauen der Spieler gegenüber einem angeschlagenen und seiner Legitimität beraubten Trainer, starke innere Abspaltungen innerhalb der Spielergruppe.»


Was letzteren Punkt betrifft, verweist Beaud auf den «sozialen Graben» zwischen einer kleinen Gruppe von Spielern mit französischen und wohlsituierten Eltern (Lloris, Gourcuff, Planus, Carrasso) und der Mehrheit der «Bleus» von 2010, die aus Immigranten- und/oder Armen-Haushalten stammten. In diesem Zusammenhang ist der Vergleich von hoher Aussagekraft, den der Soziologe zwischen der Mannschaft der Weltmeister von 1998 und ihren Möchtegern-Nachfolgern von 2010 anstellt. Erstere – die Generation von Thuram und Zidane – sieht Beaud als die letzten Erben des Frankreichs der Land- und Industriearbeiter der «dreissig glorreichen» Jahre (bis zum ersten Ölschock 1973). Der Soziologe attestiert ihnen ein hohes soziales und sportliches Ethos, das dem Arbeitsethos ihrer Väter nachempfunden sei: «Teamgeist, eine gewisse Form von Bescheidenheit, Respekt vor den Älteren, Liebe für das blaue Trikot und für das Vaterland».

Darüber hinaus hätten sie das Glück gehabt, in Vierteln aufzuwachsen, die zwar bescheiden bis arm waren, aber noch feste soziale Strukturen besassen und bevölkerungsmässig noch ziemlich durchmischt waren. Demgegenüber habe sich die Lage in den Problemvierteln der Banlieues, denen die Mehrheit der «Bleus» von 2010 entstammt, in den 1990er Jahren (und erst recht seit 2002 unter Sarkozy als Innenminister und hernach als Präsident) drastisch verschlechtert. Endlich seien die Weltmeister von 1998 als Jugendliche noch nicht – oder zumindest: noch nicht so sehr – vom Mahlstrom des foot business erfasst worden und hätten im Gegensatz zur nachfolgenden Generation die Chance gehabt, langsam, aber stetig zu reifen. Neben der hohen Homogenität ihrer Lebensläufe sei es diese charakterliche Reife, die erkläre, warum die «Bleus» von 1998 ungleich jenen von 2010 eine wirkliche Mannschaft formten. All diese Ausführungen suchen weder den sportlichen Misserfolg noch das Verhalten der letztjährigen Nationalmannschaft zu entschuldigen. Aber sie liefern Hintergrundinformationen und kontextuelle Elemente, die beide besser zu verstehen gestatten.

Einen Monat nach ihrer Veröffentlichung Ende März ist Beauds Studie jetzt in unerwartete Resonanz getreten mit Informationen, die die Internet-Zeitung «Mediapart» seit dem 28. April veröffentlicht hat. Bei einer internen Sitzung, die heimlich aufgenommen wurde, haben führende Verantwortliche der Direction technique nationale der FFF Ende November für die versteckte Einführung von Quoten für «Schwarze» und «Araber» in den Ausbildungszentren des Verbands plädiert. Es ist hier nicht der Ort, den Skandal (das Wort ist wohl nicht zu stark), der Frankreichs Fussballwelt seit zwei Wochen erschüttert, zu resümieren. Der Wortlaut der mitgeschnittenen Sitzung findet sich auf verschiedenen Websites (etwa hier).


Interessant ist, dass Beaud auch hier wieder gegen den Strom schwimmt. Während es von allen Seiten her (eher pauschale) Rassismusvorwürfe hagelt, analysiert der Soziologe den Fall ungleich differenzierter. Ohne zu leugnen, dass die Einführung von Quoten klar diskriminatorisch (und obendrein illegal) wäre und dass die Wortwahl mehrerer Teilnehmer bei der besagten Sitzung von einem realen Misstrauen gegen Spieler mit postkolonialem Migrationshintergrund zeugt, führt Beaud zwei Hintergrundinformationen ins Feld, die auch hier den Kontext neu beleuchten.

So sei zum einen der Quoten-Vorstoss durch das Bestreben motiviert, die Zahl der Jungtalente mit doppelter Staatsbürgerschaft in den Ausbildungszentren zu begrenzen. Die grosse Mehrheit dieser Doppelbürger hat familiäre Wurzeln in den ehemaligen Kolonien in Nordafrika oder im frankofonen Schwarzafrika. Das Problem, dass diese Jugendlichen oder jungen Männer nach ihrer (hervorragenden) Ausbildung in Frankreich durch ihr «anderes» Vaterland abgeworben werden, ist real. Beaud nennt hier Spieler wie Belhanda, Chamakh, El-Arabi und Moussa Sow, die das Zeug für «Bleus» gehabt hätten, aber aufgrund ihrer Aufnahme in die Nationalmannschaften von Marokko beziehungsweise Senegal für Frankreich auf immerdar verloren sind. In dieser Optik zeugt die erwogene Begrenzung der Zahl von arabisch- und afrikanischstämmigen Doppelbürgern in den Ausbildungszentren weniger von Rassismus als vom Schutz der Eigeninteressen, vom Bestreben, die vorhandenen Ausbildungsmittel möglichst gewinnbringend einzusetzen.

Zum andern verweist Beaud auf die Notwendigkeit, den Begriff «Black» aus der «Eingeborenensprache der Fussballer» zurückzuübersetzen. Dieser bezeichne im betreffenden Milieu nämlich mitnichten die schwarze Hautfarbe, sondern sei vielmehr ein Sammelbegriff für die jungen Spieler mit schwarzafrikanischem Hintergrund, die in den 1980er und 1990er Jahren nach Frankreich kamen oder dort geboren wurden und in den Problemvierteln der Vorstädte aufwuchsen, den sogenannten cités. Der Akzent liegt laut Beaud auf dieser zweiten Eigenschaft: der Sozialisierung (oder, je nach Sichtweise, Dezosialisierung) dieser Spieler in einer cité. In diesem Sinne wäre ein im höchsten Norden Frankreichs geborener und aufgewachsener weisshäutiger Spieler wie Franck Ribéry ebenfalls ein «Black», hat er den typischen cité-Habitus doch bis zur Karikatur verinnerlicht: charakteristischer Haarschnitt, «Gangsta Rap-Look», Sprech- und Verhaltensweise, ja sogar Bekehrung zum Islam...

Was viele Verantwortliche der FFF (und übrigens auch ein schwarzer «Bleu» der 1998er-Generation wie Thuram) an den «Blacks» als problematisch empfinden, ist nicht ihre Hautfarbe, sondern ihre Mentalität. Vorgeworfen wird ihnen ein Mangel an Teamgeist und an Disziplin – wenn man so will: an Integrationsfähigkeit ins Kollektiv der (National-)Mannschaft. Ob diese Vorwürfe begründet sind oder nicht, ist für den Soziologen letztlich irrelevant. Worauf es ihm ankommt, ist, Hintergründe zu beleuchten, verborgene Facetten sichtbar zu machen und versteckte Zusammenhänge aufzudecken. Eine solche Verbindung besteht zwischen der Banlieue-Problematik (insbesondere den Aufständen von 2005) und dem WM-Streik der «Bleus» mitsamt den Reaktionen auf diesen. Es ist dieser – gelungene – Versuch, die sozialen und politischen Implikationen eines Volkssports unter die Lupe zu nehmen, der Beauds Studie eminent lesenswert macht. Auch und gerade für Zeitgenossen, die mit Fussball sonst nicht viel am Hut haben.

Marc Zitzmann


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