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Unruhen in Kirgistan

 
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Unruhen in Kirgistan
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lazlo wanda



Anmeldedatum: 26.12.2008
Beiträge: 650

Beitrag Unruhen in Kirgistan Antworten mit Zitat
Am letzten Mittwoch knallte es in Kirgistan. Was ist geschehen und weshalb kam es
zu den Protesten?
Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion hat sich in Zentralasien viel geändert. Nicht, dass unter der Knute
der "Sowjetmacht" rosige Zeiten geherrscht hätten, doch verstanden es die damaligen Machthaber um einiges besser
(was auch mit der Grösse der Sowjetunion und deren Satellitenstaaten zusammenhängt) die Konflikte in Zentral-
asien zu befrieden.
Das Land ist von starken regionalen Disparitäten zwischen Nord und Süd gezeichnet. Viele zumeist junge Leute
versuchen sich dem Einfluss der örtlichen Clanstrukturen zu entziehen und flüchten in die Stadt. Ein weiterer
wichtiger Faktor für die Landflucht ist die Armut. Vor allem im ländlichen Süden, wo vielerorts noch halb-nomadisch
Viehzucht betrieben wird, hat die Armut in den letzten Jahren stark zugenommen. Auch ist es in den letzten Jahren
vermehrt zu fremdenfeindlichen Ausschreitungen zwischen Kirgisen und Usbeken im und rund um das Ferghana-Tal,
das sich im Südwesten Krigistans befindet, gekommen. Mit all diesen Schwierigkeiten auf dem Land kämpfend versuchen viele
Menschen ihr Glück in der Stadt. Die meisten davon zieht es in das moderne Zentrum Bischkek. Was sie aber dort
erwarten sind wiederum Diskriminierung und zum Teil noch krassere Armut als vorher. Viele leben in Slums am
Stadtrand. Und da sagt doch glatt der Häuptling von Helvetas, der schon seit sieben Jahren in Kirgistan arbeitet:

Zitat:
"Die Gewalt war das Resultat von Unkultur, nicht nur von Wut."


Halt so ein richtiger Entwicklungshelferfuzzi...garden

Der Satz geht doch so auch nicht auf: Im ersten Satzteil sagt er wie es war und pseudorelativiert es im zweiten
wieder?...



Hier das ganze Interview
Zitat:

NZZ Online: Wie ist es zu den Protesten in Kirgistan gekommen?
Siroco Messerli: Die Unruhen begannen schon vor Wochen, zuerst im Land draussen, vor allem in den Provinzstädten Naryn und Talas, dann auch an andern Orten. Zuletzt sah es nach einer Beruhigung aus: Wenn die Feldarbeit beginnt, haben die Leute nicht mehr viel Zeit zum Protestieren. Aber Naryn und Talas sind Bergstädte, dort gingen die Proteste weiter.

Und wie kam der Protest in die Hauptstadt?

Das geschah ganz plötzlich, innerhalb von 24 Stunden. Am Dienstag war es ruhig, am Mittwoch war der Teufel los.
Kamen denn die Protestgruppen aus der Provinz?
Ich vermute, dass schon einige Protestierer aus Talas der Naryn nach Bischkek fuhren. Aber es waren nicht viele: Der Weg ist weit, man fährt mehrere hundert Kilometer auf schlechten Strassen. Die meisten Protestierer waren aus Bischkek selbst. Aber viele von ihnen stammten ursprünglich vom Land und wohnen jetzt in der Hauptstadt.

Also ein Bauernprotest in der Stadt?

Man sieht es an den Gesichtern: Die Leute, die da prügelten, waren zum grössten Teil Dörfler. Die Leute kommen vom Land in die Stadt und wohnen dann am Stadtrand; dort bilden sich seit einigen Jahren Slums. Sie haben keine geregelte Arbeit und schlagen sich als Gelegenheitsarbeiter durch. Da ist schon ein Potenzial von Unzufriedenheit.

Wie kam es zu dieser Gewalteskalation?

Viele Protestierer hatten offensichtlich viel Wodka getrunken. Das erinnert an den Putsch vor fünf Jahren; auch da wurde von der Opposition Wodka ausgeschenkt. Aber diesmal geriet die Lage völlig ausser Kontrolle. Die Regierung liess in die Menge schiessen und die Protestierer verprügelten Polizisten; wahrscheinlich wurden einige zu Tode geprügelt. Es war eine unglaubliche Brutalität auf beiden Seiten. Zunehmend herrschte Anarchie.

Haben Sie eine Erklärung für diese Brutalität?

Die Mehrheit der Aktivisten war sehr jung. Meine Erklärung ist, dass diese jungen Leute einen geringen Bildungsstand haben. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion hat es hier eine enorme Verschlechterung des Schulsystems gegeben. Viele Junge sind wenig gebildet und haben kaum einen Begriff von Moral. Auf Russisch bezeichnet man solche Leute als «nekulturni». Die Gewalt war das Resultat von Unkultur, nicht nur von Wut.

Sturm auf das KGB-Gebäude
Den Sturm auf die Geheimdienstzentrale in Bischkek hat Siroco Messerli als Augenzeuge beobachtet. Er erzählt:

«In der Nacht auf Mittwoch wurden sieben Oppositionsführer in der Geheimdienstzentrale festgehalten, im ehemaligen KGB-Gebäude. Am Vormittag versammelten sich dann Protestierende auf dem Hauptplatz. Etwa dreitausend Leute marschierten am frühen Nachmittag zum Geheimdienst, um die gefangenen Oppositionsführer zu befreien. Sie durchbrachen den Zaun, an zwei Stellen wurden aussen am Gebäude Feuer gelegt. Man sah Leute auf den Balkonen, aus dem Gebäude heraus wurde geschossen. Es gab Verletzte; ob es auch Tote gab, weiss ich nicht. Anscheinend kam es dann zu Verhandlungen. Die Oppositionspolitiker wurden freigelassen, und die Demonstranten zogen sich zurück. Sie drangen nicht ins Gebäude vor, sie gelangten nicht in den Keller hinein, wo die Zellen für die Gefangenen sind.»

Wie konnten Sie das Geschehen auf dem Hauptplatz verfolgen?

Der Krawall wurde vom Fernsehen übertragen. Am Mittwoch Vormittag war das Fernsehen noch fest in Regierungshand. Am Mittag verkündete der Ministerpräsident noch, die Lage sei unter Kontrolle. Dann wurde der Bildschirm schwarz, für etwa zwei Stunden. Dann übernahm die Opposition den Sender.

Was war am Fernsehen zu sehen?

Gesendet wurden einfach Live-Bilder vom Krawall auf dem Hauptplatz von Bischkek und vor dem Weissen Haus, ohne Kommentar. Man sah Prügelszenen, man sah Tote und Verletzte, man sah Bilder von Verwundeten im Spital. Diese Fernsehbilder führten dazu, dass immer mehr Leute ins Stadtzentrum strömten, um beim Sturm auf das Weisse Haus mitzuhelfen.

Wie entwickelte sich die Lage?

Man sah, wie die Menge gegen das Weisse Haus drängte. Die Polizei war diesem Ansturm überhaupt nicht gewachsen. Sie waren zu wenige, und sie waren völlig desorganisiert. Die Polizisten wurden angegriffen und rannten davon; die Polizisten, die nicht schnell genug wegliefen, wurden verprügelt. Dieses Spiel wiederholte sich immer wieder. Man sah, dass die Sicherheitskräfte, die Polizei und auch die gefürchteten Amon-Truppen, eigentlich viel weniger gefährlich waren, als angenommen.

Wo gab es die vielen Toten?

Die meisten sicher vor dem Weissen Haus, dem Regierungsgebäude. Dort verschanzten sich die Truppen, und von dort schossen sie in die Menge. Irgendwann setzten sich die Regierenden dann ab, wahrscheinlich durch unterirdische Gänge, die zu andern Regierungsgebäuden führen. In der Nacht nahmen dann die Protestierer das Weisse Haus ein. Das war symbolisch: Mit dem Weissen Haus fiel auch die Regierung.

Wie spürt man den Regierungswechsel?

Heute Donnerstag ist es ruhig. Polizei und Geheimdienst haben die Seite gewechselt und stehen jetzt im Dienst der neuen Regierung, auch die Armee. Das gilt für Bischkek und die nördlichen Gebiete. Im Süden ist die Entwicklung offen; es ist nicht klar, zu wem dort die Sicherheitskräfte halten.

Kirgistan ist traditionell gespalten zwischen Nord und Süd?

Ja, es gibt etwa 40 Clans im Land, und die nördlichen und die südlichen halten jeweils zusammen. Die gestürzte Regierung hatte vor allem im Süden Rückhalt. Die Übergangsregierung ist gemischt, aber eher im Norden verankert. Präsident Bakijew will in Dschalalabad eine Rede halten. Viel kommt jetzt darauf an, wie er sich verhält. Wenn er zum Marsch auf Bischkek bläst, kann es schlimm werden.

Was sind das für Leute, die jetzt die Regierung bilden?

Die Opposition rief am Mittwoch spät eine Übergangsregierung aus. Die neuen Leute sind ehemalige Verbündete von Präsident Bakijew; sie hatten vor fünf Jahren mit ihm den damaligen Machthaber gestürzt, wurden dann aber ausgeschaltet. Im Parlament waren sie seit den sogenannten Wahlen grösstenteils nicht mehr vertreten.


Gespräch mit dem Helvetas-Häuptling Messerli in Kirgistan (das Land steht schon seit längerem im
Fokus der Entwicklungspolitik des DEZA)
http://www.nzz.ch/nachrichten/international/interview_siroco_messerli_helvetas_kirgistan_bischkek_1.5401119.html

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12. April 2010, 11:42 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Käptn Kiff



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Beiträge: 1069

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"Viele Junge sind wenig gebildet und haben kaum einen Begriff von Moral. Auf Russisch bezeichnet man solche Leute als «nekulturni». Die Gewalt war das Resultat von Unkultur"

Ja, liebe Kirgisen, wenn euch der Arsch auf Grundeis geht, dann lest doch ein wenig Dalai Lama oder Habermas, dann werdet ihr nicht so gewalttätig und wütend sondern gelassen und kultiviert und harrt des Kommenden in passiver Verblödung wie hier bei uns!

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12. April 2010, 11:49 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Melnitz



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Beitrag Antworten mit Zitat
ie Kirgisen haben scheinbar tatsächlich besseres zu tun. Gerüchte gehen um in der NZZ von heute:

Zitat:
Am Sonntag hiess es plötzlich, in Teilen der Hauptstadt finde eine eigentliche Landnahme statt, indem Leute sich öffentlichen Boden aneigneten. Die Polizei, die - abgesehen von Verkehrspolizisten - in der Stadt fast unsichtbar agiert, fürchtet sich nach wie vor, in Uniform vor die Massen zu treten.

12. April 2010, 11:59 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Savo



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albträume werden wahr... massaker zwichen kirgisen und ethnischen usbeken - ethnische usbeken wollen nach usbekistan flüchten, dürfen aber laut diversen zeitungsberichten die grenze nicht passieren. vor allem in osh und dshalal-abda (den grössten städten im südlichen teil kirgistans) spielen sich grauenhafte szenen ab:

http://www.20min.ch/news/ausland/story/Usbeken-fliehen-aus-Kirgistan-14572216
http://www.tagesanzeiger.ch/ausland/asien-und-ozeanien/Tausende-Familien-auf-der-Flucht/story/27320281




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14. Juni 2010, 00:39 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
lazlo wanda



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http://www.nzz.ch/nachrichten/international/die_lage_in_kirgistan_spitzt_sich_zu_1.6077360.html

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14. Juni 2010, 11:03 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
lazlo wanda



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http://www.nzz.ch/nachrichten/international/kirgistan_interview_siroco_messerli_1.6116138.html

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16. Juni 2010, 17:27 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Savo



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http://jungle-world.com/artikel/2010/25/41183.html

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ratatoskr



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Streit um kirgisisches Goldbergwerk
http://de.euronews.com/2012/10/03/streit-um-kirgisisches-goldbergwerk

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Das ist die Verrücktheit einer Gesellschaft, die sich von einem Sachzwang bestimmen lässt, der nur existiert, weil ihn die einen selbst praktizieren und die anderen sich ihn aufherrschen lassen.
03. Oktober 2012, 18:42 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
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