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Klassiker des bourgeoisen Klassenkampfs

 
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Klassiker des bourgeoisen Klassenkampfs
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Melnitz



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Beitrag Klassiker des bourgeoisen Klassenkampfs Antworten mit Zitat
Heute (Teil I): Die "Pöbelherrschaft"

Oder: Wie die Weltwoche mal wieder Klassenkampf betreibt. Aber lest selbst (aus dem aktuellen Editorial von Roger Köppel):

Zitat:
Angst vor dem Mob. Besorgte Politiker und Publizisten warnen vor einer Pöbelherrschaft. Der CVP-Politiker Markus Arnold hat den Ausdruck mit Blick auf die Einbürgerungsinitiative wiederholt verwendet. Kürzlich griff ihn der Gewerkschaftsfunktionär Roman Burger in einer Fernsehsendung auf.

Was eigentlich ist gemeint? Pöbelherrschaft tritt dann ein, wenn randalierende Horden im Namen einer angeblichen Mehrheit den Gang der Dinge bestimmen wollen. Die enthemmte Avantgarde glaubt sich ermächtigt, die allgemeine Ordnung aus den Angeln heben zu dürfen. Fremdes Eigentum wird missachtet, die Unversehrbarkeit der Person bei Bedarf rücksichtslos ausser Kraft gesetzt. Mit Gewalt holt sich der Mob, was er legal nicht bekommen kann. Der Pöbel spekuliert wesensmässig auf die Passivität und Feigheit der Obrigkeit, der er mit der Entschlossenheit seiner überlegenen Privatmoral, aber ohne reale demokratische Legitimität begegnet.

Interessanterweise haben die geschilderten Praktiken nichts, aber auch gar nichts zu tun mit Urnengängen, Referenden und Parlamentswahlen in einer direkten Demokratie. Sie sind aber typisch für die Krawallmethoden beispielsweise von Gewerkschaften, von denen Burger eine der mächtigsten repräsentiert. «Pöbelherrschaft» im erwähnten Sinn ist ein bewährtes Instrument der Syndikalisten und Arbeiterorganisationen, der Kampf auf den Strassen ihr natürliches Vollzugsverfahren.

Zum Repertoire gehört die ungehemmte, aggressive Führungszelle, die im Namen aller spricht. Wer nicht mitmacht, wird gemobbt und genötigt, notfalls mit Gewalt daran gehindert, seiner Arbeit nachzugehen. Fremdes Eigentum darf nach Gusto zerstört werden. Verträge gelten nichts. Es kann zu Strassenblockaden und Betriebsbesetzungen kommen, weil man sich ja im Besitz einer über dem Rechtsstaat stehenden Ethik wähnt. «Pöbelherrschaft» ist ein übler polemischer Begriff. Man sollte ihn nicht auf die Schweizer Stimmberechtigten und ihre Parteien anwenden. Gebrauchen ihn Gewerkschaftsführer, fällt er auf sie selbst zurück.


Da hat ein anständiger "Citoyen" aber mächtig Angst vor dem "Arbeitermob" mr green
29. Mai 2008, 09:50 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
fräulein else



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Beitrag Re: Klassiker des bourgeoisen Klassenkampfs Antworten mit Zitat
Melnitz hat Folgendes geschrieben:

Zitat:
Sie sind aber typisch für die Krawallmethoden beispielsweise von Gewerkschaften, von denen Burger eine der mächtigsten repräsentiert.


burger ???


hammer

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"Es wird immer schwerer, normal zu sein"
29. Mai 2008, 12:22 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
cuervo



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Beitrag Re: Klassiker des bourgeoisen Klassenkampfs Antworten mit Zitat
gregor_samsa hat Folgendes geschrieben:
Melnitz hat Folgendes geschrieben:

Zitat:
Sie sind aber typisch für die Krawallmethoden beispielsweise von Gewerkschaften, von denen Burger eine der mächtigsten repräsentiert.


burger ???


hammer



Zitat:
Gewerkschaftsfunktionär Roman Burger


_________________
Demonstrationen sind niemals "vernünftig". Wir bringen unsere Forderungen immer so provokant vor, dass die Mächtigen uns niemals zufriedenstellen können und deshalb die Mächtigen bleiben. Wenn sie dann unsere Forderungen nicht erfüllen, machen wir, zu Recht, Krawall.

Der Beamte verhaftete mich im Namen des Gesetzes. Ich schlug ihn im Namen der Freiheit!
29. Mai 2008, 17:47 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
fräulein else



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Beiträge: 1032

Beitrag Antworten mit Zitat
hab's nachträglich auch gemerkt.
der hammer galt dem text allgemein..

_________________
"Es wird immer schwerer, normal zu sein"
29. Mai 2008, 21:09 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Melnitz



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Beitrag Antworten mit Zitat
gregor_samsa hat Folgendes geschrieben:
der hammer galt dem text allgemein..


Tja, die Weltwoche und Roger Köppel sind halt immer wieder gut für echte "Sternstunden" bürgerlich-reaktionärer Agitation. Viel radikaler als das Sprachrohr des schweizerischen Liberalismus, die NZZ.
30. Mai 2008, 00:41 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Melnitz



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Heute (Teil II): Der Markt heilt alle Wunden

oder: Wie sich Kinderarbeit selber abschafft. Präsentiert von Christoph Mörgeli (SVP).

Zitat:
© Sonntagsblick; 01.06.2008; Seite a19

Politiker schockiert über SVP-Ideologen
Mörgeli rechtfertigt Kinderarbeit


VON MARCEL ODERMATT

SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli lehnt ein Verbot von Kinderarbeit ab. Experten und Politiker sind entsetzt.

Kinderarbeit wird von der Uno heute weltweit geächtet: Das kümmert SVP-Ideologe Christoph Mörgeli (47, SVP/ZH) nicht. Im «Echo der Zeit» von Radio DRS sagte der Uni-Professor diese Woche, es sei falsch zu sagen, «Kinderarbeit ist völlig verboten».

Gegenüber SonntagsBlick doppelt Mörgeli nach: «Das Verbot von Kinderarbeit drängt die Kinder in Armut, Kriminalität und Prostitution etc.» Die Kinderarbeit sei-wie einst bei uns - überwindbar durch allmählich steigenden Wohlstand, wie ihn nur die Marktwirtschaft schaffen kann. Und: «Die einzige sinnvolle Entwicklungspolitik ist der freie Handel. Dabei dürfen wir den ärmeren Ländern nicht die Wettbewerbschancen nehmen, indem wir ihnen unsere Sozialstandards aufzwingen», so Mörgeli weiter.

Wandel durch Handel: Mit dieser Position zieht Mörgeli den Ärger linker Politiker und Entwicklungshelfer auf sich. Peter Niggli (58), Geschäftsleiter von Alliance Sud, der entwicklungspolitischen Arbeitsgemeinschaft der grossen Hilfswerke: «Mörgeli kann uneingeschränkte Kinderarbeit nur predigen, weil er selber im Wattebüscheli aufgewachsen ist. »Alle Bemühungen liefen heute darauf hin, Kinderarbeit zu reduzieren, ihre Arbeit an gefährlichen Arbeitsplätzen ganz zu verbieten, ein Mindestalter durchzusetzen und arbeitenden Kindern parallel einen Schulbesuch zu ermöglichen, so der Entwicklungshelfer.

Schockiert über die Äusserungen von Mörgeli zeigt sich auch SP-Nationalrätin Evi Allemann (29/BE): «Damit die Kinder in der Dritten Welt eine bessere Zukunft haben, müssen ihre Lebensbedingungen verbessert werden. Bloss durch Bildung statt Kinderarbeit haben sie überhaupt die Möglichkeit, ihre Situation langfristig zu verbessern.» Eine nachhaltige Entwicklung erreiche man in armen Ländern nur durch einen cleveren Mix aus Sozial- und Umweltstandards, eine verstärkte Entwicklungszusammenarbeit und freien, aber fairen Handel, sagt Allemann.

Linke und Entwicklungsorganisationen fordern vom Bund jetzt massiv mehr Geld für die Entwicklungshilfe, was von SVP und Bundesrat abgelehnt wird (siehe Kasten).

Wie heikel das Thema Kinderarbeit ist, merkte kürzlich die Crédit Suisse: Die Grossbank verschenkte 200000 Euro-Fussbälle, die möglicherweise von Kindern hergestellt wurden. Die CS spendet der Unicef jetzt eine Million Franken.


Und da gibt es Leute, die sich über den 6. Oktober empören...
02. Juni 2008, 07:30 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Melnitz



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Heute (Teil III): Schwarmintelligenz des Volkes vs. Pöbelherrschaft der ArbeiterInnen

Roger Köppel, intellektueller Vorreiter des "Ementhaler Faschismus" (Gremliza), hat klare Vorstellungen von Demokratie. Wie wir im ersten Beitrag lesen konnten, kann es seiner wohlgeformten Meinung nach in einem Arbeitskampf niemals "demokratische" Entscheidungen geben. Hier handle es sich vielmehr um die Privatmoral der ArbeiterInnen und um deren "Pöbelherrschaft". Kommt der Roger aber auf den Abstimmung zur Minarett-Initative zu sprechen, beginnen seine Augen zu leuchten. Hier handelt es sich schliesslich auch um die "Schwarmintelligenz" des Volkes. Aus dem Editorial seines Kampfblattes der Weltwoche vom 10. Dezember 2009:

Zitat:
Der Minarett-Streit eröffnet eine interessante Diskussion über den Islam, aber noch wichtiger bleibt die Demokratiedebatte, die sich an den Gebetstürmen entfesselt. Die Schweiz beruht auf dem Grundsatz, dass sich die Bürger unseres Landes für fähig halten, selber über ihre Gesetze zu bestimmen. Das passt naturgemäss einer politischen Elite nicht in den Kram, die seit Jahren daran arbeitet, die Demokratie in der Schweiz scheibchenweise abzuschaffen. Das sind keine Übertreibungen, sondern Realitäten. [...] Es hat sich eingebürgert, dass unser Bundesgericht reglemässig Volksentscheide kassiert, wenn erfindungsreiche Kantone wie Schaffhausen oder Obwalden neue Steuersparmodelle einführen. Die Weisheit der Richter und Eliten gilt als höher als die Schwarmintelligenz des Volks.

12. Januar 2010, 02:14 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Ibrahim al Assy



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Naja, wenigstens ist der Typ konsequent in seiner Ideologie, im Gegensatz zu den Vertretern des sozialen Kapitalismus..
12. Januar 2010, 02:53 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden Website dieses Benutzers besuchen
rude e
Mad Dog


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Auf Wikipedia wird die Schwarmintelligenz zum Beispiel der Künstlichen Intelligenz gegenüber gestellt. Es geht dabei also einzig darum, dass Entscheidungen getroffen werden, und wie dies geschieht. Der Schwarm ist also nicht intelligent in dem Sinne, dass er schlaue Entscheidungen trifft, sondern weil er überhaupt Entscheidungen trifft, die vorher nicht schon programmiert wurden (wobei man sogar das beim Stimmvolk anzweifeln muss question ).
Der Satz "Die Weisheit der Richter und Eliten gilt als höher als die Schwarmintelligenz des Volks." ist deshalb absurd. Schwarmintelligenz hat nichts mit Weisheit zu tun und lässt sich somit nicht mit ihr vergleichen. Drum heisst es auch nicht Schwarmweisheit.
Das ist einfach die allgemeine Demokratieverdummung: die Leute verwechseln den Mehrheitsentscheid mit dem Denken. Es gibt doch diesen Klassiker: "Und wenn alle vom Hochhaus springen, springst Du auch?" Roger Köppel würde sagen: "Ja, denn die Schwarmintelligenz zwingt mich dazu. Ich wage es nicht, meine persönliche Weisheit höher zu werten."

Erich Kästner empfiehlt, sich einen weissen Umhängebart anzuziehen, wenn man banale Weisheiten von sich gibt. Fehlt der Umhängebart, meinen die Menschen, die Weisheit sei zu banal, um sich danach zu richten...

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Es tut mir leid wenn ich euch störe, Leute, aber ich tanze immer den letzten Tanz der Saison. In diesem Jahr hat es mir einer verboten. Aber ich lasse mir nichts verbieten. Ich werde tanzen, und zwar mit einer wundervollen Partnerin.

Erst wenn der letzte Lappen gelöhnt, die letzte Mark verjubelt und der letzte Groschen gefallen ist, werdet Ihr merken, dass man mit Bäumen nicht bezahlen kann.
12. Januar 2010, 10:38 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Käptn Kiff



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der trickle-down effekt ist sowas wie das beharren auf dem prinzip im angesicht seines versagens. das geld kommt bei den leuten nicht an - aber die marktwirtschaft ist ja dafür da dass die unten langsam aber stetig ihren wohlstand steigern (was nur absolut stimmt, relativ überhaupt nicht) - also weiter und mehr marktwirtschaft.

_________________
argumentum ad baculum
12. Januar 2010, 11:09 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Cjarner
Board Messias


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http://www.oekonomenstimme.org/artikel/2010/03/hartz-iv-und-der-mindestlohn/

"Mindestlohn fördert Arbeitslosigkeit"

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Übrigens, das möcht ich noch loswerden, versteh ich nicht warum ums Klauen im Allgemeinen so ein riesen Bohei und Schwanzvergleich gemacht wird. Hab auch schon Leute erlebt, die Klauen für das coolste der Welt halten, dies bei jeder Gelegenheit kundtun und dann auch noch dumme Sprüche loslassen, wenn einer was bezahlt. Wozu? Klauen oder sein lassen. Das coolste der Welt ist eh Punkrock.
25. März 2010, 12:06 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Melnitz



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Die Weltwoche steht bekanntlich weit auf der anderen Seite der Barrikade. Abgesehen von ihrem Rassismus (vgl. z.B. Debatte über das Roma-Titelbild) äussert sich das auch im bedingungslosen Abfeiern der herrschenden Verhältnisse. In Zeiten, in denen der Hunger wieder Einzug hält in Europa, schreibt die Weltwoche Artikel wie diesen (Ausgabe vom 12.04.2012). Quintessenz: Alles ist gut.

Zitat:
Pessimismus macht blind

Noch nie ging es so vielen Menschen so gut wie heute. Der ­Kapitalismus und die Frauen sorgen für mehr Frieden und ­Wohlstand in der Welt. Besonders die Armen profitieren. Auch den Schweizern geht es besser als je zuvor.

Von Peter Keller

Ein Optimist steht immer unter Verdacht. Er gilt als oberflächlich, im Zweifelsfall als naiv. Seine Kritiker werfen ihm mangelndes Gespür vor für die Probleme und Tragödien der Menschheit. Für old Europe ist Optimismus ohne­hin eine amerikanische Geisteskrankheit.

Sind Menschen, die das Positive sehen, tatsächlich blind für das Elend dieser Welt? Oder gibt es gute, ja sogar objektive Gründe, zuversichtlich zu sein? Sind am Ende gar die Schwarzseher irrational und taub für Fakten?

Unser Planet ist zwar weit entfernt davon, vollkommen zu sein. Aber noch nie in der Geschichte der Menschheit ging es so vielen Menschen so gut wie heute, und es scheint, dass dieser Trend anhält. Es wird Zeit, uns endlich einzugestehen, was die Statistiken schon ­lange zeigen: Der Kapitalismus sorgt seit 200 Jahren für die grösste Wohlstandsvermehrung in der Welt – sofern die Menschen und Regierungen mitmachen.

Weniger Kriege und Kriegsopfer

Eigentlich wollte er sich bloss eine Audienz bei Napoleon III. ergattern. Dass der französische Herrscher gerade in einem blutigen Krieg mit Österreich steckte, war dem jungen Genfer Bankier Henri Dunant nicht wirklich bewusst, bis er 1859 den Ort des schrecklichen Geschehens selbst betrat: Was sich ihm beim nord­italienischen Städtchen Solferino eröffnete, war ein Bild des Grauens.

Fast 40 000 Soldaten verreckten buchstäblich auf dem Feld. Dunant zögerte nicht. Innerhalb weniger Tage bot er einheimische Frauen auf, kaufte Verbandsmaterial und Verpflegung und organisierte die Versorgung der Verwundeten beider Armeen. Das Internationale Rote Kreuz war geboren – oder wenigstens die Idee dazu. Schon 1864 unterzeichneten zwölf Staaten im Genfer Rathaus eine Konvention, in der sie sich Regeln für die Behandlung von Kriegsopfern auferlegten. Seither betreut das IKRK neutral und allseits respektiert Soldaten, Gefangene, Zivilisten in bewaffneten Konflikten.

Man kann nicht sagen, dass dem Roten Kreuz die Arbeit ausginge. Aber die Zahl zwischenstaatlicher Konflikte und der Verbrechen an der Zivilbevölkerung hat markant abgenommen. Das internationale Friedensforschungsinstitut Stockholm listet in seinem aktuellen Jahresbericht noch fünfzehn grössere bewaffnete Konflikte auf. Vor der Jahrtausendwende waren es über fünfundzwanzig, während des Kalten Krieges wesentlich mehr. Heute sind die meisten Spannungsherde solche, die seit langem schwelen und immer wieder mal aufflammen, wie etwa im Mittleren Osten (Israel, Irak, Kurdengebiete in der Türkei) oder in Afghanistan, Somalia und im Sudan. ­Zudem werden auch Länder wie die USA mitgezählt, die exterritorial an kriegsähnlichen Missionen beteiligt sind.

Trotz der aktuellen Bilder aus Syrien oder ­Mali: Die Brutalität der Auseinandersetzungen nimmt ab. Laut dem unabhängigen «Human Security Report Project» ist die Zahl der Kriegstoten von mehr als 65 000 pro Jahr in den 1950ern auf weniger als 2000 pro Jahr im vergangenen Jahrzehnt gesunken. Mit seiner monumentalen Studie über die Geschichte der Gewalt hat der amerikanische Entwicklungspsychologe Steven Pinker aufgezeigt, dass sich die Menschheit insgesamt zivilisiert. «Wir leben in den friedlichsten Zeiten seit der Entstehung unserer Spezies», fasst der Harvard-Professor seine Forschungsergebnisse zusammen. Zwei zentrale Faktoren macht Pinker für seine optimistische Bilanz aus: freier Handel und «Feminization».

Unter feminization versteht der Autor die zunehmende Akzeptanz «weiblicher Interessen und Werte». Da Gewalt im Wesentlichen ein «männlicher Zeitvertreib» sei, so Pinker, ­lösten sich jene Kulturen von der Verherr­lichung der Gewalt, in denen die Frauen eine stärkere Rolle einnehmen. Fehden, Ehren­morde, Faustrecht, Prügelstrafen, Folter sind keine weiblichen Kernkompetenzen. Nichts bringt so viel Elend über die Menschheit, wie wenn sich Männer bekriegen. Wie sehr der globale Handel den Menschen mehr Frieden und Wohlstand bringt, davon wird später noch die Rede sein.

Was braucht der Mensch zum Überleben? Eine ziemlich exakte Antwort liefert wiederum das Rote Kreuz. Die Organisation ist darauf ­getrimmt, schnell und fokussiert Erste Hilfe zu leisten. Dazu werden tausendfach normierte Lebensmittelpakete ausgeliefert. Inhalt: 1 Liter Pflanzenöl, 3 Kilogramm Langkornreis, 3 Kilogramm Nudeln, 100 Gramm Hefe, 1 Kilogramm Zucker, 500 Gramm Salz, 8 Kilogramm Mehl und 2 Kilogramm getrocknete weisse Bohnen oder 5 Dosen Hühnchenfleisch zu je 425 Gramm.

So viel Konsum wie nie

Mit diesen Zutaten gewinnt keiner «Das ­perfekte Dinner», dafür sichern sie einem erwachsenen Menschen einen Monat lang das Überleben. Im ebenfalls standardisierten Hy­giene-Karton finden sich 3 Kilogramm Waschpulver, 4 Rollen Toilettenpapier, 200 Gramm Seife, ­eine Tube Zahnpasta mit Zahnbürste und 250 Milliliter Shampoo. Für viele Erdenbewohner bleiben selbst ­solche einfachen IKRK-Pakete unerreichbar. Trotzdem: Immer mehr Menschen verfügen über viel mehr als nur das Lebensnotwendigste. 1990 beliefen sich die Konsumausgaben der Schweizer Haushalte auf rund 182 Milliarden Franken. 2008 konnten Herr und Frau Müller bereits über 298 Milliarden für Nahrungsmittel, Kleider, Wohnung, Auto und so fort ausgeben. Selbst unter Berücksichtigung der gestiegenen Wohnbevölkerung und der Inflation leisten wir uns pro Kopf mehr als je zuvor (siehe Tabelle S. 27).

Die grossen Posten sind Wohnen (70 Milliarden), Gesundheitspflege (44 Milliarden) und Lebensmittel (31 Milliarden). Interessant ist, wie verschieden sich die einzelnen Ausgaben entwickelt haben. Auch wenn wir uns routiniert über die zu hohen Preise im Supermarkt beklagen: Die Schweizer Haushalte geben prozentual immer weniger für Fleisch, Gemüse, Käse und so weiter aus. 1990 betrug ihr Anteil bei den Konsumausgaben 12,5 Prozent, heute sind es noch 10,5 Prozent. Nach dem Krieg musste eine Familie über einen Viertel ihres Budgets für Nahrungsmittel reservieren. ­Fazit: Wir essen heute wesentlich günstiger, ­obwohl wir rund 30 Prozent Kalorien mehr zu uns nehmen.

Überdurchschnittlich zugenommen haben dafür seit 1990 die Ausgaben fürs Wohnen (plus 14 Prozent), die Gesundheitspflege (plus 42 Prozent) und das Telefonieren (plus 37 Prozent) . . . Hier hat die Verbreitung des Mobilfunkverkehrs und des Internets Spuren im Portemonnaie hinterlassen.

In anderen Bereichen sparen die Haushalte Geld, ohne sich dafür einschränken zu müssen. Für Kleider und Schuhe geben die Schweizer etwa gleich viel Geld aus – rund 11 Milliarden Franken – wie vor zwanzig Jahren. Trotz Teuerung. Hat der modebewusste Teenager deswegen weniger im Schrank als sein Pendant von 1990? Mitnichten. In dieser Branche wirkt der Wettbewerb. Mit den Margen sinken die Preise. Dafür ist die Textilindustrie mit Ausnahme weniger Nischenprodukte aus der Schweiz verschwunden – selbst Portugal oder Rumänien haben Mühe, gegen die ostasia­tische Konkurrenz zu bestehen. Das ist der Preis der Globalisierung, die aber insgesamt das grösste Wohlstandsprojekt aller Zeiten darstellt, wie das folgende Kapitel aufzeigt.

Reiche werden reicher – Arme auch

Die Schweiz gilt als eines der reichsten Länder der Erde. Das Bruttoinlandprodukt pro Einwohner gehört mit 69 887 Franken (provisorische Zahlen) zu den höchsten weltweit. Auch das durchschnittliche Brutto-Erwerbseinkommen ist ein Spitzenwert und in den letzten zwanzig Jahren auf fast 80 000 Franken ­geklettert (siehe Tabellen S. 26).

Berechnungsbasis bilden die Löhne der Vollzeiterwerbstätigen und der Medianwert: Das heisst, die Hälfte der Erwerbstätigen in der Schweiz verdienen mehr als die aktuell 78 000 Franken (2010) im Jahr, die andere Hälfte weniger. Mit dieser Methode werden Verzerrungen durch die Spitzensaläre aus dem Top-Management ausgeglichen. Der mathematische Durchschnittslohn eines Daniel Vasella (der Novartis-Chef wird mit rund 20 Millionen Franken jährlich entschädigt) und einer Pflegefachfrau (sie erhält rund 5500 Franken monatlich) würde keinen Sinn ergeben.

Das attraktive Schweizer Lohnniveau sorgt entsprechend für Zuwanderung. Mit der Personenfreizügigkeit kann die Wirtschaft aus ­einem potenziellen Reservoir von über einer halben Milliarde Menschen schöpfen. Die jüngsten Zahlen des Statistischen Jahrbuches 2012 machen deshalb einen Trend deutlich: Seit 2007 – im Juni des gleichen Jahres wurde die vollständige Personenfreizügigkeit mit den EU-15-Staaten eingeführt – stagniert das Bruttoinlandprodukt pro Einwohner ­beziehungsweise sinken die Bruttoerwerbs­einkommen. Mit der ausländischen Konkurrenz wird je nach Branche ein sanfter bis stärkerer Lohndruck spürbar.

Doch ist der Wohlstand einseitig verteilt? Geht er zu Lasten der Ärmsten? Lebt nur der Norden in Saus und Braus? Solche altlinken Mythen sind verstaubter denn je. Staaten, die früher als hoffnungslos galten, machen deutliche Fortschritte. Dank der robusten Konjunktur von Brasilien, Indien und China konnten die Folgen der Finanz- und Schuldenkrise erfreulich abgemildert werden. Insgesamt zeigt sich das Bild einer einzigartigen Wohlstandsvermehrung: Vor zehn Jahren lag das Bruttosozialprodukt der Welt bei 33 Billionen Dollar, inzwischen hat es sich beinahe verdoppelt – wovon überdurchschnittlich viele Arme profitieren.›››

Gemäss Weltbank gilt ein Mensch dann als arm, wenn er mit weniger als 1.25 Dollar täglich auskommen muss. 1980 fiel rund die ­Hälfte der Weltbevölkerung unter diese Kategorie. 1990 waren es 43 Prozent, 2005 noch 25 Prozent. Seither ist der Anteil auf 22 Prozent gesunken. Die Zahl der Armen reduzierte sich nicht nur relativ, sondern auch in absoluten Zahlen – obwohl die Weltbevölkerung ­parallel dazu stark wuchs: von 1990 bis 2010 um gut 1,3 Milliarden.

Wie der britische Autor Matt Ridley in seinem Bestseller «The Rational Optimist» vorgerechnet hat, verdient ein Chinese heute zehnmal mehr und lebt 25 Jahre länger als ­seine Grosselterngeneration. Auch Afrika zieht nach: Nigerianer beispielsweise sind doppelt so reich wie vor 50 Jahren und haben eine um neun Jahre gesteigerte Lebens­erwartung. Ridley fasst zusammen: «The rich get richer, but the poor do even better.» Selbst die unverdächtigen Vereinten Nationen ­kommen zum Schluss, dass sich die Armut in den vergangenen fünfzig Jahren stärker verringert hat als in den vorangegangenen 500 Jahren!

Gesünder, älter – weltweit

Es ist eine Erfolgsmeldung, die taktisch verschwiegen wird: Die Medizin hat Aids weit­gehend im Griff. Zwar ist die Immunkrankheit (noch) nicht heilbar, aber man kann mit ihr leben. Eindrücklich ist die Zahlenreihe der Todesursachen in der Schweiz. In den 1990er Jahren starben jährlich bis zu 647 Personen an Aids. Mittlerweile ist die Zahl auf rund 30 gesunken. Der Tod ist aufgeschoben: dank effektiver, wenn auch sehr teurer Medikamente (siehe Tabelle).

Die Neuinfektionen haben sich bei rund 150 Fällen jährlich eingependelt (gegenüber 219 bis 720 Ansteckungen zwischen 1990 und 2000). Während nur noch wenige Drogen­abhängige an Aids erkranken, bilden homosexuelle Männer mit rund einem Drittel die ­konstant grösste Patientengruppe.

Das Beispiel zeigt, wie die moderne Medizin Fortschritte erzielt. Noch erstaunlicher als die medizinischen Erfolge ist die Gleichgültigkeit, mit der viele Menschen dieser Entwicklung begegnen. Konkret ist die Lebenserwartung in der Schweiz für beide Geschlechter enorm gestiegen: Erreichten Männer 1950 knapp das heutige Pensionsalter (66,4 Jahre), sterben sie heute durchschnittlich mit 80,1 Jahren. Frauen erreichen sogar 84,5 Jahre – das sind 13,7 gewonnene Lebensjahre (siehe Ta­belle).

Selbstverständlich ist dieser Fortschritt nicht gratis. Der Kostenanteil des Gesundheits­wesens am schweizerischen BIP hat sich von 4,8 (1960) auf 11,4 Prozent (2009) mehr als verdoppelt. Die hohe Lebenserwartung allerdings rein unter dem Aspekt von Franken und Rappen zu sehen, wäre zynische Nörgelei.

Gesünder und älter zu werden, ist glück­licherweise kein helvetisches Privileg. So ist die Kindersterblichkeit in den meisten Ländern entscheidend gesunken: in Asien, Nordafrika, Lateinamerika, im Mittleren Osten, aber auch in Europa seit 1990 um rund 50 Prozent. In Schwarzafrika immerhin um einen Fünftel. Die Wahrscheinlichkeit, dass heute ein Kind in Nepal bei der Geburt stirbt, ist geringer als in Italien 1951. Ein durchschnittlicher Mexikaner lebt heute länger als ein Brite 1955. Insgesamt hat im gleichen Zeitraum die durchschnittliche Lebenserwartung der Menschen um einen Drittel zugenommen. Global liegt sie nun bei 65 Jahren – etwa so hoch wie in den alten Industrieländern (siehe Schweiz) Anfang der fünfziger Jahre.

Weltuntergang einmal mehr verschoben

Dieses Kapitel ist keine Anleitung zur Sorg­losigkeit. Aber doch ein Aufruf zu mehr Gelassenheit. Der Weltuntergang findet nicht statt. Auch keine Klimakatastrophe. Und kein Eisbärsterben. Wen hat das Bild des einsam auf ­einer Eisscholle treibenden Bären nicht gerührt? Dabei hat sich die Eisbärpopulation seit Einführung eines strikten Jagdverbots in den letzten Jahrzehnten vervielfacht und seither stabilisiert.

Mitte der siebziger Jahre machten Journalisten ihrem Publikum vorzugsweise mit schauerlichen Geschichten über eine drohende Kälte­periode Angst. Der Club of ­Rome lan­cierte seine Überbevölkerungsszenarien, bevor der Öko-Alarmismus sich wieder neue ­Betätigungsfelder suchte: der saure Regen, das Waldsterben, das Ozonloch, der CO2-Ausstoss und schliesslich die Klimaerwärmung, die sich inzwischen zum sogenannten Klimawandel häutete, da seit rund zehn Jahren die Temperaturen stagnieren oder sogar leicht rückläufig sind. Vor ein paar Monaten warteten Experten mit der originellen These auf, die strengen Winter seien eben gerade Ausdruck des global warming.

2001 provozierte der dänische Statistiker Bjørn Lomborg mit seinem Bestseller «Apocalypse No!» die Öffentlichkeit. Er wies mit einer Vielzahl von Auswertungen und Statistiken nach, dass die Menschheit noch nie über so ­gute Lebensgrundlagen verfügte wie jetzt. ­Eine kollektive Hasswelle löste der Autor aus, als er in seinem Buch auch ökologische Dogmen faktenreich zu zerlegen begann und erste Fragezeichen hinter die Theorie des Treibhauseffektes setzte. Lomborg wollte keineswegs Umweltzerstörungen in Abrede stellen. Nur verlangte er von der «Öko-Elite» mehr Redlichkeit und generell mehr Zuversicht, «mit den noch bestehenden Problemen fertig zu werden».

Hinter dem Klima steckt eine hochkom­plexe Mechanik. Welche Faktoren sich wie bemerkbar machen, ist schwer nachzuweisen. Allerdings verfügen Umwelt-Alarmisten über einen entscheidenden Heimvorteil: Sie gelten als moralisch überlegen und zielen aufs emotionale Zentrum des Publikums. Matt Ridley, von Haus aus Zoologe, versteigt sich in seinem Buch nicht in wissenschaftliche Debatten. Er beantwortet eher britisch-nüchtern die Gretchenfrage: wenn schon ziehe er die «warmer and richer»-Variante der «cooler and poorer»-Alternative vor. Zumal die extremen Klimatheoretiker mit «wilden Vermutungen» operierten.

Pessimisten gehen die Argumente aus

Der bayrische König Ludwig II. war ein Exzentriker mit Sinn für technische Finessen. In seinem Sommerschloss Linderhof konnten die Räumlichkeiten mit Heissluft beheizt werden. Die Dienerschaft feuerte dafür in schmalen Gängen zwischen den Wänden die dafür benötigten Öfen an. Ziemlich viel Aufwand. Was im 19. Jahrhundert ein absoluter Luxus war, ist mittlerweile nicht nur in der Schweiz Standard: eine Zentralheizung. Wer heute auf das Existenzminimum gesetzt wird, darf seinen Fernseher behalten – den Kühlschrank und die Waschmaschine sowieso. Ein Durchschnittsschweizer lebt heute wesentlich ­länger und komfortabler als ein Monarch um 1870.

Liebe macht blind. Pessimismus offensichtlich auch. Die Entwicklung der Menschheit ist eigentlich erdrückend – positiv. Von 1955 bis 2005 hat sich das Durchschnittseinkommen verdreifacht. Die Menschen leben rund einen Drittel länger. Die Kindersterblichkeit ist ­markant gesunken wie auch die Analphabeten­rate. Noch nie besassen so viele Menschen ein Telefon, ein WC oder ein Fahrrad. Matt Ridley schiesst in seinem Buch ein Feuerwerk von Fakten und Zahlen ab. Sie alle machen deutlich, wie erstaunlich sich der Wohlstand ausbreitet – selbst wenn es immer wieder Rückschläge gibt.

Der deutsche Publizist Dirk Maxeiner sieht vor allem eine «ungeliebte Erfolgsgeschichte» am Wirken: den Kapitalismus. Er überzeuge nicht durch seine Motive, sondern durch seine Ergebnisse. «Er ignoriert Menschheitsretter jeglicher Couleur und macht die Welt stattdessen Schritt für Schritt ein bisschen besser – wobei er zugegebenermassen auch mal zwei Schritte vorwärts und einen rückwärts macht.»

Auch Ridley sieht die positiven Kräfte der Marktwirtschaft wirken – und er glaubt an die Innovationskraft der Menschen: «Wir können all unsere Probleme lösen.» Leider sei es so, dass man jemanden für verrückt erkläre, wenn er sage, die Welt werde auch in Zukunft immer besser. «Wenn du sagst, der Untergang stehe bevor, darfst du mit dem Friedensnobelpreis rechnen.» Hinter dem Pessimismus würden handfeste Interessen stecken. Keine Wohl­tätigkeitsorganisation habe je Geld gesammelt mit dem Hinweis, dass sich die Verhältnisse zum Guten wenden. Dabei würden Ridley und Pinker mit ihren Analysen eigentlich einen versöhnlichen Weg aufzeigen: Das ideale Fundament für mehr Wohlstand ist ­eine Mischung aus männlichem Kapitalismus und weiblicher Zivilisation.


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"We houden er niets van de prietpraat, die in de rest van Nederland gedaan wordt. We zijn er gewoon op de man, een woord is een woord, een hand een hand en een vuist is een vuist." (Hafenarbeiter aus Rotterdam)
21. April 2012, 00:06 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Sudaka



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Melnitz hat Folgendes geschrieben:
Die Weltwoche steht bekanntlich weit auf der anderen Seite der Barrikade. Abgesehen von ihrem Rassismus (vgl. z.B. Debatte über das Roma-Titelbild) äussert sich das auch im bedingungslosen Abfeiern der herrschenden Verhältnisse. In Zeiten, in denen der Hunger wieder Einzug hält in Europa, schreibt die Weltwoche Artikel wie diesen (Ausgabe vom 12.04.2012). Quintessenz: Alles ist gut.

Zitat:
Pessimismus macht blind

Noch nie ging es so vielen Menschen so gut wie heute. Der ­Kapitalismus und die Frauen sorgen für mehr Frieden und ­Wohlstand in der Welt. Besonders die Armen profitieren. Auch den Schweizern geht es besser als je zuvor.

Von Peter Keller

Ein Optimist steht immer unter Verdacht. Er gilt als oberflächlich, im Zweifelsfall als naiv. Seine Kritiker werfen ihm mangelndes Gespür vor für die Probleme und Tragödien der Menschheit. Für old Europe ist Optimismus ohne­hin eine amerikanische Geisteskrankheit.

Sind Menschen, die das Positive sehen, tatsächlich blind für das Elend dieser Welt? Oder gibt es gute, ja sogar objektive Gründe, zuversichtlich zu sein? Sind am Ende gar die Schwarzseher irrational und taub für Fakten?

Unser Planet ist zwar weit entfernt davon, vollkommen zu sein. Aber noch nie in der Geschichte der Menschheit ging es so vielen Menschen so gut wie heute, und es scheint, dass dieser Trend anhält. Es wird Zeit, uns endlich einzugestehen, was die Statistiken schon ­lange zeigen: Der Kapitalismus sorgt seit 200 Jahren für die grösste Wohlstandsvermehrung in der Welt – sofern die Menschen und Regierungen mitmachen.

Weniger Kriege und Kriegsopfer

Eigentlich wollte er sich bloss eine Audienz bei Napoleon III. ergattern. Dass der französische Herrscher gerade in einem blutigen Krieg mit Österreich steckte, war dem jungen Genfer Bankier Henri Dunant nicht wirklich bewusst, bis er 1859 den Ort des schrecklichen Geschehens selbst betrat: Was sich ihm beim nord­italienischen Städtchen Solferino eröffnete, war ein Bild des Grauens.

Fast 40 000 Soldaten verreckten buchstäblich auf dem Feld. Dunant zögerte nicht. Innerhalb weniger Tage bot er einheimische Frauen auf, kaufte Verbandsmaterial und Verpflegung und organisierte die Versorgung der Verwundeten beider Armeen. Das Internationale Rote Kreuz war geboren – oder wenigstens die Idee dazu. Schon 1864 unterzeichneten zwölf Staaten im Genfer Rathaus eine Konvention, in der sie sich Regeln für die Behandlung von Kriegsopfern auferlegten. Seither betreut das IKRK neutral und allseits respektiert Soldaten, Gefangene, Zivilisten in bewaffneten Konflikten.

Man kann nicht sagen, dass dem Roten Kreuz die Arbeit ausginge. Aber die Zahl zwischenstaatlicher Konflikte und der Verbrechen an der Zivilbevölkerung hat markant abgenommen. Das internationale Friedensforschungsinstitut Stockholm listet in seinem aktuellen Jahresbericht noch fünfzehn grössere bewaffnete Konflikte auf. Vor der Jahrtausendwende waren es über fünfundzwanzig, während des Kalten Krieges wesentlich mehr. Heute sind die meisten Spannungsherde solche, die seit langem schwelen und immer wieder mal aufflammen, wie etwa im Mittleren Osten (Israel, Irak, Kurdengebiete in der Türkei) oder in Afghanistan, Somalia und im Sudan. ­Zudem werden auch Länder wie die USA mitgezählt, die exterritorial an kriegsähnlichen Missionen beteiligt sind.

Trotz der aktuellen Bilder aus Syrien oder ­Mali: Die Brutalität der Auseinandersetzungen nimmt ab. Laut dem unabhängigen «Human Security Report Project» ist die Zahl der Kriegstoten von mehr als 65 000 pro Jahr in den 1950ern auf weniger als 2000 pro Jahr im vergangenen Jahrzehnt gesunken. Mit seiner monumentalen Studie über die Geschichte der Gewalt hat der amerikanische Entwicklungspsychologe Steven Pinker aufgezeigt, dass sich die Menschheit insgesamt zivilisiert. «Wir leben in den friedlichsten Zeiten seit der Entstehung unserer Spezies», fasst der Harvard-Professor seine Forschungsergebnisse zusammen. Zwei zentrale Faktoren macht Pinker für seine optimistische Bilanz aus: freier Handel und «Feminization».

Unter feminization versteht der Autor die zunehmende Akzeptanz «weiblicher Interessen und Werte». Da Gewalt im Wesentlichen ein «männlicher Zeitvertreib» sei, so Pinker, ­lösten sich jene Kulturen von der Verherr­lichung der Gewalt, in denen die Frauen eine stärkere Rolle einnehmen. Fehden, Ehren­morde, Faustrecht, Prügelstrafen, Folter sind keine weiblichen Kernkompetenzen. Nichts bringt so viel Elend über die Menschheit, wie wenn sich Männer bekriegen. Wie sehr der globale Handel den Menschen mehr Frieden und Wohlstand bringt, davon wird später noch die Rede sein.

Was braucht der Mensch zum Überleben? Eine ziemlich exakte Antwort liefert wiederum das Rote Kreuz. Die Organisation ist darauf ­getrimmt, schnell und fokussiert Erste Hilfe zu leisten. Dazu werden tausendfach normierte Lebensmittelpakete ausgeliefert. Inhalt: 1 Liter Pflanzenöl, 3 Kilogramm Langkornreis, 3 Kilogramm Nudeln, 100 Gramm Hefe, 1 Kilogramm Zucker, 500 Gramm Salz, 8 Kilogramm Mehl und 2 Kilogramm getrocknete weisse Bohnen oder 5 Dosen Hühnchenfleisch zu je 425 Gramm.

So viel Konsum wie nie

Mit diesen Zutaten gewinnt keiner «Das ­perfekte Dinner», dafür sichern sie einem erwachsenen Menschen einen Monat lang das Überleben. Im ebenfalls standardisierten Hy­giene-Karton finden sich 3 Kilogramm Waschpulver, 4 Rollen Toilettenpapier, 200 Gramm Seife, ­eine Tube Zahnpasta mit Zahnbürste und 250 Milliliter Shampoo. Für viele Erdenbewohner bleiben selbst ­solche einfachen IKRK-Pakete unerreichbar. Trotzdem: Immer mehr Menschen verfügen über viel mehr als nur das Lebensnotwendigste. 1990 beliefen sich die Konsumausgaben der Schweizer Haushalte auf rund 182 Milliarden Franken. 2008 konnten Herr und Frau Müller bereits über 298 Milliarden für Nahrungsmittel, Kleider, Wohnung, Auto und so fort ausgeben. Selbst unter Berücksichtigung der gestiegenen Wohnbevölkerung und der Inflation leisten wir uns pro Kopf mehr als je zuvor (siehe Tabelle S. 27).

Die grossen Posten sind Wohnen (70 Milliarden), Gesundheitspflege (44 Milliarden) und Lebensmittel (31 Milliarden). Interessant ist, wie verschieden sich die einzelnen Ausgaben entwickelt haben. Auch wenn wir uns routiniert über die zu hohen Preise im Supermarkt beklagen: Die Schweizer Haushalte geben prozentual immer weniger für Fleisch, Gemüse, Käse und so weiter aus. 1990 betrug ihr Anteil bei den Konsumausgaben 12,5 Prozent, heute sind es noch 10,5 Prozent. Nach dem Krieg musste eine Familie über einen Viertel ihres Budgets für Nahrungsmittel reservieren. ­Fazit: Wir essen heute wesentlich günstiger, ­obwohl wir rund 30 Prozent Kalorien mehr zu uns nehmen.

Überdurchschnittlich zugenommen haben dafür seit 1990 die Ausgaben fürs Wohnen (plus 14 Prozent), die Gesundheitspflege (plus 42 Prozent) und das Telefonieren (plus 37 Prozent) . . . Hier hat die Verbreitung des Mobilfunkverkehrs und des Internets Spuren im Portemonnaie hinterlassen.

In anderen Bereichen sparen die Haushalte Geld, ohne sich dafür einschränken zu müssen. Für Kleider und Schuhe geben die Schweizer etwa gleich viel Geld aus – rund 11 Milliarden Franken – wie vor zwanzig Jahren. Trotz Teuerung. Hat der modebewusste Teenager deswegen weniger im Schrank als sein Pendant von 1990? Mitnichten. In dieser Branche wirkt der Wettbewerb. Mit den Margen sinken die Preise. Dafür ist die Textilindustrie mit Ausnahme weniger Nischenprodukte aus der Schweiz verschwunden – selbst Portugal oder Rumänien haben Mühe, gegen die ostasia­tische Konkurrenz zu bestehen. Das ist der Preis der Globalisierung, die aber insgesamt das grösste Wohlstandsprojekt aller Zeiten darstellt, wie das folgende Kapitel aufzeigt.

Reiche werden reicher – Arme auch

Die Schweiz gilt als eines der reichsten Länder der Erde. Das Bruttoinlandprodukt pro Einwohner gehört mit 69 887 Franken (provisorische Zahlen) zu den höchsten weltweit. Auch das durchschnittliche Brutto-Erwerbseinkommen ist ein Spitzenwert und in den letzten zwanzig Jahren auf fast 80 000 Franken ­geklettert (siehe Tabellen S. 26).

Berechnungsbasis bilden die Löhne der Vollzeiterwerbstätigen und der Medianwert: Das heisst, die Hälfte der Erwerbstätigen in der Schweiz verdienen mehr als die aktuell 78 000 Franken (2010) im Jahr, die andere Hälfte weniger. Mit dieser Methode werden Verzerrungen durch die Spitzensaläre aus dem Top-Management ausgeglichen. Der mathematische Durchschnittslohn eines Daniel Vasella (der Novartis-Chef wird mit rund 20 Millionen Franken jährlich entschädigt) und einer Pflegefachfrau (sie erhält rund 5500 Franken monatlich) würde keinen Sinn ergeben.

Das attraktive Schweizer Lohnniveau sorgt entsprechend für Zuwanderung. Mit der Personenfreizügigkeit kann die Wirtschaft aus ­einem potenziellen Reservoir von über einer halben Milliarde Menschen schöpfen. Die jüngsten Zahlen des Statistischen Jahrbuches 2012 machen deshalb einen Trend deutlich: Seit 2007 – im Juni des gleichen Jahres wurde die vollständige Personenfreizügigkeit mit den EU-15-Staaten eingeführt – stagniert das Bruttoinlandprodukt pro Einwohner ­beziehungsweise sinken die Bruttoerwerbs­einkommen. Mit der ausländischen Konkurrenz wird je nach Branche ein sanfter bis stärkerer Lohndruck spürbar.

Doch ist der Wohlstand einseitig verteilt? Geht er zu Lasten der Ärmsten? Lebt nur der Norden in Saus und Braus? Solche altlinken Mythen sind verstaubter denn je. Staaten, die früher als hoffnungslos galten, machen deutliche Fortschritte. Dank der robusten Konjunktur von Brasilien, Indien und China konnten die Folgen der Finanz- und Schuldenkrise erfreulich abgemildert werden. Insgesamt zeigt sich das Bild einer einzigartigen Wohlstandsvermehrung: Vor zehn Jahren lag das Bruttosozialprodukt der Welt bei 33 Billionen Dollar, inzwischen hat es sich beinahe verdoppelt – wovon überdurchschnittlich viele Arme profitieren.›››

Gemäss Weltbank gilt ein Mensch dann als arm, wenn er mit weniger als 1.25 Dollar täglich auskommen muss. 1980 fiel rund die ­Hälfte der Weltbevölkerung unter diese Kategorie. 1990 waren es 43 Prozent, 2005 noch 25 Prozent. Seither ist der Anteil auf 22 Prozent gesunken. Die Zahl der Armen reduzierte sich nicht nur relativ, sondern auch in absoluten Zahlen – obwohl die Weltbevölkerung ­parallel dazu stark wuchs: von 1990 bis 2010 um gut 1,3 Milliarden.

Wie der britische Autor Matt Ridley in seinem Bestseller «The Rational Optimist» vorgerechnet hat, verdient ein Chinese heute zehnmal mehr und lebt 25 Jahre länger als ­seine Grosselterngeneration. Auch Afrika zieht nach: Nigerianer beispielsweise sind doppelt so reich wie vor 50 Jahren und haben eine um neun Jahre gesteigerte Lebens­erwartung. Ridley fasst zusammen: «The rich get richer, but the poor do even better.» Selbst die unverdächtigen Vereinten Nationen ­kommen zum Schluss, dass sich die Armut in den vergangenen fünfzig Jahren stärker verringert hat als in den vorangegangenen 500 Jahren!

Gesünder, älter – weltweit

Es ist eine Erfolgsmeldung, die taktisch verschwiegen wird: Die Medizin hat Aids weit­gehend im Griff. Zwar ist die Immunkrankheit (noch) nicht heilbar, aber man kann mit ihr leben. Eindrücklich ist die Zahlenreihe der Todesursachen in der Schweiz. In den 1990er Jahren starben jährlich bis zu 647 Personen an Aids. Mittlerweile ist die Zahl auf rund 30 gesunken. Der Tod ist aufgeschoben: dank effektiver, wenn auch sehr teurer Medikamente (siehe Tabelle).

Die Neuinfektionen haben sich bei rund 150 Fällen jährlich eingependelt (gegenüber 219 bis 720 Ansteckungen zwischen 1990 und 2000). Während nur noch wenige Drogen­abhängige an Aids erkranken, bilden homosexuelle Männer mit rund einem Drittel die ­konstant grösste Patientengruppe.

Das Beispiel zeigt, wie die moderne Medizin Fortschritte erzielt. Noch erstaunlicher als die medizinischen Erfolge ist die Gleichgültigkeit, mit der viele Menschen dieser Entwicklung begegnen. Konkret ist die Lebenserwartung in der Schweiz für beide Geschlechter enorm gestiegen: Erreichten Männer 1950 knapp das heutige Pensionsalter (66,4 Jahre), sterben sie heute durchschnittlich mit 80,1 Jahren. Frauen erreichen sogar 84,5 Jahre – das sind 13,7 gewonnene Lebensjahre (siehe Ta­belle).

Selbstverständlich ist dieser Fortschritt nicht gratis. Der Kostenanteil des Gesundheits­wesens am schweizerischen BIP hat sich von 4,8 (1960) auf 11,4 Prozent (2009) mehr als verdoppelt. Die hohe Lebenserwartung allerdings rein unter dem Aspekt von Franken und Rappen zu sehen, wäre zynische Nörgelei.

Gesünder und älter zu werden, ist glück­licherweise kein helvetisches Privileg. So ist die Kindersterblichkeit in den meisten Ländern entscheidend gesunken: in Asien, Nordafrika, Lateinamerika, im Mittleren Osten, aber auch in Europa seit 1990 um rund 50 Prozent. In Schwarzafrika immerhin um einen Fünftel. Die Wahrscheinlichkeit, dass heute ein Kind in Nepal bei der Geburt stirbt, ist geringer als in Italien 1951. Ein durchschnittlicher Mexikaner lebt heute länger als ein Brite 1955. Insgesamt hat im gleichen Zeitraum die durchschnittliche Lebenserwartung der Menschen um einen Drittel zugenommen. Global liegt sie nun bei 65 Jahren – etwa so hoch wie in den alten Industrieländern (siehe Schweiz) Anfang der fünfziger Jahre.

Weltuntergang einmal mehr verschoben

Dieses Kapitel ist keine Anleitung zur Sorg­losigkeit. Aber doch ein Aufruf zu mehr Gelassenheit. Der Weltuntergang findet nicht statt. Auch keine Klimakatastrophe. Und kein Eisbärsterben. Wen hat das Bild des einsam auf ­einer Eisscholle treibenden Bären nicht gerührt? Dabei hat sich die Eisbärpopulation seit Einführung eines strikten Jagdverbots in den letzten Jahrzehnten vervielfacht und seither stabilisiert.

Mitte der siebziger Jahre machten Journalisten ihrem Publikum vorzugsweise mit schauerlichen Geschichten über eine drohende Kälte­periode Angst. Der Club of ­Rome lan­cierte seine Überbevölkerungsszenarien, bevor der Öko-Alarmismus sich wieder neue ­Betätigungsfelder suchte: der saure Regen, das Waldsterben, das Ozonloch, der CO2-Ausstoss und schliesslich die Klimaerwärmung, die sich inzwischen zum sogenannten Klimawandel häutete, da seit rund zehn Jahren die Temperaturen stagnieren oder sogar leicht rückläufig sind. Vor ein paar Monaten warteten Experten mit der originellen These auf, die strengen Winter seien eben gerade Ausdruck des global warming.

2001 provozierte der dänische Statistiker Bjørn Lomborg mit seinem Bestseller «Apocalypse No!» die Öffentlichkeit. Er wies mit einer Vielzahl von Auswertungen und Statistiken nach, dass die Menschheit noch nie über so ­gute Lebensgrundlagen verfügte wie jetzt. ­Eine kollektive Hasswelle löste der Autor aus, als er in seinem Buch auch ökologische Dogmen faktenreich zu zerlegen begann und erste Fragezeichen hinter die Theorie des Treibhauseffektes setzte. Lomborg wollte keineswegs Umweltzerstörungen in Abrede stellen. Nur verlangte er von der «Öko-Elite» mehr Redlichkeit und generell mehr Zuversicht, «mit den noch bestehenden Problemen fertig zu werden».

Hinter dem Klima steckt eine hochkom­plexe Mechanik. Welche Faktoren sich wie bemerkbar machen, ist schwer nachzuweisen. Allerdings verfügen Umwelt-Alarmisten über einen entscheidenden Heimvorteil: Sie gelten als moralisch überlegen und zielen aufs emotionale Zentrum des Publikums. Matt Ridley, von Haus aus Zoologe, versteigt sich in seinem Buch nicht in wissenschaftliche Debatten. Er beantwortet eher britisch-nüchtern die Gretchenfrage: wenn schon ziehe er die «warmer and richer»-Variante der «cooler and poorer»-Alternative vor. Zumal die extremen Klimatheoretiker mit «wilden Vermutungen» operierten.

Pessimisten gehen die Argumente aus

Der bayrische König Ludwig II. war ein Exzentriker mit Sinn für technische Finessen. In seinem Sommerschloss Linderhof konnten die Räumlichkeiten mit Heissluft beheizt werden. Die Dienerschaft feuerte dafür in schmalen Gängen zwischen den Wänden die dafür benötigten Öfen an. Ziemlich viel Aufwand. Was im 19. Jahrhundert ein absoluter Luxus war, ist mittlerweile nicht nur in der Schweiz Standard: eine Zentralheizung. Wer heute auf das Existenzminimum gesetzt wird, darf seinen Fernseher behalten – den Kühlschrank und die Waschmaschine sowieso. Ein Durchschnittsschweizer lebt heute wesentlich ­länger und komfortabler als ein Monarch um 1870.

Liebe macht blind. Pessimismus offensichtlich auch. Die Entwicklung der Menschheit ist eigentlich erdrückend – positiv. Von 1955 bis 2005 hat sich das Durchschnittseinkommen verdreifacht. Die Menschen leben rund einen Drittel länger. Die Kindersterblichkeit ist ­markant gesunken wie auch die Analphabeten­rate. Noch nie besassen so viele Menschen ein Telefon, ein WC oder ein Fahrrad. Matt Ridley schiesst in seinem Buch ein Feuerwerk von Fakten und Zahlen ab. Sie alle machen deutlich, wie erstaunlich sich der Wohlstand ausbreitet – selbst wenn es immer wieder Rückschläge gibt.

Der deutsche Publizist Dirk Maxeiner sieht vor allem eine «ungeliebte Erfolgsgeschichte» am Wirken: den Kapitalismus. Er überzeuge nicht durch seine Motive, sondern durch seine Ergebnisse. «Er ignoriert Menschheitsretter jeglicher Couleur und macht die Welt stattdessen Schritt für Schritt ein bisschen besser – wobei er zugegebenermassen auch mal zwei Schritte vorwärts und einen rückwärts macht.»

Auch Ridley sieht die positiven Kräfte der Marktwirtschaft wirken – und er glaubt an die Innovationskraft der Menschen: «Wir können all unsere Probleme lösen.» Leider sei es so, dass man jemanden für verrückt erkläre, wenn er sage, die Welt werde auch in Zukunft immer besser. «Wenn du sagst, der Untergang stehe bevor, darfst du mit dem Friedensnobelpreis rechnen.» Hinter dem Pessimismus würden handfeste Interessen stecken. Keine Wohl­tätigkeitsorganisation habe je Geld gesammelt mit dem Hinweis, dass sich die Verhältnisse zum Guten wenden. Dabei würden Ridley und Pinker mit ihren Analysen eigentlich einen versöhnlichen Weg aufzeigen: Das ideale Fundament für mehr Wohlstand ist ­eine Mischung aus männlichem Kapitalismus und weiblicher Zivilisation.


kotz

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21. April 2012, 12:38 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Melnitz



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Morgenlektüre der heutigen NZZ. Diese dummen Armen, sie sind halt einfach selber schuld, dass sie arm sind: Hätten sie bloss mal keine Kinder vor 21 gehabt, ihren High-School-Abschluss gemacht und immer Vollzeit gearbeitet...

Zitat:
Neue Zürcher Zeitung; 08.08.2012; Ausgaben-Nr. 182; Seite 30 Reflexe (rx)

Wie man der Armut Entkommt

Das Ticket zum amerikanischen Mittelstand

Christoph Eisenring (cei)

Christoph Eisenring, Washington · Von drei Entscheiden hängt in den USA massgeblich ab, ob jemand in Armut lebt oder nicht. Wer mindestens einen High-School-Abschluss besitzt, Vollzeit arbeitet und bis zum 21. Geburtstag wartet, bis er ein Kind hat und davor geheiratet hat, dem sollte der Sprung in die Mittelklasse gelingen. Die Statistik ist jedenfalls frappierend: Wer diese drei Kriterien erfüllt, fällt nur mit einer Wahrscheinlichkeit von 2% unter die Armutsgrenze und schafft es mit 72% mindestens in die Mittelklasse (Haushaltseinkommen von über 65 000 $, was dreimal der Armutsgrenze entspricht). Fast spiegelbildlich sieht es aus für Personen, auf die keines der drei Merkmale zutrifft: Sie fallen mit einer Wahrscheinlichkeit von 77% unter die Armutsschwelle und gehören nur in 4% der Fälle der Mittelklasse an.

Berechnet haben dies Isabel Sawhill und Ron Haskins von der Brookings Institution. Sawhill hatte in den neunziger Jahren für Präsident Clinton gearbeitet, Haskins kurzzeitig für Präsident George W. Bush. Wenn derzeit gleich viele Erwachsene verheiratet wären wie 1970, so Haskins, fiele die US-Armutsquote um ein Viertel geringer aus, stünde somit bei 10,7% statt bei 14,3% (Werte für das Jahr 2009). Dies hat damit zu tun, dass das Armutsrisiko für Kinder mit einer alleinerziehenden Mutter viermal höher ist als für Kinder mit verheirateten Eltern. In den USA werden 72% der Kinder von Schwarzen und 53% der Bébés von Hispanics unehelich geboren.

Solche Zahlen sprechen nicht gegen eine soziale Mindestsicherung durch den Staat. Sie machen aber deutlich, dass der Einzelne mit seinen Entscheiden das Armutsrisiko massgeblich verringern kann – viel mehr jedenfalls, als dies der Staat mit Transfers je wird tun können. Das Fazit des Brookings-Forschers Haskins fällt deshalb eindeutig aus: Der Kampf gegen Armut und für Chancengleichheit werde ein mühseliges Unterfangen bleiben, solange junge Leute nicht lernten, bessere Entscheide für ihr Leben zu treffen.



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"We houden er niets van de prietpraat, die in de rest van Nederland gedaan wordt. We zijn er gewoon op de man, een woord is een woord, een hand een hand en een vuist is een vuist." (Hafenarbeiter aus Rotterdam)
08. August 2012, 06:04 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Muoit



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Ja, und wer mit 21 ein Haus kauft hat 71% Chancen mit 23 noch darin zu wohnen. Hurray, Mittelklasse!

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Power to the Pöbel!
08. August 2012, 19:04 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
rude e
Mad Dog


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Gut 100% der Leute, die 100'000 Franken auf dem Konto, einen guten Job und keine Schulden haben, sind finanziell gut abgesichert. Anders sieht es aus, wenn jemand von der Sozialhilfe abhängig ist, dreizehn Kinder und ein ernsthaftes Problem mit Heroin hat. Es wäre doch so einfach...

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Es tut mir leid wenn ich euch störe, Leute, aber ich tanze immer den letzten Tanz der Saison. In diesem Jahr hat es mir einer verboten. Aber ich lasse mir nichts verbieten. Ich werde tanzen, und zwar mit einer wundervollen Partnerin.

Erst wenn der letzte Lappen gelöhnt, die letzte Mark verjubelt und der letzte Groschen gefallen ist, werdet Ihr merken, dass man mit Bäumen nicht bezahlen kann.
08. August 2012, 20:34 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Melnitz



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Wo wir grad bei der NZZ und unterschiedliche Interpretation von Zahlen sind:

Amerikas überbewertete Ungleichheit

Zitat:
Die Ungleichheit in den USA ist in den letzten 15 Jahren wenig gestiegen – sieht man von den «working rich» ab. Betrachtet man statt der Einkommen den Konsum, ist die Verteilung sogar eher «egalitärer» geworden.


Konicz:

Lehnsherren und Leibeigene

Zitat:
Soziale Ungleichheit in den Vereinigten Staaten nimmt neofeudale Züge an. Die Kluft zwischen Arm und Reich hat in den USA gerade in der schweren Wirtschaftskrise weiter zugenommen. Das geht aus der Einkommens- wie auch der Vermögensstatistik hervor.


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09. August 2012, 14:38 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Wirken die II



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Ein weiterer Klassiker der Repression, der als Kommunist verkauft wird. Habe leider erst einen Artikel auf spanisch gefunden:

Santiago Carrillo: siniestro personaje al servicio de la burguesía y del capitalismo
(Santiago Carrillo: unheimliche Persönlichkeit im Dienste der herrschenden Klasse und des Kapitalismus)

http://es.internationalism.org/node/3498


Zitat:
Ya plenamente integrado en el estalinismo (el anticomunismo más feroz: en realidad es como concreta la burguesía la contrarrevolución en Rusia, con el triunfo del llamado “socialismo en un solo país”), participa activamente en todas las criminales fechorías dirigidas por el PCE y el gobierno del Frente Popular, entre las que destacan sobre todo la masacre de los obreros de Barcelona en mayo de 1937 «El 19 de julio los proletarios de Barcelona, con solo sus puños desnudos, aplastaron el ataque de los batallones de Franco, armados hasta los dientes. Ahora, en las jornadas de Mayo de 1937, cuando sobre los adoquines han caído muchas más víctimas que cuando en Julio rechazaron a Franco, ha sido el gobierno antifascista –incluyendo hasta los anarquistas y del que el POUM es indirectamente solidario- quien ha desencadenado la chusma de las fuerzas represivas contra los trabajadores»[2] . Durante la IIª Guerra Mundial apoya al bando imperialista aliado y a la URSS (aunque Stalin se alió con Hitler de 1939 a 1941, demostrándose toda la falsedad y mistificación del antifascismo).


Zitat:
Integrado plenamente en el estalinismo tanto en la brutal versión de los años treinta y cuarenta como en la aparentemente más “democrática” del eurocomunismo. Siempre viviendo de la mentira y del engaño, y dentro de la mentira y del engaño, como lo que fue: un burgués, un mentiroso compulsivo siempre dispuesto a engañar a los trabajadores y a defender a la clase dominante “caiga quien caiga”.

07. Oktober 2012, 12:58 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Käptn Kiff



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Beiträge: 1069

Beitrag Antworten mit Zitat
nestor hat in bester nestor-tradition auch einen nachruf auf carrillo verfasst:

http://nestormachno.blogsport.de/2012/09/21/noch-jemand-um-den-es-nicht-schade-ist/

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argumentum ad baculum
08. Oktober 2012, 09:58 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
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