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David Harvey - Das Rätsel des Kapitals entschlüsseln

 
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David Harvey - Das Rätsel des Kapitals entschlüsseln
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lazlo wanda



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Beiträge: 650

Beitrag David Harvey - Das Rätsel des Kapitals entschlüsseln Antworten mit Zitat
Buchvorstellung von Christian Frings:
David Harvey - Das Rätsel des Kapitals entschlüsseln

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25. Juli 2011, 20:05 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Behemoth



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Beitrag Re: David Harvey - Das Rätsel des Kapitals entschlüsseln Antworten mit Zitat
Also...
Der Titel tönt ja eher nach einem Kapitalisten, der sich über das grosse Rätsel des Kapitals erstaunt.
Ist denn die Sache lohnend anzuschauen, oder doch wieder nur einer, der die grösse des Kapitals bestaunt?

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"ihr aber werdet die soziale Frage wissenschaftlich lösen, d.h. mit euerm grossen Maule. Der brutalen Herrschaft gegenüber seid ihr fein, d.h. ihr seid selber mehr oder weniger Bourgeois. Nur weiter, ihr anständigen Leute, die soziale Frage aber wird brutal gelöst werden; der Racheruf der Unterdrückten wird brutal ertönen" - Der Communist, N°17, 1893
25. Juli 2011, 22:40 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
fräulein else



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Beitrag Antworten mit Zitat
und "das kapital" ist ein bericht deines anlageberaters? ;)
ich glaube die wortwahl ist gewollt, wichtig und richtig, da marx in seinem schinken nicht etwa ein system beschreibt, das gar keins ist, sondern das verhältnis von dir (und mir, und den andern da auch) zum "kapital".
der unterschied mag zwar klein scheinen, ist aber ziemlich wichtig: siehst du den globalen 'kapitalismus' als system an, vergisst du vielleicht, dass der 'kapitalismus' als heutiges bild zwar vor 400 jahren noch nicht existierte, das verhältnis von kapital und arbeiterklasse aber schon. bei der systembetrachtung verliert man sich zu sehr im system und vergisst viel zu schnell, dass man nicht einfach entfernter betrachter, spezifische analytikerin oder auf der sonnigen seite ist. du steckst bis zu deinen ohren in diesem verhältnis und solltest deine möglichkeit wahrnehmen, als den teil des verhältnis zu agieren, der dir auferlegt ist.

p.s. zu deiner frage: ich mag frings und trau ihm zu, dass er da ein gutes werk vorstellt. sympathisch isser auch.
25. Juli 2011, 22:09 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
ratatoskr



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Der Frings erklärt ja alles. Brauchst nur Lazlos Link zu folgen und das Video anzuschauen...

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Das ist die Verrücktheit einer Gesellschaft, die sich von einem Sachzwang bestimmen lässt, der nur existiert, weil ihn die einen selbst praktizieren und die anderen sich ihn aufherrschen lassen.
25. Juli 2011, 22:59 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Behemoth



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fräulein else hat Folgendes geschrieben:
und "das kapital" ist ein bericht deines anlageberaters? ;)
ich glaube die wortwahl ist gewollt, wichtig und richtig, da marx in seinem schinken nicht etwa ein system beschreibt, das gar keins ist, sondern das verhältnis von dir (und mir, und den andern da auch) zum "kapital".
der unterschied mag zwar klein scheinen, ist aber ziemlich wichtig: siehst du den globalen 'kapitalismus' als system an, vergisst du vielleicht, dass der 'kapitalismus' als heutiges bild zwar vor 400 jahren noch nicht existierte, das verhältnis von kapital und arbeiterklasse aber schon. bei der systembetrachtung verliert man sich zu sehr im system und vergisst viel zu schnell, dass man nicht einfach entfernter betrachter, spezifische analytikerin oder auf der sonnigen seite ist. du steckst bis zu deinen ohren in diesem verhältnis und solltest deine möglichkeit wahrnehmen, als den teil des verhältnis zu agieren, der dir auferlegt ist.

p.s. zu deiner frage: ich mag frings und trau ihm zu, dass er da ein gutes werk vorstellt. sympathisch isser auch.

Das mit dem Unterschied zwischen System und Kapital is ja schon klar...
Hab ja oben auch nix von Kapitalismus geschrieben.
Den Unterschied zwischen dem treibenden Verhältnis und der äusseren Erscheinungsweise is ja klar...
Nur tönt für mich halt "das Rätsel des Kapitals", danach, wie ein Film über zB "die Maya", und deren Rätsel zu entschlüsseln, aus rein archäologischem Interesse, weil es ja so faszinierend ist, wie die Maya dass oder das machen konnten bzw. wie das Kapital dass oder das machen kann.
Oft kommt es mir nämlich auch bei gewissen Marxisten so rein, als wären sie fasziniert, wie das Kapital so viele schöne Sachen machen kann, und gar nicht daran interessiert, wie das Verhältniss überwunden werden kann...
ZB interessiert es mich nur insofern, wie das Kapital die Menschen der Kontrolle über ihr Schaffen raubt, wie es in Zukunft verhindert werden kann...
Weisst du was ich meine?
Hab leider schon viel gelesen, dass wenig Praktische, oder sogar nicht mal in der Theorie praktische, Schlüsse zuliess...

zu-p.s. OK, dann werd ichs mir ma anschauen...

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"ihr aber werdet die soziale Frage wissenschaftlich lösen, d.h. mit euerm grossen Maule. Der brutalen Herrschaft gegenüber seid ihr fein, d.h. ihr seid selber mehr oder weniger Bourgeois. Nur weiter, ihr anständigen Leute, die soziale Frage aber wird brutal gelöst werden; der Racheruf der Unterdrückten wird brutal ertönen" - Der Communist, N°17, 1893
26. Juli 2011, 00:26 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Käptn Kiff



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http://neoprene.blogsport.de/2011/09/09/harvey-marx-kapital-lesen-endlich-erschienen/

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argumentum ad baculum
13. September 2011, 11:55 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
far



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David Harvey zum Klassenkampf: "Wir müssen hinausgehen, und es machen, und es richtig machen."
http://kanalb.org/metatopic.php?play_id=2754&modul=Clip&clipId=82

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Um einen Widerstand zu brechen, braucht es Gewalt, aber wenn der Widerstand hält, ist es die Gewalt, die zerbricht.
14. September 2011, 22:47 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden E-Mail senden
Muoit



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Also wie plastisch der Harvey im "Marx Kapital lesen" den Warenfetisch veranschaulicht, ist schon sehr gut.
Wer das Fetischkapitel bis jetzt nicht verstanden hat, dem sei das Buch auf jeden Fall ans Herz gelegt.

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Power to the Pöbel!
15. September 2011, 16:53 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
O.B.M.F



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Buchbesprechung

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Wenn ich dabei tanzen muss, ist es nicht meine Revolution.
28. September 2011, 12:09 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
O.B.M.F



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Wenn ich dabei tanzen muss, ist es nicht meine Revolution.
10. Oktober 2011, 16:39 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Muoit



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Im letzten Vorwärts ist eine Rezension zu Harveys «Marx Kapital lesen» erschienen. Abgetippt:

Zitat:
Mit David Harvey das «Kapital» lesen

Mit der grössten Wirtschaftskrise seit der Grossen Depression stösst die Frage nach der Funktionsweise der kapitalistischen Ökonomie wieder auf breiteres Interesse. Dabei kommt man kaum um die Analysen von Karl Marx herum. Kürzlich ist nun von David Harvey auf Deutsch eine lohnenswerte Einführung in den ersten Band des «Kapitals» erschienen.

Der bekannte marxistische Humangeograph und Sozialwissenschaftler David Harvey gibt seit fast 40 Jahren Unterricht zum «Kapital» von Karl Marx. So ist es ein Glücksfall, dass seine gut verständliche Einführung nun auf Deutsch erschienen ist. Harvey versteht es komplexe Zusammenhänge und verwinkelte Argumentationen klar und deutlich darzustellen. Man soll sich aber nicht täuschen: Die ersten drei Kapitel seines Buches sind schwere Kost. Das hängt damit zusammen, dass der behandelte Stoff komplex ist und Marx grundlegende Kategorien und Begriffe auf eine apriorische und etwas kryptische Art und Weise setzt – das heisst, er setzt die Begriffe ohne diese vorerst logisch zu entwickeln. Um Marx zu folgen, muss man sich dabei auf seine Argumentation einlassen, was in den kommenden Kapiteln aber belohnt wird. Harvey versucht die LeserInnen an die Hand zu nehmen und sie durch das dialektische Labyrinth des «Kapitals» zu führen. Das gelingt ihm dank seiner verständlichen Sprache und aktuellen Beispielen gut. So ist zum Beispiel das berüchtigte und vieldiskutierte Kapitel zum «Fetischcharakter der Ware», das viele LeserInnen zum Aufgeben bringt, sehr plastisch dargestellt.

Harvey nimmt sich Zeit, um auf die dialektische Darstellungsweise von Marx einzugehen. Es ist sehr angenehm, dass der Autor die Vorgehensweise von Marx genau erläutert. So wird klar, warum die Argumentation im «Kapital» sich durch die beständige Umwandlung, Umformulierung und Ausweitung der vorgefundenen Widersprüche entwickelt und warum Marx deshalb immer wieder zu bereits entwickelten Sachverhalten zurückkehrt.

Fruchtbare Interpretation
Harveys Buch bietet eine fruchtbare Herangehensweise an die schweren Kost des «Kapitals». Dabei bleibt der Autor aber immer vorsichtig und weist darauf hin, dass seine Interpretation auch nur eine Interpretation und nicht notwendig der Weisheit letzter Schluss ist. Er erklärt, dass der Kapitalismus kein starres System ist, sondern ein dynamisches sich in Widersprüchen entfaltendes gesellschaftliches Verhältnis. Was er damit meint, wird am Begriff des Kapitals deutlich: Das Kapital, so Harvey, ist keine feststehende Sache, sondern befindet sich in ständiger Bewegung. Das Kapital ist «ein Prozess der Zirkulation von Werten». Dabei nimmt das Kapital verschiedene Formen an: Zuerst tritt es als Geld auf, dann als unterschiedliche Ware, bevor es sich wieder in die Geldform zurückverwandelt. Diese prozesshafte Bestimmung des Kapitals ist wichtig und unterscheidet sich fundamental von der klassischen Ökonomietheorie, die traditionellerweise das Kapital als feststehende Vermögenssumme in Form von Geld, Maschinen oder Waren zu fassen versuchte. Diese Bestimmung hat ausserdem wichtige politische Implikationen: Erst so versteht man, dass die ArbeiterInnen das sie beherrschende Kapital als fremde Macht tagtäglich reproduzieren – und darum auch fähig sind, damit Schluss zu machen.

Verteidigung von Marx
Harvey verteidigt an manchen Stellen die marxsche Analyse gegen falsche Vorwürfe. So hält er einer tatsächlich problematischen historischen Leseweise der ersten Kapitel des «Kapitals» eine logische Herangehensweise entgegen. KritikerInnen haben angemerkt, dass Marx mit der Entwicklung der Geldform eine teleologische Geschichtsschreibung betreibe (der Kapitalismus wäre demnach ein unvermeidlicher Schritt in der Menschheitsgeschichte) und dass der Prozess der Durchsetzung des Geldes ein weit umkämpfterer und ambivalenterer Prozess gewesen sei. Nach Harvey geht es Marx aber darum, logisch zu entwickeln wie die Geldform entstanden ist, um so zum Kern des Problems – ohne historische Modifikationen – vorzustossen und die immanenten dialektischen Beziehungen einer entwickelten kapitalistischen Produktionsweise zu enthüllen. Auch andere Vorwürfe, die etwa auf einer falschen Auffassung der berühmten These der absoluten Verelendung der Arbeiterklasse oder auf einem undialektischen Verständnis des Materialismus beruhen, weiss der Autor überzeugend zurückzuweisen. An gewissen Stellen weicht allerdings auch er von Marx ab. Wenn man nicht in einer strengen Orthodoxie befangen ist, dann leuchten einige dieser Abweichungen durchaus ein: So bei der Kritik an der ausschliesslichen Fokussierung von Marx auf den Typus des Manchesterkapitalismus. Oder bei der Betonung, dass Marx die Frage der kapitalistischen Prägung der Maschinerie – die dann nicht mehr einfach für den Kommunismus zu übernehmen wäre – zweideutig beantwortet hat.

Problematische Stellen
Auch wenn das Buch von Harvey zu empfehlen ist, hat es doch einige Schwachstellen. So entwickelt der Autor etwa die Idee, dass zwar der Wert eine historische Kategorie sei, dass aber KommunistInnen eine alternative Wertform entwickeln müssten, «die auf völlig andere Weise der gesellschaftlichen Reproduktion dient». Es ist mehr als fraglich, warum die gesellschaftliche Vermittlung in einer Gesellschaft der Bedürfnisproduktion noch sowas wie eines Wertes bedarf. Zudem erwähnt Harvey auffällig häufig den Namen Keynes, ohne ihn zu kritisieren und versteigt sich dann im letzten Kapitel in die Behauptung, dass die Krise in den 1930er Jahren wohl von Keynes richtig analysiert worden sei. Es ist allerdings bekannt, dass es eben nicht die keynesianischen Wundermittel waren, die Beispielsweise die USA gerettet haben, sondern erst die Kriegsvorbereitungen und der Eintritt in den Zweiten Weltkrieg. Dass Harvey dann auch noch den tendenziellen Fall der Profitrate – der eigentlich erst im dritten Band behandelt wird – bestreitet und stattdessen acht Punkte für eine Krisentheorie darstellt, für deren Mehrzahl man nicht notwendigerweise Marx braucht, das hinterlässt dann doch einen etwas eigenartigen Nachgeschmack. Es gäbe noch einige Punkte zu erwähnen, die aber nicht den Kern des Buches, die Auseinandersetzung mit dem ersten Band des «Kapitals», betreffen. Deshalb ist das Buch als Einführung in die marxsche Theorie zu empfehlen sowohl für EinsteigerInnen wie auch für Leute, die das «Kapital» bereits gelesen haben und an einer fruchtbaren Interpretation interessiert sind.

David Harvey: Marx’ «Kapital» lesen. Hamburg 2011. 390 Seiten. Zirka 37 Franken.


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Power to the Pöbel!
12. Oktober 2011, 19:01 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Wirken die II



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Beiträge: 208

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Für die, die nicht so viel lesen mögen.... der Videoclip erklärt kurz und bündig die Auffasungen von Harvey zu den letzten 40 Jahre Krise:


14. Oktober 2011, 17:52 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Melnitz



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Kritik von Paul Mattick Jr. am Buch Limits of Capital von Harvey. Was natürlich ne grundsätzliche Kritik an Harveys Interpretation von Marx beinhaltet:

http://libcom.org/files/mattick.pdf

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"We houden er niets van de prietpraat, die in de rest van Nederland gedaan wordt. We zijn er gewoon op de man, een woord is een woord, een hand een hand en een vuist is een vuist." (Hafenarbeiter aus Rotterdam)
11. März 2012, 22:12 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Melnitz



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Im Vorwärts ist ein lesenswerter Artikel zur Marx-Lektüre erschienen. Eine Kritik an der Lesart Michael Heinrichs. Ich stells mal hier rein, obwohls mit Harvey nicht soviel zu tun hat:

Marx ohne Zähne

Zitat:
Michael Heinrichs Bücher über die Kritik der politischen Ökonomie geniessen einen guten Ruf – nicht ganz zu unrecht. Und doch muss man sie mit einigem Vorbehalt lesen: Zu schnell begräbt der Autor darin wichtige Erkenntnisse in Bezug auf die Krise und die Klassenfrage.


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16. November 2012, 00:20 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Muoit



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Eine Kritik an Harveys Marx-Lektüre, die - soweit ich das Englische verstanden habe - recht nachvollziehbar ist, wurde kürzlich vom englischen Ableger von der Gruppe gegen Kapital und Nation veröffentlicht. Ich muss meine Meinung zum Fetischkapitel, wie es bei Harvey dargestellt ist, wohl revidieren: Zwar versteht er es tatsächlich, das ganze recht plastisch darzustellen, aber er verzerrt den Fetischbegriff von Marx und kommt mit einem eigenartigen Kopfsalat-Beispiel, in welchem er zuerst ganz gut darlegt, wie die gesellschaftlichen Beziehungen zu sachlichen Beziehungen werden (und eben nicht nur erscheinen bzw. verschleiert werden). Allerdings reduziert er den Fetischismus auf eine der Komplexität geschuldete Unkenntnis der Produktionsbedingungen. Dabei fällt unter den Tisch, dass wir auch bei noch so guter Kenntniss der weltweiten Produktionskette vom Warenfetisch beherrscht würden, der sich eben dadurch herstellt, dass wir trotzdem nur über die Waren, die einen gesellschaftlich festgelegten Preis haben, mit den Produzenten in gesellschaftlichem Kontakt stehen UND dass die Waren erscheinen als hätten sie diese Eigenschaft (eben Wert zu verkörpern) von Natur aus und gerade nicht wegen der spezifisch historischen Form der Warenproduktion im Kapitalismus (das fällt bei Harvey hinten runter; zumindest sagt ers in dem betreffenden Kapitel nicht explizit, aber der Angriff der englischen Gruppe scheint mir diesbezüglich dann doch etwas überrissen, wenn man weiss, dass Harvey die ganze Zeit von einer bestimmten gesellschaftlichen Weise der Reproduktion spricht). Aber lest selbst:

http://critisticuffs.org/texts/david-harvey/

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Power to the Pöbel!
26. März 2014, 02:04 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Melnitz



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Harvey hat ja ein neues Buch aufgelegt, bis anhin nur in Englisch verfügbar:

New Book: Seventeen Contradictions and the End of Capitalism

Zitat:
“What I am seeking here is a better understanding of the contradictions of capital, not of capitalism. I want to know how the economic engine of capitalism works the way it does, and why it might stutter and stall and sometimes appear to be on the verge of collapse. I also want to show why this economic engine should be replaced, and with what.” –from the Introduction


Ein Auszug bei Roarmag:

David Harvey: the crisis of capitalism this time around

Zitat:
In this excerpt from his new book, the leading geographer reflects on the ongoing capitalist crisis and the historical moment in which we find ourselves.


Ein längeres Interview (58 Minuten, Englisch) mit Harvey in London:

Contradictions of Capitalism: In Conversation with David Harvey

Und das hier:

4 Things David Harvey Thinks Anti-Capitalists Should Know


Und jetzt les ich mir mal die Kritik der englischen Gruppe durch, die Muoit gepostet hat mr green

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25. April 2014, 20:00 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Muoit



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Im neuen Vorwärts hats einen ziemlichen Verriss von Harveys neu auf Deutsch erschienenem Buch:

Zitat:
Die Verharmlosung von Krise und Staat durch den Gelehrten David Harvey

Kürzlich ist das Buch «Das Rätsel des Kapitals entschlüsseln. Den Kapitalismus und seine Krisen überwinden» in deutscher Sprache erschienen. Darin geht der renommierte Humangeograf und Gesellschaftskritiker David Harvey den Strömen des Kapitals nach und versucht dessen verworrene Wege offenzulegen.

Beginnen wir mit dem Positiven: Harvey ist kein akademischer Marxologe und kein kritischer Schmetterlingssammler. Man nimmt ihm ab, dass es ihm um den Umsturz der herrschenden Verhältnisse geht. «Für jede revolutionäre Strategie ist es entscheidend, das Rätsel des Kapitals zu entschlüsseln und durchsichtig zu machen» (234). Um dieses Ansinnen zu unterstützen, untersucht Harvey im vorliegenden Buch wie die Bewegungen des Kapitals die Welt verändern und wie es in diesem Prozess immer wieder zu Krisen kommt. In seiner faktenreichen Analyse gelingt es ihm, viele marxistische Basics so zu integrieren, dass er auf schwierige Begrifflichkeiten verzichten und stattdessen in gut verständlicher Sprache die Entwicklungen nachzeichnen kann. Die Übersicht über den Krisenverlauf und seine historische Einbettung sind recht gut gelungen und insbesondere das geographische Moment arbeitet Harvey nachvollziehbar heraus. Wie die Welt nach kapitalistischen Anforderungen strukturiert wird und wie die «Reproduktion des Kapitals von den scheinbar chaotischen Formen der ungleichen geografischen Entwicklung abhängig ist» (153). Doch dort, wo es um eine tiefer gehende Erklärung der Krise ginge, wird Harvey unbestimmt und zeigt eine problematische Schlagseite.

Die «Krisentheorie» Harveys

Harvey lehnt die klassischen marxistischen Krisenerklärungen ab und beschreibt, dass es einen sehr viel besseren Ansatz gebe, um die ökonomischen Verwerfungen zu untersuchen. Dazu zählt er eine Reihe von Schranken auf, die eine Krise erzeugen können und deren Überwindung immer wieder auf Kosten der Verstärkung einer anderen Schranke gehe: «Knappheit von Geldkapital, Probleme der Arbeitskraft, Disproportionalitäten zwischen Wirtschaftssektoren, Ungleichgewichte bei technologischen und organisatorischen Veränderungen, Disziplinprobleme im Arbeitsprozess und fehlende effektive Nachfrage» (117). Harvey negiert die krisentheoretischen Ansätze, die von einer Notwendigkeit und Verschärfung der Krisen ausgehen und ersetzt sie durch einige relativ einfach zu überwindende Schranken (wenn sie eben nicht auf ein strukturelles Problem des Kapitalismus zurückgeführt werden). Natürlich lassen sich nicht alle Krisen monokausal aus der einen grossen Tendenz erklären, sondern müssen in ihrer besonderen historischen Situation untersucht werden. Dennoch ist es wichtig, die Frage zu stellen, welche grossen strukturellen Probleme die fortwährende Akkumulation von Kapital nach sich zieht.

Ein verkappter Keynesianer?
Harvey weicht im vorliegenden Buch dieser Frage aus, obwohl er diesbezüglich eine Schlagseite hat: Ihm wurde immer wieder vorgeworfen, dass er eigentlich ein verkappter Keynesianer sei und seine Krisentheorie in den entscheidenden Momenten letztlich auf eine Unterkonsumtionstheorie hinauslaufe. Es lassen sich auch einige Stellen anführen, in denen Harvey klar in diese Richtung argumentiert; etwa wenn er davon spricht, dass eine Wiederbelebung der Weltwirtschaft ein keynesianisches Programm voraussetze (264) oder wenn er von den progressiven Momenten der staatlichen Umverteilung schwärmt (218). Aber Harvey schreibt auch: «Das eigentliche Problem ist nicht die mangelnde Nachfrage, sondern der Mangel an gewinnträchtigen Sphären für die Reinvestition der aus der Produktion von gestern gewonnen Überschüsse» (116). Allerdings kassiert er bloss eine Seite später diese Erkenntnis wieder und spricht davon, dass das Problem sei, dass die Macht des Kapitals ein Nachlassen in der effektiven Nachfrage erzeugt habe. Das passt auch damit zusammen, dass Harvey das Problem der Überakkumulation kaum systematisch herausarbeitet. Gedanken dazu lassen sich bloss verstreut im Buch finden. So ist es dann auch eher eine weitere Verrätselung als eine Entschlüsselung der Krise, wenn Harvey unvermittelt meint: «In dem Masse, in dem überschüssiges Kapital und eine wachsende Bevölkerung zum Problem werden, bildet die Verstädterung eine wichtige Möglichkeit, beide zu absorbieren» (164). Es ist augenscheinlich, dass Geld gerade in Krisenzeiten in den teurer werdenden Immobilien auf Manhatten oder in Zürich geparkt wird, aber es bleibt Harveys Rätsel, wie die Städte Kapital produktiv absorbieren können – und nur dann könnte von erfolgreicher Absorbtion gesprochen werden. Um dies zu beantworten, müsste man sich eben mit den hintergründigen Tendenzen befassen, die auf die Profitraten des Kapitals drücken und damit die Verwertung in der produktiven Sphäre verhindern; was dazu führt, dass Kapital in anderen Bereichen angelegt werden muss.

Die sieben Bereiche der Koevolution
So unbestimmt und teilweise verwirrend wie es in der Krisenerklärung zu und her geht, so problematisch sind Harveys grundsätzliche Überlegungen zur Entwicklung des Kapitalismus. Er zählt sieben «Handlungsbereiche in der Evolution des Kapitalismus» auf: «Technologien und Organisationsformen; gesellschaftliche Verhältnisse; institutionelle und administrative Strukturen; Produktion und Arbeitsprozess; die Beziehung zur Natur; die Reproduktion des alltäglichen Lebens und der menschlichen Spezies; und die geistigen Vorstellungen von der Welt» (123). Das alles hängt bei Harvey nun irgendwie dialektisch zusammen, aber keines hat den Vorrang. Unbestimmter geht es nicht: Gesellschaftliche Verhältnisse und die Beziehung zur Natur? Institutionelle Strukturen und der Produktions- und Arbeitsprozess? Alles irgendwie gleichrangig? Man muss es nun nicht gleich mit Georg Lukacs halten und jedes Problem der Menschheit im Kapitalismus auf ein Problem der Warenstruktur zurückführen. Aber man sollte sich doch bewusst sein, dass die besondere historische Form, in der die Reproduktion der Menschheit organisiert ist, nicht unbedingt gleichrangig ist mit der Frage, welche «geistigen Vorstellungen» von der Welt sich die Menschen machen.

Harmlose «institutionelle Arrangements»
Wo Harvey in einigen Fragen bloss Verwirrung stiftet, da wird es richtig ärgerlich, wenn es um den Staat geht. Zwar bleiben seine Beschreibungen oberflächlich, so auch wenn er den von ihm so genannten «Finanz-Staat-Nexus» beschreibt. Man kann in so einem Buch wohl auch keine ausgereifte Staatstheorie erwarten. Aber was Harvey zum Thema zu sagen hat, lässt befürchten, dass selbige mehr als schief herauskommen würde. Er empört sich, dass der Kapitalist «den Staat kontrolliert» (103) und die Möglichkeiten der Regierung im «vom Unternehmerinteresse beherrschten Staat» (105) immer mehr unterhöhlt werde. Harvey hat offensichtlich keinen Begriff vom Staat als Staat des Kapitals. So klingt es dann auch so, als könne man den Staat irgendwie den KapitalistInnen entringen, wenn er sich fragt, ob die Übernahme und Veränderung der Institutionen (137) ein Weg sei oder von einem «Umverteilungssozialismus in der Zeit nach 1945» (217) spricht.
In seiner Auffassung des Staates kommen schliesslich alle angesprochenen Probleme Harveys zusammen: Seine keynesianische Schlagseite, wenn er die staatliche Wirtschaftsankurbelung als Voraussetzung «zur Wiederbelebung des globalen Wachstums» (264) bestimmt; seine Diffusität in Bezug auf die gesellschaftlichen Bereiche, wenn er meint, dass revolutionäre Ideen auch in den «institutionellen Arrangements» (224) zum Tragen kommen müssten; und seine Unklarheiten in Bezug auf eine revolutionäre Bewegung, wenn er meint, eine solche könne auch von dem Punkt ausgehen, wo sie beginnt, «institutionelle und administrative Strukturen zu reformieren einschliesslich der Neugestaltung von staatlicher Macht» (221).

David Harvey. Das Rätsel des Kapitals entschlüsseln. Den Kapitalismus und seine Krisen überwinden. VSA-Verlag. Hamburg 2014. 287 Seiten. Ca. 24 Franken.


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Power to the Pöbel!
11. Mai 2014, 19:50 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
fräulein else



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edit2: bin wohl viel zu bekifft. anyways, ganz guter verriss! das buch muss ich mir wohl nicht kaufen...

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"Es wird immer schwerer, normal zu sein"
12. Mai 2014, 21:35 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Melnitz



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Ein weitere Diskussion zu Harveys neuem Buch mit dem Jacobin Magazin:

https://www.jacobinmag.com/2015/01/leo-panitch-david-harvey-capitalism/

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"We houden er niets van de prietpraat, die in de rest van Nederland gedaan wordt. We zijn er gewoon op de man, een woord is een woord, een hand een hand en een vuist is een vuist." (Hafenarbeiter aus Rotterdam)
01. Januar 2015, 21:18 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
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