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Vor 25 Jahren: Beginn des Bergarbeiterstreiks in England

 
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Vor 25 Jahren: Beginn des Bergarbeiterstreiks in England
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Melnitz



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Beitrag Vor 25 Jahren: Beginn des Bergarbeiterstreiks in England Antworten mit Zitat
Der Beginn des einjährigen Streiks in England, der mit einer vernichtenden Niederlage endete, jährt sich nun zum 25. Mal. Ich möchte hier in diesem Thread Artikel aus linker Perspektive dazu sammeln.

Wikipedia als einführender Überblick

http://de.wikipedia.org/wiki/Britischer_Bergarbeiterstreik_1984/1985

Eine Rede aus England auf der Homepage der Gruppe Internationaler SozialistInnen(GIS)

http://gis.blogsport.de/2009/03/07/vor-25-jahren-beginn-des-britischen-bergarbeiterstreiks/

Ein Youtube-Zusammenschnitt von Fotos der Kämpfe mit der Polizei

http://gis.blogsport.de/2009/03/07/the-battles-of-oergreave-2/
08. März 2009, 22:56 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Melnitz



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The miners strike 25 years on. (BBC-Rückschau nach 25 Jahren)


16. März 2009, 02:10 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
far



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Beiträge: 5481

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Sehr gut sind auch die Texte aus dem Buch "Die grossen Streiks - Episoden aus dem Klassenkampf" von Holger Marcks und Matthias Seiffert.

_________________
Um einen Widerstand zu brechen, braucht es Gewalt, aber wenn der Widerstand hält, ist es die Gewalt, die zerbricht.
16. März 2009, 18:03 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden E-Mail senden
Melnitz



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Hier (bei Revleft.com) wird der Miners Strike diskutiert (Links, Texte, etc. pp. - leider alles Englisch):

The miners strike: 'Remembering Britain’s forgotten civil war'
30. März 2009, 17:32 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Melnitz



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Die RSO hat auch einen Artikel dazu geschrieben:

http://ch.indymedia.org/de/2009/04/68472.shtml
20. April 2009, 11:33 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Melnitz



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Die englische IKS über die Rolle Scargills beim Bergarbeiterstreik:

http://en.internationalism.org/wr/2009/323/scargill
04. Mai 2009, 22:46 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Melnitz



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Beiträge: 3354

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Gehört irgendwie auch rein: 30 Jahre seit dem Amtsantritt von Margaret Thatcher (die den Bergarbeiterstreik bis zum bitteren Ende bekämpfte).

Nostalgische Gefühle für die «Eiserne Lady»
05. Mai 2009, 13:27 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Melnitz



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Beiträge: 3354

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So Near - So Far - a selective history of the British miners
16. Juni 2009, 01:15 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Melnitz



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Beiträge: 3354

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Es scheint, als wäre der Film von Ken Loach über den Miner Strike ("Which Side are you on?") von 1984/85 endlich online zu finden. Traurige Geschichte.










18. Dezember 2009, 02:49 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
lazlo wanda



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Beiträge: 650

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Hier das Kapitel aus dem Buch "Die grossen Streiks. Episoden aus dem Klassenkampf",
das far erwähnt hat.



Zitat:

10. England 1984-1985
»Die Lösung des Gewerkschaftsproblems ist der Schlüssel zu Großbritanniens Genesung.«
Aus einem Strategiepapier der Thatcher-Regierung 1979






Ein Streik wie kein anderer

Der Streik der britischen Bergarbeiter 1984-85
Matthias Seiffert

Es ist gar nicht einfach, für den britischen Bergarbeiterstreik von 1984/85 Superlativen zu finden, die ihn angemessen beschreiben. Was sich in diesem Jahr jenseits des Kanals abspielte, sprengte die Grenzen des bis dahin Bekannten. Für und Wider des Streiks spalteten und politisierten die ganze Gesellschaft. Er bedeutet die vielleicht einschneidendste Zäsur in der jüngeren britischen Geschichte.

Vor dem Abgrund

Anfang der 1980er Jahre war Großbritannien ein klassisches Industrieland. Neben der Stahlindustrie war vor allem der Bergbau eine der wichtigsten Branchen und in manchen Regionen der einzige Sektor, in dem man Arbeit finden konnte.
Die rechtskonservative Regierung der Tories unter der berüchtigten Premierministerin Margaret Thatcher war 1983 bei den Wahlen bestätigt worden. Unter dem Eindruck wachsender Arbeitslosigkeit, die an die 20-Prozent-Marke heranzureichen drohte, einem äußerst bescheidenen Lebensstandard der Arbeiterklasse und einer allgemeinen Perspektivlosigkeit für Jugendliche begann die »Eiserne Lady« mit ihrem Programm zur rücksichtslosen Umgestaltung des gesamten sozio-ökono-mischen Systems. Es beinhaltete die Privatisierung der meisten staatlichen Bereiche von Post, Telekom bis Eisenbahn, die rigorose Zusammenstreichung sozialer Hilfe und Förderung sowie die Umstellung der britischen Energieversorgung, die bis dahin von der Kohle abhängig war, auf Atomkraft. Ein Großteil der Kohlezechen sollte deshalb schnellstmöglich geschlossen werden. Mindestens 70.000 Arbeitsplätze waren dadurch bedroht. Thatcher machte daraus keinen Hehl. Sie zeichnete ein düsteres Bild von einem rückständigen Land, das den Anschluss an die Weltspitze längst verloren habe und nun sehr, sehr harten Zeiten entgegengehen müsse, da die nötige Modernisierung nur unter großen Opfern zu bewältigen sei. Sie versprach nicht das Paradies, sondern die Hölle. Und sie pflegte ihre Versprechen zu halten.

Der Streik, der Krieg

Der Streik begann am 5. März 1984 in Yorkshire, wo die erste Zeche geschlossen wurde. Die lokale Sektion der Bergarbeitergewerkschaft NUM (National Union of Mineworkers) billigte den Ausstand nachträglich, weitere NUM-Distrikte folgten. Binnen einer Woche hatte jeder zweite Bergarbeiter auf den britischen Inseln die Arbeit niedergelegt. NUM-Boss Arthur Scargill gab sich kämpferisch und siegesge-wiss. Und das schien keineswegs vermessen. Auch wenn die Kohleindustrie mittelfristig abgewickelt werden sollte, war die britische Wirtschaft doch immer noch von der Kohle abhängig. Der völlige Stopp der Kohleförderung galt als gewichtiges Druckmittel in den Händen der Arbeiter. Darüber hinaus konnte die Gewerkschaft auf die Kampferprobung ihrer Mitglieder zählen. Die Bergarbeiterstreiks von 1972 und 1974 hatten die damalige Regierung zum Rücktritt gezwungen. Streiks waren in den 1970er Jahren fast etwas Alltägliches. So einen Streik aber hatte noch niemand mitgemacht.

Die Tory-Regierung hatte sich heimlich und akribisch wie auf einen Eroberungskrieg vorbereitet, und sie führte die Konfrontation mit eben jener unerbittlichen Härte und Brutalität, für die Margaret Thatcher heute sinnbildlich steht. Zum einen hatte sie Kohlereserven anlegen lassen, zum anderen die Organisierung von Kohle aus dem Ausland in die Wege geleitet. Gegen die Streikenden wurde mit allen Mitteln vorgegangen: juristisch, politisch, propagandistisch, militärisch und sogar nachrichtendienstlich. Man kannte Streikbrecher und »Bobbies«, nicht aber jene neuen Sondereinheiten der Polizei, die mit Schlagstock, Hunden und Tränengas, beritten und zu Fuß auf die picket lines der Streikposten losgelassen wurden. Auseinandersetzungen verliefen häufig blutig, schließlich gab es auch Tote. Aktivisten wurden observiert, Namen und Autokennzeichen registriert. Kohlereviere wurden abgeriegelt; es war bald nicht mehr möglich, sie zu betreten oder zu verlassen, ohne von der Polizei kontrolliert zu werden. Willkürliche Festnahmen waren an der Tagesordnung. Gewerkschaftsmitgliedern wurde offen gedroht, ihre Familien eingeschüchtert. Der Inlandsgeheimdienst MI5 bespitzelte die Bewegung systematisch. Binnen weniger Wochen befand sich Großbritannien in einem Zustand, der mehr an einen Bürgerkrieg denn an einen Arbeitskampf erinnerte.

Die Schlacht von Orgreave

Traurige Berühmtheit erlangte ein Aktionstag an einer Zeche im südlichen Yorkshire, wo es zu ersten ernsthaften Zusammenstößen zwischen Polizei und Streikenden kam. Wie bei dem ganzen Streik selbst schieden und scheiden sich die Geister an diesem Ereignis, das selbst zum Politikum geworden ist. Etwa 6.000 flying pickets, die aus dem ganzen Land zusammengetrommelt worden waren, um den Abtransport von Kohle zu verhindern, lieferten sich stundenlang regelrechte Gefechte mit der Polizei, die in gleicher Zahl angerückt war. Dabei zeigten sich die Kumpel wenig zimperlich: ein Steinhagel prasselte auf die Sicherheitskräfte nieder, als diese das Gelände zu räumen versuchten. Die Polizei ging mit rigoroser Brutalität vor. Ohne Vorwarnung galoppierten Reiterstaffeln in die Menschenmenge und knüppelten mit ihren gefürchteten Langstöcken alles und jeden nieder; auch den einen oder anderen Journalisten erwischte es. Insgesamt 58 abgerichtete Hunde wurden auf die miners gehetzt. Nachrichtenbilder von blutüberströmten Gesichtern erschütterten tags darauf die Insel.
Das Medienecho war bemerkenswert einhellig. Zwar wurde hier und dort im Nebensatz verhaltene Kritik am Vorgehen der Polizei geäußert, die Taktik an sich jedoch nicht ernsthaft infrage gestellt. Erschrocken dagegen zeigten sich Rundfunk und Presse über die streikenden Bergarbeiter, die jede Verhältnismäßigkeit verloren hätten. Wie hatte es nur dazu kommen können? Die Ursache war schnell gefunden. Die Arbeiter waren verführt; verblendet durch einen machthungrigen, skrupellosen Marxisten, der die Nation ins Chaos zu stürzen drohe: NUM-Präsident Arthur Scargill.

Der Feind im Innern

Die mediale Fokussierung auf Scargill als Demagogen war in mehrfacher Hinsicht übertrieben. Mochte er auch eine wichtige Rolle spielen, war das Engagement der Bergleute doch echt und keineswegs fremdbestimmt. Des Weiteren zählt es zu den klassischen Missverständnissen der 1980er Jahre, in diesem Konflikt das Ringen um verschiedene Gesellschaftsmodelle (unter den Vorzeichen des Ost-West-Konflikts) zu sehen. Der britische Bergarbeiterstreik war in den Mitteln militant, nicht aber in 175 seiner Intention. Die NUM kämpfte für den Erhalt von Arbeitsplätzen und um ihre Position als mächtige Gewerkschaft. Es ging ihr schlicht um die Verteidigung jener Reformen, die sie mühsam in Jahrzehnten errungen hatte. Eine politische Absicht verfolgte dagegen sehr wohl die Regierung. In einem internen Strategiepapier hatte die Premierministerin im Vorfeld des Streiks es als unumgänglich auf dem Weg zu mehr Marktwirtschaft erklärt, die Macht der großen Gewerkschaften zu zerschlagen, allen voran die der NUM.
Geschickt verstand Maggie Thatcher, die Dramatisierung des Streiks durch die Medien zu schüren und zu nutzen, bis hin zur schicksalhaften Entscheidung dafür oder dagegen, der sich niemand entziehen könne. So wie der Falklandkrieg zwei Jahre zuvor ein Kampf gegen den äußeren Feind gewesen war, sei die Abwehr des Bergarbeiterstreiks nun der Kampf gegen den Feind im Innern. Szenen von Gewerkschaftern, die fahrende Autos von Streikbrechern solange mit Steinen bewarfen, bis alle Scheiben zerschlagen waren, passten in dieses Bild. (Bei einer Aktion dieser Art kam sogar ein Mann zu Tode.)
Neben der gezielten Polarisierung der Bevölkerung setzte die Regierung auf die Spaltung der Arbeiterschaft. Ein Mythos von 1984, dem bis heute kaum widersprochen wird, ist der um »Rule 41«, einen Satzungsartikel der NUM, der die landesweite Urabstimmung für einen Streik regelt. Demzufolge hätte die Clique um Scargill den Streik an der Gewerkschaftsmehrheit vorbei inszeniert, dem Streik fehle daher jede Legitimation. Tatsächlich verloren Scargill und die NUM einen diesbezüglich angestrengten Gerichtsprozess, und die NUM büßte gar ihr gesamtes Vermögen ein. Doch es wäre unmöglich gewesen, einen so harten Arbeitskampf gegen den Willen der meisten Kumpel so lange durchzustehen. Dies zeigt das Beispiel Nottinghamshire, ein Kohlerevier von zentraler Bedeutung für die landesweite Energieversorgung, wo nur 6.000 von 31.000 Bergleuten streikten. Zwar versuchte es die NUM, scheiterte aber, gegen eine Mehrheit von Streikbrechern die Kohleförderung effektiv zu behindern. Es ist eine Frage, inwiefern der Streik legal war; ihm jedoch die Legitimation durch die Kollegen abzusprechen, war in Anbetracht der massiven Beteiligung absurd. Die NUM-Führung argumentierte darüber hinaus, dass niemand das Recht habe, seine Kollegen aus dem Job zu wählen, indem er sie am Streiken hindert.

Isolierung der NUM

Dessen ungeachtet wurde immer wieder vom Verstoß gegen den Artikel 41 gesprochen, auch innerhalb der NUM darüber gezankt. Zum einen gab es innerhalb der Gewerkschaft einen gemäßigten, wenig streikwilligen Flügel, der lokal dort stark war, wo sich die Kumpel von Zechenschließungen nicht bedroht fühlten. Zum anderen vermischte sich mit dem Mythos um Rule 41 die im Verlauf des Streiks wachsende Unzufriedenheit über den selbstgefälligen, autoritären Führungsstil Scargills. So haftete dem Bergarbeiterstreik bald der Makel der Unverantwortlichkeit an; wesentliche Teile der britischen Arbeiterschaft gingen auf Distanz zu den miners. Besonders schmerzlich und strategisch fatal war dies im Fall der Stahlarbeitergewerkschaft, die traditionell mit den Bergleuten eng verbunden war. Sie verweigerte schon früh und ausdrücklich ihre Solidarität. In der Folge kam es sogar zu Schlägereien zwischen Stahl- und Kohlearbeitern auf offener Straße.

Zu einem Generalstreik, den die NUM bitter nötig gebraucht hätte und den Scargill später auch einfordern sollte, kam es nicht. Zwar verweigerten Hafen- und Transportarbeiter die Arbeit, sobald sie Kohle befördern sollten, es kam sogar zu einigen mehrwöchigen Solidarstreiks. Doch insgesamt verhielt sich die britische Arbeiterklasse passiv. Die Gewerkschaftsbosse hofften, letztendlich über politischen Druck mittels der Labour Party, mit der sie damals noch eng verzahnt waren, etwas erreichen zu können, und fürchteten durch zu starke Militanz der Basis ihren Einfluss einzubüßen. Viele Arbeiter und Arbeiterinnen wiederum schüchterte die Drohung, wegen eines Solidarstreiks gefeuert zu werden, zu sehr ein. Was nicht heißt, dass es keine Unterstützung gegeben hätte. In Großbritannien und in Europa wurden insgesamt Spenden von über 65 Millionen Pfund für die Bergarbeiter gesammelt, einschließlich Kleider-, Sach- und Essensspenden. Auch im Ausland, wo der Streik mit großem Medieninteresse verfolgt wurde, organisierten Gewerkschaften Hilfe für ihre britischen Kollegen.
Im Land selbst war der Streik nach einigen Monaten Verlauf zum Politikum um die Regierung Thatcher geworden. Besonders die politische Linke solidarisierte sich mit den Bergleuten. Dabei reichte das Spektrum vom liberalen Bürgertum über Schwulen- und Alternativszene bis hin zum politischen Punk. Kaum eine Woche verging ohne Benefizkonzert.
Doch was war das alles wert? Großbritannien kannte keine Streikkassen. Wer streikte, stand ohne Einkommen da. Lediglich Familien mit Kindern wurde eine lächerliche Sozialhilfe gezahlt; umgekehrt wurde ihnen aber die sonst kostenlose Schulspeisung verweigert. Es dauerte nicht lange und Tausende Familien saßen ohne Licht und Heizung da und waren völlig von Almosen abhängig. Im Verlauf des Streiks nahm somit der Druck auf jeden einzelnen Bergarbeiter zu. Viele sahen den Ausweg nur darin, Streikbrecher zu werden. Freundschaften, Ehen, Familien gingen daran zugrunde. Zum Ende des Streiks hin erschien der Kampf immer mehr ausweglos. Obgleich der Streik die Regierung die äußersten Reserven kostete, zeigte sie sich unerschüttert. Die von ihr initiierte »Gewerkschaft der Streikbrecher« gewann von Tag zu Tag neue Mitglieder. Genau ein Jahr nach Ausbruch des Streiks erklärte ein landesweiter Delegiertenkongress der NUM den Streik mit knapper Mehrheit für beendet. Die letzte Zeche ging drei Tage später wieder zur Arbeit über.

Wer Geschichte macht

Trotz der Niederlage in der Sache fanden damals viele Positives am Streik. Entschlossenheit und Solidarität waren beeindruckend gewesen, die Situation hatte viele Gemeinschaften zusammengeschweißt. Doch nichts blieb davon übrig. Von damals 170 Zechen überlebten gerade einmal 15; statt ursprünglich 580.000 gibt es heute noch knapp 6.000 Bergarbeiter; die einst gefürchtete NUM ist zur Bedeutungslosigkeit geschrumpft. Ganze Regionen verfielen in Agonie, viele zogen fort, Drogenabhängigkeit und Selbstmorde nahmen sprunghaft zu. Die typischen Arbeiterstädte Großbritanniens gibt es nicht mehr, eine ganze Kultur wurde vernichtet.
Das Inselreich unter dem Union Jack wurde zum Musterland der New Economy. Für die Regierung und ihre kapitalistische Klientel stellt dies den ersehnten Fortschritt dar, für die gesamte britische Arbeiterklasse den Verlust fast aller in hundert Jahren Arbeitskampf mühsam erkämpfter Zugeständnisse. Weder Führung noch Basis der britischen Gewerkschaften begriffen rechtzeitig Bedeutung und Tragweite der Auseinandersetzung. Es war kein Streik um Arbeitsbedingungen, sondern ein auf 177 die Spitze getriebener Machtkampf zwischen Arbeit und Kapital. Die Regierung wollte nicht einfach Löhne senken, sondern die Kohleindustrie als solche und die organisierte Arbeiterschaft als ganzes zerschlagen.
Der Sieg Thatchers bedeutet einen Wendepunkt nicht nur in der britischen Geschichte. Er war von internationaler Signalwirkung, bedeutete er doch den Start-schuss für den weltweiten Rückbau sozialer Reformen. Den traditionellen großen Gewerkschaften waren ihre Grenzen aufgezeigt worden. Auch die Linke wandelte sich. Sie verlor ihren Klassenbezug und verstieg sich auf moralische Schlachtfelder. An die Stelle der geballten Faust trat der erhobene Zeigefinger.
Die Schlüsselrolle für den Ausgang des Streiks markiert die Solidarität. Am Ende kam der Jubel von der falschen Seite, der es schlicht um die politische Bekämpfung der Tories ging, während die Unterstützung durch die richtigen ausblieb. Die Arbeiterklasse hätte sich gemeinsam und international wehren müssen. Thatcher hatte die Systemfrage gestellt. Das hätte die Arbeiterbewegung auch tun müssen.


»So etwas wie Gesellschaft gibt es nicht«
Der Thatcherismus und die Brechung der Gewerkschaftsmacht
Holger Marcks

Nein, Maggie Thatcher ist keine Revolutionärin, auch wenn viele sie als solche sehen. Ganz im Gegenteil, mit einer frisch konservierten Klassengesellschaft und einem frikassierten Sozialstaat servierte sie als britische Premierministerin ein reaktionäres Allerlei - und eröffnete in Europa die neoliberale Ära der kapitalistischen Selbstbedienung. Der Konflikt, der sich im Bergarbeiterstreik von 1984/85 dartat, war dabei die entscheidende Hürde, die die Thatcher-Regierung zu nehmen hatte, um ihre neoliberalen Wirtschaftspolitik umsetzen zu können. Ziel war dabei weniger die Umstrukturierung des britischen Bergbaus selbst, sondern die Entmachtung der Gewerkschaften, um die gesellschaftliche Kräftekonstellation umzuwerfen und damit die Wirtschaft für private Unternehmen abzusichern.

Die Primmadonna des Neokonservatismus

Heute ist es kaum mehr möglich, sich konservative Parteien ohne wirtschaftsliberale Politik vorzustellen. Das war vor geraumer Zeit noch anders und geht wesentlich auf die neoliberale Vorhut der Thatcheristen und Reaganomics zurück. Noch im Großbritannien der 1970er Jahre hatten sich die Tories der sozialen Marktwirtschaft verschrieben: staatliche Industrie und Keynesianismus waren heilige Kühe, die selbst sie nicht anzutasten wagten. Dies änderte sich ruckartig, als die Thatcher-Clique das Ruder bei den Tories übernahm. Ihre Vorstellungen wurden als Neokonservatismus bekannt, ihre Politik ging als »konservative Revolution« in die Geschichte ein.
Margaret Thatcher, die sich bereits 1970 als Kultus- und Wissenschaftsministerin landesweit als »Milchräuberin« einen Namen gemacht hatte, als sie die Gratismilch in den Primarschulen abschaffte, konnte infolge der konservativen Wahlniederlage 1975 innerparteilich gegen Edward Heath putschen und in die Rolle der Parteivorsitzenden und Oppositionsführerin schlüpfen. Sie versammelte um sich eine Clique von neoliberalen Kadern, allen voran ihr Mentor Keith Joseph, der als »neoliberaler Mönch« bekannt wurde.
Von nun an bestimmten scharfe Attacken gegen die Sowjetunion und die Forderungen nach »Ausmerzung des Sozialismus« - im Außen und Innern - die politische Rhetorik der Thatcher-Clique. Abgesehen von ihren früheren Auftritten als rechte Parteidissidentin (Thatcher stimmte mehrfach gegen ihre eigene, »zu schlappe« Regierung), hatte sie sich gerade als glühende Antikommunistin einen Namen gemacht. Den 1976 von Radio Moskau vorgebrachten Spitznamen »Eiserne Lady« nahm sie begeistert auf, den dazu entstehenden Mythos pflegte sie in selbstgefälliger Weise mit geschickten Inszenierungen. Die »radikale Reaktion« Die Thatcher-Clique hatte zunächst einen harten Stand; ihre Lehren, die der uralten klassisch-liberalen Wirtschaftskonzeption entstammen, wurden auch von den meisten Konservativen abgelehnt, die eine gemischte Wirtschaft und keynesianische Finanz- und Wirtschaftspolitik befürworteten. Für die Thatcher-Clique roch das schon nach Kommunismus. Sie kritisierte den »keynesianischen-kollektivistischen Schematismus«, wetterte gegen diese »sozialistischen Moden« und den »Staatlichen Dirigismus«. Zur Herbeiführung einer geistigen Trendwende schufen sie 179 Thinktanks und starteten einen jahrelangen Propagandamarathon; Politik und Kultur des Landes sollten radikal verändert werden, indem man Einfluss auf die Meinungsmacher nahm. Der Leiter eines solchen Thinktanks, Ralph Harris, bezeichnete dies unverhohlen als den Weg der »radikalen Reaktion«.
In diesem »intellektuellen Guerillakrieg« (Keith Joseph) wurden vor allem der Wohlfahrtsstaat, die verstaatlichten Industrien, der Keynesianismus und die Gewerkschaftsmacht unter Beschuss genommen. Den Hintergrund dieser Propagandaoffensive bildete die anhaltende Wirtschaftskrise, die man eben in diesen Erscheinungen verschuldet sah. Ihres Erachtens seien es die Unternehmer, die den Wohlstand einer Nation schaffen würden, und diese müssten entsprechend belohnt oder sanktioniert werden. »Was Großbritannien braucht, sind mehr Millionäre und mehr Bankrotteure«, proklamierte Joseph. Und Thatcher forderte die Abschaffung des »Kindermädchenstaates« und seine Ersetzung durch eine »Unternehmerkultur«. Zugrunde lagen dieser Ideologie insbesondere die Theorien von Friedrich von Hayek (der eine unternehmerische MikroÖkonomie befürwortete) und von Milton Friedmann (der einen Monetarismus vertrat).
Mit der Machtübernahme nach dem konservativen Wahlsieg 1979 machte sich Thatcher nun Stück für Stück an die Umsetzung dieser politischen Visionen, die als Thatcherismus bekannt wurden. Ihre Vorstellung von britischer Größe und Bedeutung verfolgend, führte sie eine kriegerische und konzessionslose Außenpolitik. Als die beiden großen Probleme der britischen Wirtschaft galten ihr das »Monopol der verstaatlichten Industrien und das Monopol der Gewerkschaften«. Und so führte sie denn auch einen rigorosen Feldzug gegen ihre gewerkschaftlichen Erzfeinde, die sie als »Feind im Inneren« brandmarkte.
Gewerkschaftsmacht vor Thatcher
Die Rolle der britischen Gewerkschaften bis zu den 1980er Jahren ist recht speziell und oft schwer durchschaubar. Vor den Umwälzungen in der Thatcher-Ära teilte sich die gesellschaftliche Kräftekonstellation in drei quasi gleichwertige Akteure auf: Regierung, Arbeitgeber und Gewerkschaften. So stellten seit den 1950er Jahren die Gewerkschaften einen nicht zu übergehenden Einflussfaktor dar, der nicht nur ökonomisch begründet, sondern politisch Teil des »nationalen Konsens« war.
Wenn auch keinesfalls revolutionär ausgerichtet, so verstanden sich viele Gewerkschaften nicht als Sozialpartner, sondern als Widerpart der Arbeitgeber. Aus diesem Selbstverständnis heraus sahen sie, jegliche Kooperationsformen zurückweisend, ihre Aufgabe in der bestmöglichen Interessenvertretung ihrer Mitglieder.
Aufgrund der durchgehaltenen Tradition, Staat und Gerichte aus den Arbeitsbeziehungen herauszuhalten, existierten keine rechtliche Tarifverbindlichkeit sowie eine teilweise Immunität gegenüber der Strafverfolgung gewerkschaftlicher Aktivitäten. Da zusätzlich die multigewerkschaftliche Gesamtheit z.B. branchenweite Übereinkünfte eher ausschloss, verlagerte sich die Verhandlungsebene zunehmend auf den Betrieb. Hier spielten die shop Stewards eine entscheidende Rolle, die in ihrer relativen Autonomie gegenüber der Gewerkschaftszentrale oft und schnell als Initiatoren von Arbeitskämpfen auftraten, die nicht als letztes Mittel, sondern als konventionelle Handhabe des Interessenausgleichs angesehen wurden. Weiterhin stützten sich die Gewerkschaften auf das Prinzip des closed shop, das die Streikwaffe deutlich schärfte. Streiks standen in Großbritannien auf der Tagesordnung und die Beziehungen zwischen Arbeitnehmern und -gebern glichen gewissermaßen einem »dauernden Krieg«.
Alles in allem konnten die Gewerkschaften durch diese Machtfülle und den permanenten Konflikt große Vorteile für ihre Mitglieder herausholen, was höhere Löhne, Arbeitsplatzerhalt und restriktive Arbeitspraktiken umfasste. Private Unternehmen sahen in diesem für sie unkontrollierbaren Arbeitsmarkt und den inflexiblen Arbeitspraktiken, von den Thatcheristen auch als »featherbedding« (Verhätschelung) bezeichnet, eine gravierende Behinderung der Produktivität.
In der Tat hatte dieser Zustand eine verheerende Wirkung auf die britische Wirtschaft, die einen permanenten Niedergang zu verzeichnen hatte. Bei aller Macht der organisierten Arbeiterschaft, die Arbeitslosigkeit wurde zu einer allgemeinen Belastung. Hierin zeigte sich dann auch das Dilemma der britischen Gewerkschaften - allerdings nicht wegen ihrer Weigerung, eine kooperativere, produktivistische Haltung innerhalb der Produktionsverhältnisse im Kapitalismus einzunehmen, sondern wegen der Unfähigkeit, ihre quantitative Stärke zur Überwindung der Verhältnisse zu nutzen.
Zum letzten Gefecht
Da die Gewerkschaften keine weitergehende Perspektive boten, war es für Thatcher ein Leichtes, sie vor der Öffentlichkeit als Sündenböcke darzustellen, die eine egoistische Lohnpolitik ohne Rücksicht auf gesamtwirtschaftliche Folgen praktizieren würden. Unter dem Eindruck eines »Gewerkschaftsstaates« wurden die Wirkungen der Gewerkschaften als »britische Krankheit« diagnostiziert. 1979 veröffentlichte ein Hauptberater Thatchers eine Schrift, die Programm werden sollte: »Die Lösung des Gewerkschaftsproblems ist der Schlüssel zu Großbritanniens Genesung.«
Tatsächlich waren die Gewerkschaften ein Umstand, der im Programm des Thatcherismus mehr als störend war. Zu den Eckpunkten dieser stark liberal-konservativen Ideologie gehörte der freie Markt, eine monetaristische Wirtschaftspolitik und die drastische Einschränkung staatlicher Sozialleistungen, was eine Privatisierung staatlicher Betriebe und die Minimierung der Staatsrolle notwendig machte. Gewerkschaftsmacht stellt für diesen Marktfundamentalismus, der allein auf den privaten Sektor als alles regulierende Kraft vertraut und jeden Menschen zum Unternehmer erklärt, eine Unvereinbarkeit dar. »So etwas wie Gesellschaft gibt es nicht«, proklamierte Thatcher konsequenterweise, und setzte an die Stelle sozialer Vorstellungen den Egoismus der konkurrierenden Einzelnen. Und Gewerkschaften wirkten darauf nun mal »marktverzerrend«.
Bereits 1979 hatte die Regierung Analysen durchführen lassen, unter welchen Bedingungen die Konfrontation mit den Gewerkschaften geführt werden müsste. Und so wurden schrittweise Gesetze erlassen, die die Machtmittel der Gewerkschaften immer weiter aufweichten: allmähliche Eliminierung des closed shop, Verbot der flying pickets, Schadensersatzklagen bei Solidaritätsstreiks usw. Insbesondere der Konflikt mit den Bergarbeitern, unter denen die als übermächtig geltende National Union of Mineworkers (NUM) maßgeblich war, wurde von langer Hand geplant.
Bereits 1981 wies Thatcher die Nationale Kohlebehörde an, möglichst viel an Kohlereserven anzulegen, um einen mehrere Monate dauernden Streik aussitzen zu können. Im Weiteren wurde die Polizei zentralisiert und speziell für Arbeitskämpfe ausgebildet, Militär und Geheimdienste wurden herangezogen, und letztlich wurden die Grubenschließungs- und Privatisierungspläne zu einem Zeitpunkt öffentlich 181 gemacht, der hinsichtlich des Kohlebedarfs am günstigsten war.
Als nach einem Jahr Streik der Widerstand gebrochen und die Bergarbeitergewerkschaft stark geschwächt war (der Streik kostete die Regierung mehr als den Falklandkrieg), ging die Regierung alsbald gegen die Gewerkschaften in anderen Sektoren vor - mit Erfolg: das gigantische Privatisierungsprogramm konnte ohne größere Zwischenfälle realisiert werden, während Streik fast zu einem Fremdwort auf der Insel verkam.

Ein neoliberaler Tsunami

Die Folgen der Implementierung des Thatcherismus und der Brechung der Gewerkschaftsmacht in Großbritannien lassen sich auch heute kaum überblicken. Was hier sichtbar wurde, wurde zur globalen Agenda der heutigen Zeit. Wie es der amerikanische Ökonom Lester Thurow ausdrückte, »[hat] der Kapitalismus der Arbeiterklasse den Krieg erklärt, und er hat ihn gewonnen.«
Eingepfercht in die neuen Arbeitsgesetze und ratlos auf die neue ökonomische Situation, zentralisierten sich die britischen Gewerkschaften und begannen mit einer Lohnpolitik auf nationaler Ebene, was zur Folge hatte, dass jegliche vormalige Kampfkraft von unten ausgehebelt wurde. Die Gewerkschaften wurden immer nutzloser für die Durchsetzung von Interessen und durch das Ausbleiben von Kämpfen löste sich immer mehr die gemeinsame Identifikation auf. Als so die Organisationsmacht der Gewerkschaften in Großbritannien gebrochen wurde, kam es allmählich zum Einbruch an der gesamten »Front« der organisierten Arbeiterschaft, verstärkt durch das Aufkommen neuer Märkte mit desorganisierten Arbeiterschaften in den ehemals kommunistischen Ländern (ein weiterer Trümmerhaufen, den die marxistische Arbeiterbewegung hinterlassen hat). Die Konkurrenzfähigkeit des Standortes, die die Thatcheristen zur obersten Maxime erhoben, beruhte in erster Linie auf der gesteigerten Konkurrenz der internationalen Arbeiterklasse.
Neoliberalisten a la Thatcher behaupten, die Rolle des Staates und seinen Dirigismus abzubauen und zu einer Demokratisierung beizutragen, in dem mit der Gewerkschaftsmacht ein »Staat im Staate« beseitigt werde. In Wirklichkeit handelt es sich dabei nur um pseudo-egalitäre Phrasen, die über den totalitären Charakter der kaum einer Kontrolle unterliegenden Unternehmen hinwegtäuschen sollen. Der Staat solle verschlankt werden, in dem er nicht weiter regulierend in die Ökonomie interveniert. In Wirklichkeit ist dieser »schlanke Staat« ein starker Staat, der permanent auf die Ökonomie zugunsten der Besitzenden einwirkt. Man preist die Dezentralisierung der Unternehmensstrukturen, die in Wirklichkeit zu einer Zentralisierung von privater Macht und Entscheidungskompetenzen führt. All das unter dem Credo der Freiheit.
Spätestens hier wird deutlich, dass der Neoliberalismus zwangsläufig auch eine Frage der Deutungsmacht ist, eine Tatsache die untermauert wird durch die Bedeutung, die die Thatcheristen ihrem propagandistischen Kreuzzug beigemessen haben. Die neoliberale Sprache deutet systematisch Partikularinteressen zu einem gemeinsamen um und verdreht Sachverhalte durch Abstraktionen in ihr Gegenteil. Wie viele Volkswirtschaften wurden durch neoliberale Politik wieder auf Vordermann gebracht, sind jetzt wieder »produktiv« und »konkurrenzfähig«? Glauben wir den Neoliberalisten, so geschehen hier Wunder am Fließband. In Großbritannien z.B. lobte und lobt man das ständige Mehr an Bruttosozialprodukt, Marktangebot, Fortschritt, Gesamtvolkseinkommen usw. Mehr wurde aber vor allem die Armut: noch 1980 lebte 1 Prozent der britischen Bevölkerung unter der Armutsgrenze - 1993 waren es 21 Prozent. Es ist eben alles eine Frage des Blickwinkels. Weniger des Einzelnen als der Klasse.



Der König aus dem Revier

Der britische Arbeiterführer Arthur Scargill
Matthias Seiffert

Arthur Scargill gehört zu den schillerndsten Figuren der jüngeren britischen Geschichte. Als Präsident der National Union of Mineworkers (NUM) spielte er während des Bergarbeiterstreiks von 1984/85 eine herausragende Rolle. Er war gefürchtet als geschickter Organisator, der es verstand, die Gewerkschaftsaktivisten zu mobilisieren und effektiv bei Arbeitskämpfen einzusetzen. Scargill war berühmt für seinen engagierten, heißblütigen Redestil. Innerhalb der Arbeiterbewegung und der Linken ist er bis heute umstritten, während er in den Augen der Rechten lange Zeit den Stellenwert des Staatsfeinds Nr. 1 inne hatte. Gerüchte, er sei ein Agent der Sowjetunion oder gar Libyens gewesen, konnten niemals vollständig ausgeräumt werden.
Scargill entstammt einer schottischen, kommunistischen Bergarbeiterfamilie und wuchs im Kohlerevier von Süd-Yorkshire auf. Geboren in einem Vorort von Barnes-ley in der Nähe von Sheffield, begann Scargill bereits mit 15 Jahren, als Bergmann unter Tage zu arbeiten. Als 16jähriger trat er der Young Communist League (YCL), der Jugendorganisation der Communist Party of Great Britain (CPGB), bei. Die CPGB übte seit den 1950er Jahren einen starken Einfluss auf die Bergarbeiter in Yorkshire aus, die als besonders militant galten. Scargill engagierte sich leidenschaftlich in der YCL und wurde von ihr 1957 zum Weltjugendfestival nach Moskau delegiert. Mit gerade einmal 22 Jahren kandidierte er 1960 zu Kommunalwahlen in Yorkshire für die CPGB, der er allerdings niemals beigetreten sein will. 1962 ging er in die Labour Party. Sein eigentliches Betätigungsfeld aber wurde die Gewerkschaft.
Scargill machte sich bald einen Namen als fähiger Organisator und Agitator bei Arbeitskämpfen, der die Konfrontation nicht scheute. Während des Bergarbeitstreiks von 1972, dem größten in England seit dem Generalstreik von 1926, stieg er zum unbestrittenen Führer der Kumpel von Yorkshire auf. Der Streik endete mit einem grandiosen Sieg der NUM, praktisch alle Forderungen wurden erfüllt, einschließlich einer Lohnerhöhung von 27 Prozent. Die Regierung von Edward Heath kam gehörig ins Straucheln und trat bald zurück. Scargill gelangte zu landesweitem Ruhm, nachdem er in der »Schlacht von Saltley Gate« als Koordinator von flying pickets mit regelrecht militärischem Geschick die Polizei gefoppt hatte. Im Jahr darauf stieg er zum lokalen NUM-Chef auf.
In den folgenden Jahren avancierte Scargill zum Wortführer des linken Gewerkschaftsflügels und lieferte sich mit dem gemäßigten Flügel einen harten Machtkampf innerhalb der NUM. Er endete mit einem Sieg der Linken, und 1981 wurde Scargill zum nationalen Präsidenten gewählt - auf Lebenszeit (im Jahr 2000 trat er schließlich zurück).
Sein Führungsstil war von Anfang an umstritten. Um sich herum versammelte er einen harten Kern ihm treu ergebener Kader, mit denen er innerhalb der Gewerkschaft Politik machte, oft an den offiziellen Strukturen vorbei, und Gegner ausbootete.

Ohne Scargill wäre es wohl nie zum Streik von 1984/85 gekommen. Als er in Stellungnahmen die Pläne der Regierung zu Zechenschließungen als Absicht bezeichnete, die Kohleindustrie komplett abzuwickeln und die NUM zu zerschlagen, hielten viele Kumpel das für übertrieben. Dennoch gelang es Scargill, den landesweiten Streik zu organisieren, freilich ohne eine Urabstimmung abzuwarten, deren Ausgang ungewiss gewesen wäre. Er wurde dafür scharf angegriffen und die Regierung Thatcher warf der NUM vor, eine undemokratische Organisation zu sein.
In den britischen Medien reifte Scargill rasch zum eigentlichen politischen Gegenspieler Thatchers heran. Zu blass, zu wenig telegen, zu langweilig wirkte der damalige Oppositionsführer, Labour-Chef Neil Kinnock. Scargill hatte Charisma, war laut, polemisch und provokant. Ohne Frage gefiel er sich in der Rolle als eigentlicher politischer Antagonist zur Premierministerin. Gerne sagte er das, was die Presse hören wollte, benutzte Reizwörter wie »Sozialismus« und »Revolution«. Gerüchte kamen auf, Scargill sei Mitglied der Kommunistischen Partei gewesen und plane einen Umsturz, finanziert von der UdSSR (oder von Libyen). Tatsächlich machte Scargill nie einen Hehl aus seinen Sympathien für den Ostblock, er verteidigte sogar Stalin und verurteilte den Streik der Solidarnosc in Polen als Untergrabung des Sozialismus. Dennoch nahm er damals eine eher unorthodox-marxistische Position ein. Er bezeichnete den gewerkschaftlichen, sozialen Kampf auf dem Weg zur Revolution für wichtiger als den parlamentarischen, redete der direkten Aktion das Wort und ermunterte die Arbeiterklasse, dezentrale, selbstorganisierte Strukturen zu schaffen.
In der Auseinandersetzung mit der Regierung beging Scargill eine Reihe von fatalen taktischen Fehlern und bewies mangelnde strategische Weitsicht. Viel zu spät begriff er die politische Dimension und die Notwendigkeit branchenübergreifender und internationaler Unterstützung. Auf einem geheimen Treffen mit den Bossen der wichtigsten Gewerkschaften des Trades Union Congress (TUC) in der ersten Streikphase hatte er noch erklärt, die NUM sei stark genug, den Streik aus eigener Kraft zu gewinnen. Als er Monate später den TUC um Hilfe geradezu anbettelte, hatten die anderen Gewerkschaften ihr Angebot längst unwiderruflich zurückgezogen. Ebenso hatte er den Wert von Militanz überschätzt. Gewalttätige Auseinandersetzungen zeigten meist nur vorübergehende Erfolge, zogen aber in den Medien ein immer schlechteres Image der NUM nach sich. Auch seitens der Streikenden wurde er zunehmend als selbstherrlich kritisiert. Die Sympathien in der britischen Bevölkerung für die NUM sanken rapide, desto länger der Streik währte. Scargill machte dabei eine immer schlechtere Figur. Nachdem er sich selbst mit Polizisten geprügelt hatte, geriet er endgültig ins Abseits. Am Ende wirkte er mehr wie ein tragischer Clown, der hysterisch vor sich her keifte, denn wie ein Volkstribun, als den er sich verstand.
Nach dem Parteitag von 1996, der den Kurs hin zu »New Labour« ebnete, trat Scargill aus der Labour Party aus und gründete eine eigene Partei. Bis 2006 blieb er Vorsitzender dieser Socialist Labour Party (SLP), der jedoch keine Erfolge beschieden waren. Als Unterhauskandidat scheiterte Scargill zweimal kläglich mit kaum 2 Prozent der Stimmen in seinem Wahlkreis.


Arbeitskämpfe in Großbritannien

Vom Zweiten Weltkrieg bis zum großen Bergarbeiterstreik
1945: Die Labour Party gewinnt die Wahlen mit einer überwältigenden Mehrheit.
1946: Aufhebung der Gewerkschaftsgesetze, die die Aktivitäten der Gewerkschaften während des Krieges beschränkten.
1947-48: Verstaatlichung der Kohleindustrie, des Bahnwesens sowie des Stromversorgungsnetzes.
1948: Die Regierung ruft den Ausnahmezustand infolge eines großen Hafenarbeiterstreiks aus. Der Trades Union Congress (TUC) macht dem Staat Zusagen, sich bei Lohnforderungen zurückzuhalten.
1949: Nach einer Abwertung des britischen Pfunds stimmt der TUC einer Aussetzung von Lohnkonflikten zu.
1950: Die Labour Party gewinnt erneut die Wahlen. Der TUC verkündet das Ende der Zurückhaltung.
1951: Verstaatlichung der Stahlindustrie. Rücknahme eines Gesetzes, das das Recht auf Streik einschränkte.
1955: Hafen-, Bahn- und Zeitungsarbeiterstreik während der allgemeinen Wahlen. Sieg der Konservativen in den Wahlen; die Regierung ruft den Ausnahmezustand aus.
1957: Streik der Ingenieure und Schiffsbauer.
1958: Streik der Londoner Busfahrer.
1961: Verordnung einer Lohnpause in der verstaatlichten Industrie; die Arbeiterinnen in den Elektrizitätswerken ignorieren die Verordnung und kämpfen für höhere Löhne.
1962: Größte Streikbewegung seit dem Krieg: ca. 4,4 Mio. Streikende.
1963: Die Arbeitslosigkeit steigt zwischenzeitlich auf ca. 900.000.
1966: Wahlsieg der Labour Party. Ausrufung des Ausnahmezustands infolge eines sechswöchigen Streiks der Seemänner. Vorübergehende Einfrierung der Lohnzahlungen.
1969: Auseinandersetzung über Reformierung der Gewerkschaftsgesetze. Die Regierung erlässt ein Gesetz zum Umgang mit inoffiziellen Streiks. Eine Vereinbarung zwischen dem TUC und der Regierung legt die Krise über die Gewerkschaftsgesetze bei.
1970: Die Konservativen unter Edward Heath gewinnen die Wahlen. Ausrufung des Ausnahmezustands infolge eines weiteren Streiks der Hafenarbeiter. Die Arbeiterinnen der Elektrizitätswerke setzen eine massive Lohnerhöhung durch.
1971: Die Postangestellten streiken für 20% mehr Lohn, erhalten letztlich 9%. Der TUC organisiert eine Massendemonstration gegen die neuen, drastischen Gesetze zur Regelung der Arbeitsbeziehungen, die letztlich im Parlament verabschiedet werden. Die Ford-Arbeiter streiken zwei Monate lang und setzen 33% mehr Lohn durch; die Bahnarbeiter streiken für 25% Lohnerhöhung, erhalten letztlich fast 10%.
1972: Ein Bergarbeiterstreik endet mit der totalen Niederlage der Regierung. Die Arbeitslosigkeit erreicht die Millionmarke. Bahnarbeiter drohen mit einem Streik für 16% mehr Lohn, die Regierung gibt nach. Die Regierung versucht die Gewerkschaftsführungen rechtlich für die ausufernden wilden Aktionen der shop Stewards verantwortlich zu machen, scheitert aber an einem Urteil des Arbeitsgerichts.
1973: Die Bergarbeiter verweigern landesweit die Überstunden; die Regierung erklärt den Ausnahmezustand.
1974: Erneuter Bergarbeiterstreik zwingt die Regierung zu vorgezogenen Wahlen, die sie verliert. Minderheitsregierung der Labour Party; den Bergarbeitern werden 29% mehr Lohn angeboten. Rücknahme der Gesetze zur Regelung der Arbeitsbeziehungen
1975: Die Bergarbeiter erhalten letztlich eine 35-prozentige Lohnerhöhung.
1977: Nationaler Streik der Feuerwehrleute für 30% mehr Lohn; der TUC verweigert ihnen die Unterstützung. Arbeitslosigkeit steigt auf ca. 1,4 Mio. (5,5%).
1978: Ende des Feuerwehrstreiks nach Zusage eines neuen Lohnsystems durch die Regierung. Der TUC macht gegen gesetzliche Restriktionen der Lohnzahlungen durch die Regierung mobil. Nach neun Wochen Streik setzen die Ford-Arbeiterinnen 16,5% mehr Lohn durch.
1979: Die Lohnpolitik der Regierung provoziert einen Streik von Angestellten des Öffentlichen Dienstes; vor allem die Schulen und Krankenhäuser sind davon betroffen. Wahlsieg der Konservativen unter Margaret Thatcher. Die Gewerkschaftsbewegung verzeichnet über 13 Mio. Mitglieder (55% der Arbeiterschaft); ca. 4,6 Mio. beteiligen sich an Streiks.
1980: Die Stahlarbeiter setzten in einem nationalen Streik 16% mehr Lohn durch. Die Regierung erlässt ein Arbeitsgesetz, das Solidaritätsstreiks, flying pickets und das Prinzip des closed shop angreift.
1981: Das Arbeitsministerium entwickelt Pläne zur Aufhebung der Rechtsimmunität von Streikenden und Gewerkschaften.
1982: Die Regierung siegt in einer Auseinandersetzung mit Bahnarbeitern um flexiblere Arbeitszeiten - eine folgenschwere Niederlage für die Gewerkschaft der Lokomotivführer. Ein weiteres Arbeitsgesetz wird verabschiedet; es hebt endgültig die rechtliche Immunität bei Solidaritätsstreiks auf, kriminalisiert politische Streiks, verpflichtet Gewerkschaften zu horrenden Schadensersatzzahlungen bei wilden Aktionen ihrer Mitglieder und stärkt die Position der Arbeitgeber beim Vorgehen gegen Streikende.
1983: Die TUC-Führung plädiert für einen »neuen Realismus« angesichts des Machtverlustes der Gewerkschaften. Ein nationaler Streik der Graphiker bei einem großen Zeitungskonglomerat endet mit einer katastrophalen Niederlage für deren Gewerkschaft infolge von hohen Geldstrafen und gerichtlichem Einzug des Gewerkschaftsvermögens. Die Arbeitslosigkeit überschreitet die Dreimillionenmarke (ca. 12%).
1984: Beginn des nationalen Bergarbeiterstreiks der National Union of Mineworkers (NUM). Die Regierung verabschiedet ein Gewerkschaftsgesetz, das den Gewerkschaften geheime Wahlen am Arbeitsplatz vorschreibt (im Vorfeld eines Streiks und zur Wahl der Gewerkschaftsführung); der Streik der NUM wird damit unrechtmäßig.
1985: Vernichtende Niederlage für die streikenden Bergarbeiter nach einjährigem Arbeitskampf.
1985ff: Ständige Niederlagen für die Gewerkschaften in Arbeitskämpfen. Die Regierung erlässt weitere Gesetze, die den Einfluss der Gewerkschaften weiter untergraben. Zwischen 1979 und 1990 verlieren die Gewerkschaften fast 4 Mio. Mitglieder; Streiks werden von Jahr zu Jahr weniger: 1991 beteiligen sich nur noch ca. 170.000 Arbeiterinnen an Streiks.



Kommentierte Bibliographie: Großbritannien 1984-1985

Ein Streik wie kein anderer

Der britische Bergarbeiterstreik von 1984/85 gehört zu den wenigen Arbeitskämpfen, zu denen umfangreich publiziert worden ist. Wissenschaftlich wurde der Streik schon sehr früh, praktisch noch während seines Verlaufs erstmals untersucht, v.a. in den Bereichen Soziologie und Politologie. Es liegt in der Natur der Sache, dass solchen Arbeiten die mangelnde zeitliche Distanz zum Untersuchungsgegenstand anzumerken ist. Exemplarisch sei hierfür eine der wenigen deutschsprachigen Monographien genannt, ursprünglich eine Magisterarbeit aus dem Jahre 1987, die zwei Jahre später veröffentlicht wurde: HENNER JÖRG BOEHL, Der britische Bergarbeiterstreik von 1984/85. Entscheidung eines Konflikts um Recht und Regierbarkeit, Bochum 1989, eine faktenreiche und durchaus informative Untersuchung, die besonders die historischen Entwicklungen der britischen Arbeiterbewegung im 20. Jahrhundert nachzeichnet. Doch ganz davon abgesehen, dass das Buch sprachlich holprig verfasst und nur mit Willenskraft zu lesen ist, haben die vom Autoren gezogenen Schlussfolgerungen bestenfalls den Wert, selbst als Quelle zu dienen für die Beobachtung typischer Fehleinschätzungen, denen Zeitzeugen aufsaßen. Von den zehn im Buch formulierten Thesen hält m.E. nicht eine der Überprüfung stand. Es ist schon bemerkenswert, wie sehr der Autor hier den Bergarbeiterstreik gewissermaßen durch eine thatcheristische Brille betrachtet. Wenn er z.B. den Streik der NUM -der Titel legt es schon nahe-als Versuch wertet, die Regierung zu stürzen, und sich darauf versteigt, der rechtlichen Frage der fehlenden Urabstimmung nachzugehen, ist die Frucht der intensiven Propaganda der britischen Regierung unübersehbar. Welche historische Zäsur der Ausgang des Streiks bedeutet, entging dem Autor vollends. Schließlich schwächelt BOEHLS Darstellung auch an begrifflichen Unzulänglichkeiten, wenn er etwa Arthur Scargill wiederholt als »revolutionären Syndikalisten« bezeichnet. Deutlich weniger naiv und mit dem nötigen zeitlichen Abstand verfasst ist dagegen die Arbeit von GERO FISCHER, United we stand - divided we fall. Der britische Bergarbeiterstreik 1984/85, Frankfurt a.M. & New York 1999. FISCHER legt den Schwerpunkt seiner Untersuchung auf Fragen der gewerkschaftlichen Solidarität und soziale Gesichtspunkte und begreift die Dimension des Streiks als historischen Umbruch. Neuere wissenschaftliche Darstellungen sind besonders über bestimmte Aspekte und einzelne, lokale Ereignisse vorgelegt worden, wie z.B. MICHAEL ATKIN, The 1984/85 Miner's Strike in East Durham, Durham 2001. Meinem Artikel liegt weiterhin neben wissenschaftlichen Publikationen eine Vielzahl von Broschüren und Flugschriften zugrunde, die während oder unmittelbar nach dem Streik herausgegeben wurden, so etwa von NUM-Basisgruppen aus Wales oder aus dem Umfeld der Zeitschrift Class War, die schon frühzeitig den hierarchischen und autoritären Charakter der Gewerkschaft bemängelte. Darüber hinaus führte ich Gespräche mit Zeitzeugen. In diese Richtung erwähnenswert ist außerdem eine Kampagne der BBC, die anlässlich des 20jährigen Jubiläums im Jahre 2005 Zeitzeugen aufforderte, ihre Erinnerungen an den Streik als E-Mails einzusenden; die Flut von mehreren 10.000 Einsendungen verdeutlicht eindrucksvoll, welchen Stellenwert dieses Ereignis im kollektiven Gedächtnis v.a. der britischen Arbeiterschaft einnimmt. Eine Auswahl hiervon war noch bis vor kurzem auf der Homepage der BBC einsehbar. Erwähnen möchte ich noch eine Radiosendung von 1984/85, »Musik für junge Leute« vom NDR, die immer freitags vom britischen Journalisten Paul Baskervill moderiert wurde. Diese Sendung glich bald einer reinen Streikberichterstattung, hinterlegt mit Mitschnitten von Benefizkonzerten und Interviews mit beteiligten Musikern, die den Streik unterstützten. Seine Spuren hinterließ der Streik schließlich auch in Musik und Film. So nannte sich eine erfolgreiche britische Popband der 1980er Jahre »Flying Pickets«; besonders im Punk-Genre wurde der Streik häufig als Anstoß für Texte genommen. Der Kinofilm »Billy Elliot - I will dance« (GB 2000) spielt während des Streiks. In mehreren Episoden der Fernsehserie »Cracker« (1993-2006, in Deutschland unter dem Titel »Für alle Fälle Fitz« ausgestrahlt) werden ebenfalls die Nachwirkungen des Streiks angesprochen, besonders in der Sonderfolge »Nine Eleven« (2006), die den Wandel der Stadt Manchester vom Arbeitermilieu zur New Economy schildert. Im Jahr 2001 entstand ein Dokumentarfilm vom privaten Fernsehsender CHANNEL 4 über die »Schlacht von Orgreave«, der mit vom Aktionskünstler JEREMY DELLER nachgestellten Svenen, die teilweise mit Veteranen der Auseinandersetzung gedreht worden waren, unterschnitten wurde. (Matthias Seiffert)

»So etwas wie Gesellschaft gibt es nicht«

Das Literaturvorkommen über Margaret Thatcher und den Thatcherismus ist buchstäblich erdrückend. Schon Mitte der 1980er war dieser Themenkomplex einer der meist bearbeiteten von Sozial- und Politikwissenschaftlern, was darauf hinweist, wie sehr man sich schon darnals der tiefgreifenden Bedeutung dieser Transformationen bewusst war. Bereits 1975, als sie Tory-Chefin wurde, erschienen drei Biographien über sie, mittlerweile liegen über zwei Dutzend davon vor. l.d.R. handelt es sich um Idealisierungen oder Schmähschriften, seltener um »neutralere« Werke, eine Polarisierung, die sich eigentlich auf fast allen Ebenen der Auseinandersetzung mit dem Thatcherismus zeigt und sich (ehrlich gesagt) auch nicht vermeiden lässt - zu sehr geht es bei Neoliberalismus um die Deutung der Welt. Einen allgemeinen Überblick über den Umfang der Literatur zum Thema Thatcher findet sich bei FAY-SAL MIKDADI, Margaret Thatcher. A Bibliography, London 1993; bedingt durch das Erscheinungsdatum natürlich nicht auf dem neuesten Stand, umfasst es doch den Zeitraum der intensiveren Auseinandersetzung mit Thatcher. Unbedingt gelesen werden sollte THATCHERS autobiographische Bearbeitung ihrer Regierungszeit, The Downing Street Years, London 1993, die erschreckende Inneneinblicke gewährt und mittels derer sich jede Person von ihrer äußerst reaktionären Haltung überzeugen kann (das Kapitel über den Bergarbeiterstreik trägt z.B. den vielsagenden Titel »Mr. Scargill's Insurrection«)- Eine sehr umfassende Darstellung der Durchsetzung des Thatcher-Kurses in der Tory-Partei vor der Machtübernahme 1979 bietet DOMINIK GEPPERT, Thatchers konservative Revolution. Der Richtungswandel der britischen Tories 1975-1979, München 2002. Eine interessante Kurzdarstellung zu der Thatcher-Clique und der Implementierung ihrer Politik findet sich bei DANIEL YERGIN & JOSEPH STANISLAW, Staat oder Markt, München 2001, S. 123-67; interessant, um die politische Vorgehensweise dieses Klüngels zu verstehen, was aber die gesellschaftliche Bedeutung des Thatcherismus betrifft, so bleiben die Autoren oberflächlich und tendenziös - ein schönes Beispiel für die unreflektierte Übernahme neoliberaler Kampfbegriffe. Insbesondere den politisch-kulturellen Auswirkungen des Thatcherismus in der britischen Gesellschaft widmet sich THOMAS NOETZEL, Die Revolution der Konservativen. England in der Ära Thatcher, Hamburg 1987; wenn auch etwas
unkonventionell strukturiert, ist es sehr verständlich geschrieben und stellt gut her- 189 aus, wie das neokonservative Konkurrenzmodell gerade von denen Opfer fordert, die ohnehin zu den Deklassierten gehören. Eine umfassende Sammlung kurzer Aufsätze, die sich mit den Auswirkungen der Thatcher-Politik auf den verschiedensten gesellschaftlichen Gebieten auseinandersetzt, wurde herausgegeben von DENNIS KAVANAGH & ANTHONY SELDON (Hg.), The Thatcher Effect, Oxford 1989. Speziell zum Monetarismus der Thatcher-Regierung siehe GORDON PEPPER, inside Thatcher's Mo-netarist Revolution, Hampshire u.a. 1998. Das Buch behandelt die monetaristische Politik Thatchers aus einer kritischen Perspektive, allerdings aus der eines führenden monetaristischen Ökonomen. Dennoch bietet es einen guten Einblick, da dieser sich darum bemüht, jene Politik transparent zu machen. Zur Privatisierungspolitik siehe BERND ITAL, Die Politik der Privatisierung in Großbritannien unter der Regierung Margaret Thatcher, Köln 1995; und zur Wirtschaftspolitik generell: HANS-PETER FRÖHLICH & CLAUS SCHNABEL, Das Thatcher-Jahrzehnt. Eine wirtschaftspolitische Bilanz, Köln 1990. Eine Auseinandersetzung mit der Forcierung des Neoliberalismus durch die Reaganomics parallel zur Politik der Thatcheristen findet sich bei ANDREW ADONIS & TIM HANNES (Hg.), A Conservative Revolution? The Thatcher-Reagan Decade in Perspective, Manchester 1994; es beinhaltet eine vergleichende Analyse und versucht zu erklären, warum diese rechten Ideen, als die jene politischen Programme ausgemacht wurden, im Westen in den 1980ern so zum Durchbruch kamen. Eine unverzichtbare Aufsatzsammlung, zum Teil sehr theoretisch, stell dar: STUART HALL & MARTIN JAQUES, The Politics of Thatcherism, London 1S)83. Hall, marxistischer Soziologe und Kulturwissenschaftler, trug wesentlich zur Begriffsbildung des »Thatcherismus« bei und interpretierte ihn als den Versuch, eine neue kapitalistische Hegemonie zu errichten. Speziell mit der Rolle der Gewerkschaften in der britischen Politik seit dem Zweiten Weltkrieg beschäftigt sich ROBERT TAYLOR, The Trade Union Question in British Politics. Government and Unions since 1945, Cambridge 1993. Das Buch zeichnet sorgfältig die verschiedenen Phasen im Verhältnis von Staat und Gewerkschaften nach und besticht durch einen ausführlichen Anhang, inkl. einer kommentierten Bibliographie. Zu den Gewerkschaften speziell unter Thatcher siehe KLAUS BIELSTEIN, Gewerkschaften, Neo-Konservatismus und ökonomischer Strukturwandel. Zur Strategie und Taktik der Gewerkschaften in Großbritannien, Bochum 1988. Diese Arbeit enthält alle wichtigen Hintergründe zu dem Thema, besticht aber nicht gerade durch analytische Weitsicht, was den Transformationsprozess der Gewerkschaften betrifft; denn einer theoretischen Auseinandersetzung mit gewerkschaftlicher Strategie und Taktik wird weitestgehend aus dem Weg gegangen, was somit größere Erkenntnispotentiale zum Dilemma der britischen Gewerkschaften unberührt lässt. Was die internationale Dimension der Gewerkschaftsfrage betrifft, so sind die negativen Auswirkungen der Eindämmung von Gewerkschaftsmacht in Großbritannien (aber auch den USA) zu jener Zeit auf die internationale Arbeitermacht bzw. die daraus resultierenden positiven Auswirkungen für die internationale Handlungsfähigkeit des Kapitals noch weitestgehend unterbeleuchtet. Hier stellt sich die Frage, inwiefern der Druck auf die Arbeiterschaften anderer Länder, sich in den Folgejahren neoliberalen Umstrukturierungen zu fügen (die berüchtigte Spiralwirkung), im Zusammenhang mit der Niederlage z.B. der britischen Arbeiterklasse steht.
(HolgerMarcks)

Der König aus dem Revier

Nicht immer sind jüngere Arbeiten älteren überlegen. Die neuere Biographie zu Arthur Scargill etwa von PAUL ROUTLEDGE, Scargill: the Unauthorized Biography, London 1993, bietet wenig Neues. Scargill verweigerte dem Autor und Mirror-Redak-teur, der seit 20 Jahren Politikerbiographien am Fließband fabriziert, die für britische Gepflogenheiten übliche, offizielle Autorisierung, was gewisse Rückschlüsse auf die Darstellungsweise zulässt. Die alte, bereits unmittelbar nach Streikende herausgegebene Biographie von MICHAEL CRICK, Scargill and the Miners, Harmandsworth 1985, ist dagegen immer noch empfehlenswert. Kompakt, lebendig geschrieben und gewissenhaft recherchiert, stellt dieses Büchlein einen äußerst nützlichen Einstieg in das Thema dar. Davon abgesehen ist die politische Biographie Scargills praktisch un-aufknüpfbar verbunden mit der Geschichte der NUM in jener Zeit und insbesondere während der Bergarbeiterstreiks von 1972 und 1984/85. Literatur zu diesen Themen enthält immer auch ausführliche, meist überbewertende Auseinandersetzungen mit der Person Scargill, worin sich auch das Bedürfnis nach geistig schlichten, monokausalen Erklärungsmustern widerspiegelt. Erwähnenswert ist noch der Spielfilm »Brassed Off« (GB 1996), der sich mit den Folgen der Niederlage beschäftigt; der von Christopher Tetlow dargestellte Gewerkschaftsführer ist unverkennbar Arthur Scargill nachempfunden. (Matthias Seiffert)



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Erwarte nichts. Heute: das ist dein Leben. Kurt Tucholsky

Jaged mer doch all die Verbänd zum Tüüfel! Zorniger Tramfahrer zur Gewerkschaftspolitik an der "Streik-Versammlung"
23. Dezember 2009, 13:15 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Melnitz



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Etwas Geduld ist durchaus erforderlich. Aber wer ein wenig blättert, der stösst auf einen Dokumentarfilm zum Bergarbeitstreik 1984/95 in Grossbritannien. Der Film heisst "When Britain went to war" und schildert eindrücktlich, wenn auch eher etwas auf der Seite der Regierung, die Geschehnisse um den Streik der Minenarbeiter, der ein Jahr dauerte. Es gibt Leute, die davon erzählen, wie linke Aktivisten in England feuchte Augen bekommen, wenn sie vom Streik der Minenarbeiter 1984/85 berichten. Ich kann es verstehen. Wer kann sich schon dem entziehen, dass eine Gruppe von ca. 5'000 ArbeiterInnen singt: "We will win, we will win!"

Wie gesagt, der Film nennt sich "When Britain went to war" und findet sich unter diesem Link irgendwo (leider keine direkte Verlinkung möglich):

http://www.christiebooks.com/ChristieBooksWP/?page_id=2

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28. September 2010, 04:55 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Melnitz



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Ein Roman, der im Rahmen des Bergarbeiterstreiks spielt, wurde auf Deutsch übersetzt:

Damals, 1984: Wir da unten, ihr da oben

Zitat:
David Peace erzählt in seinem Roman "GB 84" vom britischen Bergarbeiterstreik. Kohlekumpel gegen Maggie Thatcher: Dabei geht es auch um die Intrigen der Regierung, Geheimdienstaktionen - und die Verschwörung der Gewerkschaftsfunktionäre.


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08. April 2014, 12:41 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Melnitz



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30 Jahre "Schlacht von Orgreave":

Der Britische Bergarbeiterstreik vor 30 Jahren
Erinnerung an die „Schlacht von Orgreave“ am 18. Juni 1984


Zitat:
Am 1. März 1984 verkündete der National Coal Board (NCB) ein umfangreiches Zechenschließungsprogramm für Großbritannien. Allein im laufenden Jahr sollten zwanzig Zechen geschlossen und insgesamt 20.000 Bergleute entlassen werden. [1]

Zwölf Tage später begann der nationale Streik der Gewerkschaft NUM (National Union of Mineworkers), um die Pläne der staatlichen Kohlebehörde zu verhindern. Die über drei Wochen andauernden Auseinandersetzungen um die Kokerei Orgreave (bei Sheffield) im Juni 1984 bildeten dabei einen Höhepunkt des einjährigen britischen Bergarbeiterstreiks, der im März 1985 mit einer vollständigen Niederlage der NUM endete.


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22. Juni 2014, 13:25 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Melnitz



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Neuer Film in den Kinos über die Unterstützung des Bergarbeiterstreiks durch eine LGBT-Gruppe. Den Film habe ich selber noch nicht gesehen, aber der Trailer ist schonmal vielversprechend:



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17. November 2014, 09:59 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Melnitz



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Paul Mason zum Streik:

http://blogs.channel4.com/paul-mason-blog/thatcher-miners-official-papers-confirm-strikers-worst-suspicions/265

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06. Januar 2015, 07:00 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Melnitz



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Axel Berger in der Jungle World zum Miners Strike:

Letztes Gefecht verloren

Zitat:
Vor 30 Jahren endete der längste Streik der europäischen Geschichte. Ein Jahr hatten britische Bergarbeiter ihre Arbeit niedergelegt, um gegen die wirtschaftlichen Umstrukturierungen der Regierung von Margaret Thatcher zu protestieren. Dieser Protest, der Tote und Verletzte forderte, endete mit einer verheerenden Niederlage. Es war der Anfang vom Ende der traditionellen Arbeiterbewegung über die Grenzen Großbritanniens hinaus.


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05. März 2015, 12:35 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
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