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Null- und Negativzinsen

 
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Null- und Negativzinsen
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Käptn Kiff



Anmeldedatum: 12.11.2007
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Wer sich fragt was das eigentlich soll mit den Negativzinsen, der wird hier belehrt: Die Differenz macht die Differenz ;)

http://nestormachno.blogsport.de/2016/08/05/die-neueste-absurditaet-des-kreditwesens/

NEGATIVZINSEN

In den guten alten Zeiten, die bis in die graue Vorzeit zurückreichen, – bereits in der Bibel wird das Zinsnehmen gegeißelt – verlieh der Geldbesitzer sein Geld, um damit Gewinn zu machen. Er stand immer schon auf dem Standpunkt, sein Vermögen als Kapital einzusetzen und damit G–G’ zu machen, als dieses Prinzip noch die extreme Ausnahme im wirtschaftlichen Treiben der Menschheit darstellte.
In den Anfangszeiten des Kapitalismus spielte das Geldkapital eine Art Geburtshelfer-Rolle: Erstens, weil es das Prinzip hochhielt, daß Vermögen ein Recht auf mehr Vermögen bedeutet, und es praktisch propagierte. Zweitens aber, weil es bereits Kapital angehäuft hatte und durch Verleihen und die produktive Verwertung dieses Leihkapitals in der Hand des Schuldners die gesamtgesellschaftliche Kapitalakkumulation voranbrachte.
Im durchgesetzten, siegreichen und weltweit agierenden Kapitalverhältnis schließlich übernahm das Finanzkapital die Rolle des Schmiermittels im Kreislauf der Kapitalverwertung und machte den technischen Fortschritt durch Konzentration der Kapitale überhaupt erst möglich.

Und heute?

Heute ist es zum Hüter des Geldes, des Maßes der Werte geworden, das sich in Zusammenarbeit mit den politischen Gewalten immer mehr vom Kreislauf des produktiven Kapitals abkoppelt. Und ein Phänomen hervorbringt, das im Grunde seine ganze bisherige Tätigkeit, quasi die Grundlage seiner Existenz auf den Kopf stellt: die Null- und Negativzinsen.

Nullzinsen

Schon die Nullzinsen sind eine Absurdität: Warum verleiht jemand überhaupt sein Geld, wenn er nichts dafür kriegt? Da könnte er es doch gleich in der Schatztruhe liegenlassen und die gut absperren. Es muß in der Natur des modernen Geldes, vor allem der des Buchgeldes, liegen, daß es eigentlich erst wirklich da ist, existiert, wenn es in die Zirkulation geworfen wird – ansonsten ist es eine bloße Zahl auf einem Server und kommt gar nicht zu einer Vergegenständlichung als Geld.
Umgekehrt verkommt das solchermaßen auftretende Leihkapital zu einem bloßen Zirkulationsmittel, das nur zwischen – ja was eigentlich? – vermittelt. Es ist kein Warentausch, der dadurch ermöglicht wird, daß hier Geld für Ware hingelegt wird. Wenn ein Staat Anleihen zu Nullzinsen ausgibt – und auch los wird, – so ist das eine Transaktion anderer Art, als wie wenn hier Gold, Leinen oder Schuhpasta über den Ladentisch gehen. In die gesellschaftliche Zirkulation im eigentlichen Sinne geht dieses Geld nämlich nicht ein, sondern es wird nur durch diese Transaktion als solches geboren, beglaubigt, und kann dann erst in die Niederungen der Warenzirkulation hinabsteigen.
Die Crux und das Ärgernis ist jedoch, daß dies nicht oder fast nicht geschieht, daß das solchermaßen in die Welt gesetzte Geld nicht in die Welt des Warentausches eingeht, sondern sich weiter in der exquisiten Sphäre des Finanzkapitals, der Notenbanken und der staatlich abgesicherten Kreditgarantien herumtreibt.

Negativzinsen

Noch komplizierter ist die Angelegenheit mit den Negativzinsen. Daß ein Schuldner sich gerne verschuldet, wenn er dafür bezahlt wird, ist nachvollziehbar. Aber was veranlaßt einen Gläubiger dazu, sein Kapital so zu plazieren, daß es dadurch weniger wird?

Die Antwort ist: es handelt sich um spezielle Arten von Gläubigern, die ein Produkt der seit Jahren währenden Weltwirtschaftskrise sind. Diese Krise wird gerne als „Finanzkrise“ bezeichnet, weil sie vom Finanzsektor ausgegangen ist. Dieser Begriff ist jedoch irreführend, weil er dem Irrtum Vorschub leistet, die Krise sei durch diesen Sektor entstanden und ließe sich durch entsprechende regulative Maßnahmen im Finanzgewerbe reparieren.
(Dieser Irrtum ist sehr produktiv und hat inzwischen eine umfangreiche Literatur hervorgebracht, die mit allen möglichen Hausmittelchen im Bauchladen den Kapitalismus reparieren möchte, damit das Geschäftemachen wieder flutscht.)

„20 % der Firmenanleihen, die die EZB kauft, haben Negativzinsen“ (El País, 5.8.)

Die EZB kauft seit einiger Zeit außer Staatsanleihen auch Firmenanleihen und Aktien auf. Sie ist einer dieser Gläubiger, die es in Kauf nehmen, für Leihkapital zu zahlen. Die Voraussetzung dafür ist, daß sie über unbeschränkte Zahlungsfähigkeit verfügen. Neben der EZB machen Ähnliches auch andere Notenbanken, wie die Fed oder die Bank of England. Bei der EZB hat diese Tätigkeit jedoch erstens einen bedeutenderen Umfang und zweitens eine demonstrative Absicht. Sie fordert damit die Firmen auf, sich durch Beschaffung von Fremdkapital fit zu machen für die Kapitalakkumulation. Über die Erleichterung der Kreditbeschaffung will sie die Unternehmen zum Gewinne-Machen anstacheln.
Das neuerlich Absurde an dieser praktischen Aufforderung ist, daß das Machen von Gewinn ja das Eigeninteresse der Firmen ist und es seltsam anmutet, daß sie dazu sozusagen durch Zuckerln animiert werden sollen. Über die tatsächliche, praktische Schwierigkeit, mit der das produktive Kapital konfrontiert ist, kann das Leihkapital jedoch nicht hinweghelfen. Die liegt nämlich im Wegbrechen von Märkten und der schrumpfenden Zahlungsfähigkeit der kleinen Leute begründet. Auch wenn sie die Stückkostenzahl durch Modernisierung senken oder innovative Produkte auf den Markt werfen, sind nicht genug Zielobjekte vorhanden, die ihnen das Klump auch abkaufen.
Es ist deshalb durchaus möglich, daß viele Firmen sich deshalb des Kreditgeschenkes zum bloßen Zweck der Konkursverschleppung bedienen, wovon wir in Zukunft auch noch hören werden.

Es gibt auch andere Gläubiger bzw. Käufer von Papieren mit Negativzinsen. Das sind diejenigen, die darauf hoffen, daß sie über Kursgewinne die Negativzinsen kompensieren. So verhält es sich mit denjenigen, die Papiere in Schweizer Franken oder Dollar oder sonstigen Fremdwährungen kaufen. Die hoffen auf ein weiteres Ansteigen der Fremdwährung gegenüber dem Euro, also Gewinne durch Wechselkursveränderungen. Man kann daraus folgern: die sind nicht allzu sehr überzeugt von der Performance des Euro. Man könnte überspitzt sagen, die gehen eine Wette gegen die europäische Einheitswährung ein. Eine besondere Freude haben die Euro-Hüter mit diesen Leuten nicht.

Dann sind da auch noch Leute, die dem vom EZB-Chef verkündeten Aufkaufsprogramm entnehmen, daß so ein Kauf eine relativ sichere Sache ist. Erstens steigert dieses Programm derzeit die Börsenkurse, sie machen also Gewinne durch Kauf und späteren Verkauf dieser Papiere an der Börse, deren Preis die Negativzinsen kompensiert. Zweitens, sollte dieser Effekt nachlassen oder aufhören, so können sie diese Papiere immer noch an die EZB abstoßen, bevor sie ihnen die Finger verbrennen.

Das Dumme an diesen ganzen Manövern ist auch hier wieder, daß zwar damit der Euro seinen Kurs und Wert halbwegs hält, aber ansonsten die ganze Bewegung innerhalb der bereits erwähnten geschlossenen Gesellschaft von Finanzkapital und Notenbanken verbleibt und keinerlei besonderen Effekt auf die nationale Kapitalakkumulation hat.

Konsumentenkredite

Die Kredite an den kleinen Mann, ob als Hypothekarkredit, Leasing-Vertrag oder Kreditkartenkredit, sind die einzigen Kredite, die auch die Zahlungsfähigkeit der Massen beflügeln. Bei ihnen werden aber kräftig Zinsen draufgeschlagen. Es ist also eine doppelte Lüge, wenn in den Medien verkündet wird, die „Häuslbauer“ täten sich über die Nullzinsen freuen. Erstens freut sich niemand darüber, sich verschulden zu müssen, um ein Dach über dem Kopf zu kriegen. Zweitens aber kommen diese Figuren ja gerade nicht in den Genuß der Nullzinsen, weil sie die einzige Sparte des Kreditgeschäftes sind, an der die Banken sich noch relativ sicher bereichern können.

Es ist also die wirklich absurde Situation eingetreten, daß gerade diejenigen Leute, die von ihrer Arbeitsleistung, also mehr oder weniger von der Hand in den Mund leben – sei es als Lohnabhängige oder als Selbständige – nicht nur das Gros der Steuerleistung erbringen, sondern die einzigen sind, die den Banken sichere Gewinne einspielen. Das produktive Kapital hingegen erhält Streicheleinheiten in Form von Umsonst-Krediten, um wieder auf Akkumulationskurs zu kommen, und schafft es nicht, weil weiter unten immer weniger auf dem Gehalts- oder Ich-AG-Konto landet.
Und so ist es auch nicht mehr, daß jeder Zwerg Bumsti auf seine schöne Nase hinauf unbegrenzt Kredit erhält, wie das vor 2008 üblich war. Da sind sowohl die Kredithändler vorsichtiger geworden, vor allem, was gewisse Pleiteregionen betrifft, als auch die anvisierten Schuldner, die sich angesichts Verfall der Einkommenssituation oder der Wechselkurse oft sehr plötzlich von ihrer Immobilie oder ihrem Auto trennen mußten, und mit einem Haufen Schulden übrig blieben.

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argumentum ad baculum
05. August 2016, 14:46 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Käptn Kiff



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Kopiert von Tagesanzeiger

Zitat:
An den Negativzinsen scheiden sich die Geister. Das gilt ganz besonders, seit die Europäische Zentralbank (EZB) als erstes wichtiges Noteninstitut im Juni 2014 Negativzinsen eingeführt hat. Umstritten – auch im Kreis der Notenbanker – ist dieses unkonventionelle geldpolitische Instrument primär deshalb, weil es die Zinsmargen der Banken schmälert und dadurch die Finanzstabilität gefährden kann.

Das «Wall Street Journal» hat jedoch sein Augenmerk auf eine andere mögliche unbeabsichtigte Nebenwirkung von Negativzinsen gerichtet. Mit Verweis auf Zahlen der OECD zeigte das Blatt kürzlich auf, dass die privaten Haushalte in Deutschland, Japan, Dänemark, Schweden und der Schweiz – allesamt Länder mit Negativzinsen – in letzter Zeit mehr gespart haben. In den drei letztgenannten Ländern ist der Sparanteil am Einkommen jüngst sogar auf den höchsten Stand seit 1995, dem Beginn der OECD-Datenreihen, geklettert.

Vom Sparen zum Angstsparen

Mehr Sparen bedeutet weniger Konsum und dämpft somit die gesamtwirtschaftliche Nachfrage. Die ultralockere Geldpolitik der Notenbanken zielt aber darauf ab, die Wirtschaft zu beleben. Schiessen die Währungshüter also mit den Negativzinsen ein Eigentor? Felix Brill, Leiter der Zürcher Wirtschaftsberatungsfirma Wellershoff & Partners, hält dies für möglich. Tiefere Zinsen, so Brill, mögen in der Theorie den Anreiz zum Sparen senken und somit den Konsum anregen. «Aber bei sehr tiefen oder gar negativen Zinsen gibt es auch den gegenteiligen Effekt des Angstsparens: Die Leute sparen mehr, weil sie merken, dass die Wirtschaft nicht rundläuft.»

Daniel Kalt, Chefökonom Schweiz der UBS, sieht noch ein anderes Motiv für eine stärkere Spartätigkeit in Zeiten von Null- und Negativzinsen. Es werde mehr für die Altersvorsorge und andere Sparziele zurückgelegt, um die Zinsausfälle zu kompensieren. Was die Beweggründe auch sein mögen, in Deutschland dürfte die Sparquote gemessen am verfügbaren Einkommen von 9,7 Prozent im letzten auf 10,4 Prozent in diesem Jahr steigen, wie die OECD vorhersagt. Vor einem regelrechten «Sparschub» steht Dänemark mit einer geschätzten Quote von 8,1 Prozent für 2016, nachdem dort die Sparguthaben in den Jahren 2013 und 2014 per Saldo noch geschrumpft sind.

In der Schweiz hat sich der Sparanteil zuletzt bei rund 20 Prozent stabilisiert (wobei etwa ein Viertel hiervon auf das Zwangssparen im Rahmen der beruflichen Vorsorge entfällt). Brill macht sich hierzulande denn auch weniger Sorgen um die Nebeneffekte der Negativzinsen auf das Sparverhalten. Für problematischer hält er hingegen, dass hiesige Banken und Grossinvestoren wie Pensionskassen und Versicherungen auf der Suche nach Rendite «in riskantere Anlagen und Geschäfte ausweichen».

Die Schweizerische Nationalbank (SNB) sieht die Negativzinsen vor allem als Mittel, um den Franken für Anleger im In- und Ausland weniger attraktiv zu machen. Ihr Hauptanliegen ist es daher, dass das heimische Zinsniveau hinreichend geringer ist im Vergleich zu ausländischen Währungsräumen. Die EZB dagegen erachtet die Negativzinsen primär als Bestandteil ihres Arsenals an unkonventionellen monetären Instrumenten, um Inflation und Wirtschaftswachstum anzuheizen.

Unerprobtes Instrument

Dennoch setzt Felix Brill ein Fragezeichen auch hinter die Negativzinspolitik der SNB. Begründung: «Die von der Zinsdifferenz auf den Wechselkurs ausgehenden Effekte sind nur sehr schwach.» Darauf deuteten die ihm bekannten empirischen Untersuchungen hin, ergänzte der Ökonom. Negativzinsen sind aus seiner Sicht ein immer noch unerprobtes Instrument mit erheblichen potenziellen Nebenwirkungen. «Wenn dann noch der Nachweis schuldig bleibt, dass es geeignet ist, den Wechselkurs auf Dauer wirklich zu beeinflussen, muss man sich schon Fragen bezüglich der Tauglichkeit dieses lnstruments stellen», sagte Brill. Die SNB wollte sich nicht äussern.

(Tages-Anzeiger)
(Erstellt: 12.08.2016, 22:30 Uhr)

Negativzinsen

Die Geldpolitik stösst an ihre Grenzen

Markus Diem Meier

Es war eine geldpolitische Revolution, als die dänische Notenbank vor vier Jahren erstmals Negativzinsen eingeführt hat. Gemäss Lehrbüchern galten sie zuvor als unmöglich. Weil die Leute eher Bargeld halten können, statt für ausgeliehenes Geld auch noch etwas zu bezahlen. Immerhin schienen sich die schlimmsten Befürchtungen erst nicht zu bewahrheiten, schliesslich kostet auch die Bargeldhaltung etwas. Die Frage war daher immer, wie weit negativ solche Zinssätze gehen können.

Doch angesichts sich häufender negativer Folgen der Massnahme gerät sie auch unter Notenbankern zunehmend in Verruf. Das deutlichste Zeichen hat in der vergangenen Woche Mark Carney, der Chef der Bank of England, gesetzt. Negativzinsen hat er eine klare Absage erteilt. Begründet hat er das unter anderem mit Verweis auf die Schweiz, weil da die Massnahme letztlich zu höheren Kredit- und Hypothekarzinsen geführt habe. Noch mehr am Herzen lag ihm aber das Bankensystem, das europaweit ohnehin geschwächt ist, wie allein die um ein Viertel gefallenen Aktienkurse des gesamten Sektors im laufenden Jahr gemessen am europäischen Branchenindex Euro Stoxx zeigen. Durch Negativzinsen schrumpfen die Gewinnmargen der Finanzinstitute noch weiter. Ins gleiche Horn stösst der Internationale Währungsfonds (IWF), der erst am Donnerstag die Europäische Zentralbank davor gewarnt hat, die Zinsen für Einlagen der Banken auf den EZB-Konten weiter zu senken. Jetzt liegen sie bei – 0,4 Prozent.

Der IWF empfiehlt der EZB dagegen noch stärker auf den Aufkauf von privaten und staatlichen Anleihen zu setzen, das sogenannte Quantitative Easing (QE). Die Idee dahinter ist, die Wirtschaft so direkt mit Notenbankgeld zu fluten. Allerdings ist seit jeher auch diese Massnahme umstritten, da das Geld oft nur die Werte an den Kapitalmärkten ansteigen liess, ohne in der Realwirtschaft viel Wirkung zu zeigen.

Alternative: Helikoptergeld

Die abnehmende Wirkung der neuen Notenbankinstrumente wie QE und Negativzinsen führt dazu, dass Notenbanker und Ökonomen bereits über weitergehende Massnahmen nachdenken. Sie werden unter dem Begriff des Helikoptergelds zusammengefasst, was auf einen Vergleich des 2006 verstorbenen Geldtheoretikers Milton Friedman zurückgeht. Dieser schlug bildhaft vor, Notenbanken könnten das Geld unter die Leute bringen, indem sie es per Helikopter abwerfen lassen. In der Praxis bedeutet das, sie geben frisch geschaffenes Geld ohne Gegenleistung an Private, Banken oder den Staat ab. Bisher gibt es erst wenige Beispiele für ein solches Vorgehen. Unter Ökonomen ist zudem höchst umstritten, welche Risiken eine Notenbank damit eingehen würde.

Die abnehmende Wirkung der Geldpolitik macht vor allem deutlich, dass die Notenbanken in den Ländern mit anhaltenden konjunkturellen Problemen und einer zu tiefen Inflation an ihr Limit gestossen sind. Immer mehr in den Vordergrund rücken daher laut Daniel Kalt, Chefökonom der UBS Schweiz, fiskalpolitische Massnahmen, also eine Ankurbelung der Konjunktur über das Staatsbudget. Zumindest für die Schweiz sei aber hier nichts zu erwarten. Angesichts der Offenheit der Schweizer Wirtschaft würden hier höhere Staatsausgaben weitgehend im Ausland verpuffen.





UBS will Negativzinsen an Privatkunden weitergeben

Die Schweizer Grossbank UBS erwägt, von Zentralbanken erhobene Negativzinsen an superreiche Privatkunden weiterzugeben. Das Institut müsse auf die Politik der Zentralbanken reagieren, um seine Renditen aufrechtzuerhalten, sagt UBS-Chef Sergio Ermotti.

Bereits jetzt verrechne die Bank Unternehmenskunden Negativzinsen. «Wenn das Umfeld so bleibt oder schlimmer wird, müssten wir uns überlegen, diese Massnahmen auf sehr vermögende Kunden auszudehnen, und auch die Kreditzinsen noch weiter zu erhöhen», sagte Ermotti am Dienstag an der Generalversammlung in Basel.

Banken in der Schweiz müssen der Notenbank für Einlagen ab einem gewissen Freibetrag derzeit einen Zins von 0,75 Prozent bezahlen. Für sie ist es daher nicht attraktiv, wenn Kunden ihr Geld auf ihren Konten lediglich horten. Zuletzt hatte die SNB auch eine weitere Zinssenkung nicht ausgeschlossen. In der Eurozone liegt der Einlagenzins derzeit bei minus 0,4 Prozent. (bee/sda)


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13. August 2016, 04:10 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
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Zitat:
SonntagsBLICK: Der Brexit hat viele überrascht. Wann in der Nacht auf den 24. Juni haben Sie realisiert, dass es dazu kommen würde?
Andréa Maechler: Gegen 1 Uhr gab es erste Resultate. Und plötzlich begann sich die Möglichkeit abzuzeichnen, dass eine Mehrheit für den Austritt sein könnte. Ab 6 Uhr morgens hatten wir mehrere Telefonkonferenzen mit dem Direktorium. Kurz nach 9 Uhr verschickten wir eine Stellungnahme, die SNB werde stabilisierend auf dem Devisenmarkt eingreifen.

Sie hatten eine Freinacht.
Als Leiterin des Departements III, das für die Finanzmarktoperationen zuständig ist, war klar, dass ich vor Ort bin. Die Märkte reagierten sehr heftig, zuerst in Asien, dann in Europa. Aber bereits um 10 Uhr hatten sie ein neues Gleichgewicht gefunden, sogar noch vor der Öffnung der amerikanischen Märkte. Bei uns kam nie Hektik auf. Wir waren gut vorbereitet.

Sie sind die erste Frau im SNB-Direktorium. Was bedeutet das für Sie?
Als Mitglied des Direktoriums trage ich die Verantwortung für die geldpolitischen Entscheidungen mit. Das ist eine sehr anspruchsvolle Aufgabe, dessen bin ich mir bewusst. Dass ich eine Frau bin, steht nicht im Vordergrund. Ich kenne andere Frauen in Führungsgremien von Zentralbanken. Gerade im heutigen Umfeld ist die Qualität der Arbeit wichtig – nicht, von wem sie geleistet wird.

Sie waren mit 17 Jahren Schweizermeisterin im Delphin- und Lagenschwimmen. Warum haben Sie keine Sportler-Karriere verfolgt?
Der Sport hat mich stark geprägt, war aber nie einziger Lebensinhalt. Mit 17 ging ich studieren. Da habe ich Studium und Sport kombiniert – das war herausfordernd und grossartig. Später konzentrierte ich mich auf meine Laufbahn, jetzt bringe ich Beruf und Familie unter einen Hut.

Heute betreiben Sie Geldpolitik in stürmischen Gewässern. Was sagt es über den Zustand der Weltwirtschaft aus, wenn man Geld fürs Schuldenmachen bekommt?
Es gibt eine Vielzahl von Gründen dafür, dass die Zinsen negativ sind. Einerseits ist das Wachstum als Folge der schweren Finanzkrise noch immer schwach. Die tiefen Zinsen sind ein Mittel, um es zu stimulieren. Es gibt aber auch strukturelle Faktoren: die tiefe Produktivität, die Alterung der Gesellschaft und die daraus resultierende höhere Sparneigung, die schwache Investitionstätigkeit. Dagegen kann die Geldpolitik nichts machen.

Die Finanzkrise begann vor neun Jahren. Sehen Sie ein Ende der Tiefzinsphase voraus?
Die Finanzmärkte erwarten in Grossbritannien und der Eurozone eine weitere Lockerung der Geldpolitik. Selbst in den USA geht die Erhöhung der Zinsen nur sehr langsam voran. Sie bleiben deshalb auf absehbare Zeit global tief. So lange dies der Fall ist, hat die SNB kaum Spielraum, die Zinsen zu erhöhen.

Aber die SNB sagte bei der Einführung, sie wolle den Negativzins nicht lange beibehalten. Nun sind es bereits eineinhalb Jahre.
Wir haben immer gesagt, dass wir die Negativzinsen aufheben, sobald dies möglich ist. Das gilt noch immer. Der Negativzins ist ein ausserordentliches Instrument. Wir können das internationale Umfeld aber nicht ändern. Heute rentieren weltweit fast 30 Prozent aller Staatsanleihen negativ. Der Anteil der Schweiz an ausstehenden Staatsanleihen macht nur ein Prozent aus. Wir sind also nicht der Treiber dieser globalen Entwicklung, auch wenn unser Zinsniveau eines der tiefsten ist.

Die Kritik an den Negativzinsen wächst. Können Sie dies nachvollziehen?
Die meisten Länder verfolgen mit Negativzinsen das Ziel, die Nachfrage und die Kreditvergabe zu stützen. Das ist Neuland und mit vielen offenen Fragen verbunden. Für die Schweiz geht es aber um etwas anderes. Wir haben keine Kreditklemme. Wir haben die Negativzinsen eingeführt, um die Zinsdifferenz zum Ausland zu erhalten und so den Aufwertungsdruck auf den Franken zu reduzieren. Für diesen Zweck bleibt der Negativzins ein wichtiges und gutes Instrument.

Wo wäre der Frankenkurs ohne Negativzinsen?
Das ist schwierig zu sagen, aber der Franken wäre auf jeden Fall deutlich stärker, mit entsprechenden negativen Auswirkungen auf die Wirtschaft. Wir sind überzeugt, dass im Fall der Schweiz die positiven Effekte des Negativzinses überwiegen.

In Ländern mit schwacher Konjunktur wird diskutiert, ob die Notenbanken die Staaten oder den Konsum direkt finanzieren sollen. Was halten Sie von Helikoptergeld, der Auszahlung von Zentralbankgeld an Staat oder Bürger?
Für die SNB ist das ein No-Go. Dass die Zentralbank dem Staat Geld gibt, verstösst bei uns gegen das Gesetz. Dafür gibt es gute Gründe. Auch international setzt sich die Einsicht durch, dass die Geldpolitik bereits sehr viel getan hat. Es ist wichtig, dass auch die Fiskal- und die Strukturpolitik ihren Teil leisten. Die Geldpolitik kann nicht die ganze Last tragen.

Die Nationalbank verwaltet fast 700 Milliarden Franken – mehr als das BIP der Schweiz!
Dass wir so hohe Fremdwährungsanlagen haben, ist ja nicht Selbstzweck, sondern einfach das Resultat unserer Geldpolitik.

Es fällt auf: Sie verwalten immer mehr Aktien.
Wir können uns gegen das grösste Risiko, das wir haben, nämlich das Wechselkursrisiko, nicht absichern. Um das zu tun, müssten wir Franken kaufen. Das würde den Franken stärken und damit unserer Geldpolitik zuwiderlaufen. Also müssen wir diversifizieren. Wir investieren deshalb in viele Anlageklassen, seit mehreren Jahren vermehrt auch in Aktien. 20 Prozent unseres Portfolios entfallen heute auf Aktien.

Wie stellen Sie sicher, dass dieses Geld nicht in dubiose Unternehmen oder Rüstungsfirmen fliesst?
Wir nehmen die Rolle als bedeutender Investor sehr ernst. Es gibt Ausschlusskriterien: Wir investieren nicht in mittel- und grosskapitalisierte Banken – das könnte zu Interessenkonflikten führen. Und wir passen auf, dass wir nicht in Unternehmen investieren, die geächtete Waffen herstellen: Streubomben, Personenminen und so weiter. Auch bezüglich Umwelt sind wir sehr vorsichtig. Wir verzichten auf Unternehmen, die systematisch massive Umweltschäden verursachen. Und natürlich auf Unternehmen, die grundlegende Menschenrechte verletzen.

Dennoch gerät die SNB immer wieder in Kritik, sie investiere zu sorglos. Warum kommunizieren Sie Ihre Richtlinien nicht offensiver?
Wir nehmen Kritik ernst und analysieren sie gründlich. Aber wir sind eine Zentralbank. Wir dürfen keine Massstäbe in Wertediskussionen setzen. Das ist nicht unsere Rolle.

Es gehört zu Ihrer Aufgabe, die Politik der SNB zu erklären. Glauben Sie, dass Ihre Argumente ankommen beim Volk?
Ich hoffe es! Das Pflichtenheft einer Zentralbankleitung hat sich seit der Finanzkrise stark verändert. Die Kommunikation ist noch viel wichtiger geworden. Bei einer so grossen Bilanz wie unserer haben wir eine verstärkte Rechenschaftspflicht. Wenige Zentralbanken sind so transparent wie wir! Aber es geht nicht nur um Transparenz gegenüber dem Markt.

Sondern?
Ich spreche mit vielen Menschen und lese viel Zeitung. Ich überlege immer: Was haben die Leute für Anliegen gegenüber der Nationalbank? Können wir etwas besser machen? Welche Botschaft wird gut oder weniger gut verstanden? Jede Anregung bringt mich weiter. Am Ende ist für mich wichtig, aus all diesen Teilen ein ganzes Bild zu vermitteln.

Die Kritik kann persönlich werden. Die Gewerkschaften werfen der Nationalbank vor, Tausende von Jobs gekillt zu haben. Lassen Sie das an sich heran?
Es ist wichtig, dass ich mir Kritik anhöre. Der Schweizer Wirtschaft geht es zwar besser, als man es nach dem Brexit hätte erwarten dürfen. Aber das heisst noch lange nicht, dass es jedem Unternehmen gut geht. Oder dass es einfach ist für jemanden, der eine Stelle sucht. Das ist mir klar. Doch wir können niemandem einen Job vermitteln.

Wie bezahlen Sie eigentlich, wenn Sie in den Laden gehen?
Mit Bargeld natürlich! Seit ich nicht mehr in den USA wohne, sondern wieder in der Schweiz, nutze ich viel mehr Bargeld.

Wie lange braucht es Bargeld noch?
In der Schweiz wird noch lange mit Bargeld bezahlt werden. Manchmal ist Bargeld sogar unverzichtbar. Wenn man beispielsweise in den Bergen wandert, ist man ohne Bargeld aufgeschmissen. Solange das so ist, stellt sich für die SNB die Frage gar nicht, ob man das Bargeld abschaffen soll.



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argumentum ad baculum
28. August 2016, 08:29 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
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