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Inquisition im Dämmerlicht

 
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Inquisition im Dämmerlicht
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Muoit



Anmeldedatum: 31.10.2006
Beiträge: 1498

Beitrag Inquisition im Dämmerlicht Antworten mit Zitat
Zur Zeit kursiert im Internet ein Papier der «Assoziation Dämmerung» über die Antideutschen. Es kommt nicht nur Jahre zu spät, sondern erweist der Kritik an diesem Phänomen auch einen Bärendienst.

Seit ihrer folgerichtigen Konstitution nach der sogenannten Deutschen Wiedervereinigung und den Pogromen in den frühen 90er Jahren, haben sich die Antideutschen sukzessive zur Legitimation ausgewählter westlicher Gesellschaften und deren Kriege hochgeschrieben. Mit wenigen Ausnahmen hat man es heute mit zu virtuellen Staatsmännern aufgeblasenen BürgerInnen zu tun, die eilfertig jede noch so schaurige Massnahme begrüssen, wenn sie den bevorzugten Nationalstaaten nutzt. Es ist darum ganz gut, dass sie in der Schweiz schlicht keine Rolle spielen; wenngleich sie auch hierzulande als einigendes Feindbild durch ein paar linke Hinterstübchen spuken. Allerdings gab es in den frühen Publikationen einiges zu lernen über die Gefahren eines falschen Antikapitalismus, über die Virulenz des Antisemitismus oder über die Irrwege eines volkszentrierten Antiimperialismus. Als Gesamtpaket war die Strömung mit ihren verschiedenen Abteilungen – es gab Anfang der 2000er auch mal einen publizistischen Ableger in der Schweiz – aber ziemlich schnell politisch verheerend. Es gibt einige kluge Leute, die fundierte Kritik an diesem Phänomen formuliert haben. Und dann gibt es die «Assoziation Dämmerung», die ihren heiligen Zorn über alle KetzerInnen ausgiesst. Ihr Text «Hoch die ‹antinationale› Solidarität» kursiert momentan im Netz und ist ein schönes Beispiel dafür, wie sich der Wunsch nach Reinheit der radikaleren Linken in inquisitorischer Propaganda äussert.

Von der Assoziation zum Urteil

Der Name «Assoziation Dämmerung» scheint mit Bedacht gewählt. Im Dämmerlicht werden Konturen undeutlich und Gegenstände verschmelzen. Dieses Phänomen wird im Text aus Hamburg bewusst herbeigeführt: Begriffliche Schärfe wird ganz dem Wunsch nach politischer Reinigung geopfert. Es geht im Text nicht um die Antideutschen, sondern eigentlich um alle, die die bevorzugten Positionen zum Antifaschismus, zum Antiimperialismus und zu einer bestimmten Kapitalismuskritik nicht teilen. Um alle zu treffen wird ein einfaches Manöver durchgeführt. Man nennt die behandelten Gruppen «postantideutsch» oder «antinational», unterstellt ihnen aber, dass sie eigentlich nur «antideutschen Wein in neuen Schläuchen» propagieren würden. Und weil das an den betreffenden Texten kaum nachzuweisen ist, wiederholt man ständig, dass die Gruppen diese Ideologie «camouflieren», «kaschieren» oder «verschleiern» und allerhand «vortäuschen» würden. Aber die pfiffigen DetektivInnen aus Hamburg finden natürlich trotzdem genügend Indizien, die zu einem endgültigen Urteilsspruch ausreichen.

Man muss zwischen den inquisitorischen Passagen jene Sätze raussuchen, die argumentativ etwas hergeben; an denen Kritik überhaupt ansetzen kann. Das ist das eigentliche Problem, vor dem eine Kritik der Urteilsverkündung steht. Im gros ist der Text in einem empört-pathetischen Duktus gehalten. Zum «politischen Übernahmeversuch der ‹Antinationalen›» etwa steht auf der ersten Seite ganz ohne argumentative Einbettung, er sei «ein ‹internationalistisch› camouflierter Angriff auf linke und antiimperialistische Positionen, der revolutionäre Kritik neutralisieren hilft und auf die weitere politisch-ideologische Integration fundamental antikapitalistischer Opposition in die deutsche Staatsräson und den Wertekanon des NATO-Imperialismus abzielt». Das wird nun nicht etwa der Bahamas vorgeworfen, sondern «dem zentralen Stichwortgeber der ‹Antinationalen›», dem UmsGanze-Bündnis. UmsGanze ist ein antinationales, kommunistisches Bündnis das sich nie für einen Krieg ausgesprochen hat und sich wegen Verunglimpfung des deutschen Staates schon Verfahren eingehandelt hat. Man kann an dem Bündnis einiges kritisieren, etwa ihr Missverständnis bezüglich des Status des Klassenverhältnisses, aber der Vorwurf der Hamburger AutorInnen ist waghalsig konstruiert. Die «Argumentation» geht etwa so: Das gros der Antideutschen sprach und spricht sich immer wieder für Kriege aus. So weit so richtig. Sie würden also den Wertekanon der NATO verfechten. UmsGanze wären nun personell mit jenem Milieu verquickt und hielten an «antideutschen Ideologiefragmenten» fest. Case closed! Weder werden die politischen Verlautbarungen der betreffenden Gruppen befragt, noch wird erklärt wie sich die «Ideologiefragmente» mit der Apologie des Imperialismus verbinden. Stattdessen reicht die blosse Behauptung. Die entsprechenden Befunde werden mit den eigenen politischen Präferenzen abgeglichen. Resultat: Die «Antinationalen» sind «bürgerlich-idealistisch» und «systemkonform». Das erinnert nicht zufällig an Debatten jener auf Restposten geschrumpften Tradition in der jener gewonnen hat, der zuerst die Dialektik oder den Materialismus für sich beanspruchte.

Von der Marxinterpretation zur Ideologie

Dort wo das Papier inhaltlich wird, zielt es nicht immer daneben, trifft aber schlussendlich doch nicht. So wird UmsGanze vorgeworfen, sie würden einen «Strukturmarxismus» propagieren. Sie sähen keine Schuldigen mehr für die kapitalistische Misere und überall nur noch abstrakte Zwänge am Werk. Man kann dem betreffenden Milieu tatsächlich vorwerfen, dass es nicht mehr über KapitalistInnen und politisches Personal reden will und immer schon «Personalisierung» sieht, wenn man ausspricht, dass einige Leute vom Kapitalismus profitieren und dass die herrschende Klasse aktiv an der Aufrechterhaltung des Kapitalismus werkelt. Bloss mündet das Reden von den Schuldigen bei der «Assoziation Dämmerung» in ein Unverständnis was das Spezifische an der Klassenherrschaft im Kapitalismus ist. Das zeigt sich, wenn sie das «Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnis zwischen Bourgeoise und Proletariat» schroff gegen die ihrer Meinung nach falsche Vorstellung eines «verselbständigten und abstrakten Zwangs kapitalistischer Vergesellschaftung» stellen. Das verkennt, dass im Kapitalismus Klassenherrschaft nicht bedeutet, dass die KapitalistInnen und Staatsmänner den Zwängen des ökonomischen Prozesses enthoben wären. Und es unterstellt fälschlich, dass das «neoliberale Reden von Sachzwängen» bloss eine «Verschleierung bürgerlicher Klassenherrschaft» wäre. Marx schrieb dazu in den «Grundrissen», das Aufeinanderstossen der bewussten Individuen «produziert ihnen eine über ihnen stehende, fremde gesellschaftliche Macht; ihre Wechselwirkung als von ihnen unabhängigen Prozess und Gewalt.»

Die Marx-Auslegung der «Assoziation Dämmerung» ist darum von Bedeutung, weil damit eine bestimmte Vorstellung gesellschaftlicher Herrschaft produziert wird, die mit einem entsprechenden Kampf dagegen verbunden ist. Statt auf die Warnung vor Personalisierungen – die leider Gottes nicht selten berechtigt ist – mit einer Warnung vor dem reinen «Strukturmarxismus» zu reagieren, müsste man gerade die Vermittlung von ökonomischem Zwang und dem Handeln der kapitalistischen Funktionsträger herausarbeiten. Dann ginge vielleicht auch bei der Frage von Ideologie, der Faschismusbestimmung oder der Analyse des Nationalismus nicht mehr alles durcheinander.

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