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M. Heinrich zur "ums Ganze"-Konferenz / Jungle Wor

 
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M. Heinrich zur "ums Ganze"-Konferenz / Jungle Wor
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gero



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Beitrag M. Heinrich zur "ums Ganze"-Konferenz / Jungle Wor Antworten mit Zitat
Eingreifen, aber nicht belehren!

Die Kritik an den Voraussetzungen der eigenen Kapitalismusanalyse ist die Voraussetzung aller Kritik. Es kommt aber auch darauf an, die Kritik in die Tat umzusetzen. von michael heinrich

Kapitalismuskritik, die mehr sein will als ein bloß moralisches Verurteilen, kommt ohne Analyse nicht aus. Am unbegriffenen Kapitalismus kann man dessen zerstörerische Folgen lediglich beklagen. Diese Destruktion als eine zu kritisieren, die notwendigerweise mit der kapitalistischen Produktionsweise einhergeht, setzt ein Mindestmaß an Einsicht in das Funktionieren dieser Produktionsweise voraus. Kapitalismus­analyse ist aber keine Angelegenheit, die sich von selbst versteht. Sie kann von recht unterschiedlichen Voraussetzungen ausgehen und ganz verschiede­ne Momente ins Zentrum stellen. Daher kommt man um den Streit über die Art und Weise der jeweiligen Analyse nicht herum. Wer solchen Streit von vornherein als »Seminarmarxismus« de­nun­ziert und den wirklichen »Kämpfen« entgegenstellt, schottet lediglich die eigenen Voraussetzungen und Analysen von jeder kritischen Dis­kussion ab.

Wenn im Dezember in Frankfurt ein Kongress über verschiedene Kapitalismusanalysen dis­ku­tieren und der Frage nachgehen will, was sie für eine emanzipatorische Praxis leisten können, so ist dies zunächst einmal zu begrüßen. Nicht zu begrüßen ist die eingeschränkte Perspektive der Veranstalter, die lediglich »Wertkritik« und »(Post-) Operaismus« einander gegenüberstellen und sie derart unkritisch charakterisieren – die eine setzt an der objektiven, der andere an der subjektiven Seite an –, dass damit nahe gelegt wird, es käme nur darauf an, diese beiden Ansätze richtig zu verbinden.

Das Label »Wertkritik« wurde vor allem von Ro­bert Kurz und der Zeitschrift Krisis benutzt. Die­se Position schließt die Betonung der sachlichen Herrschaft des Werts mit einem fragwür­digen Tech­nikdeterminismus zusammen: Die »mi­kro­elektronische Revolution« führe dazu, dass dem Kapital die »Wertsubstanz« ausgehe. Daher sei die unvermeidliche Zusammenbruchskrise schon in vollem Gange, auch wenn man das nicht so richtig sehen könne, da dieser Zusammenbruch immer wieder durch andere Faktoren verdeckt werde.

Mit »(Post)Operaismus« sind vor allem die an Michael Hardt und Toni Negri anschließenden Strömungen gemeint. Dort ist es nicht die Technik, sondern die nebulöse »Multitude«, welche die Entwicklung des Kapitalismus vorantreibt und am Ende auch den Kommunismus bringen soll. Wobei dieser eigentlich schon da, aber – ganz ähn­lich wie die wertkritische Zusammenbruchs­krise – noch nicht so richtig sichtbar ist.

Beide Richtungen gefallen sich in großen theo­­retischen Würfen, bei denen der analytische Ertrag aber eher begrenzt bleibt. Den eigenen Be­haup­tungen wird die Konfrontation mit der empirischen Wirklichkeit des gegenwärtigen Kapitalismus gerne erspart. Für eine emanzipatorische Praxis sind beide Richtungen nicht sonderlich gut zu gebrauchen, sodass man für den Frankfur­ter Kongress nur hoffen kann, dass die Teilnehmer nicht an der allzu eingeschränkten Perspektive der Veranstalter kleben bleiben.

Dass in der kapitalistischen Gesellschaft Klassen existieren und somit auch Klassenkämpfe stattfinden, ist zwar richtig, aber noch keine besonders tiefschürfende Einsicht. Nur im Deutsch­land der »sozialen Marktwirtschaft« und »nivellierten Mit­telschicht« kann ein solcher Befund in den Verdacht geraten, er sei bereits links. Auch Marx hat keineswegs als erster von »Klassen« und »Klassenkampf« gesprochen. Bürgerliche His­toriker und Ökonomen taten dies lange vor ihm. Dass die Existenz von Klassen nicht der unmittel­bare Ausgangspunkt der Analyse sein kann, muss­te auch Marx erst lernen. Im auch heute noch gern zitierten »Kommunistischen Manifest«, das mit den Klassen und ihrem Kampf anfängt, ist der Autor über die bürgerliche Klassentheorie noch längst nicht hinaus. Nicht zufällig ist aber knapp 20 Jahre später, im »Kapital«, die systematische Behandlung der Klassen erst am Ende des dritten Bandes vorgesehen: Über die Kons­titution der Klassen, über Klassenhandeln, Klassenbewusstsein lässt sich erst sinnvoll reden, wenn die spezifischen Formbestimmungen der kapitalistischen Produktionsweise dargestellt sind.

Im Unterschied zu allen vorkapitalistischen Produktionsweisen sind es nicht persönliche, sondern unpersönliche Herrschaftsverhältnisse, die »sachliche« Herrschaft von Wert und Kapital, welche die Gesellschaft strukturieren. Sie machen das historisch Spezifische der bürgerlichen Gesellschaft aus. Die mit den sachlichen Herrschafts­verhältnissen einhergehenden Fetischformen und Mystifikationen bilden den Hintergrund der spontanen Bewusstseinsformen, sie bilden jene »Religion des Alltagslebens«, die Marx unter dem Titel »Trinitarische Formel« abhandelt, auf die dann erst die systematische Analyse der Klassen folgen soll. Blendet man die Analyse dieser »struk­turellen« Bedingungen aus, dann hat man die kapitalistische Gesellschaft auf das reduziert, was sie mit allen bisherigen Gesellschaften gemeinsam hat, auf Herrschaft und Ausbeutung, hat aber von der Spezifik kapitalistischer Herrschaft und Ausbeutung noch nichts begriffen.

Diese analytische Leerstelle wird gerne durch eine idealisierende Bezugnahme auf die Arbeiter­klasse (oder die Multitude) und ihre Kämpfe gefüllt. Wann immer die Arbeiterklasse kämpft – und das tut sie für den Theoretiker des Klassenkampfs ja eigentlich dauernd, nicht nur beim Streik für höhere Löhne, sondern auch beim Krank­feiern oder bei der Verlangsamung des Arbeitstempos –, ist auch der Weg zum revolu­tionären Bewusstsein nicht mehr weit. Lediglich böse Gewerkschaftsfunktionäre und reformis­tische Parteistrategen bringen die Arbeiterklasse immer wieder von diesem revolutionären Weg ab.

Doch das Problem liegt tiefer. Bereits die Form des Arbeitslohns suggeriert, und zwar sowohl dem Arbeiter wie dem Kapitalisten, es werde der Wert der geleisteten Arbeit bezahlt, sodass sich trefflich über einen »gerechten« Lohn streiten lässt und gesellschaftliche »Gerechtigkeitslücken« festgestellt werden können. Auf der Form des Arbeitslohns »beruhen alle Rechtsvorstellungen des Arbeiters wie des Kapitalisten, alle Mystifikationen der kapitalistischen Produktionsweise, alle ihre Freiheitsillusionen«, hält Marx im »Kapital« fest.

Diese Rechtsvorstellungen und Freiheitsillusionen bilden den Rahmen, in dem die Klassenkämpfe zunächst einmal stattfinden. Das heißt nicht, dass die gesellschaftlichen Kämpfe auf ewig in diesem Rahmen eingespannt bleiben müssen. Ihn zu überschreiten und »ums Ganze« zu kämpfen, ist möglich und wurde in der Geschichte auch im­mer wieder versucht. Irgendeine Notwendigkeit für eine solche Überschreitung existiert jedoch nicht. Und erst recht gibt es keine Gewähr dafür, dass es nach einer solchen Überschreitung nicht doch wieder zu einer Regression kommt. Die bei vielen Klassenkampf­theoretikern verbreitete Vor­stellung eines bereits existierenden revolutionären Subjekts, dem bloß noch das richtige Bewusst­sein über sich selbst fehlt, das es aber in seinen täglichen Kämpfen mehr oder weniger automatisch gewinnen würde, ist ein schlechter Abklatsch Hegelscher Geschichtsphilosophie.

Wenn Menschen sich mit ihren Lebensverhältnissen auseinandersetzen, wenn sie anfangen, den Zumutungen des Kapitalismus Widerstand entgegenzusetzen, dann sind sie im Allgemeinen auch wissbegierig, dann wollen sie etwas über diese Verhältnisse lernen. Das kann zu einer verkürzten Kapitalismuskritik führen, die in »Heuschrecken« und »Spekulanten« die Ursache allen Übels zu erkennen glaubt. Es kann aber auch zu einem Mehr an Einsicht in die gerade nicht an Personen gebundene kapitalistische Form von Herrschaft und Ausbeutung führen.

Die verschiedenen Gruppen und Grüppchen der radikalen Linken haben häufig die Tendenz, sich vor allem untereinander zu streiten. Inzwischen wäre aber eine Debatte darüber angebracht, wie mit der eigenen Analyse und Kritik des Kapitalismus in gesellschaftliche Kämpfe interveniert werden kann, ohne dabei bloß belehrend aufzutreten, aber auch ohne sich in Idealisierungen dieser Kämpfe zu verlieren oder sich gar irgendwelchen »Bündnispartnern« opportunistisch an die Brust zu werfen.

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Bei vielen Menschen ist es bereits eine Unverschämtheit, wenn sie Ich sagen.
19. November 2007, 16:20 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
O.B.M.F



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Wertlose Scheinradikalität

Wenn von Klassen und gesellschaftlichen Konflikten, an denen sich radikale Kritik entzünden könnte, nicht die Rede ist, wird der Kampf »ums Ganze« zur Farce. von felix baum

Die Urkonstellation von linkem und reaktionärem Antikapitalismus lässt sich dem »Manifest der kommunistischen Partei« von 1848 entnehmen. Marx und Engels machen sich darin über einen »reaktionären«, genauer: »feudalen Sozialismus« lustig, der das Rad der Geschichte aufzuhalten sucht, weil er der Bourgeoisie vorwirft, »unter ihrem Regime entwickle sich eine Klasse, welche die ganze alte Gesellschaftsordnung in die Luft sprengen werde«. Spotten konnten die Kommunisten darüber, weil sie den Lauf der Geschichte auf ihrer Seite wähnten, auf die progressive Entfaltung der kapitalistischen Produktionsweise setzten, die ihren eigenen Totengräber, die Klasse der Proletarier, erzeugen werde. Deren historischer Beruf sollte es sein, ihre eigenen unerträglichen Existenzbedingungen – die Lohnarbeit – und damit die bestehende Gesellschaft aufzuheben.

Das historische Verschwinden dieser Perspektive – der Selbstaufhebung des Proletariats in die klassenlose Gesellschaft – hat tatsächlich linke Spielarten des Antikapitalismus hervorgebracht, die ihren reaktionären Antipoden oftmals zum Verwechseln ähnlich sehen. Wo nicht mehr die Basis der Gesellschaft, die Lohnarbeit, attackiert wird, blühen die Scheingefechte von Arbeit versus Geld, deutschem gegen amerikanisches Kapital, ehrlichen Investoren versus »Heuschrecken«. Was umgekehrt bedeutet, dass die einzige realistische Chance im Kampf gegen den reaktionären Pseudo-Antikapitalismus nicht in antifaschistischem Alarmismus besteht, sondern nur darin, den wirklichen Antagonismus der Gesellschaft theoretisch freizulegen und seine praktische Austragung zu befördern.


Dass die Konferenz einiger linker Gruppen, die sich im Anschluss an den Prozess gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm gewissermaßen nachträglich um theoretische Klärung bemühen will, einen Schritt in diese Richtung darstellt, muss nach Lage der Dinge bezweifelt werden. Der Aufruf jedenfalls zeugt von großer Konfusion: Wo es höchst allgemein und unverbindlich um die »Bestimmung politischer, sozialer, ökonomischer und struktureller Prozesse im Kapitalismus« geht – struktureller Prozesse! – und ein »Ansatz« den nächsten jagt, ist Aufschluss über die gegenwärtige Situation nicht zu erwarten. Zumal es sich bei einem der beiden zur Wahl stehenden »Ansätze« um den so genannten Postoperaismus von Toni Negri und anderen handelt, der die gesamte Kritik der politischen Ökonomie kurzerhand für veraltet erklärt und stattdessen einen stumpfen Manichäismus von produktiver »Multitude« und parasitärem »Empire« bedient. So dürfte die Konferenz eine weitere Illustration für den eigenartigen Umstand bieten, dass gerade die Linken, die sich die theoretische Reflexion auf die Fahnen schreiben, nur zur vollständigen Vernebelung der gesellschaftlichen Situation beitragen, da sie sich im Gestrüpp allerlei modischer Theorien verheddern.

Einer der Veranstalter, die Berliner Gruppe »Theorie. Organisation. Praxis« (TOP), hält es offenbar eher mit dem zweiten angebotenen Ansatz, der so genannten Wertkritik, und hat den auf der Konferenz hofierten Postoperaismus treffend als regressiven Kitsch zurückgewiesen (Jungle World 44/07). Dabei bleibt nicht nur die Frage offen, warum man diesen Kitsch überhaupt in den Rang einer diskussionswürdigen Theorie erhebt. Es zeigt sich vor allem, dass auch die Kritik dieser linken Regression noch keinen Anlauf zur Subversion begründet. Denn die Kritik des verkürzten Antikapitalismus begeht ihrerseits folgenschwere Verkürzungen, indem sie revolutionäre Bewegung zu einem Erkenntnisproblem verharmlost und einen großen Bogen um den Begriff der Klasse macht.

Verkürzte Kritik macht sich an Erscheinungsformen fest, radikale geht aufs Ganze. Ergo, so TOP, müsse man daran arbeiten, »die Gesetzmäßigkeiten der kapitalistischen Gesellschaft zu begreifen und den mit ihnen zwingend verbundenen Schaden für die zu vernutzenden Menschen aufzuzeigen«; die Gruppe will ihre Einsichten in die Verhältnisse »ins Bewusstsein der geschädigten Subjekte einschreiben«, zu welchem Zweck es »Irritationen und Störungen« zu erzeugen gelte, »in der Hoffnung, dass die Subjekte die Richtigkeit der sozialen Ordnung in Frage stellen«.

Nach Marx und Engels hing die Aufhebung des Kapitals vom Bewusstsein des Proletariats ab. Was die naturwüchsige Vorgeschichte beenden sollte, konnte nicht selbst bewusstloser Prozess sein. Radikales Bewusstsein wurde jedoch nicht so sehr als Frucht langwieriger Aufklärungsbemühungen verstanden, sondern als etwas, das von praktischen Assoziationsbemühungen der Lohnabhängigen untrennbar war und sich folglich nur in den Tageskämpfen entwickeln konnte.


Die akademisch geprägte Wertkritik dagegen denkt sich die subversive Bewegung als große Volkshochschule, in der den Subjekten zunächst die Bewegungsgesetze des Kapitals beigebracht werden müssen, bevor sie die bestehende Ordnung in Frage stellen können. Von gesellschaftlichen Konflikten, an denen sich die proklamierte radikale Kritik entzünden könnte, ist nicht die Rede. Die Subjekte treten als leere Blätter auf, die von den Kritikern mittels aufklärerischer Intervention mit den richtigen Inhalten beschrieben werden können.

So wird zwar darauf gepocht, dass die Verhältnisse nicht naturgegeben sind, aber weil der Begriff der Klasse vermieden wird, verschwendet man keinen Gedanken darauf, dass die Konstitution dieser Verhältnisse kein einmaliger Akt ist, sondern täglich von neuem vollzogen werden muss. Folglich fällt auch nicht auf, dass es dabei immer häufiger zu »Irritationen und Störungen« kommt – nicht durch das Wirken von Stoßtrupps der Aufklärung, sondern weil selbst das fragwürdige Versprechen von Glück, dessen sich die herrschende Ordnung lange Zeit gerühmt hat, mehr und mehr an der wirklichen Entwicklung in die Brüche geht. Für diese Spielart radikaler Kritik ist das unerheblich. Was ändert die massenhafte Durchsetzung von Leiharbeit schon an der Wertform?

Zu Lappalien wie der voranschreitenden Verelendung fällt derartiger Wertkritik dann auch nur die Belehrung ein, dass »einer radikalen Kritik des Bestehenden« mit »dem moralischen Verweis auf Ungerechtigkeit nicht geholfen« sei. Irgendwelche Anstalten, die in der Rede von den immer reicher werdenden »Reichen« und den mit ein paar Krümeln abgespeisten »Armen« in der Tat nur oberflächlich ausgedrückte Entwicklung genauer zu fassen, macht sie jedoch nicht. Noch unbestimmter als die Rede von Reichen und Armen ist aber die von »den Subjekten« schlechthin, die irgendwie alle einen Schaden haben.


So verstanden, gerät der Kampf »ums Ganze« zum scheinradikalen Gestus. Der revolutionäre Bruch mit den Verhältnissen wird gut existenzialistisch aus der revolutionären Subjektivität der Revolutionäre konzipiert, die sich vermutlich durch Aufklärungsarbeit exponentiell vermehren sollen. In genauer Umkehrung der verkürzten Kritik, die an den Erscheinungsformen hängen bleibt, werden pflichtgemäß die »Konstitutiva kapitalistischer Vergesellschaftung« von Wert bis Staat abgerufen, aber nicht mehr mit den Erscheinungen zusammengebracht. Gesellschaft zerfällt in belanglose Phänomene einerseits, Kernkategorien andererseits, die in Folge dieser Trennung – keine kleine Ironie – allem Bemühen um Fetischis muskritik zum Trotz erstarren und geschichtslos werden.

Wenn alle begrenzten Klassenkonflikte dem Verdikt verfallen, sich bloß im Reich der Erscheinungsformen abzuspielen und nicht »aufs Ganze« zu gehen, wenn der Alltag der Proletarisierten – also vermutlich auch: der eigene – überhaupt nicht als das Terrain verstanden wird, auf dem allein sich eine wirkliche Bewegung bilden könnte, muss Praxis zu Kampagnenpolitik verkommen. Tatsächlich konnte man in Berlin bereits Demonstrationen beobachten, die den kritischen Seminarmarxismus zu handlichen Losungen wie »Just Communism« verwursten und mit elektronischer Musik untermalen, damit niemand einschläft.

Dass darin der gesuchte »way out« aus den Verhältnissen liegt, scheint höchst fraglich. Aber vielleicht findet ja der eine oder die andere, angeödet vom Durchkauen irgendwelcher »Ansätze«, zunächst wenigstens den Ausgang aus dem Universitätsgebäude.

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Wenn ich dabei tanzen muss, ist es nicht meine Revolution.
19. November 2007, 17:50 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Muoit



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Der erste Text ist eine Antwort auf den zweiten (und einen noch früher erschienen Text von der Gruppe TOP Berlin)

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19. November 2007, 17:07 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
O.B.M.F



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Der näschste sehr interessante Text (bzw. Interview) zm Kongress:

http://www.trend.infopartisan.net/trd1207/t311207.html

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03. Dezember 2007, 19:32 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
far



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No way out!

Über theoretische Holzwege am „Ums Ganze!“ Kongress

Vom 7. bis zum 9. Dezember fand in Frankfurt am Main der „Ums Ganze!“ Kongress statt, welcher vom „Ums Ganze!“-Bündnis organisiert wurde, um im Anschluss an den G8-Gipfel sich noch um einige theoretische Klärungen zu bemühen. Mit der Gegenüberstellung der beiden Themen „Wertkritik“ und „(Post-)Operaismus“ soll diesem gedient sein. Doch gerade mit dieser beschränkten Gegenüberstellung dieser beiden Modetheorien begibt man sich schnell auf holziges Terrain.

Ein Bericht von zwei Personen aus der libertären Aktion Ostschweiz

Der Kongress begann mit einführenden Referaten von Robert Foltin (Redakteur „Grundrisse“) und Norbert Trenkle (Redakteur „Krisis“) zu den Themen Postoperaismus und Wertkritik. Bei der Theorie des Postoperaismus, welcher eine Ableitung aus dem italienischen Operaismus ist, handelt es sich um die Verlagerung der Produktion auf die Ebene der immateriellen Arbeit. Der Postoperaismus behauptet, dass die materielle Arbeit nicht mehr zentrales Moment der Produktion sei, sondern die immaterielle Arbeit. Die heutige Gesellschaft wird als Dienstleistungs- oder gar Wissensgesellschaft verstanden in der die Produktion von Kommunikation und Affekten zentral sei. Wissen wird als wichtigstes Produktionsmittel betrachtet, Kreativität und Subjektivität als Mittelpunkt der Gesellschaft. Durch diese illusionäre Veränderung wird der Begriff der Klasse durch den der Multitude ersetzt. Es soll nicht mehr eine kämpfende Klasse im Sinne des Proletariats existieren, sondern eine diffuse Vielfalt von subjektiven Kämpfen, die zwar nichts gemein haben, aber trotzdem antikapitalistisch sein sollen. Da die Postoperaisten keine unmittelbar klassenüberwindbare Perspektive wahrnehmen, ziehen sie sich die Multitude als neues Subjekt aus dem Nichts heraus, wie ein weisses Kaninchen aus dem Zauberhut.

Zudem gehen die Postoperaisten auch davon aus, dass sich grundlegendes in der Machtkonstellation des Kapitals geändert habe. Die einzelnen Staaten hätten an Gewicht verloren und stattdessen wäre eine Art neue Kontrollmacht aus überstaatlichen Zusammenschlüssen, das so genannte „Empire“, entstanden.

Dass diese Modetheorie mehr verklärt als aufzeigt, ist nicht weit hergeholt. Nur weil einzelne Länder „verdienstleistet“ scheinen, heisst das noch lange nicht, dass die materielle Arbeit bzw. die gesamte Industrie verschwunden ist. Der Dienstleistungs- oder Wissenssektor setzt schon ein ausgedehntes Mass an Industrie voraus, denn die Wirtschaftssektoren bauen aufeinander auf. Das I-Pünktlein auf dieser regressiven Theorie ist schliesslich der naive Optimismus, dass wir schon in einer Art Kommunismus leben würden, der nur noch von einer kapitalistischen Hülle verschleiert sei. Es lohnt sich gar nicht mehr Worte über den Postoperaismus verlieren zu wollen, da die Widersprüche und die Unstimmigkeit mit der gesellschaftlichen Realität augenscheinlich sind.

Mit der Theorie der Wertkritik hat es schon wesentlich mehr auf sich, jedoch gibt es auch da zu genüge Kritikpunkte. Wie der Postoperaismus schreibt auch die Wertkritik den Klassen bzw. Klassenkämpfen keinen grösseren emanzipatorischen Wert zu. Die Vermittlung der gesellschaftlichen Beziehungen über den Wert, wie das die Wertkritik propagiert, ist durchaus korrekt. Jedoch darf dies nicht zu einer aufklärerischen und erkenntnisbezogenen Praxis führen. Es handelt sich bei der Klasse der Lohnabhängigen nicht um Subjekte im Sinne von weissen Blättern, die bloss noch von den Avantgardisten der Wertkritik beschreiben werden müssen. Ein revolutionärer Prozess im Sinne von Marx ist kein Prozess der langwierigen Aufklärung, sondern ein Prozess in dem die Lohnabhängigen ihre Ausbeutung und Unterdrückung im Produktionsprozess selbst erkennen. Auch die Zusammenbruchstheorie der Wertkritik, welche davon ausgeht, dass dem Kapital die Wertsubstanz schon ausgegangen ist und der Kapitalismus daher schon in seiner Zusammenbruchsphase steckt, ist fragwürdig.

An verschiedenen Podien trugen am Samstag und Sonntag die Vertreter der jeweiligen Richtung und ihre Verfechter ihre Positionen vor und versuchten diese gegeneinander auszuspielen. Ein wirklicher Diskussionsprozess mit den Besuchern des Kongresses wurde nicht angestrebt. Doch nicht nur das: Der gesamte Kongress wies grundsätzlich einen sehr elitären Charakter auf. In geschlossenem Kreis soll der „way out“ erörtert und gefunden werden, während der Kongress die real laufenden Kämpfe und Klassenwidersprüche vollkommen ausser Acht lässt. Zudem ist es sehr naiv den vom „Ums ganze Bündnis“ gesuchte „way out“ aus den kapitalistischen Verhältnissen gerade in diesen beiden Modetheorien suchen zu wollen. Anstatt die gesellschaftlichen Verhältnisse zu analysieren und verstehen zu lernen und daraus eine Praxis abzuleiten, stellt das „Ums ganze Bündnis“ die Praxis an den Anfang und versucht dann diese Praxis mit der Theorie in Einklang zu bringen.

Das krampfhafte Suchen nach einem „way out“, dieses ungeduldige Drängen nach Revolution in einer noch nicht mal ansatzweise vorrevolutionären Phase, kann nur zu illusorischen und falschen Schlüssen führen. Anstatt so ungeduldig die Gesellschaft mittels dürftiger Theorien verstehen und umkrempeln zu wollen, würden sich die Organisatoren des Kongresses lieber etwas mehr Zeit nehmen die real stattfindenden Abläufe an den Bruchstellen dieser Gesellschaft mitzuverfolgen und zu analysieren.

Der „way out“ ist offensichtlich noch nicht in Sicht und daran ändert sich auch nichts, wenn man sich mittels ganz klug wirkenden Theorien einen „way out“ hervor zu zaubern versucht.

http://www.lao.ch.tc/

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Um einen Widerstand zu brechen, braucht es Gewalt, aber wenn der Widerstand hält, ist es die Gewalt, die zerbricht.
06. Januar 2008, 18:17 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden E-Mail senden
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