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Momentan fühlt sich unser Kind als Mädchen

 
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Momentan fühlt sich unser Kind als Mädchen
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far



Anmeldedatum: 25.06.2005
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Beitrag Momentan fühlt sich unser Kind als Mädchen Antworten mit Zitat
Zitat:
«Momentan fühlt sich unser Kind als Mädchen»
Bei der Geburt war das Baby weder Mädchen noch Junge. Karin Plattner und ihr Mann lassen ihr Kind später selbst entscheiden, ob es Mann oder Frau oder beides sein will.

Mit Karin Plattner* sprach Katrin Hafner

Frau Plattner, ist Ihr Kind ein Zwitter?

Zwitter ist nur ein Wort. Mich persönlich stört es nicht. Es gibt Betroffene, die den Ausdruck nicht mögen, andere sagen ganz bewusst, sie seien Zwitter.

Der Begriff Zwitter hat jedenfalls einen negativen Beigeschmack.

Zwitter galten und gelten als abartig, weil sie nicht der Norm entsprechen. Zudem kursiert der Begriff in der Pornoszene, man denkt an Menschen mit Brüsten und Penis. Ein falsches Bild.

Wie bezeichnen Sie denn Ihr Kind?


Unser Kind ist intersexuell. Ich sage es so: Zwischen den zwei Polen Mann und Frau gibt es Hunderte Varianten von Intersexualität. Ganz einfach.

Davon haben Sie wohl vor der Geburt Ihres Kindes auch noch nie gehört. Erwarteten Sie einen Buben oder ein Mädchen?

Wir wollten uns überraschen lassen und machten auch sonst keine pränatalen Tests. Das interessierte uns nicht.

Bestimmt haben Sie Namen ausgedacht, und dann ist da plötzlich ein Neugeborenes, das weder Bub noch Mädchen ist.

Ja, so war das. Ich realisierte das am Anfang nicht richtig. Zuerst waren vor allem die Ärzte und die Hebamme überfordert. Sie wussten nicht, wie reagieren, sprachen von einer Genitalgeschwulst. Mich plagte die Angst, das Kind sei krank.

Wie nennt man sein Baby, wenn man nicht weiss, welches Geschlecht es hat?

Wir gaben ihm sofort einen neutralen Kosenamen. Und warteten auf die Testresultate. An einem Tag hiess es, es sei ein Junge, am nächsten ein Mädchen.

Ein Trauma für frisch gewordene Eltern.

Zum Glück konnten wir unser Kind sofort annehmen, so wie es war. Schwer waren aber all die Fragen aus dem Umfeld. Die Leute riefen an, wollten wissen, ob alles gut und ob es ein Junge oder ein Mädchen sei. Mach keine Witze, hiess es, wenn ich sagte, wir wüssten es nicht.

Wann realisierten Sie, wie es um Ihr Kind wirklich steht?

Nach drei Wochen sagten uns die Ärzte, von den Chromosomen her sei es ein Knabe, aus dem eher weiblichen Genitale könne man aber nie einen Buben machen. Darum sei eine Geschlechtsanpassung zum Mädchen angesagt.

Spätestens da müssen Sie erschrocken sein.

Nein, das Verrückte war, dass uns die Ärzte lieb zuredeten, das sei operativ kein Problem, man könne da gut ein Mädchen daraus machen, und mit der entsprechenden Erziehung werde alles gut.

Was störte Sie an diesem Szenario?

Nichts, zuerst. Mein Mann und ich waren selbst noch zweipolig eingestellt: Es gab für uns nur weiblich oder männlich, kein Dazwischen. Wir liessen einen Monat nach der Geburt die Geschlechtsdrüsen entnehmen, die für die Hormonproduktion im Körper verantwortlich sind, weil es hiess, sie seien entartungsgefährdet. Kurz danach sagte man uns, bald folge der nächste Eingriff am Genitale, um ein richtiges Mädchen aus dem Kind zu machen. Da begann ich Fragen zu stellen. Was heisst das? Gibt es vergleichbare Fälle?

Warum zögerten Sie?

Ich dachte, läck Jimmy, das hört ja nicht mehr auf. In der Pubertät müsste die Vagina angelegt werden, es kämen Hormone hinzu. Und was soll ich ihr dann sagen? Du bist ein Mädchen, musst aber erst Hormone nehmen, damit du überhaupt eins wirst – und bekommst dennoch keine Periode und nie Kinder? Das ist doch Vertrauensbruch pur! Diesen Schwindel kann ich nicht verantworten.

Und wie konnten Sie es denn verantworten, Ihr Kind als Weder-Mädchen-noch-Junge zu lassen?


Als ich herausfand, dass es nach der Operation des äusseren Genitales vielleicht nie Gefühle oder Lust empfinden kann, sagte ich, ja hallo, das geht zu weit. Wenn alles nur eine kosmetische Sache ist, kann ich nicht dahinterstehen. Dann soll mein Kind bleiben, wie es ist. Medizinisch ist das in unserem Fall absolut problemlos. Und später kann es selber entscheiden, ob es eine Geschlechtsanpassung machen lassen will oder nicht.

Das ist doch eine Überforderung für das Kind, wenn es selber entscheiden muss.

Das glaube ich nicht. Wir werden zusammen einen Weg suchen. Ausserdem wird unser Kind älter und urteilsfähig sein.

Wie meinen Sie das?

Kommt unser Kind in die Pubertät, fragen wir es, ob es weibliche oder männliche Hormone nehmen will. Später kann es immer noch entscheiden, ob es sich operieren lassen will.

Sie mussten sich dennoch für einen Namen und ein offizielles Geschlecht entscheiden.

Wir entschieden uns Richtung weiblich und wählten einen normalen Mädchennamen. Das gilt aber nur auf dem Papier.

Ihr Kind ist heute achtjährig. Weiss es, dass es nicht Mädchen und nicht Junge ist?

Klar, wir haben nie ein Geheimnis daraus gemacht, hatten auch von Anfang an Babysitter, denen wir erklärten, warum unser Kind beim Wickeln anders aussieht als andere. Sie staunten jeweils, gewöhnten sich aber schnell daran.

Und die anderen Kinder?

Die fragen natürlich manchmal, zum Beispiel in der Umziehkabine. Ich sage jeweils: Schau mal, meine Nase sieht nicht aus wie deine – so sieht unser Kind eben auch nicht ganz aus wie du. Kinder können damit erstaunlich gut umgehen. Die Probleme machen wir Erwachsenen.

Erlebten Sie Angst oder Ausgrenzung von Seiten anderer Eltern?

Das nicht. Aber man muss erklären, dass unser Kind keine ansteckende Krankheit hat, sondern intersexuell ist. Punkt.

Sie tun, als sei dies kein Problem. Das kann ich Ihnen nicht abnehmen.


Wissen Sie, man wird abgebrüht. Mir half es zu erfahren, dass es mehr Intersexuelle gibt, als man uns weismachen wollte. Mein Ziel ist es, den Leuten, die interessiert sind, offen zu sagen, was das bedeutet. Für mein Kind ist es nämlich normal, für das Umfeld ist es allerdings eine Herausforderung, weil es nicht der Norm entspricht.

Empfindet sich Ihr Kind denn als normal?

Ja, das glaube ich. Lange schwankte sie, sagte, sie sei jetzt ein Bub, dann wieder ein Mädchen. Momentan fühlt sie sich eher als Mädchen. Aber sie trägt zum Beispiel nicht gerne Röcklein oder Jupes.

Wie erzieht man ein Kind, ohne in Geschlechterrollen zu fallen?

Wir haben immer darauf geschaut, was unsere Kleine gerne hat. Das zählt. Ist doch egal, ob das nun Puppen sind oder Autos. Hauptsache, sie fühlt sich wohl!

Das ist einfacher gesagt als getan. Es beginnt ja schon bei den Kleidern: Da findet man Rosa für Mädchen, Blau und Braun für Jungs. Was wählen Sie?

Das ist tatsächlich schwierig. Man findet kaum neutrale Kleider. Nun trägt sie eben, was ihr gefällt. Das sind Äusserlichkeiten, das ist unwichtig.

Aber unsere Gesellschaft funktioniert nun mal über Äusserlichkeiten.

Stimmt. Der Schönheitswahn erschwert alles. Darum versuchen wir, unser Kind innerlich möglichst stark zu machen. Und sagen ihm auch, dass es etwas Spezielles ist, weil es wählen kann, ob es Mann oder Frau oder beides sein will.

Haben Sie nicht Angst, dass Ihr Kind Ihnen eines Tages vorwirft, nicht für es entschieden zu haben?

Jedes Kind kann seinen Eltern etwas vorwerfen. Damit müssen Eltern leben. Ich werde ehrlich erklären, warum ich den Entscheid nicht treffen konnte.

Was ist mit Ihrem Frauen- und Männerbild? Hat sich das durch Ihr Kind verändert?

Nein. Was macht eine Frau aus? Das habe ich mich nie gefragt. Und ich weiss es bis heute nicht. Ich will einfach mich selbst sein. Und wünsche mir, dass unser Kind sich wohl fühlt in seiner Haut.

Viele Intersexuelle fühlen sich nicht wohl. So etwa Christiane Völling, die nun in Köln Ihren Arzt auf Körperverletzung anklagt. Was bedeutet Ihnen der Prozess?

Ich bin froh, hat eine betroffene Person den Mut gefunden, sich zu wehren. Der Prozess soll wachrütteln. Würde er gewonnen, wäre dies ein grosser Schritt gegen die Operationen. Wichtig ist mir, dass das Thema endlich öffentlich wird.

Was nützt das?

Dass Intersexuelle akzeptiert werden. Dass Eltern von Neugeborenen über unsere Selbsthilfegruppe informiert werden und nicht unter Druck reagieren müssen. Und dass Kinder schon in der Schule lernen, dass es Mann und Frau gibt – und eben auch Zwischenformen.

* Karin Plattner ist Mutter eines achtjährigen Kindes und Gründerin der Selbsthilfegruppe für Eltern intersexueller Kinder: www.si-global.ch


http://www.tagesanzeiger.ch/dyn/wissen/medizin/838827.html

_________________
Um einen Widerstand zu brechen, braucht es Gewalt, aber wenn der Widerstand hält, ist es die Gewalt, die zerbricht.
05. Februar 2008, 18:19 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden E-Mail senden
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