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Kronstadt-Aufarbeitung

 
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Kronstadt-Aufarbeitung
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Topfchopf



Anmeldedatum: 25.02.2008
Beiträge: 89

Beitrag Kronstadt-Aufarbeitung Antworten mit Zitat
http://www.infopartisan.net/archive/brendel/crnstadt.html
http://de.internationalism.org/1921
http://www.spartacist.org/deutsch/dsp/25/kronstadt.html

Lade Euch alle ein, Euch mit den Texten auseinanderzusetzen, um DANN in die Diskussion einzusteigen.

Falls jemand das Gefühl hat, dass die Texte das Spektrum an Analysen noch nicht zur genüge erfüllt, kann gerne noch vervollständigen.

(und ja. gibt viel zu lesen, aber so ist's nunmal mit ernsthafter auseinandersetzung mit einem thema)

_________________
www.myspace.com/topfchopf

"Prinzipiell und in seiner reinen Form betrachtet, entsteht der Anarchismus ebenso wie das religiöse Sektentum dort, wo totale Kritik und totale Ohnmacht sich zueinander vermitteln und in totale Verweigerung umschlagen. Deshalb ist der Anarchismus in seinem tiefsten Wesen nicht nur sektiererisch, sondern sind die Sekten auch anarchistisch. Sektierertum, Anarchismus und Rebellion sind im Sinne ihrer notwendigen Zuordnung zueinander identisch." Leo Kofler, 1974
26. Februar 2008, 21:52 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
far



Anmeldedatum: 25.06.2005
Beiträge: 5481

Beitrag Antworten mit Zitat
These 6

Fast schwerwiegender für den Verlauf der proletarischen Be-
wegung im 20. Jahrhundert dürfte es gewesen sein, dass ihr
vermeintlicher großer Sieg in Russland 1917 im Fortgang Re-
sultate zeitigte, die dazu angetan waren, die Revolution nicht
mehr herbeizusehnen, sondern sich vor ihr zu fürchten.
Das vorrevolutionäre Russland zeichnete sich durch einzelne
proletarische urbane Inseln inmitten eines Ozeans von Bauern
aus. Die Trennung der Russischen Revolution in eine „bür-
gerliche“ (Februar) und eine „proletarische“ (Oktober) Phase
ist ideologisch. Soziale Revolutionen bewegen sich innerhalb
der Möglichkeiten, die die vorgegebenen gesellschaftlichen
Verhältnisse bieten. Und diese verändern sich nicht innerhalb
weniger Monate.
1917 rebellierte die russische Bevölkerung unter der Losung
„Brot, Land und Frieden“ gegen die Brutalität und Sinnlosig-
keit des Krieges und ihre Lebensbedingungen. Als Soldaten
im Krieg erlitten Bauern und Arbeiter das gleiche klassenü-
bergreifende Schicksal und sorgten für den Zusammenbruch
der militärischen Disziplin an der Front. Die Männer kehrten
nach Hause zurück und verbreiteten im ganzen Land den Un-
gehorsam gegenüber der Obrigkeit. Überall wurden die herr-
schenden Machtverhältnisse durch Arbeiter-, Soldaten- und
Bauernräte in Frage gestellt. Während ein radikaler Teil der
Fabrikräte hierarchische Entscheidungsstrukturen ablehnte,
sich an die Übernahme von Produktion und Verteilung mach-
te und darauf aufbauend eine überbetriebliche Koordination
anstrebte, was die Existenz einer kommunistischen Strömung
innerhalb der Arbeiterklasse bezeugt, drängten die revolutio-
nären Bauern bestenfalls — in Anlehnung an die historische Be-
sonderheit des ländlichen Gemeinwesens in Russland — auf die
Schaffung voneinander autonomer, sich selbst versorgender
Kollektive, was ein Verschwinden der Städte und die Rück-
kehr zu vorkapitalistischen Produktionsverhältnissen bedeu-
tet hätte. Keine dieser beiden Bewegungen war in der Lage,
eine gesamtgesellschaftliche Reproduktion zu gewährleisten.
Der bolschewistischen Partei als Staatsmacht iel die Aufga-
be zu, das wirtschaftliche Überleben in despotischer Form
zu organisieren, und zwar gleichermaßen gegen Arbeiter und
Bauern. Nur eine sich ausbreitende proletarische Revolution
im übrigen Europa hätte diesen antikommunistischen Trend
aufhalten können.
Mit der Ausschaltung der Fabrikräte und der Zerschlagung
der Bauernbewegung — insbesondere der von Machnow ange-
führten — verschwanden die radikalen Forderungen und Ziele
nicht einfach; sie wurden in pervertierter Form in die sowje-
tische Gesellschaft integriert. Der Drang zur Sozialisierung
und Veränderung des Produktionsprozesses wurde mit der
Verstaatlichung der Fabriken und mit der Militarisierung und
Taylorisierung der Arbeit quittiert. Es ist ein theoretischer Witz,
dass die Trotzkisten, die zurecht die Ideologie des „Sozialismus
in einem Lande“ verwarfen, die Vorstellung hatten, in Sowjet-
russland sei nur eine „politische“ Revolution notwendig, da die
Eigentumsverhältnisse bereits dem Kommunismus entsprächen.
Aber es ist ein makaberer Witz, dass derjenige, der im Kampf
mit der stalinistischen Bürokratie auf die Arbeiterdemokratie
pochte, wenige Jahre zuvor im Gewand der obersten Autorität
der Roten Armee jeden Widerstand von Bauern, Arbeitern und
Soldaten in Blut ertränkt hatte. Die Erinnerung an den Kron-
städter Aufstand 1921 wird jedoch ihrerseits zur Mythologie,
wenn sie ausschließlich die Einforderung der Rätedemokratie
gegenüber der Parteidiktatur betont, die nicht gerade revolu-
tionäre Forderung nach „freiem“ Warentausch zwischen den
Städten und dem Land dagegen ausblendet. Gleich nach der
Niederschlagung des Aufstandes wurde diese ökonomische
Forderung von der bolschewistischen Regierung übernom-
men und in Gestalt der „Neuen Ökonomischen Politik“ (NEP)
realisiert. Schließlich wurde Brot für alle — von schlechter Qua-
lität — durch die Ausdehnung des Arbeitszwangs auf alle garan-
tiert. Der Zugang zum Land wurde durch die vom Staat forcierte
Zwangskollektivierung realisiert. Der Frieden wurde knallhart als
soziale Ruhe durchgesetzt. Die klassenspeziischen Interessen
wurden in nationale umgemünzt. Der Klassenkampf wurde in
der verkehrten Form des großen patriotischen Krieges und der
antifaschistischen Ideologie gefeiert.
Der internationalistische Standpunkt der Bolschewiki, vor allem
während des Ersten Weltkrieges, verankerte sie im Lager der
Revolutionäre. Und im Falle einer proletarischen Revolution in
Westeuropa wären sie womöglich auch dort geblieben. Aber
das Parteikonzept der Bolschewiki, ihr Misstrauen gegenüber
einem möglichen kommunistischen Verhalten der Klasse aus
der Dynamik der Klassenkämpfe heraus, verwiesen bereits
vor der Revolution auf eine autoritäre Vorstellung von Kom-
munismus. Der platte Anti-Leninismus allerdings, der in der
bolschewistischen Partei den Grund für das Scheitern der
kommunistischen Revolution ausmacht, vergisst, dass auch
im Falle der Bolschewiki das soziale Sein das Bewusstsein be-
stimmt, und merkt nicht, wie sehr er selber noch der Vorstellung
einer allmächtigen Führung verhaftet ist, die die geschichtliche
Entwicklung nach Belieben lenken könnte. Niemand kann sa-
gen, was geschehen wäre, wenn die sozialen Konlikte einen
anderen Verlauf genommen hätten. Aber vom historischen Re-
sultat aus betrachtet exekutierte die Diktatur der Partei eine
der Alternativen, die die inneren und äußeren Bedingungen im
Jahre 1917 zuließen und die als „ursprüngliche Akkumulation“
charakterisiert werden kann: die soziale und wirtschaftliche
Integration der Masse der russischen Bauern in den Weltmarkt
durch Industrialisierung und Verallgemeinerung der Lohnarbeit.
So bestehen die historischen Leistungen der Russischen Re-
volution am Ende in der orwellschen Verbrämung eines Terror-
regimes als Sowjetmacht plus Elektriizierung.

These 7

Die Russische Revolution ist als Inbegriff der sozialen Revoluti-
on in die Mythologie der Arbeiterbewegung eingegangen. Die
revolutionären Aufstände in Mitteleuropa nach dem Ende des
Ersten Weltkrieges waren nicht zuletzt von der Begeisterung
getragen, die sie auslöste. Deren offene Niederschlagung und
die schleichende Aushöhlung emanzipatorischer Bestrebun-
gen in Russland bedingten und verstärkten sich wechselseitig.
Es blieb die augenscheinliche Paradoxie: Während im kapitalis-
tisch entwickelten Westen proletarische Revolutionen offenbar
zum Scheitern verurteilt waren und nur der Reformismus eine
Zukunft zu haben schien, verfestigte sich das Bild eines er-
folgreichen gewaltsamen Umsturzes in einem verhältnismäßig
rückständigen Land. Wirkungsmächtig wurde die Russische
Revolution vor allem als Referenzpunkt und Bedienungsanlei-
tung für die Modernisierungsschübe der antikolonialen und
antiimperialistischen Bewegungen in der Dritten Welt. Dort
wurde der „Marxismus-Leninismus“ zur Ideologie des radikalen
Bürgertums und der radikalen Intelligenzija. Sowjetrussland
avancierte zum Prototyp der nationalen Entwicklungsprojekte
der peripheren Länder im imperialistischen Zeitalter. Im Wes-
ten wurde der Rote Oktober entweder als Hoffnungsträger
angebetet, was einen Teil der Arbeiter für die russische Außen-
politik instrumentalisierte, oder als Schreckgespenst gegen
jedweden Gedanken einer Überwindung des Kapitalismus in
Anschlag gebracht.

http://www.labournet.de/diskussion/arbeit/prekaer/kosmoprolet.pdf

_________________
Um einen Widerstand zu brechen, braucht es Gewalt, aber wenn der Widerstand hält, ist es die Gewalt, die zerbricht.
10. Mai 2008, 11:09 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden E-Mail senden
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