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Forget '68 - oder die bürgerlich kritische scheisse über 6

 
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Forget '68 - oder die bürgerlich kritische scheisse über 6
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fräulein else



Anmeldedatum: 14.01.2008
Beiträge: 1032

Beitrag Forget '68 - oder die bürgerlich kritische scheisse über 6 Antworten mit Zitat
für die, die sich's antun wollen...


NZZ vom Samstag, 31. Mai 2008

«Forget 68» - Gedenkrummel um die Mai-Rebellion
Mythos der Veteranen mit Muff von vierzig Jahren
Von unserem Frankreich-Korrespondenten Christian Müller
In der Flut von Analysen zur Mai-Revolte von 1968 überwiegt eine von damaligen Akteuren beeinflusste Umdeutung zu einem kulturellen Erweckungserlebnis und zu einer gesellschaftspolitischen Verwandlung. Verharmlosung und zugleich Überschätzung verdrängen die Geburt des Terrorismus aus dem Ungeist der Pseudorevolutionäre.

Paris, im Mai

Die Flut von Büchern, Fernsehreportagen, Zeitungsartikeln und Vorträgen zum Gedenken an das grosse Spektakel der Mai-Rebellion vor vierzig Jahren nimmt nun in Frankreich endlich ab. Der von vielen Achtundsechziger-Veteranen emporgeschraubte Rummel um die «Révolution introuvable», wie Raymond Aron schon kurz nach dem anarcho-marxistischen Veitstanz der Wohlstandsrebellen das noch immer weitherum überschätzte Phänomen der damaligen Jugendrevolte bezeichnet hatte, stand in einer an Verhältnisblödsinn grenzenden Disproportion zur historischen Bedeutung des Ereignisses. Nur kurz und eher am Rande wurde beispielsweise der für Frankreich unvergleichlich wichtigeren Zäsur vor einem halben Jahrhundert gedacht, als der Putsch in Algier vom 13. Mai 1958 der Vierten Republik den Todesstoss versetzt und General de Gaulle die Rückkehr an die Macht zur Gründung der Fünften Republik erlaubt hatte.

Bumerang der «Bewegung»
Die Niederwalzung des Prager Frühlings durch den sowjetischen Panzerkommunismus übertraf in ihrer historischen Konsequenz vor vierzig Jahren bei weitem die Bedeutung jedes studentischen Pflasterstein- oder Brandflaschenwurfs zwischen Berkeley, Berlin und Zürich. Im Unterschied zu den beiden vorangegangenen Jahrzehnten standen fortan in Böhmen und Mähren fünf Sowjetdivisionen sprungbereit zum Stoss in die Mitte Westeuropas, und zwar als eine dann vielfach von «friedensbewegten» Vogel-Strauss-Adepten im Westen verdrängte zusätzliche Bedrohung für weitere zwei Jahrzehnte bis zum Ende des Kalten Krieges.

Wer wollte sich diesmal die eigenen nostalgischen Mai-Reminiszenzen zudem noch von der Erinnerung an die weltpolitische Erschütterung der Tet-Offensive der vietnamesischen Kommunisten von 1968 trüben lassen? Obgleich sie für Hanoi ein militärisches Desaster wurde, brachte ihm dieser Stoss den politischen Triumph an der amerikanischen Heimatfront, die den Kampf im südostasiatischen Dschungel für verloren gab und Washingtons Engagement schliesslich sieben Jahre später endgültig scheitern liess.

Die Kommunisten in Hanoi erklommen trotz militärischer Niederlage den Grat zum politischen Sieg, den sie am Ende allerdings ebenfalls mit einem Panzerstoss besiegelten. Die Anarcho-Marxisten im Quartier Latin stürzten Frankreich in eine Regimekrise, doch ihr Aufruhr mündete nur einen Monat später in den Erdrutschsieg der Gaullisten bei den vorzeitigen Parlamentswahlen. Eklatanter hätte der politische Bumerangeffekt für das Abenteuer der französischen Revolutionsanbeter kaum ausfallen können.

Einer ihrer einstigen Protagonisten, Daniel Cohn-Bendit, vermochte zusammen mit manchen führenden Achtundsechziger-Veteranen nun weitgehend die Deutungshoheit im Rückblick auf die damalige «Bewegung» an sich zu reissen, bei der es sich natürlich um eine Revolte und nicht um eine Revolution gehandelt habe. Sie habe kulturell gesiegt und sei politisch unterlegen, behauptete er in einer kleinen Jubiläumsschrift, die er mit dem englischen Titel «Forget 68» versah. Unter vierzig Tonnen Pflastersteinen, die seither die Welt verändert hätten, sei diese Vergangenheit begraben, wenn auch nicht tot, meinte der längst zum Grünen mutierte «Dany le Rouge» zur Erläuterung des seltsamen Buchtitels, dem indes in Frankreich leider nicht nachgelebt wurde. Dass jetzt der gealterte Jugendagitator die Barrikaden um die Sorbonne im Blick zurück als «völlig absurd» bezeichnete, amüsiert als historische Marginalie.

Legende einer «Kulturrevolution»
Die Mär von der abgrundtiefen gesellschaftspolitischen oder sogar zivilisatorischen Zäsur des Mai 1968 ist nicht ganz neu, erfuhr nun aber geradezu die Unfehlbarkeitsweihen eines fast allgemein akzeptierten politologischen Katechismus. In Frankreich wagten nur vereinzelte ideologische Störefriede aus den Reihen der mao-marxistischen «alten Kämpfer» der «Bewegung» das zumeist schüchterne Eingeständnis, dass in Wahrheit wichtige Reformen, vom Scheidungsrecht über die Gleichstellung der Frau bis hin zur Pille, schon in den Jahren vor der Mai-Rebellion verwirklicht worden waren. In ebenso gedanken- wie verantwortungsloser Vergötzung des «Kulturrevolution» genannten Barbarenstücks der chinesischen Kommunisten beanspruchten die damaligen Rebellen, an der Spitze des Fortschritts zu stehen und einen Umbruch herbeizuführen unter Berufung auf eine ideologische Utopie, die längst durch die Realität widerlegt worden war und deren Irrsinn durch die Machthaber in Moskau und Peking sowie durch die kommunistischen Duodezherrscher in Pjongjang, Hanoi und Havanna illustriert wurde.

«Kulturrevolution», noch lange eine inflationär für fast jede noch so kleine Veränderung zur Verwendung gelangende Vokabel, erscheint als einstiger politischer Modebegriff ins Reich überholter Sprachtorheiten entschwunden. Cohn-Bendits These vom kulturellen Erfolg und von der politischen Niederlage knüpfte gleichwohl verdeckt an das Schlagwort an, das an seinem Ursprungsort in Maos Reich der Mitte als Totschlagwort zu einer mörderischen Verfolgungs- und «Säuberungs»-Hysterie geführt hatte. An der Sorbonne traten letztes Jahr zu Promotionsfeiern erstmals seit Menschengedenken Vertreter des akademischen Lehrkörpers in Talaren auf, und selbst erfolgreiche Prüflinge steckten in einer an amerikanische Commencement-Bräuche erinnernden Tracht.

«Unter den Talaren der Muff von tausend Jahren» - mit diesem Slogan hatte vor über vierzig Jahren an deutschen Universitäten in Form einer «antiautoritären» Abrechnungskampagne gegen die verdrängte nationalsozialistische Vergangenheit mancher Professoren der Prolog zur Studentenrebellion eingesetzt. Wie einst die Minderheit nationalsozialistischer Studenten gegen das «System» von Weimar agitiert und schliesslich die Universität «braunrevolutioniert» hatte, zog nun eine Minorität der Generation der Söhne und Töchter, deren germanische Vornamen wie Hagen oder Gudrun allein schon einen unfreiwilligen Bezug zum Dritten Reich schufen, gegen das «Establishment» und dessen «repressive Toleranz» in der «faschistoid»-kapitalistischen Bundesrepublik los. Bilder und Geisteswelt sowie Methoden von 1933 und 1968 wiesen erschreckende Parallelen auf. Doch was heute als Erkenntnis sogar von einigen wenigen damaligen Agitatoren anerkannt wird, kam damals und noch für lange Zeit danach einem als reaktionär verschrienen Tabubruch gleich und war von der politischen Steinigung bedroht. Götz Alys «Unser Kampf» spielt nun bewusst auf Adolf Hitlers «Mein Kampf» an und spricht vom «glücklichen Scheitern» der 68er Revolte dank der Festigkeit der zweiten deutschen Republik.

Diese Parallele fehlte im Rückblick in Frankreich auf das nun zumeist als kulturbewusst-fröhlich verharmloste Tollhaus von einst, auch wenn ein damaliger Schlachtruf wie «CRS = SS» als Zeichen einer grotesken Agitprop-Verdummung eigentlich einen Anknüpfungspunkt geliefert hätte. In seiner evolutionär-demokratischen Reinkarnation verwies Cohn-Bendit nun diesen Slogan ins Reich des Blödsinns. Vor allem entsetzte er sich nun selber über den damals auch von ihm begangenen Fehler, nach der russischen Revolution und nach weiteren totalitären Abenteuern nicht begriffen zu haben, dass der Gedanke an eine Machtergreifung ohne ein demokratisches Vorgehen mit Wahlen und Parlament unweigerlich zu einem neuen Totalitarismus führen müsse. Dieser Rebell hat sich zum Reformer gemausert, was ihn freilich nicht daran hindert, über Präsident Sarkozy, der in seiner Wahlkampagne dem Ungeist vom Mai 1968 den Kampf angesagt hatte, zu lästern als einen «verhinderten Achtundsechziger», dessen Stil und Privatleben ohne die kulturell-gesellschaftspolitischen Errungenschaften der Mai-«Bewegung» undenkbar wären.

Angehimmelter Massenmörder
Den «langen Marsch» durch die Institutionen, der wiederum eine begrifflich-ideologische Anleihe bei dem einstmals von vielen «Maibewegten» angehimmelten Massenmörder Mao Zedong darstellte, absolvierten wahrscheinlich in Frankreich mehr einstige Rebellen erfolgreich als in manch anderen Ländern. Serge July, inzwischen abgehalfterter Mitbegründer der aus jener Epoche hervorgegangenen Linkszeitung «Libération», zu deren Retter er schliesslich einen Rothschild-Spross erkor, liefert dafür das Paradebeispiel. Dieses inzwischen bejahrt-pompöse Schlachtross der «Bewegung» hat indes für die heutige junge Generation kaum grösseren Aktualitätswert als Napoleons ausgestopfter Araberhengst «Vizir» im Armeemuseum.

Zum Muff der Achtundsechziger nach vierzig Jahren gehört nun allerdings auch die weitherum totgeschwiegene oder voller Entrüstung abgelehnte Ahnherrschaft für die wenig später in Terrorismus ausartende Radikalisierung einer kleinen Minderheit. Im französischen Rückblick war dies kaum ein Thema, nicht nur wegen der zumeist apologisierenden Deutungshoheit der früheren Akteure. Dabei profitierte etwa das einstige mörderische Vierer-Kleeblatt der «Action directe», das den Rüstungsgeneral René Audran und den Automobilindustriellen Georges Besse noch in den achtziger Jahren umgebracht hatte, von solcher Unterlassung. Doch die Geburt terroristischer Gewalt aus dem Geiste von 1968 war gleichwohl in der Tat in Frankreich, das sonst blutrünstige Eruptionen zuhauf vorweisen kann, für einmal kein besonders markantes Phänomen.

Schoss des Terrorismus
Hitlers, Mussolinis und Tojos Achse des Zweiten Weltkrieges erstand dagegen in Deutschland, Italien und Japan als eine «Achse des Bösen» avant la lettre mit den Terroristen - beispielsweise der Rote-Armee-Fraktion, der Brigate rosse und von Rengo Sekigun. Im Unterschied zum Weltkrieg konnte den global wütenden Terrorschergen aus Japan zuerst das Handwerk gelegt werden. Anders verhielt es sich besonders im deutschen Kapitel des pseudorevolutionären Blutwahns. Bei der Finanzierung ihrer Publikationen bis hin zur Sprengstoff- und Schiessausbildung zogen die Gewalttäter der «Stadtguerilla» ganz konkreten Nutzen aus der deutschen Teilung dank dem teilweise noch heute geleugneten Sukkurs vor allem seitens des Ostberliner Regimes, aber auch anderer kommunistischer Diktaturen. Aus dem Rauscherlebnis der von «Ho! Ho! Ho Chi Minh!»-Rufen erfüllten Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg Amerikas erwuchs die Lust zur Rache an der amerikanischen Siegermacht des Zweiten Weltkrieges und ihren Helfershelfern im «kapitalistischen» Westen.

In einer kaum nachvollziehbaren psychologischen Verirrung, für welche der Weg des einstigen RAF-Anwalts Mahler zum Rechtsextremismus beispielhaft anmutet, wurden aus den anfänglichen Anklägern der in Hitlers Diktatur kompromittierten Elterngeneration schliesslich schreckliche Kopien der braunen Henkersknechte im Kampf gegen die westlichen Demokratien. Bis in die Terminologie verwischten sich die Grenzen zwischen gewalttätigem Wahn und Sektierertum der Rechtsextremen von einst und der Linksextremen, die noch bis kurz nach der Wiedervereinigung weiter mordeten. RAF steht in der Geschichte allemal für die Royal Air Force, die 1940 Hitlers Sieg zu verhindern vermocht hatte. Die Usurpierung des Akronyms durch deutsche Bombenleger eine Generation danach stellte nicht nur eine politische Obszönität sondergleichen dar, sondern zeugte vor allem auch von dem insgeheim gehegten Wunsch, es den schon von Goebbels beschimpften «Terrorbombern» der Alliierten, die überdies nach Vietnam nicht mehr an Auschwitz erinnern sollten, mit eigenem Bombenterror heimzuzahlen.

Rotlackierte Werwölfe
«Wehret den Anfängen!» hatte eine heftig kritisierte und auch noch lange belachte Warnung zu Beginn des 68er Spuks gelautet, als noch nicht einmal Kassandra von rotlackierten Werwölfen geträumt hatte, die indes bloss wenige Jahre darauf beispielsweise den amerikanischen Nato-Oberbefehlshaber oder auch den Befehlshaber des amerikanischen Heeres in Europa umzubringen versuchten. Das Mass der Berechtigung der einstigen Warnung mag jeder in Kenntnis des späteren Verlaufs einschliesslich der terroristischen Absplitterung von der Mai-«Bewegung» für sich selber bestimmen. Jetzt falschen Schlüssen zu wehren, drängte sich jedoch auf jeden Fall als Pflicht auf angesichts der nun vorherrschenden Verklärung der Mai-Revolte zu einem beglückenden Fortschrittserlebnis. Weder handelte es sich um einen fundamentalen Umbruch mit entscheidenden Langzeitfolgen, noch waren die Intentionen des zumeist kleinbürgerlichen Revolutionswahns harmlos.

«Das Leben ist der Güter höchstes nicht», hatte die Pfarrerstochter aus demselben Schwaben wie jenes des Dichters gelernt, bevor sie es als Terroristin andern raubte. Für die ihnen im Westen selbstverständliche Freiheit hatten die rabiaten Ankläger der «Formaldemokratie», die einzig im Kollektiv wild nach individueller Entfaltung zu schreien vermochten, nur Verachtung übrig. Das Mitläufertum vieler Sympathisanten, die jetzt voller Selbstnachsicht ihre «Jugendsünde» aus dem Lehnsessel kommentieren, und das einstmals modisch-«progressive» Duckmäusertum, das bequem den Weg zum heutigen Arriviertsein sogar in liberal-konservativem Rahmen freihielt, verdienen auch nach der biblisch langen Zeit von vierzig Jahren wegen ihrer Mitverantwortung noch immer daran erinnert zu werden, dass «der Übel grösstes aber ist die Schuld».

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"Es wird immer schwerer, normal zu sein"
31. Mai 2008, 11:31 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
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