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Anton Pannekoek - Die Arbeiterräte

 
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Anton Pannekoek - Die Arbeiterräte
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Melnitz



Anmeldedatum: 11.10.2006
Beiträge: 3354

Beitrag Anton Pannekoek - Die Arbeiterräte Antworten mit Zitat
1946 in niederländischer Sprache veröffentlicht, wird das Hauptwerk von Anton Pannekoek "Die Arbeiterräte" rund 50 Jahre später erstmals komplett in Deutsch erscheinen. Die Jungle-World hat aus der Einleitung von Julien Bertheaux und aus einigen Kapiteln Auszüge veröffentlicht:

Zitat:
Nach den Sternen greifen

Erstmals erscheint das Hauptwerk des holländischen Astronomen und Rätekommunisten Anton Pannekoek vollständig auf Deutsch. Auch die Stalinisten waren für die 60jährige Verzögerung verantwortlich: 1950 ließ die sowjetische Staatssicherheit den Übersetzer Alfred Weiland entführen, der daraufhin in der DDR acht Jahre lang inhaftiert wurde.

von Anton Pannekoek

Anton Pannekoek (1873 bis 1960), vor dem Ersten Weltkrieg in der deutschen Sozialdemokratie politisch aktiv, ist als Analytiker und vehementer Kritiker der Sozialdemokratie und des Parteikommunismus bekannt geworden. Sein Hauptwerk allerdings, das zuerst 1946 in Amsterdam und in erweiterter Fassung 1950 in Melbourne erschienene Buch »Arbeiterräte«, erscheint erst jetzt – zusammen mit weiteren Schriften – in deutscher Übersetzung.

Die folgenden Auszüge sind der Einleitung von Julien Bertheaux zu diesem Band sowie den Teilen I. Das Ziel, Kapitel 7: Die Räteorganisation und II. Der Kampf, Kapitel 2: Die direkte Aktion, 3: Die Betriebsbesetzung, und 6: Die Arbeiterrevolution entnommen.


Pannekoek ist zu Anfang des letzten Jahrhunderts gut zwei Jahrzehnte lang in den Niederlanden und in Deutschland im engeren Sinne politisch aktiv gewesen, wobei für ihn das Marxsche Diktum, demzufolge die Emanzipation des Proletariats dessen eigene Angelegenheit und nicht die einer von bürgerlich aufgeklärter Intelligenz geführten und sich bürokratisch verselbständigenden Partei- und Gewerkschaftselite sei, Leitbild seines Handelns und Denkens gewesen ist. Konsequenterweise geriet er in Konflikt mit diesen Führern, die ihre Stellvertreterpolitik als Emanzipation des von ihnen vorgeblich repräsentierten Proletariats verstanden wissen wollten. Die russische Revolution des Jahres 1917 begrüßte er als Ausdruck einer selbständigen, in Räten sich organisierenden Klassenbewegung; er wandte sich aber in dem Moment von dem Geschehen in Russland ab, als ihm klar wurde, dass die Bolschewiki in schlechtester sozialdemokratischer Tradition die Ansätze einer realen Klassenbewegung als Mittel zum Zweck der Machtübernahme und zur Etablierung einer neuen Klassenherrschaft umfunktionalisierten.

Die russische Revolution, so sollte er alsbald das Geschehen analysieren, war nichts anderes als eine nachholende bürgerliche Revolution, die den Weg frei machte für eine staatlich organisierte Kapitalisierung eines im Vergleich mit den westlichen Industriegesellschaften unterentwickelten Landes – ein Prozess, der sich nach russischem Vorbild in späteren Jahrzehnten in anderen Ländern wiederholen sollte.

Den Ersten Weltkrieg und dessen Unterstützung durch die sozialdemokratischen Parteien lehnte Pannekoek selbstredend entschieden ab und stand infolgedessen auf der Seite der Oppo­si­tion, aus der in Deutschland an der Jahreswende 1918/1919 die KPD hervorging. Als diese im Herbst 1919 ihren linken Flügel ausschloss und die Ausgeschlossenen im April 1920 die »Kommunistische Arbeiterpartei« gründeten, gehörte Pannekoek zu denen, die diese rätekommunistische Strömung, die es analog zur Entwicklung in Deutschland u.a. auch in den Niederlanden gab, unterstützten. Angesichts des schnell einsetzenden organisatorischen Zerfallsprozesses dieser Strömung kehrte Pannekoek der aktiven Politik den Rücken und war für einige Jahre auch publizistisch nicht aktiv, was aber auch damit zusammenhängen mag, dass er sich auf seinen Beruf als Astronom und den Aufbau des Astronomischen Instituts an der Universität Amsterdam konzentrierte.

In den Niederlanden waren 1927 die »Groepen van Internationale Communisten« (GIC) ins Leben gerufen worden. Diese Gruppe, die von Beginn an enge Verbindungen zu deutschen Rätekommunisten und zu Paul Mattick in den USA pflegte, verabschiedete sich endgültig von jeglichem Parteikonzept; sie verstand sich in erster Linie als Studiengruppe und war vorwiegend publizistisch tätig. Ohne sich an den Gruppenaktivitäten im engeren Sinne zu beteiligen, veröffentlichte Pannekoek in den folgenden Jahren regelmäßig Beiträge sowohl in ihren als auch in den von Paul Mattick in Chicago herausgegebenen Zeitschriften. Viele dieser Texte, die sich zum einen mit einer dezidierten Kritik an Sozialdemokratie und Parteikommunismus, zum anderen mit der Idee der Arbeiterräte, daneben aber auch mit theoretischen Fragen beschäftigen, können als Vorarbeiten zu seiner Schrift »Lenin als Philosoph« (1938) und besonders zu seinem Hauptwerk »Arbeiterräte« betrachtet werden.

Als Pannekoek 1941 mit der Niederschrift von »Arbeiterräte« begann, war er fast 70 Jahre alt; das Buch ist somit ein Resümee und Vermächtnis, keine programmatische Schrift. Die gesellschaftliche Entwicklung, auf deren Hintergrund Pannekoek in diesem Buch an die Erfahrungen mit der proletarischen Selbstorganisation in Räten anknüpfte, war geprägt von der zunehmenden Verstaatlichung kapitalistischer Ökonomie, sei es in den westlichen Industriegesellschaften in Gestalt des Faschismus, des Nationalsozialismus oder des New Deal, sei es in der Sowjet­union in Gestalt des von einer Partei beherrschten Staatsapparates, dessen Ideologen eine nach­holende Industrialisierung als vorbildlichen Sozialismus glaubten anpreisen zu können. In diesen Prozess einer zunehmend staatlich organisierten und vermittelten kapitalistischen Ökonomie waren Gewerkschaften, Sozialdemokratie und Parteikommunismus in unterschiedlicher Weise so eingebunden, dass ihnen jegliche systemtranszendierende Kraft abhanden gekommen war; sie versprachen allenfalls das zu erledigen, wozu die originäre bürgerliche Herrschaft in sozialen Krisensituationen sich nicht mehr in der Lage sah.

Zu Recht hat Pannekoek in diesem Zusammen­hang immer wieder auch auf die zunehmende Bedeutung der Intelligenz hingewiesen. Intelligenz, gleich ob technische, natur-, geistes- oder sozialwissenschaftliche, ist wie jede Arbeitskraft eine Ware und insofern käuflich. Die Intelligenz hat sich je nach Umständen allen in Frage kommenden Systemen, dem Faschismus und Nationalsozialismus, aber auch den Gewerkschaften, der Sozialdemokratie, dem Parteikommunismus und zuletzt der wehrhaften parlamentarischen Demokratie beflissen angedient. Von der progressiven, an aufklärerische Traditionen anknüpfenden bürgerlichen Intelligenz, die ein emanzipatorisches Wissen und Bewusstsein ins Proletariat hinein- und zu dessen Emanzipation beitragen wollte, ist nach dem Scheitern dieses Unternehmens jene marginale akademische linke Intelligenz übrig geblieben, die ihre eigene Identitätskrise auf dem Markt der akademischen Eitelkeiten als Krise des Marxismus anbietet. Der von jeglicher kritischen Reflexion der für jede Klassengesellschaft konstitutiven Trennung von Hand- und Kopfarbeit freie Marxismus dieser akademischen Intelligenz ist längst zu einem in den Forschungs- und Lehrbetrieb positiv integrierten akademischen Fach geworden; mit sozialer Revolution, für die Marxismus einmal ein Synonym zu sein beanspruchte, hat dieses akademische Lehrfach Marxismus schon lange nichts mehr zu tun, ganz im Gegenteil: Es steht für die gelungene Integration der sich für fortschrittlich haltenden bürgerlichen Intelligenz in das bürgerliche System, wo sie mehr oder weniger angepasst ihrer Rolle als system­imma­nent innovativer Kraft gegenüber strukturkonservativen Verkrustungen nachkommt, die im Verwertungsinteresse des Systems ständig gesprengt und modernisiert werden müssen.

Anfang der zwanziger Jahre war im Kontext der Trennung der rätekommunistischen Opposition vom Parteikommunismus von der »Selbst­bewusstseinsentwicklung des Proletariats« die Rede; ein solches Selbstbewusstsein, das nicht nur die eigene soziale Stellung im System der kapitalistischen Ökonomie, sondern insbesondere die Möglichkeit der Aufhebung dieses Systems zu reflektieren in der Lage ist, kann sich nur auf dem Hintergrund einer entsprechenden sozialen Praxis entwickeln – auch hier gilt, dass das gesellschaftliche Sein, d.h. die soziale Praxis, das Bewusstsein bestimmt. Die reale gesellschaft­liche Entwicklung seither ist dieser »Selbstbewusstseinsentwicklung des Proletariats« und der Umsetzung dieses Selbstbewusstseins in entsprechend selbst organisierten und selbst verwalteten Strukturen – den von Pannekoek diskutierten Arbeiterräten – nicht unbedingt förderlich gewesen. Die Kräfte, die sich seit der Frühzeit der Industrialisierung in unterschiedlichem Maße der Emanzipation des Proletariats verschrieben hatten – Gewerkschaften, Sozialdemokratie, Partei­kom­mu­nis­mus, linke Intelligenz – haben systematisch integrativ gewirkt und die Eroberung gesellschaftlicher Macht­positionen im jeweils eigenen Interesse mit der propagierten Emanzipation des Proletariats verwechselt – dieses ist immer nur Steigbügelhalter für die Durchsetzung der Interessen anderer gesellschaftlicher Gruppierungen gewesen. Eine sozialrevolutionäre Linke wird sich gegen diese Tradition neu konstituieren müssen: gegen Sozialdemokratie, gegen Parteikommunismus und gegen die akademische Linke. Wie dies angesichts der sozialen Umstrukturierungen der letzten Jahrzehnte, die auch in den ehemals sozialstaatlich befriedeten westlichen Industriegesellschaften mit einer wachsenden Verarmung und einer neuen Aktualität der »sozialen Frage« verbunden ist, gelingen soll und kann, werden vermutlich nicht einmal die von Pannekoek als Astronom erforschten Sterne verraten können; abgesehen von der »sozialen Frage« stellen sich zudem angesichts der aus den Verwertungs­interessen des Kapitals resultierenden Energie- und Umweltkrise ganz neue Herausforderungen, die das Projekt und die weitere Existenz der Industriegesellschaften überhaupt in Frage stellen. Man muss von daher kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass in den nächsten Jahrzehnten die mit der gewollten sozialen Destabilisierung ein­hergehende erneute Barbarisierung der sozialen Verhältnisse sowie die Energie- und Umweltkrise die sozialen und politischen Auseinandersetzungen bestimmen werden und durchaus irrationale Reaktionen hervorrufen können, die möglicherweise wenig mit Konzeptionen einer autonomen Selbstorganisation zu tun haben.

Pannekoek wurde in deutschen Landen vor allem als Kritiker der politischen und sozialen Entwicklung der Sozialdemokratie rezipiert. Konsequenterweise ist sein Hauptwerk »Arbeiter­räte«, das die historischen Erfahrungen nicht nur mit der Sozialdemokratie, sondern auch mit dem Parteikommunismus und der akademischen Intelligenz auf dem Hintergrund der Überzeugung reflektiert, dass die Emanzipation der Arbeiterklasse ausschließlich deren eigene Sache sei, nie in deutscher Sprache veröffentlicht worden, obwohl er selbst eine deutsch­sprachige Fassung schrieb und beim ersten und einzigen gescheiterten Ver­such, eine deutschsprachige Ausgabe herauszugeben, mitgearbeitet hat. Von den späten, seit Mitte der zwanziger Jahre erschienenen Texten Pannekoeks, in denen die Thematik der Arbeiterräte immer wieder angesprochen wird, sind einige in mehr oder minder abgelegenen deutschsprachigen Zeitschriften erschienen und in den Jahren nach 1968 sogar hier und da wieder nachgedruckt worden. Die zuerst 1938 deutschsprachig erschienene Schrift »Lenin als Philosoph«, in der Pannekoek mit den von Lenin fürs avantgardistisch sich fühlende Gemüt bürgerlicher Intelligenz zusammen­ge­brau­ten Mythen um Bolschewismus und Ok­tober­revolution aufräumte, ist hierzulande immerhin zweimal wieder veröffentlicht, tatsächlich aber wohl wenig rezipiert worden.

Die ursprüngliche Fassung von »Arbeiterräte« wurde in den Jahren 1941/1942 geschrieben und umfasste vier Kapitel: »Die Aufgabe«, »Der Kampf«, »Die Idee« und »Der Feind«. Die niederländische Buchausgabe, die in zwei Teilen im Jahre 1946 erschien, enthielt zusätzlich die von Pannekoek im Jahre 1944 verfasste »Nachschrift. Der Krieg«; die englischsprachige Fassung, die zuerst, seit März 1948, als Beilage der in Melbourne von J.A. Dawson herausgegebenen Zeitschrift »Southern Advocate For Workers’ Councils« und in Buchform in Melbourne 1950 erschien, enthielt ein neues im Jahre 1947 geschriebenes Kapitel »Der Frieden«; es fehlte das ursprüngliche dritte Kapitel »Die Idee«, von dem jedoch Teile eingearbeitet wurden.

Im April 1948 hatte der in Berlin lebende Räte­kommunist Alfred Weiland Kontakt zu Pannekoek aufgenommen, da er beabsichtigte, dessen Schrift »Lenin als Philosoph« neu herauszugeben. In einem Antwortschreiben verwies Pannekoek auf sein zu dieser Zeit in Australien erscheinendes Buch »Arbeiterräte« und schlug vor, dieses herauszugeben. Im Herbst des gleichen Jahres begannen die Arbeiten an einer deutschen Übersetzung, und rund ein Jahr später waren die ersten beiden Kapital »Das Ziel« und »Die Auf­gabe« fertig. Der geplante Druck dieses ersten Teils des Buches kam jedoch nicht mehr zustande – Alfred Weiland wurde am 11. November 1950 im Auftrag der sowjetischen Staatssicherheit entführt und zwei Jahre später in der DDR zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt, von denen er acht Jahre absitzen musste.

Pannekoeks »Arbeiterräte« verschwanden danach für rund zwei Jahrzehnte im Dunkel der Nachkriegsgeschichte; erst nach seiner Wiederentdeckung im Laufe der sechziger Jahre sind seit 1970 nicht nur die beiden erwähnten niederländischen und englischen Ausgaben neu aufgelegt worden, sondern auch französische, italienische, spanische und dänische Übersetzungen erschienen.

Mit der jetzt vorliegenden deutschen Übersetzung, ergänzt durch die Schrift »Lenin als Philosoph« sowie 49 zwischen 1927 und 1955 erschienene kürzere Texte und eine einleitende Vorbemerkung von Julien Bertheaux, liegen die späten Schriften Pannekoeks erstmals gesammelt vor.

I. Das Ziel
7. Die Räteorganisation
Die Arbeiterräte sind die Form der Selbstregierung, die in den kommenden Zeiten die Regierungsform der alten Welt ersetzen wird. Natürlich nicht für alle Zukunft; keine derartige Form ist für die Ewigkeit. Wenn es zur natürlichen Gewohnheit geworden ist, in Gemeinschaft zu leben und in Gemeinschaft zu arbeiten, wenn die Menschheit ihr eigenes Leben vollkommen kontrolliert, dann wird das Reich der Notwendigkeit dem Reich der Freiheit Platz machen und dann werden die vorher aufgestellten genauen Rechtsregeln sich in ein selbstverständliches Verhalten auflösen. Die Arbeiterräte bilden die Organisationsform während der Übergangszeit, in der die Arbeiterklasse um die Macht kämpft, den Kapitalismus vernichtet und die gesellschaft­liche Produktion organisiert.

Unter dem Kapitalismus stehen Politik und Wirtschaft zueinander wie die allgemeine Regelung zu der tatsächlichen Praxis. Aufgabe der Politik ist es, die gesellschaftlichen und gesetzlichen Bedingungen zu schaffen, unter denen die pro­duk­tive Arbeit reibungslos vonstatten gehen kann; die produktive Arbeit selbst ist die Aufgabe der Bürger. Es besteht also eine Arbeitsteilung.

In der Räteorganisation ist die Herrschaft der Delegierten über die Wähler verschwunden, weil die Grundlage dazu, die Teilung der Aufgaben, verschwunden ist. Nun nötigt die bewusste gesellschaftliche Organisation der Arbeit jeden daran beteiligten Arbeiter, der gemeinsamen Sache, der Regelung der Gesamtheit der Produktion seine volle Aufmerksamkeit zu schenken.

Diese Demokratie der Arbeit ist etwas ganz anderes als die politische Demokratie des früheren gesellschaftlichen Systems. Die so genannte politische Demokratie des Kapitalismus war eine Scheindemokratie, ein geschickt ausgebildetes System, die tatsächliche Beherrschung des Volkes durch eine regierende Minderheit zu maskieren. Die Räteorganisation ist eine wirkliche Demokratie, die Demokratie der Arbeit, die das arbeitende Volk zum Herrn und Meister seiner Arbeit macht. Unter der Räteorganisation ist die politische Demokratie verschwunden, da die Politik selbst verschwunden und im gesellschaftlichen Wirtschaftsbetrieb aufgegangen ist. Die Tätigkeit der von den Arbeitern als Organe ihrer Zusammenarbeit bestellten und zum Handeln bestimm­ten Räte umfasst das gesamte Gebiet der Gesellschaft und wird durch unablässiges Studium und gespanntes Augenmerk auf Ereignisse und Erfordernisse geleitet. Alle Maßnahmen werden in steter Verbindung untereinander, durch Beratung in den Räten und Aussprachen in den Gruppen und Betrieben, durch Initiativen in den Betrieben und Entscheidungen in den Räten vollzogen. Die Räte sind keine Regierung; nicht einmal die zentralen Räte haben regierungsartigen Charakter, denn sie verfügen über kein Organ, den Massen ihren Willen aufzuerlegen; sie besitzen keine Gewaltmittel. Alle gesellschaftliche Gewalt befindet sich in den Händen der Arbeiter selbst. Wo immer Anwendung von Gewalt erforderlich wäre, gegen Störungen oder Angriffe wider die bestehende Ordnung, geht sie von den Arbeitsgemeinschaften der Arbeiter in den Betrieben aus und steht unter ihrer Kontrolle.

Das, was verbleibt, ist Verwaltung, eine der vie­len Aufgaben spezieller Arbeitergruppen; das, was nun an ihre Stelle tritt, der Lebensgeist der Organisation, ist das beständige Beratschlagen der Arbeiter in gemeinsamem aufmerksamem Nachdenken über ihre gemeinsame Sache. Was hier die Durchführung der von den Räten getroffenen Entscheidungen sichert, ist ihre moralische Autorität. Aber in einer solchen Gesellschaft hat moralische Autorität eine zwingendere Gewalt, als ihn irgendein von einer Regierung ausgehender Zwangsbefehl haben könnte.

Auf dem eigentlichen Gebiet der Produktion muss jedes Unternehmen nicht nur seinen eigenen umfassenden Tätigkeitsbereich sorgfältig organisieren; es muss auch den Zusammenhang mit anderen Unternehmen zustande bringen, und zwar horizontal mit Produktionsstätten ähn­licher Art, vertikal mit denen, die es mit Material versorgen oder seine Erzeugnisse benötigen. In der gegenseitigen Abhängigkeit und Verknüpfung der Unternehmen, in ihrer Zusammen­fügung zu Produktionsbranchen werden immer mehr umfassende Bereiche durch beratende und beschließende Räte behandelt, bis hinauf zur zentralen Organisierung der gesamten Produktion. Andererseits wird die Organisation der Kon­sumtion, die Verteilung aller Bedarfsgüter an die Konsumenten, eigene Räte von Delegierten aller Beteiligten erfordern; diese Organisation wird mehr örtlichen oder Bezirkscharakter haben.

Neben dieser Organisierung des materiellen Lebens der Menschheit gibt es das weite Feld kultureller und solcher nicht unmittelbar produktiver Tätigkeiten, die für die Gesellschaft von primärer Notwendigkeit sind, wie Erziehung der Kinder oder Gesundheitspflege für alle. Hier gilt der gleiche Grundsatz, der Grundsatz der Selbstregelung dieser Arbeitsbereiche durch diejenigen, die die Arbeit ausüben. Es erscheint auch durchaus natürlich, dass bei der allgemeinen Gesundheitspflege ebenso wie bei der Organisation der Erziehung der ganze Dienst von denjenigen geregelt und organisiert wird, die sich tatsächlich damit beschäftigen, hier also die Ärzte, dort die Lehrer.

Es muss hier bemerkt werden, dass das kulturelle Leben, das Gebiet der Künste und Wissenschaften, durch seine innere Natur so stark an individuelle Neigung und Anstrengung gebunden ist, dass sein Gedeihen nur durch die freie Initiative freier Menschen gesichert wird, deren Leben nicht durch die Last endloser Plackerei beschwert ist. Allgemein gesprochen besteht für kulturelle ebenso wie für alle produktiven und nichtproduktiven Tätigkeiten ein grundsätzlicher Unterschied zwischen einer Organisation, die durch eine Regierung von oben her auferlegt wird, und einer Organisation durch die freie Zusammenarbeit von Kollegen und Kameraden. Wenn das geistige Leben von dem zentralen Kommando einer Regierung abhängt, muss es in dumpfe Monotonie verfallen; wenn es durch die freie Spontaneität menschlicher Triebkräfte entfacht wird, muss es sich zu glänzender Mannigfaltigkeit entwickeln. Das Räteprinzip gibt die Möglichkeit, die dafür geeigneten Organisationsformen zu finden.

So webt die Räteorganisation ein buntes Netz zusammenarbeitender Körperschaften in die Gesellschaft hinein, die Leben und Fortschritt im Einklang mit ihrer eigenen freien Tatkraft regeln. Und alles, was in den Räten beraten und beschlossen wird, erhält seine wirksame Macht aus dem Wissen, dem Wollen und dem Handeln der arbeitenden Menschheit selbst.

II. Der Kampf
2. Die direkte Aktion
Als Kampfinstrument für die Arbeiter gegen das Kapital verlieren die Gewerkschaften jetzt ihre Bedeutung.  Neue Formen des Kampfes sind notwendig. Und ihre Anfänge zeigen sich schon seit längerem. Sie entwickeln sich spontan im wilden Streik, in der direkten Aktion.

Direkte Aktion bedeutet Aktion der Arbeiter selbst, ohne Dazwischentreten von Gewerk­schafts­beamten.

So treten in den wilden Streiks einige charakteristische Merkmale der künftigen Kampfesformen in Erscheinung: erstens das Selbsthandeln, die Selbstinitiative, die alle Aktivität und Entscheidung in den eigenen Händen behält, und weiter die Einheit ohne Rücksicht auf bisherige Mitgliedschaft im Einklang mit der natürlichen Gruppierung in den Betrieben. Diese Merk­male kommen nicht durch schlaues Planen zustande, sondern spontan, gegen alle überlieferten Lehren, aber unwiderstehlich, durch die bedrückende, überlegene Macht des Kapitals veranlasst, gegen die die alten Organisationen ernsthaft nicht mehr kämpfen können. Das soll aber gar nicht besagen, dass sich nun das Blatt gewendet hat, dass nun die Arbeiter gewinnen. Auch die wilden Streiks enden zumeist mit Niederlagen; ihre Ausdehnung ist zu begrenzt. Nur in wenigen günstigen Fällen haben sie Erfolg bei der Abwehr von Verschlech­terungen der Arbeitsbedingungen. Ihre Bedeutung liegt darin, dass sie einen frischen, nicht zu unterdrückenden Kampfgeist signalisieren. Aus den tiefsten Instinkten der Selbsterhaltung, der Pflicht gegenüber der Familie und den Kameraden entspringt wieder einmal der Wille, sich Geltung zu verschaffen. Und immer wird dabei ein gesteigertes Selbstvertrauen und Klassenbewusstsein gewonnen. Diese Streiks sind die Vorboten künftiger größerer Kämpfe, wenn größere soziale Katastrophen mit schwererer Bedrückung und tieferem Elend die Massen zu kräftigerer Aktion treiben.

Wenn wilde Streiks in größerem Umfang ausbrechen, wenn größere Massen, ganze Industrie­branchen, Städte oder Bezirke beteiligt sind, muss ihre Organisation neue Formen annehmen. Beratungen in einer Versammlung sind unmöglich; doch ist die gegenseitige Verständigung für die gemeinsame Aktion notwendiger denn je; dazu müssen die Organe geschaffen wer­den. Delegierte aller Belegschaften treten zur ununterbrochenen Erörterung der Sachlage als Streikkomitees zusammen. Solche Streikkomitees sind etwas ganz anderes als die Vorstände der Gewerkschaften; sie tragen bereits Charakter­züge der Arbeiterräte. Sie gehen aus dem Kampf hervor, um ihm eine einheitliche Ausrichtung zu geben. Aber sie sind nicht Führer im alten Sinne, sie besitzen keine direkte Macht. Die Delegierten, oft jedesmal andere Personen, kommen mit der Aufgabe, Meinung und Willen der Belegschaften zum Ausdruck zu bringen, die sie entsandten. Denn diese Belegschaften stehen für die Aktion ein, in der ihr Wille sich manifestierte. Doch sind die Delegierten nicht einfache Boten der Gruppen, von denen sie beauftragt wurden; sie nahmen hervorragenden Anteil an der Aktion und der Diskussion, als Träger des Tatwillens der Gruppen verkörpern sie die vorherrschenden Überzeugungen. In den Komiteeversammlungen werden die Anschauungen ausgetauscht und den jeweiligen Umständen entsprechend der Prü­fung unterworfen; Ergebnisse und Beschlüsse werden von den Delegierten in die Betriebsversammlungen zurückgetragen. Durch diese Zwischenverbindung nimmt die Betriebsbelegschaft selbst an den Beratungen und Entscheidungen teil. So sind Einheit und Geschlossenheit in der Aktion großer Massen gesichert. 

So stehen die beiden Organisations- und Kampf­formen im Gegensatz zueinander, die alte der Gewerkschaften und des gesetzlichen Streikes, die neue des spontanen Streikes und der Arbeiterräte. Dies soll nicht bedeuten, dass die frühere Form einfach irgendwann von der neuen als der einzigen Alternative ersetzt wird. Zwischenformen können ausgedacht und Versuche aufgenommen werden, die Gewerkschaftsbewegung durch Beseitigung ihrer Übelstände und Einhalten ihrer richtigen Grundsätze zu einem brauchbaren Kampfmittel umzubilden, die Führerschaft einer Beamtenbürokratie zu vermeiden, die Trennung durch enge Berufs- und Gewerbeinteressen aufzuheben und die Erfahrungen früherer Kämpfe zu bewahren und auszunutzen. Nach einem großen Streik könnte dies dadurch geschehen, dass zum Beispiel ein Kern der besten Kämpfer in einer allgemeinen Union erhalten bleibt. Wo auch immer ein Streik spontan ausbricht, ist diese Union dann mit ihren erprobten Propagandisten und Organisatoren zur Stelle, um die unerfahrenen Massen mit ihrem Rat zu unterstützen, um sie zu unterrichten, zu organisieren und zu verteidigen. Dann bedeutet jeder Kampf einen Fortschritt in der Organisation, nicht im Sinne einer Beitrag zahlenden Mitgliedschaft, sondern im Sinne der wachsenden Klasseneinheit.

3. Die Betriebsbesetzung
Unter den neuen kapitalistischen Bedingungen kam eine neue Form des Kampfes um bessere Arbeitsbedingungen auf, die Betriebsbesetzung, oft »sit-down strike« genannt, wobei die Arbeiter zwar die Arbeit einstellten, die Fabrik aber nicht verließen. Sie wurde nicht theoretisch erfunden, sondern entstand spontan, aus praktischen Notwendigkeiten; die Theorie vermag nicht mehr, als hinterher ihre Ursachen und Folgen zu erklären. Während der großen Weltkrise 1930 war die Arbeitslosigkeit so umfassend und dauernd, dass eine Art Klassengegensatz zwischen der bevorzugten Zahl der Beschäftigten und den arbeitslosen Massen entstand. Jeder reguläre Streik gegen Lohnabbau wurde unmöglich gemacht, da die außenstehenden Massen sofort die Betriebe überflutet hätten, sofern die Streikenden sie verließen. So wurde die Arbeitseinstellung notwendigerweise mit einem Verharren am Arbeitsplatz, mit der Betriebsbesetzung verbunden. …

Betriebsbesetzung ist keine Betriebsenteignung. Sie ist nur eine kurze unvermeidliche Aufhebung des kapitalistischen Verfügungsrechtes. Nachdem der Streit beigelegt ist, ist der Kapitalist nach wie vor unbestrittener Herr und Eigentümer.

Aber zugleich ist sie doch mehr. Wie in einem am Horizont aufleuchtenden Blitz kommt mit ihr ein Umriss künftiger Entwicklung zum Vorschein. Durch die Betriebsbesetzung bringen die Arbeiter spontan zum Ausdruck, dass ihr Kampf in eine neue Phase eingetreten ist. Hier erscheint ihre feste Verbundenheit als Betriebs­organi­sa­tion als eine natürliche, nicht in einzelne Individuen aufzulösende Einheit. Hier werden sich die Arbeiter ihres innigen Zusammenhangs mit dem Betrieb bewusst. Er ist für sie nun nicht mehr eines anderen Menschen Gebäude, zu dem sie nur auf seinen Befehl hinkommen, um so lange für ihn zu arbeiten, bis er sie wegschickt. Der Betrieb ist für sie ein von ihnen gehandhabter Produktionsapparat, ein Organ, das erst durch ihre Arbeit zu einem lebendigen Teil der Gesellschaft gemacht wird. Er ist für sie nichts Fremdes; sie sind hier zu Hause, viel mehr als die juristischen Eigentümer, die Aktionäre, die nicht einmal wissen, wo er sich befindet. In der Fabrik werden sich die Arbeiter ihres Lebensinhaltes bewusst, ihrer produktiven Arbeit, ihrer Arbeitsgemeinschaft, die den Produktionsapparat zu einem lebenden Organismus, einem Element der Gesamtheit der Gesellschaft macht. Hier, bei der Betriebsbesetzung, entsteht, sei es auch nur erst als ein unbestimmtes Gefühl, das Bewusstsein, dass sie ganz und gar Herren der Produktion sein sollten, dass sie diese den unwürdigen Außenseitern, den kommandierenden Kapitalisten, entreißen müssten, die sie dazu missbrauchen, den Reichtum der Menschheit zu vergeuden und die Erde zu verwüsten. Und in dem schweren, dazu notwendigen Kampf werden die Betriebe wiederum eine vorrangige Rolle als Einheiten der Organisation und der gemeinsamen Aktion spielen, vielleicht als Stützpunkte und Bollwerke, als Angelpunkte der Macht und als Kampfobjekte. Verglichen mit der natürlichen Verbundenheit der Arbeiter und Betriebe, erscheint das Kommando des Kapitals als künstliche, außerhalb liegende, zwar noch machtvolle, aber doch stets mehr in der Luft hängende Herrschaft, während die wachsende Macht der Arbeiter in fester Erde wurzelt. So scheint in der Betriebsbesetzung das Licht der Zukunft in dem wachsenden Bewusstsein auf, dass die Betriebe zu den Arbeitern gehören, dass die Arbeiter zusammen eine harmonische Einheit bilden und dass der Kampf für die Freiheit um die Betriebe in den Betrieben und mittels der Betriebe ausgefochten werden wird.

6. Die Arbeiterrevolution
Die große gesellschaftliche Umwälzung, durch die die Arbeiterklasse Herrschaft und Freiheit gewinnen wird, ist nicht ein einmaliges Ereignis begrenzter Dauer. Sie ist ein Prozess der Organisation, der Selbsterziehung, in dem die Arbeiter nach und nach, mal in stetigem Aufstieg, mal schrittweise oder in Sprüngen, die Kräfte zur Überwindung der Bourgeoisie, zur Vernichtung des Kapitalismus, zum Aufbau ihres neuen Systems der Kollektivproduktion entwickeln. Dieser Prozess wird eine geschichtliche Epoche von unbekannter Dauer umfassen, an deren Beginn wir uns eben jetzt befinden. Wenn auch die Einzelheiten der künftigen Entwicklung nicht vorhergesehen werden können, mögen doch einige ihrer Bedingungen und Begleitumstände schon jetzt Gegenstand der Überlegung und der Diskussion sein.

Gemeinschaftsgefühl und Organisation allein genügen nicht zur Niederringung des Kapitalismus. Zur Aufrechterhaltung der Unterwürfigkeit der Arbeiterklasse ist die geistige Herrschaft der Bourgeoisie von der gleichen Bedeutung wie ihre materielle Macht. Die Unwissenheit ist ein Hemm­nis der Freiheit. Alte Gedanken und Traditionen lasten oft schwer auf den Gehirnen, selbst dann, wenn diese schon von neuen Ideen berührt sind. Dann werden die Ziele zu begrenzt gesehen, wohlklingende Schlagworte kritiklos aufgenommen, und dann führen Illusionen über leichte Erfolge, halbe Maßnahmen und falsche Verheißungen in die Irre. So zeigt sich die Wichtigkeit geistiger Macht für die Arbeiter. Wissen und Einsicht sind ein wesentlicher Faktor für den Aufstieg der Arbeiterklasse.

Die notwendige Einsicht kann … nur durch Selbsterziehung erworben werden, durch angestrengte Selbstaktivität, die das Gehirn in heftiger Begierde, die Welt zu begreifen, anspannt.

Dies bedeutet, dass jene großen Zeiten vom Lärm des Parteienstreites erfüllt sein werden. Diejenigen, die gleiche Anschauungen haben, bilden Gruppen, um sie zu diskutieren und zu propagieren, zur Aufklärung ihrer selbst und ihrer Kameraden. Solche Gruppen mit gemeinsamer Auffassung mögen Parteien genannt werden; aber ihr Charakter ist ganz anders als der der politischen Parteien der früheren Welt. Während des Zeitalters des Parlamentarismus waren die Parteien die Organe verschiedener und entgegengesetzt gerichteter Klasseninteressen. In der Arbeiterbewegung waren sie Organisationen, die die Führung der Klasse ergriffen, als ihre Wortführer und Repräsentanten auftraten und damit nach Führung und Herrschaft trachteten. Jetzt wird ihre Funktion nur der geistige Kampf sein. Für das praktische Handeln bedarf die Arbeiterklasse ihrer nicht mehr; sie hat sich ihre neuen Aktionsorgane, die Räte, geschaffen. In der Betriebsorganisation, in der Räteorganisation handelt die Gesamtheit der Arbeiter selbst und beschließt, was getan werden muss. In den Betriebsversammlungen und in den Räten werden die verschiedenen und gegensätzlichen Meinungen dargelegt und verteidigt; aus dem Streit der Meinungen muss der Beschluss und die einmütige Handlung hervorgehen. Zielgerichtete Einheit kann nur durch die geistige Auseinandersetzung zwischen den abweichenden Gesichtspunkten erreicht werden. Die wichtige Funktion der Parteien ist also diese, die Meinungen zu organisieren, die neu empor sprießenden Gedanken zu ordnen, zu formulieren, ihnen volle Klarheit zu geben, die Beweisgründe und Konsequenzen vollständig auszuarbeiten und sie durch Propaganda allen zur Kenntnis zu bringen. Nur so können die Arbeiter in ihren Betriebs­versammlungen und die Delegierten in den Räteversammlungen ihre Richtigkeit, ihre Zweckmäßigkeit, ihre Ausführbarkeit in jeder Situation beurteilen und den Beschluss in klarem Erkennen fassen. So werden die geistigen Kräfte der neuen Idee, die in all den Köpfen wild wucherten, organisiert und zu brauchbaren Instrumenten der Klasse geformt. Dies ist die große Aufgabe des Parteienstreites im Kampf der Arbeiter um die Freiheit, eine weit edlere als das Bemühen der alten Parteien, die Herrschaft für sich selbst zu erringen.

Was in den Räten beschlossen wird, führen die Arbeiter aus. Die Räte werden so zu Organen der sozialen Revolution; in dem Maße, in dem die Revolution fortschreitet, werden ihre Aufgaben immer umfassender. Dann bedeutet Herrschaft über die Betriebe sofort aktive Organisation der Produktion. Die Räte als Organisation für den Kampf sind zugleich die Organisation für den Wiederaufbau.

In früherer Zeit hat man sich die kommende soziale Revolution anders vorgestellt. Zuerst sollte die Arbeiterklasse durch Wahlen, eventuell von bewaffneten Kämpfen oder politischen Streiks dabei unterstützt, im Parlament die Mehr­heit und damit die politische Macht erobern. Dann sollte die aus Sprechern, Führern und Politikern bestehende neue Regierung durch Erlass von Gesetzen, durch eine neue Rechtsprechung die Kapitalistenklasse enteignen und die Produktion organisieren. Es läge also nur zur Hälfte an den Arbeitern selbst; der wichtigste Teil der Aufgabe, der Neuaufbau der Gesellschaft, die Organisation der Arbeit wäre das Werk sozialistischer Politiker und Funktionäre.

Die Eroberung der politischen Macht durch die Arbeiter, die Abschaffung des Kapitalismus, die Einführung eines neuen Rechts, die Aneignung der Unternehmen, der Aufbau der neuen Gemeinschaft, das Schaffen eines neuen Systems der Produktion sind nicht verschiedene, nacheinander stattfindende Ereignisse. Sie finden gleichzeitig nebeneinander statt in einem Pro­zess gesellschaftlichen Geschehens und gesellschaftlicher Umwandlungen. Oder noch richti­ger: Sie sind eins. Sie sind die mit verschiedenen Namen bezeichneten Seiten derselben großen gesellschaftlichen Umwälzung: der Organisation der Arbeit durch die arbeitende Menschheit selbst.

Nachdruck der Auszüge mit freundlicher Genehmigung des Verlags aus: Anton Pannekoek: Arbeiterräte. Texte zur sozialen Revolution (Archiv für die Geschichte des Widerstandes und der Arbeit, Beiheft 1). Übersetzung ins Deutsche von Walter Delabar, Egon Günther, Pia Schmitt und Carsten Würmann. Germinal Verlag, Fernwald (Annerod) 2008, 696 S., 24 Euro (portofrei erhältlich über die ARCHIV-Redaktion, c/o Wolfgang Braunschädel, Hustadtring 33, 44801 Bochum)

Die Texte wurden redaktionell gekürzt und bearbeitet.

08. Juli 2008, 09:19 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
narodnik



Anmeldedatum: 09.06.2008
Beiträge: 110

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Auf Englisch jetzt schon: http://libcom.org/library/workers-councils-book-pannekoek

_________________
"Solange wir nicht fragen, was uns die Welt bedeutet und was wir der Welt bedeuten, solange können wir uns jede Demonstration sparen" - Rudi Dutschke
08. Juli 2008, 17:10 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
far



Anmeldedatum: 25.06.2005
Beiträge: 5481

Beitrag Antworten mit Zitat
wo erhältlich?

_________________
Um einen Widerstand zu brechen, braucht es Gewalt, aber wenn der Widerstand hält, ist es die Gewalt, die zerbricht.
14. Juli 2008, 13:00 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden E-Mail senden
O.B.M.F



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Wo guter Rat teuer ist

Den Räten ist nicht eingeschrieben, ob sie als kapitalistisches Co-Management agieren oder ob sie nicht doch zu Organen der Zerstörung kapitalistischer Entfremdung taugen.

von Felix Klopotek

Vor ein paar Jahren moderierte der Autor dieser Zeilen eine Politveranstaltung, keine typisch linke, aber doch eine, in der es um unmittelbare Interessen von Bürgern ging. Nach den kurzen Referaten der Experten auf dem Podium kollabierte die Arbeitsteilung zwischen Podium und Publikum. Die Leute nahmen die Regie selbst in Hand: Sie diskutierten geistreicher, als es die Profiredner jemals hätten tun können, und schufen sich ihre eigene hektische, chaotische, aber doch flexible Redeordnung. Am Ende war jeder drangekommen.

weiter gehts bei der Jungle World
17. Juli 2008, 11:03 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Melnitz



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Antiautoritäre Marxisten

Nach einer kurzen Phase um 68 interessieren sich Linke wieder mehr für Rätekommunismus

Von Axel Berger


Weiter in Neues Deutschland hier
02. August 2008, 16:56 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
O.B.M.F



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Kurzbiografie von Jan Appel aus der KAPD:

http://muckracker.wordpress.com/geschichte/jan-appel/

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Wenn ich dabei tanzen muss, ist es nicht meine Revolution.
16. Januar 2012, 18:02 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Wirken die II



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Nach den letzten "basisdemokratischen" Erfahrungen in Ägypten, New York, Spanien, aktuell gerade wieder in Kanada, stellt sich die Frage, ob die Vollversammlungen, meistens auf Plätzen stattfindend, nicht auch schon historische Vorläufer gehabt haben. Gerade was die Erfahrungen mit einer neu entstandenen Debattenkultur auf den verschiedenen Plätzen der Welt betrifft, können diese ein Impuls sein, sich mit der Debattenkultur die in den Räten oder Sowjets in den verschiedenen Ländern wie zuerst 1905 in Russland, dann ab 1918/19 Ungarn, Deutschland, Italien etc., auseinanderzusetzen. Wir wissen wie die Geschichte ausgegangen ist. Die untenstehenden Artikel versuchen zu analysieren, was die Gründe für "Aufstieg und Fall" der Räte bewirkt hat. Auch wenn im Moment Arbeiter_innenräte weit und breit nicht in Sicht sind, so sind die Erfahrungen die 2011/12 gemacht wurden wichtig. Die Artikel geben einen grösseren historischen Rahmen, um zu begreifen, wo der Klassenkampf heute stehen könnte:

Geschichte der Arbeiterbewegung: Was sind Arbeiterräte?

Zitat:
Die Vollversammlungen fanden jeden Morgen nach neun Uhr statt. Nachdem die Versammlungen (der Sowjets) beendet waren, begann die Vollversammlung, sie untersuchte alle Fragen, die im Zusammenhang mit den Streiks standen. Man legte über den Stand der Entwicklung, der Verhandlungen mit den Unternehmern und den Behörden einen Tätigkeitsbericht vor. Nach den Diskussionen legte man der Versammlung die Vorschläge, die von den Sowjets vorbereitet worden waren, vor. Darauffolgend hielten die Militanten der Parteien agitatorische Reden über die Lage der Arbeiterklasse und die Diskussionen gingen weiter, bis das Publikum von der Müdigkeit überwältigt wurde. Ab diesem Zeitpunkt fingen die Massen an, revolutionäre Hymnen zu singen und man beendete die Versammlung. Und das ging so alle Tage.

Andres Nin, Los Soviets en Russia, S. 17 (unsere Übersetzung aus dem Spanischen)

http://de.internationalism.org/node/2202
http://de.internationalism.org/node/2277
http://de.internationalism.org/node/2276
http://de.internationalism.org/node/2275
25. Mai 2012, 14:09 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
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