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Finanzkrise
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Finanzkrise
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Doc Sportello



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Beitrag Konicz zur Krise Antworten mit Zitat
Wenn man ein paar wertkritische Dogmen ertragen kann, ist dieser Text von Konicz relativ lesenswert:

Zitat:
Je stärker die wirtschaftliche Verflechtung, desto stärker die nationale Konkurrenz. Dieser Eindruck stellt sich deswegen ein, weil beide gegenläufigen Tendenzen Teil der krisenbedingt zunehmenden Widerspruchsentfaltung im Spätkapitalismus sind. Alles im Spätkapitalismus drängt zur regelrechten Flucht in die Globalisierung, doch zugleich lässt das sich immer deutlicher abzeichnende Scheitern dieser krisenhaften kapitalistischen Globalisierung all die ideologisch absolut dysfunktionalen neo-nationalistischen Ideologien aufkommen, denen die ökonomische Basis - die nationale Volkswirtschaft - längst abhandengekommen ist.

Die nationale Politik ist machtlos, weil sie keinen einigermaßen geschlossenen nationalen ökonomischen Bezugsrahmen mehr vorfindet: Stattdessen agieren die Staaten - und auch viele Regionen innerhalb der Nationalstaaten - als bloße Wirtschaftsstandorte im globalen Wettbewerb, wobei die alten nationalen sozioökonomischen Verflechtungen zusehends durch globale Fertigungsketten und Absatzmöglichkeiten zersetzt werden.

http://www.heise.de/tp/artikel/46/46109/1.html


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"Die kommunistische Theorie kann nichts anderes sein als gebunden an die gesellschaftliche Praxis der proletarischen Bewegung, sie ist weder 'marxistisch' noch 'anarchistisch'." Jean-Yves Bériou, 1975.
30. September 2015, 20:36 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Melnitz



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Beitrag Antworten mit Zitat
Ohlala, jetzt geht's auch an den anderen Börsen rund. Zum Beispiel in der Schweiz:

Heftiger Taucher bei Schweizer Aktien

Zitat:
«Es sieht gar nicht gut aus», sagt ein Händler. Einzelne Titel verlieren fünf Prozent. Der SMI sackt deutlich unter 8400 Punkte.


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"We houden er niets van de prietpraat, die in de rest van Nederland gedaan wordt. We zijn er gewoon op de man, een woord is een woord, een hand een hand en een vuist is een vuist." (Hafenarbeiter aus Rotterdam)
07. Januar 2016, 10:35 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Doc Sportello



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Beitrag Neuer Text der FreundInnen Antworten mit Zitat
Obwohl der Text mich überhaupt nicht überzeugt hat:

Zitat:
Im öffentlichen Interesse von der Flüchtlingskrise überlagert, schwelt die Krise der Euro-Zone weiter. Nichts geändert hat sich auch an der Konfusion, die in der Linken über diese Krise und die Möglichkeiten ihrer Bewältigung herrscht. In der Hoffnung auf sachhaltigen Streit hatten wir dazu vor einer Weile den Beitrag »Krisenlösung als Wunschkonzert« in »analyse & kritik« veröffentlicht; tatsächlich folgten darauf auch einige Erwiderungen, die aber sämtliche von uns angeschnittenen Fragen wohlweislich umschifften (vgl. dazu »Zugaben zum Wunschkonzert«). Auf diese Fragen sowie die Einschätzung der Syriza-Regierung in Griechenland geht der folgende Beitrag, der im Dezember 2015 im Rahmen der »Marx-Expedition« an der Universität Leipzig gehalten wurde, nochmals ein.

https://linksunten.indymedia.org/de/node/174791


Der Keynesianismus funktioniert nicht mehr, weil altes Rezept, aber, ja, klar, Arbeiterräte sind brandaktuell und der Weg zum Kommunismus, machen wir es doch einfach so wie die Wobblies. Da steckt auch ganz schön viel Wunschkonzert drin und die Geschichte wird nicht als solche, sondern als episches Ringen zwischen Arbeiterbewegung und Kapital konzipiert. Alles in allem fast genauso verstaubt wie Keynesianismus...

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"Die kommunistische Theorie kann nichts anderes sein als gebunden an die gesellschaftliche Praxis der proletarischen Bewegung, sie ist weder 'marxistisch' noch 'anarchistisch'." Jean-Yves Bériou, 1975.
04. April 2016, 19:14 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Muoit



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Beitrag Antworten mit Zitat
Man kann an dem Text durchaus was kritisieren aber hier scheint mir tatsächlich vorallem eine zumindest ein bisschen interessierte Lektüre vorzuherrschen.

1. Wo wird geschrieben, dass der Keynesianismus nicht mehr funktioniert, weil er ein altes Rezept ist? Da wir doch gerade erklärt (allerdings nur kurz, weil das im Wunschkonzert-Text recht ausführlich geschehen ist) was am Keynesianismus nicht funktioniert. Stichwort: Profitratenproblem und Illusion der Nachfrage-Ausdehung, die letztlich keinen Sinn macht, weil das Kapital sich unter diesen Umständen gleich das Zeug selber abkaufen kann (nb. ein Punkt meiner Kritik an dem Text: ich bin mit dem zweiten Argument nicht einverstanden, weil das nur die Profitabilität im Auge hat und nicht mögliche Disproportionalitäten etc.). Dass etwas eine alte Angelegenheit ist, ist doch kein Argument für oder gegen etwas. Darum ist der etwas spöttische Verweis auf die Arbeiterräte als «brandaktuell» natürlich auch noch längst kein Argument UND von Arbeiterräten wird in dem Text an keiner Stelle geschrieben. Stattdessen wird der bekannteste Ausdruck proletarischer Selbstermächtigung angeführt, die aber selber natürlich unterschiedelich ausfallen kann (selbst historisch gabs ja eine ganze Palette von Räten). Ich kann mir momentan aber auch nichts anderes vorstellen, wenn es um die Aneignung der Produktionsmittel geht (und das ist nun erstmal die conditio sine qua non kommunistischer Revolution). Ich denke die konkreten Formen werden sich in künfitgen Bewegung abzeichnen müssen. Vorerst halte ich aber «Räte» als Arbeitstitel für nicht gänzlich ungeeignet oder gibts da andere Vorschläge?

2. Von «Arbeiterbewegung» wird in dem Text nur an einer Stelle geschrieben, nämlich dort wo festgestellt wird, dass sich diese historisch in den Staat gekämpft hat und darum ihren Charakter gänzlich geändert hat und (das kann man an manchen Stellen im Kosmoprolet nachlesen) gewissermassen durch Beteiligung an den Produktivkraftzuwächsen, der veränderten Produktionsstruktur etc. etc. abgeschliffen wurde. Die Konzeption der kontemporären Geschichte als «episches Ringen zwischen Arbeiterbewegung und Kapital» ist eine reine Projektion. Es ist eine ganz andere Sache, wenn man davon spricht, dass alle Erfolge der Arbeiter (wohlverstanden nicht deren offiziöse Bewegungsform) das Kapital weiter in die Bredoullie bringt (man kann sich ja mal anschauen wer da in Griechenland gekämpft hat und was es für die Nationalökonomie bedeutet hätte, wenn die Strasse ihre Forderungen durchgesetzt hätte). Der Verweis auf die Wobblies (den ich so auch nicht gemacht hätte) ist meines Erachtens einfach ein Hinweis darauf, dass in der Geschichte die radikale Linke konkrete Vorstellungen vom kommunistischen Prozess hatte (die wir natürlich nicht 1 zu 1 übernehmen können) und dies der heutigen radikalen Linken einfach fehlt. Dass wir es wieder wie die Wobblies machen sollen, ist dem Text nicht zu entnehmen und die Tatsache dass es keinerlei personelle Überschneidungen zwischen den FdKG und den aktuellen Wobblies (und ähnlichen Neo-Syndikalisten) gibt, spricht diesbezüglich auch eine recht klare Sprache.

Wie gesagt: Es gibt an dem Text schon die eine oder andere Stelle zu kritisieren, auch wenn ich zu 96,7 Prozent einverstanden bin. Aber die Dreisätzekritik hier ist meines Erachtens eher eine politische Projektion, als dass sich die Vorwürfe im Text bestätigen lassen.

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Power to the Pöbel!
04. April 2016, 23:06 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Doc Sportello



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Beitrag ... Antworten mit Zitat
Sie sagen zwar nirgends, dass er ein "altes Rezept" ist, doch zumindest, dass "die Aussichten keynesianischer Politik angesichts der jetzt schon heiklen Staatsverschuldung ziemlich schlecht sind". Die keynesianischen Linken werden als "trostlos" oder was weiss ich abgekanzelt, weil man ja selbst die richtige Theorie der Räte hat, ohne auch nur einen Moment daran zu denken, dass trotz der Tatsache, dass eine kohärente keynesianische Wirtschaftspolitik heute vom Tisch ist, keynesianische Lösungen je nach Konjunktur und Situation für gewisse Klassen oder Klassenfraktionen durchaus zumindest provisorisch funktionieren können. Karl Heinz Roth freut sich, wenn er seinen Job an der Uni behalten kann. Stattdessen ist der Standpunkt rein moralisch und voluntaristisch. Der Text erinnert an Texte von TPTG oder gewisse anarchistische Texte: Man macht ein Inventar der Situation, um in der Schlussfolgerung darüber zu lamentieren, dass die Leute einfach zu wenig revolutionär sind. Gähn.

Zudem haben die FreundInnen schlichtweg keine Konzeption der Restrukturierung, nicht einmal eine alternative zu TC, sie haben dazu einfach nichts zu sagen und tun so, als ob sich nie etwas geändert hätte. Deshalb die stetige Anrufung der heiligen Räte. Was sollen Räte denn anderes sein als Arbeiterräte? Arbeiterräte sind ein Relikt der Arbeiterbewegung und ich bin mit TC einig, dass diese Epoche vorbei ist. Die FreundInnen haben sich auch in der Debatte mit TC nie wirklich zu dieser Frage geäussert. Wie sollen Strassenverkäufer aus Rio z.B. Räte bilden? Sie sind nicht Arbeiter einer Fabrik, die sie besetzen und verteidigen können. Wie 2016 eine Revolution durch Räte stattfinden soll, ist mir schlicht und einfach schleierhaft. Der grossmehrheitliche Teil des Proletariats ist heutzutage nicht Teil der Arbeiterklasse. Wie sollen die Räte formen? Etwa wie die "Rätedemokratie" in Rojava? Womit der direkten Demokratie ein rätekommunistisches Kleid gegeben wird, doch in Tat und Wahrheit ist der Begriff absurd. Wenn nicht Arbeiterräte, was sind sie also genau? Wie kommen wir von den Räten zum Kommunismus?

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"Die kommunistische Theorie kann nichts anderes sein als gebunden an die gesellschaftliche Praxis der proletarischen Bewegung, sie ist weder 'marxistisch' noch 'anarchistisch'." Jean-Yves Bériou, 1975.
06. April 2016, 13:47 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Muoit



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Beitrag Antworten mit Zitat
Nun gut, dann sagst du ja immerhin, dass entgegen deiner Behauptung nicht das Alter des Keynesiansimus das Argument der Freundinnen ist. Du verschiebst jetzt halt einfach ein wenig die Torpfosten, ich mach aber gerne nochmal den Torhüter: Könntest du erklären unter welchen Bedingungen für welche Klassenfraktionen der Keynesianismus funktionieren kann und ob diese Konstellation aktuell gegeben ist (sonst ist es einfach eine rein hypthetische Diskussion)? Wenn der Keynesianismus aber die aktuelle Krise nicht überwinden kann, dann kann (und muss) man nicht nur seine Anhänger kritisieren (was man freilich auch sonst könnte), sondern auch nachweisen, dass deren Kampf einer gegen Windmühlen ist. Was jetzt daran «voluntaristisch» und «moralisch» sein soll, erschliesst sich mir nicht. Darum verbuche ich den Vorwurf einfach mal unter der Kategorie «wacklige Behauptungen» (aber eventuell kannst du das ja noch argumentativ belegen). Und wo wird darüber lamentiert, dass «die Leute» zu wenig revolutionär sind? Da wird doch gerade konkret aufgezeigt, was die Fehler der staatsaffirmativen Linken und der Freunde von Syriza sind. Wenn dich das zum gähnen bringt, kann ich leider auch nichts dagegen machen.

Zitat:
Doc Sportello: Zudem haben die FreundInnen schlichtweg keine Konzeption der Restrukturierung, nicht einmal eine alternative zu TC, sie haben dazu einfach nichts zu sagen und tun so, als ob sich nie etwas geändert hätte.


Es ist immer von Vorteil, wenn man den Gegenstand seiner Kritik ordentlich kennt. Ich zitiere mal aus dem Surplus-Text aus dem letzten Kosmoprolet:
«Die Not der »Überflüssigen« bildet schon in Friedrich Engels‘ Die Lage der arbeitenden Klasse in England (1845) einen wesentlichen Anklagepunkt gegen die herrschende Ordnung. Trotzdem stellt die heutige weltweite Schere zwischen Angebot und Nachfrage nach Arbeitskraft etwas geschichtlich Neues dar, und sei es auch nur im Sinne eines Umschlags von Quantität in Qualität. Auch wenn manche Forscher die Anfänge des kapitalistischen Weltsystems bereits im 16. Jahrhundert verorten, blieb dessen tatsächlicher Wirkungsradius als eine Produktionsweise selbst im Jahr 1845 noch äußerst begrenzt. Die große Masse der Weltbevölkerung fristete ihr Dasein weiter als Selbstversorgung treibende, nur hier und da am Marktgeschehen beteiligte Bauernschaft. Erst heute besteht sie mehrheitlich aus Menschen, die zum Überleben auf den Verkauf ihrer Arbeitskraft angewiesen sind, das heißt aus Proletariern. Allerdings, und darin liegt die Krux, weckt die Arbeitskraft vieler dieser Proletarier auf Seiten des Kapitals keine Begehrlichkeiten mehr, sodass sie ein Surplus-Proletariat bilden. (...) Die »Verdammung eines Teils der Arbeiterklasse zu erzwungenem Müßiggang durch Überarbeit des andren Teils und umgekehrt« (Marx) hatte noch nie so groteske Ausmaße wie heute; entsprechend hatten beide Teile noch nie so viel zu gewinnen. Jenseits von Luftschlössern wie dem »garantierten Grundeinkommen« und der Romantisierung von Überlebensökonomien stellt sich die Frage, wie der alte Gedanke der Abschaffung des Lohnsystems in einer Situation, in der existenzsichernde Jobs zur Mangelware geworden sind, in die laufenden Auseinandersetzungen eingebracht werden könnte, ohne dass man in abstrakten Maximalismus verfällt.»
Der Text ist in voller Länge auf der Kosmopage nachlesbar und handelt eigentlich hauptsächlich von der veränderten Situation und den Folgen bzw. wie der Titel nahelegt, davon dass ein Teil des Proletariats «heutzutage nicht Teil der Arbeiterklasse» (Doc Sportello) ist (was freilich in der Absolutheit, dass dies den «grossmehrheitliche Teil des Proletariats» (Doc Sportello) betreffe entweder falsch ist; oder schlichtweg banal und schon lange gültig, wenn du nämlich alle indirekt Lohnabhängigen dazuzählst). Du kannst zur veränderten Situation und der Arbeiterbewegung sonst auch bloss einmal die ersten beiden Thesen aus den «28 Thesen» durchlesen; es wird in dem Text aber ziemlich oft auf die anders gelagerte Situation eingegangen. Entweder kennst du die Texte nicht und unterstellst einfach, dass die Freundinnen die «stetige Anrufung der heiligen Räte» betreiben oder aber du kennst das Zeug und lügst dir da ein bisschen was in die Tasche. Kleine Info: Die Kritik des Rätekommunismus war nebst der Kritik am Leninismus immer Gegenstand der Diskussion in diesen Zirkeln und ist gewissermassen konstitutiv für die Theoriebildung.

Zu den Räten spar ich mir jetzt eine lange Ausführung, bloss soviel: Räte sind eine Form die einen bestimmten Inhalt organisieren soll. Man kann das natürlich nicht gänzlich trennen, aber die Arbeiterräte sind die Organisation der Produktion in dieser Form durch die Arbeiter. Selbstverständlich können aber andere Akteure auch diese Form annehmen: historisch waren das Soldaten, Territorial-Abgeordnete, Stadtteilbewohner etc. (oder die Besetzer eines Platzes). Ein Blick in ein rätekommunistisches Büchlein würde eigentlich genügen, um sich dessen bewusst zu werden. Du schliesst - am Beispiel der Strassenverkäufer – fälschlicherweise schlicht und einfach die Form der Räte mit dem Inhalt (Organisierung der Fabrik) kurz. Natürlich können die Strassenverkäufer Räte bilden, um die eigenen Belange zu organisieren. Dein Beitrag ist entweder ganz schlecht informiert oder aber unredlich. Wie gesagt: Ich dogmatisiere die Räte auch nicht, aber als Arbeitshypothese greife ich in Ermangelung eines besseren Begriffs der Selbstermächtigung auch darauf zurück. Darum hier nochmals die Frage: Was wäre denn dein Gegenvorschlag?

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Power to the Pöbel!
06. April 2016, 15:48 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Doc Sportello



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Beitrag ... Antworten mit Zitat
Zitat:
Könntest du erklären unter welchen Bedingungen für welche Klassenfraktionen der Keynesianismus funktionieren kann und ob diese Konstellation aktuell gegeben ist (sonst ist es einfach eine rein
hypthetische Diskussion)?


Ein typisches Beispiel ist der Bildungssektor. Wie gesagt, ein Uniprofessor freut sich natürlich, wenn er trotz Krise immer noch einen Job hat. Auch das Militär ist ein Sektor, wo durchaus noch gewisse keynesianische Elemente eine Rolle spielen. Natürlich ist es nicht die reine Lehre in dem Sinn, dass z.B. die Ausgabe für Bildung nicht erhöht werden, um die Krise zu kontern, aber sie werden meistens auch nicht gekürzt, es ist also auch keine strikt monetaristische Politik. Dass die Erfolgsaussichten bezüglich Wiederaufschwung ziemlich schlecht sind, diese Ansicht teile ich natürlich mit den FreundInnen.

Zitat:
Wenn der Keynesianismus aber die aktuelle Krise nicht überwinden kann, dann kann (und muss) man nicht nur seine Anhänger kritisieren (was man freilich auch sonst könnte), sondern auch nachweisen, dass deren Kampf einer gegen Windmühlen ist. Was jetzt daran «voluntaristisch» und «moralisch» sein soll, erschliesst sich mir nicht.


Das:

Zitat:
Die Wobblies konnten allerdings nur deshalb auf die Vertiefung der Krise setzen, weil sie eine ziemlich konkrete Vorstellung von der Revolution und der klassenlosen Gesellschaft hatten. Das ist heute anders, und deshalb stehen alle im Wald, nicht nur die Freundinnen und Freunde von Syriza, sondern auch ihre linksradikalen Kritiker.


Dieser Vergleich mit den Wobblies ist einer der Hauptgründe meiner Kritik. Die Wobblies hatten eine "konkrete Vorstellung von der Revolution und der klassenlosen Gesellschaft"? Dann ist Kommunismus also Arbeiterselbstverwaltung? Das war nämlich die Vision der Wobblies: Arbeiter organisieren die Produktion in den Fabriken, die Bosse sind verjagt.

Im Surplus-Text steht jedoch:

Zitat:
Der Gedanke, die Lohnabhängigen könnten sich an ihren Arbeitsplätzen zusammenschließen, den Kapitalisten respektive Managern das Leben schwer machen und eines schönen Tages den Laden übernehmen, ist für Massen von Eigentumslosen heute schlicht gegenstandslos.


Das ist doch ein Widerspruch, oder nicht? Es ist doch lächerlich, zu behaupten, die Revolution habe noch nicht stattgefunden, weil uns die Vorstellung für eine klassenlose Gesellschaft fehle. Auch im Surplus-Text tönt es stellenweise, als ob die Proletarier einfach aufhören müssten, ihre materiellen Kämpfe zu führen und mal diese verdammte Weltrevolution anpacken sollen ("Solcher Sachschaden kann nie mehr sein als eine Art Verhandlungsmasse, wenn es um das Ausmaß tolerierbarer Staatsgewalt oder den Brotpreis geht, also um alles Mögliche, aber nicht um die Weltrevolution."). Nur woraus, wenn nicht aus solchen Kämpfen, soll die Revolution entstehen?

Zitat:
Und wo wird darüber lamentiert, dass «die Leute» zu wenig revolutionär sind?


Da:

Zitat:
Aber die Frage ist, in welchem Bewusstsein, mit welchem weitergehenden Ziel man sich wehrt.


Ich glaube nicht daran, dass ein "kommunistisches Bewusstsein" der entscheidende Faktor für eine Revolution ist. Ein solches kann erst entstehen, wenn die Ergreifung von kommunistischen Massnahmen für eine Kampfbewegung zu einer materiellen Notwendigkeit wird. Es ist also nicht die Kritik an Linken an und für sich, die mich zum Gähnen bringt, sondern die Diagnostik, dass es an Bewusstsein mangelt.

Die Kritik bezüglich der Räte bezog ich auch spezifisch auf diesen Text und tatsächlich findet man im Surplus-Text einige Passagen, die dieser Vision widersprechen. Doch auch hier erinnert die Schlussfolgerung stark an Arbeiterräte:

Zitat:
Auch heute ist das Ende des Kapitalismus nur als Flächenbrand von Streiks vorstellbar, die zu Betriebsbesetzungen eskalieren und die Produktionsmittel, soweit brauchbar, einer vernünftigen Verwendung zuführen.


Natürlich bestreite ich nicht, dass Streiks und Kämpfe in der Produktion in einer eventuellen kommunistischen Revolution ein wichtiges Element wären. Doch letztendlich bleibt man bei einer programmatischen Losung stehen, denn es bedeutet ja gewissermassen, dass der Fabrikarbeiter immer noch der entscheidende Faktor für die Revolution ist, die Surplus-Proletarier sind eigentlich nur Statisten. Ich meine, was geschieht, wenn alle Fabriken bestreikt und besetzt sind? Wenn das restliche Proletariat nicht Teil einer solchen kommunistischen Bewegung ist, ist das doch zum Scheitern verurteilt, oder nicht? Wieso wird in den 28 Thesen die Revolution als Kommunisierung konzipiert und jetzt sind wir wieder zurück bei der klassischen programmatistischen Definition der Revolution? Die damalige Kritik von TC scheint mir heute diesbezüglich berechtigter als je zuvor.

Auch von den Räten haben wir also nicht die gleiche Definition. Für mich sind Arbeiterräte ein Produkt der Arbeiterbewegung, eine Affirmation der Klasse, genau wie der Arbeiterstaat oder die Selbstverwaltung und heute genau so überholt wie letztere beide. Deine Definition der Räte ist dermassen offen und vage, dass man fast jegliche Situation, wo Proletarier zusammenkommen und sich organisieren, Räte nennen kann. Aber wozu?

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"Die kommunistische Theorie kann nichts anderes sein als gebunden an die gesellschaftliche Praxis der proletarischen Bewegung, sie ist weder 'marxistisch' noch 'anarchistisch'." Jean-Yves Bériou, 1975.
06. April 2016, 19:29 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Muoit



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Vorweg: Ich bin froh, dass wir bei einem sachlichen Ton bleiben können und habe zu deiner jetzigen Antwort schon viel weniger Widersprüche. Mir ging es im Anfangsposting eigentlich vorallem darum zu zeigen, dass ich einige deiner Vorwürfe für an den Text herangetragen halte. Aber der Reihe nach:

Zitat:
Ein typisches Beispiel ist der Bildungssektor. Wie gesagt, ein Uniprofessor freut sich natürlich, wenn er trotz Krise immer noch einen Job hat. Auch das Militär ist ein Sektor, wo durchaus noch gewisse keynesianische Elemente eine Rolle spielen. Natürlich ist es nicht die reine Lehre in dem Sinn, dass z.B. die Ausgabe für Bildung nicht erhöht werden, um die Krise zu kontern, aber sie werden meistens auch nicht gekürzt, es ist also auch keine strikt monetaristische Politik. Dass die Erfolgsaussichten bezüglich Wiederaufschwung ziemlich schlecht sind, diese Ansicht teile ich natürlich mit den FreundInnen.


Das ist doch gerade nicht das, was die Freundinnen kritisieren. Natürlich gibt es konkrete materielle Interessen an mehr Mitteln für Bildung oder an staatlichen Ausgaben fürs Militär. Da werden sich immer Träger dieser Forderungen finden und es wäre tatsächlich nur moralisch ihnen dies vorzuhalten. Aber darum geht es nicht: In der Kritik der Freundinnen (oder zumindest wenn ich in diese Richtung argumentiere), geht es um die Illusion, dass man eine Krisenlösung bewirken kann, indem man gut keynesianisch den Proleten Geld in die Tasche steckt. Zudem: Die Artikulation dieser Vorstellung schielt immer schon auf die nationalökonomische Logik und versucht das Geldausgeben so zu legitimieren; und in dieser Perspektive (die leider bis in die sogenannte radikale Linke hinein wirksam ist; man siehe Syriza-Fans) ist der Keynesianismus tatsächlich illusorisch. Ansonsten hat natürlich niemand was dagegen, wenn Studenten für billigere Bildung kämpfen oder Prollos den Sozialstaat verteidigen wollen. Man muss im Gegenteil Keynesianismus und Neoliberalismus als zwei Seiten derselben Medaille thematisieren. Eiszeit schrieb mal in einem Flugblatt zum 1. Mai:
«Die Staaten und ihre Nationalbanken befinden sich dabei in einer Zwickmühle: Sie müssen mit Geld in den Verwertungsprozess eingreifen, um die Wirtschaft anzukurbeln oder sie wenigstens nicht ganz abschmieren zu lassen. Zugleich müssen aber die hoch verschuldeten Nationalstaaten den internationalen Finanzmärkten beweisen, dass sie harte Einschnitte gegen die Proletarisierten durchsetzen können, um ihre Refinanzierung auf diesen Märkten mit annehmbaren Zinssätzen zu garantieren. Das Zurückhalten des Geldes ist problematisch, weil damit die Nachfrage zusätzlich untergraben wird und einer deflationären Tendenz nicht mehr entgegengewirkt wird. Darauf verweisen die gewerkschaftlichen und sozialdemokratischen Keynesianer mit der Geste grosser Staatsmänner ohne die Kehrseite zu kennen. Denn auch das Geld in die Wirtschaft zu pumpen ist fatal, weil die Staaten damit ihre Kreditwürdigkeit aufs Spiel setzen und für die kommenden ökonomischen Einbrüche schlecht gerüstet sind. Und es ist lediglich eine Frage der Zeit, bis der nächste milliardenschwere Rettungsschirm ins Haus steht oder das nächste Pulverfass hochgeht.
Das Problem der Keynesianer verdoppelt sich auf der privatwirtschaftlichen Ebene: Die von ihnen geforderte Nachfrageankurbelung etwa über die Erhöhung der Lohn- und Lohnnebenkosten drückt direkt auf die Profite des Kapitals und bleibt damit als Lösung unbrauchbar. Um die marxsche Pointe gleich vorwegzunehmen: Die Krise – die im Kern eine Krise der Überproduktion von Kapital und der mangelhaften Profitraten ist – wird nicht zu lösen sein ohne eine massive Vernichtung von Kapital: Die Ausradierung von fiktiven Kapitalwerten, der Konkurs von grossen Finanzinstituten, die Bankrottierung riesiger Unternehmen sowie das Sinken des allgemeinen Lohnniveaus.»
Das fasst so etwa meine Kritik am Keynesianismus (und am liberalen «Ausweg») zusammen.

Ja, die Perspektive der Wobblies teile ich auch nicht. Und ich finde da eine Kritik auch nicht unangebracht. Allerdings muss man sich schon fragen, ob die Autoren nicht einfach darauf hinweisen wollten, dass überhaupt eine konkrete Perspektive fehlt und nicht genau die Perspektive der Wobblies, die halt als Beispiel herangezogen wird. Ich muss aber sagen, dass ich dieses Argument nicht teile und glaube dass sich «konkrete» Perspektive und praktische Ermächtigung gegenseitig bedingen.

Ich glaube auch nicht an die Einbahnstrasse des «revolutionären Bewusstseins» zur revolutionären Praxis. Aber du machst es auch ein bisschen mechanisch auf die andere Seite. Es gibt natürlich eine wechselseitige Verwiesenheit von kommunistischer Erkenntnis und revolutionärer Praxis. Ich zitiere nochmals kurz aus den 28 Thesen:
«Die dogmatischen Skeptiker, die fragend voranschreiten, aber gar nicht mehr wissen wollen wohin, übersehen erstens, dass das kommunistische Ziel sich in der Kritik der Verhältnisse bestimmt; und zweitens, dass dieses Ziel, weil es weder auf politischem Wege noch über Nacht zu erreichen sein wird, nur als Bewegung der Kommunisierung vorstellbar ist, in der sich die atomisierten Lohnabhängigen zu gesellschaftlichen Individuen mausern und anfangen, ihr Leben ohne Tauschbeziehungen zu regeln. „Solange die Massenbewegungen noch klein sind und noch an der Oberfläche bleiben, solange tritt die Tendenz nach der Beherrschung aller gesellschaftlichen Kräfte nicht so deutlich in Erscheinung. Aber werden diese Bewegungen größer, dann werden auch stets neue Funktionen in den Bereich der kämpfenden Massen gezogen, ihr Wirkungsbereich dehnt sich aus. Und in dieser kämpfenden Masse vollziehen sich dann vollkommen neue Beziehungen zwischen den Menschen und dem Produktionsprozess. Es entwickelt sich eine neue ‚Ordnung’. Das sind die wesentlichen Kennzeichen der selbständigen Klassenbewegungen, und sie sind denn auch der Schrecken der Bourgeoisie.“ Der niederländische Rätekommunist Henk Canne Meijer schrieb damit 1935 das Drehbuch für den Pariser Mai 1968.»

Es stimmt schon, dieser Vortrag ist nicht der beste Text der Freundinnen und einige deiner Einwände teile ich auch (wobei ich jene im Anfangsposting halt tatsächlich für willkürlich an den Text herangetragen halte). Bloss noch kurz: Über Semantik will ich jetzt nicht streiten, aber ich gehe davon aus, dass die Freundinnen den Begriff der «Räte» in meiner viel offeneren Variante gemeint haben wollten. Das erklärt sich ja schon alleine daraus, dass sie sich auf ein Subjekt der möglichen Räte beziehen, das grossteils gerade keine klassischen Arbeiter sind. Aber eines ist klar, wenn man eine kommunistische Revolution umsetzen will, dann kommt man um die Aneignung der Produktionsmittel nicht rum. In diesem Sinne – weil sie notwendige Bedingung der Reproduktion einer neuen Gesellschaft sind (auch wenn grosse Teile wohl erstmal zerstört werden müssen) – bleibt die Produktion zentral, der produktive Arbeiter hingegen verliert wohl seine Zentralität, die er noch in der leninschen Theorie hatte (wenn auch natürlich das Produktionswissen und die Macht in der Produktion nicht einfach egal sind). Oder wie die Freundinnen in den 28 Thesen etwas überpointiert schreiben: «Die Zukunft der Klasse insgesamt hängt entscheidend von der Fähigkeit der Überflüssigen ab, ihre Situation zum Ausgangspunkt einer allgemeinen Bewegung zu machen.»

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Power to the Pöbel!
06. April 2016, 23:00 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
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Zitat:
Vorweg: Ich bin froh, dass wir bei einem sachlichen Ton bleiben können und habe zu deiner jetzigen Antwort schon viel weniger Widersprüche. Mir ging es im Anfangsposting eigentlich vorallem darum zu zeigen, dass ich einige deiner Vorwürfe für an den Text herangetragen halte.


Ich war halt einfach so genervt, wegen dieser Wobblies-Schlussfolgerung, dass ich meiner impulsiven Polemik freien Lauf lassen musste. Jeder so kritisierte Reformist wird für solche Kritik nur ein überhebliches Lächeln übrig haben und sich - nicht ganz zu unrecht - über die Revolutionsromantik der FreundInnen mokieren. Das nervt halt auch, weil ich eigentlich denke, dass das ihnen auch bewusst sein sollte.

Zum Keynesianismus habe ich somit den Eindruck, dass wir uns weitgehend einig sind. Was ich nicht verstehe, ist, weshalb die FreundInnen seit der Polemik mit TC das Wort Kommunisierung soweit ich weiss nie mehr benutzten. Diese Definition der Revolution in den 28 Thesen unterscheidet sich m.E. beträchtlich von der tendenziell rätekommunistischen Perspektive in den anderen beiden Texten. Die Subjekte in den Räten sind dann einfach nicht mehr Arbeiter, gewissermassen eine Art Post-Rätekommunismus, doch ich halte es für einen Rückschritt im Vergleich zu den 28 Thesen.

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07. April 2016, 02:28 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Muoit



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Das Video zum Text: https://rdl.de/beitrag/den-staat-einfach-positiv-umdeuten-die-linke-der-krise

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08. April 2016, 13:45 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
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