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Kritische Gedanken zum Containern. Know Your Enemy II.

 
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Kritische Gedanken zum Containern. Know Your Enemy II.
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far



Anmeldedatum: 25.06.2005
Beiträge: 5481

Beitrag Kritische Gedanken zum Containern. Know Your Enemy II. Antworten mit Zitat
Zitat:
Macht Containern Spaß?

Der Spaß am Containern ist vielleicht die Freude darüber, ein Schnäppchen gemacht und so dem Kapital ein Schnippchen geschlagen zu haben, ohne dabei erwischt worden zu sein. Wer will nicht den Zehnerl und den Wecken? Containern heisst, in den stinkenden Mülltonnen der Supermärkte zu wühlen und u.U. in eklige Aasreste zwischen ditschigem, schimmligem Obst und Gemüse zu greifen. Eben den Supermärkten, die von den Dritte-Welt-Läden als üble Transnationale Konzerne markiert, deren Produkte mit Boykott-Aufrufen überzogen werden, von Ökobewegungen als Verbreiter von Schadstoff haltigen Lebensmitteln, von Anti-Genfood-Inis als Schleudern von transgenen Nahrungsmitteln erkannt und von Gewerkschaften als besonders ausbeuterisch bekämpft werden. Wer kennt nicht nach einem Supermarkt-Einkauf die defekten Verpackungen, den Schimmel unter den Aufback-Broten, die Netze mit Gemüse, von dem die Hälfte bereits verdorbenen ist. Das Futter, was da so propper in den Regalen steht, will mensch kaum geschenkt haben.

Ohne Moos nix los


Trotzdem. Für alles scheinen die Preise ständig zu steigen. Wer bei Reallohnsenkungen, Rückbau der Leistungen der Sozialversicherungssysteme und zunehmend prekären Arbeitsverhältnissen, nach Abzug von horrend hohen Mieten noch politische Abwehrkämpfe führen und gut LEBEN möchte, der greift erstens zu bei den Auslagen der Billigmärkte und versucht zweitens selbst deren Abfälle noch zu genießen, wenn er oder sie dadurch sparen kann. Was stört einEn das fehlende Vitamin, der zusätzliche Lebensmittelfarbstoff oder der gentechnisch veränderte Soyabestandteil, wenn am Samstag wieder ein Faschoaufmarsch in seine Schranken verwiesen werden will oder der G8 Gipfel vor der Tür steht?

Warum zum Henker ist Containern illegal?

In Deutschland wird Containern seitens der SupermarktbesitzerInnen nicht gern gesehen. Containern wird hin und wieder sogar angezeigt oder durch andere Maßnahmen verhindert. Schon heute werden die Zufahrten zu Supermärkten oft eingezäunt und die unverkäuflichen Überschüsse nicht mehr in Müllcontainer geworfen, sondern in die Müllpresse. „Aber wer könnte was dagegen haben, dass Menschen sich davon bedienen, was bereits weggeworfen wurde?“ fragt sich Cohn Teiner, 28 J., Mitglied der dörflichen Antifa. „Die Waren sind doch offensichtlich wertlos. Das schadet doch niemandem, oder?“ Und weiter: „Die Supermärkte könnten doch einfach ihre Rückseiten den Bedürftigen öffnen und sich über geringere Ausgaben bei der Müllentsorgung freuen!“

Abfälle: die Wohltaten des Kapitals


Nun, die SupermarktbesitzerInnen liegen nicht ganz falsch, wenn sie versuchen, das Containern bei sich abzustellen. Gerade noch vorstellbar ist ihnen das Entlohnen der eigenen Beschäftigten mit von ihnen selbst aussortierten Abfällen – quasi Abfall als aussertariflicher Lohnbestandteil. Auch werden in einigen Städten, um das eh schon ramponierte Image aufzubessern, ein paar Alibireste an Tafeleinrichtungen weitergeben und dort weiterverkauft. Bei diesen Strukturen, die noch immer die regulären kapitalistischen Tauschverhältnisse abbilden (Ware gegen Geld) ist der Zugang strikt reglementiert und steht nur einem kleinen Teil der potenziell Interessierten offen (z.B. keine AsylbewerberInen, nur gegen Hartz 4 Beleg). Diese Leute kommen eh kaum noch als potenzielle KäuferInnen in Betracht und ihr Einkauf ist begrenzt auf Mengen, die nur für eine Person als angemessen gelten.

Der Schaden fürs Kapital


Aber bei Trauben von schlecht gelaunten AbfallwühlerInnen, womöglich kurz nach Ladenschluss und gar in Sichtweite zum Vordereingang des Supermarkts, hört der Spass auf. Auch wenn die InhaberInnen es nicht so ausdrücken würden: Sie wissen, geschult durch jahrhundertealtes ökonomisches Denken, dass das Containern ihnen beim Realisieren des Werts der Waren und der damit verbundenen Verkaufsdienstleistungen in den Rücken fällt.

Wer seinen Hunger stillt mit kostenlosem Rosenkohl aus der Tonne von beinahe vergleichbarer Qualität wie der Rosenkohl für 1,99 € in den Supermarktregalen, kauft weniger, schmälert also den Umsatz. Wer würde überhaupt noch im Supermarkt einkaufen, wenn alle Wegwerf-Produkte anständig auf Paletten am Hintereingang aufgestapelt wären? Oder gut organisierte AktivistInnen das gesäuberte Gemüse übersichtlich auf Tischen drapiert verteilten und gleich Tipps für Auswahl und Zubereitung beisteuern würden? Eben: Niemand. Die Supermarktfiliale könnte einfach schliessen und nichts wäre gewonnen.

Gewinnmaximierung als Zweck, Knappheit als Bedingung

Voraussetzung für einen funktionierenden Supermarkt ist letztlich die Möglichkeit für seine InhaberInnen oder AktionärInnen, Gewinn zu machen. Die Bedürfnisbefriedigung der Kundschaft ist ihnen kein besonderes Anliegen sondern lediglich das Mittel zum Zweck. Wird das eigentliche Ziel nicht erreicht, weil notorisch kaufunwillige Kundschaft nur darauf wartet, dass das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten wird um das (beinah gleiche) Produkt für umme abzusahnen, muss das Kapital sich zurückziehen und eine andere Möglichkeit der Realisierung des Werts finden. Wenn genießbare Lebensmittel so wohlfeil wären, wie die Luft zum Atmen, wenn also keine Knappheit gegeben wäre, würde sich niemand mehr in Lohnarbeitsverhältnissen ausbeuten lassen, die lebenslang gerade so viel Kaufkraft herstellen, wie zum regelmässigen Konsumieren in Billig-Supermärkten und zum Kauf der Bildzeitung ausreichen.

UnternehmerInnen wollen keine wertvollen Lebensmittel wegwerfen

Hungrige Augen sind sicher kein Kriterium für das Verhalten von UnternehmerInnen. Doch die weggeworfenen Lebensmittel auf der Rückseite von Supermärkten sind kein Ausdruck von Reichtum und Verschwendung, sondern lediglich eine eigentlich vernachlässigbare Fehlkalkulation der tatsächlichen Absatzmöglichkeiten eines Supermarktes. Große Warenmengen, die mit den Kostenvorteilen der economies of scale hergestellt und angeboten wurden, lagen zu lange in den Regalen, daher wird das nächste Mal einfach etwas weniger bestellt oder auf ein alternatives Produkt umgesattelt. Bereits im eigenen Interesse versuchen die UnternehmerInnen besser zu kalkulieren und den weggeworfenen, weil nicht verkaufbaren Warenanteil gering zu halten, genau so, wie sie versuchen, ein Produkt, das weggeht wie warme Semmeln, etwas im Preis hochzusetzen und/oder mehr davon anzubieten.

Die UnternehmerInnen „containern“ auch, nur in grösserem Maßstab!

UnternehmerInnen nehmen sich nicht nur das, was sie bezahlen, sondern wesentlich mehr: Sie „containern“ die Mehrarbeit der ProduzentInnen, und zwar in rauhen Mengen! Bei der Herstellung der Waren erhalten die ProduzentInnen sehr viel weniger Lohn, als ihre Arbeitskraft wert ist. Ihnen wird dadurch Mehrwert abgeschöpft, der allein die Basis für den Gewinn des Unternehmers ist. Der Gewinn beruht also auf der Aneignung des Mehrwerts im Arbeitsprozess und nicht etwa auf der Übervorteilung von schlecht informierten KäuferInnen. Kapitalistische Warenproduktion produziert Mangel und Überfluss - sprich Ungleichheit. Jedoch weniger auf der Ebene des Warentausches als bei der Herstellung der Waren. Warentausch ist im Prinzip gerecht: das Geld was du für den Yoghurt bezahlst, entspricht tatsächlich mehr oder weniger seinem Tauschwert und nach dem Kauf hast du weder verloren noch gewonnen. Und beim Containern, da wo angeeignet statt Tauschhandel betrieben wird? Das Containern kratzt die UnternehmerInnen letztlich wenig, da sie den Reibach woanders machen.

Containern als kritische Praxis gegen das kapitalistische System?


Containern als kritische Praxis setzt letztendlich nur auf der Ebene der Distribution des Waren produzierenden Systems an und bleibt darauf beschränkt. Auch containerte Lebensmittel werden in Produktionsverhältnissen hergestellt, die es zu überwinden gälte. Containern wird nur so lange toleriert, wie es eine vernachlässigbare Größe in der Kalkulation der UnternehmerInnen bleibt. Ansonsten werden sie Mittel und Wege finden, das zu verhindern. Die Warengesellschaft wird dadurch selbst nicht Frage gestellt, geschweige denn ausgehebelt.

Wozu dann überhaupt Containern?

Containern ist wie Hausbesetzen oder Schwarzfahren. Das Nette am Containern ist immer noch die kollektive Aktion, das freche selbstbewußte Aneignen von Dingen die wir, die Lohnarbeitenden, selbst produziert haben und die daher sowieso uns gehören, das symbolhafte „den Finger in die Wunde legen“, das Privateigentum in Frage zu stellen. Containern funktioniert um so besser, je mehr Personen sich die Lebensmittel untereinander aufteilen und dabei im Kapitalismus selten gewordene Tauschprinzipien entdecken. Das Containern ersetzt keine Auseinandersetzung mit der kapitalistischen Produktionsweise (z.B. in Arbeitskämpfen), aber beinhaltet vielleicht die Ablehnung einer Gesellschaft, in nur der/diejenige Essen soll, der/die dafür bezahlen kann.

We don’t want a piece of cake, we want the whole bakery! Und wie singt Quetschenpaua doch so nett: “Alles wird so bleiben wie bisher, es sei denn du hast genügend Phantasie, kriminelle Energie und ein paar nette Leute! „

Auf der Homepage von Michael Heinrich

befinden sich zahlreiche vertiefende werttheoretische Texte. Ein einführender Vortrag als Audio-Datei lässt sich bei der Zürcher Gruppe Eiszeit

herunterladen:
http://www.eiszeit.tk/texte/eiszeit_-_heinrich_diskussion.mp3

http://container.blogsport.de

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Um einen Widerstand zu brechen, braucht es Gewalt, aber wenn der Widerstand hält, ist es die Gewalt, die zerbricht.
18. Dezember 2008, 18:47 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden E-Mail senden
shikari



Anmeldedatum: 30.03.2008
Beiträge: 551
Wohnort: Meer der Fäulnis

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Deckt sich 1:1 mit meiner Überzeugung, falls dieser Post ein Seitenhieb sein sollte (denn, seien wir ehrlich, 90% der User dieses Forums können mit Containern nichts anfangen). Der autonome Containerblog war mein Vorbild für Dumpsterdiving Switzerland, deswegen unbedingt mal anschauen und nachmachen.

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Unser ganzer gepriesener Fortschritt der Technik, überhaupt der Civilisation, ist der Axt in der Hand des pathologischen Verbrechers vergleichbar. -- Albert Einstein

Das meinen wir wörtlich. Wir hauen die Sachen zusammen. -- John Zerzan

18. Dezember 2008, 19:07 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden Website dieses Benutzers besuchen
Veganarchist



Anmeldedatum: 06.02.2008
Beiträge: 217

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Irgendwie verstehe ich die Kritik nicht...
19. Dezember 2008, 17:00 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Scally



Anmeldedatum: 24.02.2008
Beiträge: 161

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..


Zuletzt bearbeitet von Scally am 26. November 2013, 17:55, insgesamt einmal bearbeitet
19. Dezember 2008, 17:52 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Muoit



Anmeldedatum: 31.10.2006
Beiträge: 1498

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Das sind doch Leute/eine Person, welche selber containern/t.

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Power to the Pöbel!
19. Dezember 2008, 17:35 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
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