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Wie die Welle auf den Boden kommt - Neue Wildcat #84

 
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Wie die Welle auf den Boden kommt - Neue Wildcat #84
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far



Anmeldedatum: 25.06.2005
Beiträge: 5481

Beitrag Wie die Welle auf den Boden kommt - Neue Wildcat #84 Antworten mit Zitat
Wie die Welle auf den Boden kommt

Deutschland, Anfang Juni 2009. Daimlermanager sind gehalten, nicht zu häufig
in die Werke zu gehen, um »eine ungute Stimmung zu vermeiden«. Die Polizei
beobachtet den Verlauf der Wirtschaftskrise. Noch gibt es keinen Anstieg der
Gewalt, sie bereitet sich aber vor. Noch gibt es keine Massenentlassungen.
Die Behörden bereiten sich aber vor. Es ist eine seltsame Zeit, eine
Zwischenzeit, in der alles auf dem Spiel steht.

Bei Erscheinen der Wildcat 83 hatte sich gerade der Wirtschaftsminister davon
gemacht. Zu Guttenberg muss wohl durchhalten bis zu den Wahlen, sonst hätte
er sich letzte Woche vom Acker gemacht. Die meisten seiner Kollegen haben die
letzten drei Monate Parolen ausgegeben wie »Hoffnungsschimmer«, »Licht am
Ende des Tunnels« und »Bodenbildung«. Sehr schön brachte G. Menuet von der
Bank of America die Doppelbödigkeit dieser Argumente zum Ausdruck; er sagte
der Nachrichtenagentur Reuters: »»Ich glaube, dass wir im ersten Quartal den
Boden erreicht haben. Wir werden im zweiten Quartal einen weiteren Rückgang
haben, aber nicht so negativ wie im ersten.« Auch als in der letzten Krise im
Herbst 2000 von »Bodenbildung« gesprochen wurde, kam das Schlimmste erst
noch. Denn die Welle ist die Form der Krisenbewältigung, die dazu führt, dass
die gewöhnlichen Menschen für die Krise bezahlen – nicht nur am Aktienmarkt!
Vor allem aber ist sie die Form, wie die Krise politisch gemeistert wird,
weil jedes Mal behauptet wird, nun sei es vorbei.

In den letzten beiden Heften hatten wir den Schwerpunkt auf die weltweite
Proletarisierung und Berichte zu den Auswirkungen der globalen Krise gelegt.
Das wollen wir im nächsten Heft wieder tun (Arbeitslosigkeit,
Obdachlosigkeit, Kämpfe, Perspektiven). Diesmal liegt das Schwergewicht auf
den strategischen Zügen der kapitalistischen Krise (»spekulatives
Kapital«, »internationale Zahlungsungleichgewichte«, drohendes Platzen
der »Mutter aller Blasen«).

Paolo Giussani [artikel] hat ein vehementes Plädoyer gegen alle
(links-)keynesianischen Illusionen beigesteuert. Ganz ähnlich wie Marx sieht
er in der Aktiengesellschaft den Grund für die Ausweitung der
Spekulation. »Hinter der Ausweitung des spekulativen Kapitals (steht) nicht
das Finanz- und Kreditkapital, sondern die Funktionsweise des produktiven
Kapitals selbst.« Aber angesichts des säkularen Verfalls der Profitrate
liefert »die Zirkulation des spekulativen Kapitals« die letzten Krümel an
Wachstum. Sie zu beschneiden, würde in eine langandauernde Stagnation (bei
gleichzeitig hochschießender Inflation aufgrund der extremen
Staatsverschuldung) führen und »eher früher als später an einen Scheideweg«:
entweder kommt es zu »einem brutalen dejà vu genau der Entwicklung der späten
70er und 80er Jahre, die zur heutigen Situation geführt hat«, oder die
ArbeiterInnen erheben sich...

Zwischen 2000 und 2009 hat eine Gruppe von 11 Ländern (allen voran die USA,
Spanien und Großbritannien) zusammen rund acht Billionen Dollar mehr
ausgegeben als eingenommen. Gleichzeitig hat eine Gruppe von 16 Ländern
(allen voran China, Japan und die BRD, plus Ölförderländer) zusammengerechnet
den gleichen Betrag weniger ausgegeben als eingenommen. Diese massiven
Ungleichgewichte in den internationalen Zahlungsströmen wurden vor Ausbruch
der Krise als »Bretton Woods II« schön geredet – und werden von vielen nun
als »Erklärung für die Finanzmarktkrise« genommen. Wir gucken genauer auf die
Klassenverhältnisse hinter dem symbiotischen Verhältnis zwischen China und
den USA. Denn »Chimerica« [artikel] war für das kapitalistische Weltsystem so
zentral, dass manche als Gipfeltreffen zur Rettung des globalen Finanzsystems
ein »G2«-Treffen vorschlugen.
Übrigens widerlegen bereits diese Finanzströme die harten Ansagen der
Politiker und Unternehmer, »wir« hätten »über unsere Verhältnisse gelebt«.
Der private Verbrauch in der BRD stagniert seit zehn Jahren. Zahlen der
Bundesbank zufolge haben die Privathaushalte von 2000 bis 2008 1471
Milliarden Euro gespart.

Danach kommen ein paar Gedanken zur Frage, warum die radikale Linke in dieser
historischen Krise des Kapitalismus so leer dasteht wie ein geräumtes
Bankgebäude. Könnte es sein, dass ein Großteil linker Theorieproduktion der
letzten drei Jahrzehnte die Seifenblasen der Kreditökonomie für Realität
gehalten hat? Und was passiert nun nach dem Platzen der Kredit- und
Theorieblasen? Postmoderne Bodenbildung. [artikel]

Der »Neoliberalismus« griff alle egalitären Errungenschaften der Klassenkämpfe
Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts frontal an,
weil er in ihnen zurecht die Ursache der Krise sah. Auch hier verliefen
Ideologieproduktion und Finanzmärkte parallel. Jedes kollektive Subjekt ist
unter Beschuss geraten und wurde je nach Anlass als korporativ oder gar als
völkisch denunziert, der Kollektivgedanke selber wurde in die totalitäre Ecke
gestellt. Die »neoliberale Wirtschaftspolitik« hat die allgemeinen
Reproduktion(skosten) »finanzialisiert«, das war der gewaltigste Angriff auf
kollektive Zusammenhänge. Viele Leute wurden durch Zinsen unter der
Inflationsrate und den Abbau sozialstaatlicher Leistungen gezwungenermaßen
zu »Akteuren an den Finanzmärkten«. Einerseits, um ihren Lebensstandard bei
sinkenden Reallöhnen durch Schuldenmachen einigermaßen aufrechtzuerhalten.
Andererseits weil Kredite für den Kauf der Eigentumswohnung den sozialen
Wohnungsbau und die unbezahlbaren Mieten ersetzten, und Riesterrente die
gekürzte gesetzliche Rente; weil Studienkredite aufgenommen wurden, um die
Studiengebühren bezahlen zu können; selbst der Optiker dreht dir gleich einen
Kreditvertrag über zwei Jahre an, wenn du eine Brille brauchst - früher hat
die Krankenkasse einen Teil der Kosten bezahlt.
Die Forderungen der Banken, Rentenversicherungen, Krankenkassen usw. uns
gegenüber dienten ihnen als Basiswert für ihre Spekulationen an den
Finanzmärkten – während wir uns dabei immer weiter verschulden. Manche halten
diese »finanzielle Enteignung« für die zentrale Finanzinnovation
des »Neoliberalismus«. Und Leute, die Kredite am Laufen haben, sind meistens
nicht die ersten, die streiken. Aber damit wurde das Finanzwesen letztlich
abhängig vom Verhalten der Unterklassen – Kriminalität, Zurückzahl- und
Konsumverhalten, Krankheit, (Früh-)Rente... Die Aufrüstung des
Kontrollstaats, Null-Toleranz-Konzepte bei der Polizei usw. stehen in
direktem Zusammenhang damit. Das Ausbrechen der subprime-Krise in den USA
zeigt, dass das alles nichts mehr hilft, wenn die Leute einfach ihre Schulden
nicht mehr zurückzahlen können.
Eine Genossin aus England schreibt über aktuelle Verschärfungen bei der
Kontrolle der gesamten Reproduktion der Unterschichten [artikel], vom
Ernährungsverhalten über die Schwangerschaft bis zur Erziehung der
Kinder.Vieles von der Diskussion über den »aktivierenden Sozialstaat« kommt
aus England. Sarrazin (jetzt Bundesbankvorstand, vorher SPD-Finanzsenator in
Berlin) erklärte Mitte Mai im Stern, der Sozialstaat müsse so umgebaut
werden, »dass man nicht durch Kinder seinen Lebensstandard verbessern kann,
was heute der Fall ist«. Anfang 2008 hatte er Hartz IV-EmpfängerInnen
Ernährungstipps gegeben, die darauf raus liefen, einfach weniger Kalorien zu
essen, als man täglich braucht. »Die RAF müsste wieder kommen!« sagt der
gemeine Hartz IV-Empfänger dann gelegentlich, wenn er solche Aussagen in
seinem Dolby-Surround-Fernseher sieht, vor dem er den ganzen Tag sitzt und
schlechtes Fett und Nikotin in sich rein stopft.

Wildcat hat sich seit den 80er Jahren immer mal wieder mit dem bewaffneten
Kampf in der BRD beschäftigt. Das blieb fruchtlos, weil in der BRD – im
Gegensatz etwa zu Frankreich oder Italien, wo solche Diskussionen in den 80er
und 90er Jahren in aller Härte liefen – offensichtlich niemand die
angesprochenen Fragen öffentlich diskutieren wollte. Stattdessen wurden alle
heißen Themen verdrängt, so dass Verräter und Staat in der öffentlichen
Debatte oft mehrere Schritte voraus waren. Im Zusammenhang mit einem der
letzten Prozesse gegen den Zusammenhang der Revolutionären Zellen sind uns
nun aber GenossInnen über den Weg gelaufen, die Lust auf Diskussion und
Aufarbeitung haben. Einer sagte noch: »Einen Vorteil hat es, wenn man wegen
Revolutionäre Zellen verurteilt ist. Man kann jetzt offen drüber reden!« Das
haben wir versucht. Das Interview [artikel] soll als Angebot verstanden
werden: hier sind Leute, die über solche Fragen auch öffentlich diskutieren
wollen.

Betriebsschließungen und Bossnapping in Frankreich [artikel]:
Jean-Paul Sartre fand die Bossnappings in Frankreich 1968 ff. gut, denn: »Wenn
ein Chef seine Beschäftigten um Erlaubnis fragen muss, wenn er pinkeln muss,
ist das ein großer Schritt nach vorne«. Die englische Financial Times
zitierte diesen Spruch unter dem Bild eines grinsenden, gekidnappten
Unternehmers, dem Chef von Moët & Chandon, den »seine« Arbeiter im Sommer
1993 im Büro eingeschlossen hatten mit nur ein paar Flaschen Champagner als
Proviant. Anschließend gab die FT Tipps für den Fall der Fälle: vor
Verhandlungen wenig trinken, unauffällig Zahnbürste und Pyjama einpacken usw.
Vor allem aber »don't panic! Bossnapping gehört zur französischen Kultur wie
Baguettes und Briekäse.« Ganz anders die Aufgeregtheit bei vielen deutschen
Linken über die »französischen Zustände«, die immer wieder die hiesigen
ArbeiterInnen auffordern, »lernt endlich Französisch!« Ein Genosse aus
Frankreich hat einen realistischeren Blick aufs Bossnapping.

Ein bisschen »genappt« wurde im April auch in Großbritannien – und dann drei
Fabriken besetzt. Leider hat es auch dort nicht geklappt, die zeitgleich
laufenden Proteste gegen den G20-Gipfel wenigstens ein bisschen für den
Klassenkampf zu interessieren. Manche »klagen darüber, dass die
Gewerkschaften, der Staat usw. Kämpfe zu isolieren versuchen – aber einige
Leute kriegen das mit ihrer politischen Ideologie auch ohne fremde Hilfe hin«
ist das Fazit des Aktivisten, der uns den Artikel [artikel] geschickt hat.
Der Kampf bei Visteon war aus zwei Gründen sehr wichtig: Es war eine der
ersten großen Auseinandersetzungen um Abfindungen und Renten in der Krise und
hatte das Zeug zum Präzedenzfall für künftige Firmenpleiten. Zweitens: die
ArbeiterInnen haben das Zehnfache des ursprünglichen Angebots rausgeholt.

In nächster Zeit werden Besetzungen erstmal die Kampfformen gegen
Betriebsschließungen sein. Da sollten alle hingehen und dazu beitragen, dass
auch »nicht betroffene« Betriebe sich solidarisieren und sich dem Kampf
anschließen. In der letzten Krise haben wir aus Argentinien gelernt, dass
eine Bewegung keine Chance hat, wenn sich nur die Rausgeschmissenen und die
Arbeitslosen mobilisieren. Und allen Beschäftigten, denen Absenkungsverträge
aufgezwungen werden, sollten wir die Erfahrung (nicht nur) aus Frankreich
vorhalten: »Wenn man sich einmal auf die Erpressung durch die Bosse
eingelassen hat, ist es sehr schwer, das wieder umzudrehen.«
Vielleicht wird dann das »Licht am Ende des Tunnels«, das unsere Feinde
gesehen haben wollen, der Scheinwerfer entgegenkommender Klassenkämpfe sein.

_________________
Um einen Widerstand zu brechen, braucht es Gewalt, aber wenn der Widerstand hält, ist es die Gewalt, die zerbricht.
10. Juni 2009, 18:43 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden E-Mail senden
Savo



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Beiträge: 3051

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woher? no84 schon draussen?

_________________
"Komplettere Esel als diese Arbeiter gibt es wohl nicht." (Marx)
10. Juni 2009, 18:48 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
far



Anmeldedatum: 25.06.2005
Beiträge: 5481

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Zitat:
Hi folks!

Tja!
Heute in der Zeitung:
"Die nach den Märzzahlen aufgekeimte Hoffnung, der Konjunkturabsturz könnte
den Boden erreicht haben, hat sich als voreiliges Wunschdenken erwiesen..."

Gestern gedruckt (s.u.).

Ab morgen in den Buchläden.


Außer den im Editorial erwähnten Artikeln [artikel]
gibt es wieder die Rubrik "Was bisher geschah" mit update zu Karmann, zur
Autoindustrie überhaupt und einem kurzen Bericht über den Kampf der
Leiharbeiter in Hannover.


liebe grüße! wir melden uns bald nochmal.
eure wildcats

per e-mail!

_________________
Um einen Widerstand zu brechen, braucht es Gewalt, aber wenn der Widerstand hält, ist es die Gewalt, die zerbricht.
10. Juni 2009, 18:54 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden E-Mail senden
Savo



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Beiträge: 3051

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schande über mich - nur kurz überflogen, die mail... stupid

_________________
"Komplettere Esel als diese Arbeiter gibt es wohl nicht." (Marx)
10. Juni 2009, 18:03 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Danger Mines!!



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Beiträge: 1444
Wohnort: süsch no was?!

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hi hiii, voll geil geschrieben:

Vielleicht wird dann das »Licht am Ende des Tunnels«, das unsere Feinde
gesehen haben wollen, der Scheinwerfer entgegenkommender Klassenkämpfe sein.

_________________
Und wie die antiken Staaten an der Sklaverei zugrunde gegangen sind, so werden auch die modernen Staaten am Proletariat zugrunde gehn. M.B.
10. Juni 2009, 19:16 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
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