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Renaissance des Anarcho-Syndikalismus

 
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Renaissance des Anarcho-Syndikalismus
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lazlo wanda



Anmeldedatum: 26.12.2008
Beiträge: 650

Beitrag Renaissance des Anarcho-Syndikalismus Antworten mit Zitat
eine gute analyse der cnt und des anarchosyndikalismus. 2007 veröffentlicht









Beltrán Roca Martínez

Renaissance des Anarchosyndikalismus


Eine Untersuchung am Beispiel der CNT Sevilla

Syndikat A Medienvertrieb














Original: Dpto. Antropologia Social, Universidad de Sevilla Calle Dona Maria de Padilla s/n CP: 41004 Sevilla, Spain Englische Übersetzung: Anarchist Studies, 14. Jahrgang, Nr. 2, S. 106-130, 2006
Übersetzung: Michael Halfbrodt
Lektorat: Hiby
Druck und Vertrieb: Syndikat-A im Januar 2007
Bismarckstr. 41 a in 47443 Moers
mail: syndikat-a@fau.org
Phone/Fax: 02841/537316
www.syndikat-a.de


Kurze Vorbemerkung vom Syndikat-A

Dieser Text bezieht sich auf die aktuelle Situation der spanischen CNT mit dem Schwerpunkt Andalusien und spiegelt in vielerlei Hinsicht auch die Lage unserer Organisation (FAU) in Deutschland wieder. Das macht den Text sehr interessant. Er ist nicht von einem Außenstehenden verfasst worden, sondern von einem „Insider", der die diversen Probleme des Anarcho-Syndikalismus kennt und sie in solidarischer Kritik benennt.
Wir möchten uns an dieser Stelle noch recht herzlich bei unserem Ge-nossen R. aus Hamburg für seinen „heißen Tipp" bedanken.
Da der Text aus der eher akademischen Ecke stammt, habe wir einige ungeläufige Begriffe im Anhang erläutert.


Einleitung

Der vorliegende Artikel bietet eine Analyse und eine Diagnose der CNT in Andalusien unter Rückgriff auf bestimmte Theorien und Konzepte der Sozialanthropologie. Die CNT ist eine von anarchistischen Ideen beeinflusste spanische Gewerkschaftsorganisation. Ihr Endziel besteht in der radikalen Umgestaltung der Gesellschaft durch einen revolutionären Prozess, aber was sie wirklich von anderen revolutionären Organisationen unterscheidet, ist ihre Strategie: Sie zielt auf den Zusammenschluss der Arbeiter durch den Kampf für bessere Arbeitsbedingungen ab, auf die Schärfung des Bewusstseins für verschiedene Herrschaftsformen - besonders der Ausbeutung der Arbeiterklasse - und damit auf die Herbeiführung einer Situation gesellschaftlicher Polarisierung, die zu einem Sozialrevolutionären Generalstreik führt. Das sind die Grundsätze des Anarchosyndikalismus.
In den folgenden Abschnitten werde ich darlegen, wie die CNT arbeitet und wie sie aufgebaut ist, unter Berücksichtigung ihrer Vorgehensweise am Arbeitsplatz, im lokalen Umfeld sowie auf internationaler Ebene (durch die Internationale Arbeiterassoziation, IAA). Ich werde mich speziell auf die CNT in Andalusien beziehen, denke aber, dass meine Analyse sich auf nahezu jede Sektion der CNT übertragen lässt. Zunächst werde ich einige Grundbegriffe der System-theorie einführen, um zu zeigen, wie Organisationen Beziehungen zu ihrer Umgebung aufbauen, und werde dabei nachweisen, dass die jüngsten Veränderungen im gesellschaftlichen Bereich zu einer schweren Krise innerhalb der CNT geführt haben, weil diese sich als offenkundig unfähig erwiesen hat, darauf angemessen zu reagieren. Ihre aufeinan-derfolgenden Kongresse waren wenig mehr als Bekräftigungen von Ideen und Organisationsstrukturen, die vielleicht in der Vergangenheit funktioniert haben, als die CNT noch Lösungen für die realen Probleme der Arbeiter bot. Wir werden im Folgenden eine SWOT-Analyse durchführen: ein Hilfsmittel, das möglicherweise eine längst überfällige Debatte auslösen wird. Abschließend werde ich zeigen, wie es die CNT-Lokalföderation in Sevilla geschafft hat, sich trotz vieler Hindernisse den neuen Umständen teilweise anzupassen. Der CNT könnte eine verheißungsvolle Zukunft bevorstehen, wenn sie die notwendige Korrektur der Postulate zuließe, die momentan ihr Potential beschränken. Mein Hauptanliegen besteht darin, aufzuzeigen, wie eine anarchosyndikalisti-sche Organisation vorgehen kann, um die Spannung zwischen dem Erbe von Moderne und Industriekapitalismus einerseits, und der Notwendigkeit des Ü-berlebens in einem Kontext von Flexibilität, Fragmentierung und Unsicherheit andererseits, zu lösen. Ich werde weiterhin zeigen, dass dieser „neue Kapitalismus" der CNT die einmalige Chance geben könnte, ihre einstige Stärke zurückzugewinnen. Letztlich hängt alles von der Fähigkeit der CNT-Aktivisten ab, Ver-änderungen zu akzeptieren und Konflikte und Dilemmata zu überwinden.
Das meiste Material für die vorliegende Studie stammt aus meiner eigenen, mehr als zehnjährigen Erfahrung als CNT-Aktivist (in El Puerto de Santa Maria, Granada und Sevilla) sowie einer breit gefächerten Auswahl an CNT-Publikationen: Flugblätter, Broschüren, Bücher, interne Rundbriefe, Zeitschriften, Zeitungen und Websites.

ANARCHISTISCHE ANTHROPOLOGIE UND DIE ANTHROPOLOGIE DES ANARCHISMUS


Wenn wir den Anarchismus als extrem heterogene gesellschaftspolitische Bewegung definieren, deren oberstes Ziel in der Beseitigung aller Formen sozialer Herrschaft besteht, kann die Anthropologie für die oben genannte Aufgabe ein nützliches Instrument sein. Die Anthropologie kann dazu auf zwei verschiedenen, aber komplementären Gebieten einen Beitrag leisten: der anarchistischen Anthropologie und der Anthropologie des Anarchismus. Die Grundlagen anarchistischer Anthropologie befinden sich in den Werken Kropotkins, ihr Ausgangspunkt ist die Vielfalt noch bestehender politischer und kultureller Systeme oder solcher, die in der Vergangenheit bestanden haben. Die Untersuchung anderer Kulturen verdeutlicht, dass der Staat, das ausgeklügeltste Instrument sozialer Herrschaft, nicht in allen Gesellschaften existiert hat: dass sich stattdessen für die längste Zeit der Geschichte die meisten Gesellschaften ohne den Staat oder sogar gegen den Staat entwickelt haben (Clastres 1976; Barclay 1985). David Graebers Erörterung einer Gegen-Macht arbeitet diesen Punkt heraus (2004). Er legt dar, dass in staatenlosen Gesellschaften, die so strukturiert sind, dass sie die Konzentration von Macht ver-oder wenigstens behindern, eine Gegen-Macht zur vorherrschenden Kraft wird. Mit anderen Worten, die anarchistische Anthropologie zeigt uns die Vielfalt bestehender Welten, um uns dazu aufzufordern, andere Welten zu konstruieren. Eine wachsende Zahl von Anthropologen arbeitet an solchen Themen. Ein weiterer bedeutender Beitrag der anarchistischen Anthropologie - obwohl diese Erkenntnis nicht auf dieses Feld beschränkt ist - besteht in der Aufdeckung der Funktionsmechanismen sozialer Herrschaft. Hierzu gibt es eine Vielzahl von Untersuchungen aus verschiedenen Disziplinen und von unterschiedlichen Autoren, die sich zumeist nicht als Anarchisten verstehen. Ich denke zum Beispiel an die Werke von Michel Foucault über das Gefängnissystem (1977), von Pierre Bourdieu über männliche Herrschaft (2002), von Felix Talego über die Macht der Führer einer andalusischen Arbeiterorganisation (1996) und von Fernando Ventura über Staatsgewerkschaften (2004). Der zweite Beitrag der Anthropologie zur anarchistischen Theorie besteht in der Analyse anarchistischer und volkstümlicher Bewegungen, besonders in Bezug auf die interne Machtverteilung: Wir nennen das Anthropologie des A-narchismus. Anthropologische Forschungsmethoden wie teilnehmende Beobachtung, halbstruktu-rierte Interviews, Diskussionsgruppen usw. eignen sich vor allem für die Erforschung von Organisationen und Bewegungen und insbesondere von Prozessen wie Entscheidungsfindung, Machtkämpfe, Herstellung sozialer Beziehungen, Symbolismus, Orga-nisationskultur und Beispiele für das, was James C. Scott „public transcript" und „private transcript" nennt (1990). Eine Anthropologie des Anarchismus würde darauf abzielen, die Selbsterkenntnis alternativer Bewegungen zu fördern und - auf diesem Wege -ihre Praktiken, Diskurse und Strukturen zu verändern, um sie kohärenter und effektiver zu machen.
Die vorliegende Arbeit über die CNT ist ein gutes Beispiel für eine solche Recherche. Andere Beispiele wären das Buch von Paco Cuevas über libertäre Pädagogik (2003), David Graebers Artikel über die „neuen Anarchisten" (2002), Maple Raszas Film Bastards of Utopia, Gavin Grindons laufende Forschungsarbeit über aktuelle Sozialproteste oder das klassische Werk von Irving Horovitz (1964), einem Schüler C. Wright Mills.

DIE CNT: STRUKTUREN UND AKTIVITÄTEN

Der Spanische Bürgerkrieg (1936-39) und der darauf folgende lange Winter des Franquismus waren harte Schläge für die anarchistische Tradition Spaniens. Die Einführung formaler Demokratie 1977 schuf in weiten Teilen der spanischen Gesellschaft große Hoffnungen auf Befreiung: Diese Erwartungen wurden schnell enttäuscht. Der „Moncloa-Pakt" von 1977, den alle sozialen Bewegungen mit Ausnahme der CNT unterzeichneten, begründete das gegenwärtige System der Gewerkschaftsvertretung, mit Betriebsräten in jedem Unternehmen. Die CCOO (Comisiones Obreras, mit der kommunistischen Partei verbunden) und die UGT (Union General de Trabajadores, mit der sozialistischen Partei verbunden) nutzten diese Strukturen, um die Arbeitervertretung unter sich aufzuteilen. Die CNT war zutiefst gespalten: Die eine Strömung entschied sich, an den Betriebsratwahlen teilzunehmen, während die andere das vehement ablehnte. Das führte einige Jahre später zu einem offenen Bruch, aus dem die heutige CNT und die CGT (Confederaciön General del Trabajo) hervorgingen.
Im heutigen Spanien berufen sich mehrere Organisationen auf den Anarcho-syndikalismus, darunter z.B. die CGT und SO (Solidaridad Obrera). Die CNT unterscheidet sich von diesen durch ihre strikte Weigerung, sich an Gewerkschaftswahlen zu beteiligen, sich vom Staat subventionieren zu lassen oder Angehörige von Sicherheitsdiensten als Mitglieder aufzunehmen. Nach Meinung der CNT verfolgt das bestehende Modell der Gewerkschaftsvertretung und der Betriebratswahlen den Zweck, die Gewerkschaften in das Gesellschaftssystem zu integrieren und dadurch Arbeitskonflikte unter Kontrolle zu halten. Die offiziellen Gewerkschaften - unter Einschluss der CGT - konkurrieren um Posten im Betriebsrat, dem offiziellen Vertretungsorgan der gesamten Belegschaft, der nach dem Muster repräsentativer Demokratie gewählt wird. Die CNT hingegen tritt für direkte Demokratie ein: Sie gesteht nur einer Belegschaftsversammlung das Recht zu, die Beschäftigten zu rep-räsentieren. Wenn die Arbeiter mit den Bossen verhandeln wollen, muss die Belegschaftsversammlung per Handzeichen entscheiden, wer für diese Rolle ausersehen wird und welche Forderungen aufgestellt werden. Die offiziellen Betriebsräte wurden geschaffen, um Gewerkschaftler in hauptamtliche, von den Unternehmen bezahlte Funktionäre zu verwandeln, die dann im Namen der Arbeiter verhandeln. Die CNT vertritt die Auffassung, dass letztere schließlich als Instrumente der Betriebsleitung zur Kontrolle und Begrenzung von Arbeiterforderungen fungieren. Der CNT zufolge entsprechen nur ihre Strukturen den a-narchosyndikalistischen Grundsätzen von Selbstverwaltung, gegenseitiger Hilfe, Föderalismus, direkter Aktion und Internationalismus (Federación Local de Sevilla CNT-AIT, 1999).
Die Struktur einer Organisation ist die Gesamtheit aller Formen von Arbeitsteilung, ob formeller oder informeller Art, und aller Formen der Koordination dieser getrennten Funktionen.
Die formelle Struktur besteht aus den „offiziellen, festgelegten Beziehungen zwischen den verschiedenen Mitgliedern einer Organisation" (Mintzberg 1979) und die informelle Struktur aus den über das Offizielle hinausgehenden Beziehungen. Beide Strukturen sind so eng verquickt, dass es häufig unmöglich ist, sie voneinander zu unterscheiden. Die Gesamtheit beider Strukturen bildet die Realstruktur einer Organisation. In den folgenden Abschnitten werde ich sowohl die formelle wie die informelle Struktur der CNT analysieren. Die CNT-Struktur folgt dem eigenen Anspruch nach einem direktdemokratischen Modell. Die Basiseinheit ist der Ortsverband. Um eine „Vereinigung aller Berufe" (Sindicato de Ofi-cios Varios) zu bilden, sind mindestens fünf Personen erforderlich. Für ein „Branchensyndikat" (Sindicato del Ramo), d.h. eine Gewerkschaft von Arbeitern im selben Tätigkeitsbereich (Baugewerbe, Metallindustrie, Verkehrswesen, Kommunikationsbereich, Bildung und Erziehung usw.), sind 25 Mitglieder das Minimum. Ein solches Syndikat kann in Betriebsgruppen (Sección Sindical) aufgeteilt sein, die die CNT-Mitglieder an ihren jeweiligen Arbeitsplätzen vertreten.
Die Syndikatsversammlung (Asamblea de Sindicato) ist das höchste Entscheidungsorgan und jene Einheit, auf der die gesamte Organisation beruht. Die Gewerkschaftsmitglieder versammeln sich in regelmäßigen Abständen, um Entscheidungen zu treffen. Sie diskutieren lokale, regionale, nationale und internationale Fragen: Dies ist Ausdruck der „horizontalen" Prinzipien der CNT. Vor jedem Treffen können die Mitglieder Themen vorschlagen, die diskutiert werden sollen. Auf der Versammlung sitzen alle an einem Tisch: Ein Mitglied protokolliert die Tagesordnung, die verschiedenen Beiträge, die Diskussionen und Entscheidungen. Zu Anfang wird das Protokoll der vorherigen Sitzung verlesen und von den Mitgliedern gebilligt - oder nicht. Üblicherweise wird es ohne Nachfragen angenommen, aber manchmal werden auch Punkte ergänzt oder schlecht proto-kollierte Sachverhalte umformuliert. Es kommt selten vor, dass Protokolle insgesamt abgelehnt werden. Die Versammlung trifft Entscheidungen mit einfacher Mehrheit, die Abstimmung erfolgt per Handzeichen. Das gleiche Verfahren kommt, in einer etwas stärker formalisierten und ritualisierten Weise, auf den Vollversammlungen der höheren, (über)regionalen Gremien zur Anwendung.
Die Syndikate an einem Ort sind durch die Lokalföderation (Federaciön Local) verbunden; die Lokalföderationen durch die regionale Konföderation (Confederaciön Regional del Trabajo); die regionalen Konföderationen durch die nationale Konföderation (Confederaciön Nacional del Trabajo), die wiederum der IAA (Internationale Arbeiterassoziation) angeschlossen ist, in der Arbeiterorganisationen aus vielen europäischen Ländern sowie einigen aus Lateinamerika vertreten sind. Daneben sind die Branchensyn-dikate - zumindest theoretisch - in nationalen Industrieföderationen (Federaciön Nacional de In-dustria) zusammengeschlossen. Allerdings muss erwähnt werden, dass die CNT aufgrund ihrer geringen Größe nur wenige (regionale oder nationale) Industrieföderationen hat: Andalusien z.B. hat keine einzige. Nahezu alle Syndikate sind „Vereinigungen aller Berufe". Dort werden die Entscheidungen gefällt und die Delegierten gewählt, die an den Regionalversammlungen teilnehmen. Auf diesen kommen alle Gewerkschaftsdelegierten einer Region zusammen. Sie sind in der Regel durch eine unterzeichnete Beglaubigung ihres Branchensekretärs legitimiert. Einige Syndikate, besonders die weniger aktiven, schicken gewöhnlich ihre - von der Branche ordentlich abgestempelten - Beschlüsse per Fax an das Regionalkomitee oder den Tagungsort der Versammlung. Wenn es mehr als ein Syndikat in einer Stadt gibt, bringt der Delegierte einer Branche manchmal den schriftlichen Beschluss eines anderen Syndikats aus seiner Stadt mit. Auf dem Regionalplenum wird ein Sekretär als Protokollführer gewählt.
Als Grundlage der Entscheidungsfindung fungiert ein als „organisches Verfahren" bezeichnetes internes Kommunikationssystem. Dabei schicken die verschiedenen Komitees Informationsmaterial in schriftlicher Form an die Syndikate. Umgekehrt erhalten die Komitees schriftliche Mitteilungen von den Syndikaten und anderen Komitees: Wenn eine ausreichende Menge solcher Dokumente vorliegt oder wenn ein wichtiges Thema auf der nächsten Sitzung zur Diskussion ansteht, verschicken die Komitees solche Dokumentensammlungen mit einem Inhaltsverzeichnis und Anmerkungen. Die Tagesordungspunkte jedes Treffens und die Begründungen für jede Entscheidung werden durch dieses interne System übermittelt. Doch häufig lesen die Syndikate diese Dokumente nicht: Sie kommen „mit einem Beschluss" auf die Plenarsitzung, oder ihnen wird ein „Vertrauensvotum" eingeräumt, das den Delegierten erlaubt, an Ort und Stelle zu entscheiden, wie sie abstimmen.
Auf den Regional- und Nationalversammlungen erhalten die Syndi-kate ein ihrer Größe entsprechendes Stimmrecht:


Mitglieder Stimmen
5-50 1
51 -100 2
101-300 3
301-600 4
601 – 1000 5
1001-1500 6
1501-2500 7
mehr als 2500 8



DAS STIMMRECHT DER CNT-SYNDIKATE AUFVOLLVER-SAMMLUNGEN

Diese Struktur kann zu Verzerrungen fuhren. Z.B. können vier Syndikate mit jeweils fünf Mitgliedern - also insgesamt 20 Personen - , denen folglich 4 Stimmen auf dem Plenum zustehen, ein Syndikat mit 299 Mitgliedern (3 Stimmen) überstimmen. Dieses System begünstigt die kleineren Syndikate zum Nachteil der größeren. Trotzdem halten die CNT-Mitglieder diese Regelung für gerecht und können sich keine bessere vorstellen. Reformvorschläge sind immer wieder abgelehnt worden, wohl in erster Linie deshalb, weil die kleineren Syndikate einen Einflussverlust befürchten. Es sei hinzugefügt, dass die meisten CNT-Syndikate „Vereinigungen aller Berufe" mit weniger als 50 Mitg-liedern sind.
Die Hauptbranchen, die Syndikate, Lokalföderationen, Regionalkonföderationen und die Nationalkonföderation werden von gewählten Mandatsträgern organisiert. Die Branchen und Syndikate benötigen im Allgemeinen einen Delegierten und manchmal einen Kassenwart. Die Lokalföderationen - die ge wöhnlich nur aus einer „Vereinigung aller Berufe" bestehen - werden von Mandatsträgern geführt, deren Zahl je nach Größe der Syndikate und Vorhandensein entsprechender Leute variiert: Das können Generalsekretäre, Organisationssekretäre, Kassenwarte und weitere Verantwortliche für Presse und Propaganda, Rechtsfragen, gewerkschaftliche und soziale Aktivitäten sein. Diese Struktur ist flexibel: Nur die Syndikate selbst können neue Mandatsträger ernennen. Manchmal vereinigt eine Person mehrere Ämter auf sich, manchmal bleibt ein Posten unbesetzt. Alle Stellen sind ehrenamtlich. Im Unterschied zu den meisten anderen Organisationen tendiert die CNT dazu, eine eher geringe Motivation zur Übernahme von Ämtern auszubilden. Dennoch beinhalten offizielle Posten Macht und Ansehen und können deshalb intern umkämpft sein. Wie in allen Gruppierungen gibt es auch in der CNT Macht- und Konkurrenzkämpfe um die Durchsetzung einer bestimmten Sicht der Welt und der Organisation. Das Gerangel um offizielle Posten, besonders auf regionaler und nationaler Ebene, ist ein Beispiel für derartige Kämpfe. Aktivisten etwa beurteilen ein bestimmtes Komitee nach seiner Eignung, eine bestimmte weltan-schauliche Position durchzusetzen. Genauer gesagt, ist die CNT derzeit in zwei Tendenzen gespalten, von denen die eine, die ich „anarchis-tisch" nennen möchte, auf die politische Rolle der CNT insistiert, wäh-rend für die andere, die ich als „syndikalistisch" bezeichne, ihre Rolle in der Arbeitswelt im Vordergrund steht. (Ich vermute, dass es diese beiden Tendenzen schon immer in der CNT gegeben hat.) Nahezu alle CNT-Syndikate scheinen sich einer dieser beiden Tendenzen zuzuord-nen. Ihre Zugehörigkeit lässt sich an den Entscheidungen ablesen, die sie fällen, sowie daran, wo sich die Delegierten während der Treffen aufhalten.
Das vorrangige Ziel der „anarchistischen" Tendenz besteht in der Reinhaltung der CNT. Für sie geht die Hauptgefahr für die Organisati-on vom Reformismus aus, verkörpert durch die andere Tendenz, der sie die Absicht unterstellen, CNT und CGT wiedervereinigen und dadurch die Integration der CNT in die bestehende Gesellschaftsordnung betreiben und den Verlust ihrer revolutionären Identität herbeiführen zu wollen. Ein Aktivist nahm Anstoß an der Veröffentlichung einiger unbedeutender, die Vereinigung befürwortender Artikel in „cnt" (monatlich erscheinendes CNT-Organ). Er kommentierte: Diese Vorschläge scheinen aus der CGT zu kommen, seien aber, wie die Artikel zeigten, bei einigen CNT-Mitgliedern auf eine gewisse Resonanz gestoßen. Diese dreiste CGT-Kampagne in cnt müsse von allen CNT-Syndikaten zurückgewiesen werden: ein Beschluss auf Ebene der Gesamtorganisation solle diese Haltung bekräftigen.
Anscheinend glauben solche Schreiber an eine Verschwörung zwi-schen der CGT und Teilen der CNT zur Vereinigung beider Organisationen, um die CNT zur Teilnahme an Gewerkschaftswahlen zu bewegen und so um ihren radikal gesellschaftsverändernden Charakter zu bringen.
Diese Tendenz sieht auf internationaler Ebene ähnliche Machenschaften am Werk, etwa im Vorschlag zur Gründung einer „Parallelinternationale", die mit der IAA um die internationale Vertretung des Anarchosyndikalismus konkurrieren soll.
Einige fälschlicherweise als anarchosyndikalistisch bezeichnete Organisationen würden sich den wahren Anarchosyndikalisten gegenüber als Pseudoradikale aufspielen. Sie beabsichtigten, der IAA gegenüber eine Strategie der Schikanen zu verfolgen. Zu diesem zusammengewürfelten Haufen von Organisationen mit internationalen Ansprüchen gehörten die schwedische SAC, die in Paris ansässige sogenannte CNT-Vignoles und die spanische CGT. Dies seien die wesentlichen Urheber dieser grässlichen Verwechslung: Sie verträten wenige Arbeiter und überhaupt keine Libertären.
Für solche Schreiber liegt der Hauptgrund für den Misserfolg der CNT in der Abspaltung der CGT, von der sich die Organisation nie erholt hätte. Diese Abspaltung sei, so meinen sie, von der Kommunistischen Partei und anderen marxistischen und etatistischen Gruppen geplant und durchgeführt worden. Ein Kennzeichen dieser Tendenz ist ihre aggressive Weigerung, an irgendwelchen gemeinsamen Aktivitäten mit anderen Organisationen teilzunehmen. So einer ihrer Anhänger:
Wir könnten die CNT in Verbindung mit hunderten und tausenden von Kürzeln sehen - und haben dies zum Teil auch -, wie PP, PRT, IU, SOC, BNG, CUT, CGT, Studentenunion, Alternative Aktion, LAB usw. ... Trotzkistenführer, Marxisten, wiedergeborene Fossile, geldgierige Grüne ... Leute, die gewohnt sind, von Gewerkschaftsgeldern zu leben, die ihre angehäuften Stunden benutzen, um die Führung einer Sektion an sich zu reißen.

Gegen diese Tendenz steht die andere Strömung, die wir „syndikalistisch" genannt haben. Ihre Anhänger gehen davon aus, dass es eigene Fehler waren, die die CNT in ihre momentane Randposition innerhalb der Arbeiterschaft geführt haben. Sie argumentieren, dass die entscheidende Schwäche der CNT in ihrer Unfähigkeit liege, als Gewerkschaft aufzutreten. Die CNT sollte sich vorrangig um Gewerkschaftsangelegenheiten kümmern und andere Themen kompetenteren Organisationen überlassen. Der Anarchosyndikalismus müsse für das 21. Jahrhundert neu definiert werden. Um Arbeitskämpfe zu gewinnen, seien vielleicht vorübergehende Bündnisse mit anderen Organisationen erforderlich. Ein Unterscheidungsmerkmal der beiden Tendenzen ist der Führertypus, den sie bevorzugen.
Innerhalb der „anarchistischen" Tendenz dominiert der „charismatische" Führer, während die syndikalistischen Gewerkschaften eher zum „bürokratischen" Führer tendieren. Charismatische Führer haben eine starke Persönlichkeit, und sie verstehen es, mit Teuten umzugehen, aber ihr besonderes Kennzeichen ist die Fähigkeit, erfolgreich zwischen den Mitgliedern einer Organisation und den Überzeugungen, die diese Organisation zusammenhalten, zu vermitteln. Ein charismatischer Führer ist jemand, der eine Vision von der zukünftigen Gesellschaft hat und es versteht, den Aktivisten diese Vision mitzuteilen, mit anderen Worten: ein „Prophet".
Der bürokratische Führer ist ein „Organisationsmensch", jemand, der ersetzt werden kann, weil es die Organisation selbst ist, die zwi-schen der Gemeinschaft der Gläubigen und dem Heiligen vermittelt (Talego 1996). Seine Macht rührt von der Fähigkeit zu organisieren und zu verwalten her. Er ist eher „Priester" als „Prophet". Natürlich sind beide Beschreibungen Weber -sehe Idealtypen: Keiner von beiden existiert im Reinzustand. Sie sind Extreme, zwischen denen es ein Kontinuum von Übergangsformen gibt. Ein einzelner Führer kann Eigenschaften beider Typen besitzen, und manchmal findet man sogar den „gemischten Führertyp", der wahrscheinlich am effektivsten ist. Dennoch besteht eine größere Wahrscheinlichkeit, den eher „charismatischen" Führer unter den „Anarchisten" und den eher „administrativen" Führer unter den „Syndikalisten" zu finden. Es sollte auch erwähnt werden, dass nicht alle Syndikate Führer haben, auch wenn es in jedem Syndikat Leute mit einem gewissen Maß an Macht und Einfluss gibt, egal, ob dieses auf Erfahrung, Wissen, Persönlichkeit, Redetalent, soziale Beziehungen, Engagement o.a. beruht. Faktisch ist eine gut organisierte Führung der Schlüssel zu einer erfolgreichen Gewerkschaft.
Mit anderen Worten, es gibt eine gewisse Art von Machtstruktur innerhalb des Anarchosyndikalismus. Doch richtig eingesetzt, ist diese Macht weder antidemokratisch noch schädlich. Ganz im Gegenteil, sie kann positive Auswirkungen auf die Organisation haben. Antidemokratische Effekte von Seiten der Führung ergeben sich nur aus dem Fehlen organisationsinterner Kontrollmechanismen: ein Punkt, auf den wir zurückkommen werden.

Der Kampf der beiden Tendenzen ist auf allen Ebenen der CNT anzutreffen, und er äußert sich bisweilen in dramatischen Zusammenstößen. Beide Tendenzen stellen ihre Positionen als treue Interpretationen der heiligen Texte (Statuten und Kongressbeschlüsse) dar, beide versuchen, offizielle Posten zu besetzen, beide beäugen sich argwöhnisch, stellen Beschlüsse in Frage, klagen an (in der Öffentlichkeit und im Privaten), beschimpfen, verunglimpfen einander... und beschwören damit Konflikte herauf, die manchmal die gesamte Organisation lahm legen. Viele aktive Mitglieder ziehen sich frustriert zurück. Das Schlimmste daran ist, dass sich beide Tendenzen einer Illusion hingeben, wie an der CNT in Andalusien gezeigt werden kann.

DIE CNT ANDALUSIEN HEUTE


Vor dem Bürgerkrieg 1936-39 hatte die CNT ihren größten Rückhalt in Katalonien und Andalusien. Handelte es sich bei Katalonien um eine hochindustrialisierte Region mit einer modernen, qualifizierten Arbeiterklasse, war Andalusien ein vorwiegend von Landarbeitern und Bauern bewohntes Agrargebiet. Noch heute ist der Grad der Verankerung der CNT ein Spiegelbild der Vergangenheit. Die Regionen mit der größten Dichte an CNT-Syndikaten sind Katalonien und Andalusien. Die Regionen mit der größten Zahl an CNT-Mitgliedern sind die Mitte (Madrid und Umland), der Norden (Baskenland), Andalusien und Katalonien (einschließlich der Balearen), mit anderen Worten, die bevölkerungsreichsten Gebiete.
In Andalusien gibt es an folgenden Orten CNT-Syndikate: Adra, Almeria, Arahal, Cádiz, Córdoba, El Puerto de Santa María, Fernán Nunez, Granada, Huel-va, Jaén, Jerez de la Frontera, La Linea de la Concepción, La Puebla del Rio, Lebrija, Malaga, Motril, Pedrera, Puerto Real, Sevilla, Ubeda, Velez de Benau-della und Villacarrillo. Einzelmitglieder und nicht aktive Syndikate befinden sich in Algeciras, Sanlücar, Torreperogil, Lora del Rio, Arcos de la Frontera, Dos Hermanas, Linares, Porcuna und Castro del Rio.
Trotz der Wichtigkeit eigener Räume gibt es an vielen Orten keine. In Cördoba, Sevilla, Pedrera, Arahal und Puerto Real hat die CNT Büros. An einigen Orten, wie Sevilla und Pedrera, sind die Räumlichkeiten mit Geldern des CNT-Nationalkomitees aus den Mitteln des „Historischen-Erbe"-Fonds gekauft
worden. Die Syndikate müssen das Geld, das als zinsloses Darlehen vergeben wurde, an die CNT zurückzahlen, damit es anderen Syndikaten zur Verfügung steht. Leider wird die Rückzahlung oft hinausgezögert und einige Syndikate zahlen schlichtweg gar nicht.
Die CNT-Gruppen in Lebrija, Fernän Nunez, El Puerto und La Linea nutzen Räumlichkeiten, die aus dem „Historischen-Erbe"-Programm stammen. In manchen Fällen handelt es sich um Büros, die in den späten 1970er Jahren an die CNT zurückgegeben wurden. In anderen Fällen sind die Gebäude immer noch Streitobjekt und wurden besetzt, um sie als ordentliche Gewerkschaftsbüros nutzen zu können und um Druck auf die Regierung auszuüben. In Adra, Jerez, Granada und Almeria teilt sich die CNT Räume aus dem „Gemeinsamen Ge-werkschaftserbe". Es handelt sich um Gebäude, die während des Bür-gerkriegs beschlagnahmt wurden und deren Besitzer nicht mehr zu ermitteln sind. Sie stehen deshalb Gewerkschaften und anderen Arbeiterorganisationen zur Verfügung und werden gemeinsam genutzt.
In Cädiz und Malaga hat die CNT Räume angemietet. In beiden Städten haben die Syndikate Schwierigkeiten mit der Mietzahlung und deshalb kürzlich das Nationalkomitee um finanzielle Unterstützung gebeten. In Motril, Huelva, Ja-en, La Puebla, Algeciras, Lora, Linares, Porcuna, Sanlücar, Ubeda, Velez, Castro und Torreperogil verfügt die CNT über keine Räume. Neben CNT-Gruppen und Syndikaten gibt es in Andalusien auch eine große Zahl von anarchistischen Gruppen, die zumeist aus jungen Leuten bestehen, sowie eine Anzahl besetzter Häuser, die als soziale Zentren fungieren: Sie stehen üblicherweise mit der CNT in Kontakt. Es ist schwierig, den Überblick zu behalten über diese oft kurzlebigen Gruppen. Zum Beispiel existierten im Jahr 2000 FIJL-Gruppen (Federaciön Iberica de Juventudes Libertarias, Föderation der iberischen libertären Jugend) in El Puerto de Santa Maria, Puerto Real, Huelva, Granada und Malaga. Sie sind seither verschwunden. Es gibt weitere Jugend- und Studentengruppen in Cädiz (die Leviathan-Gruppe), in San Fernando, Jerez, Granada (La Yesca), Sevilla usw. Ein solcher Aktivismus kann auch kulturell ausgerichtet sein. Es bestehen libertäre Kulturzentren in Granada, Jerez, Sevilla, plus weitere Zentren in besetzten Häusern in Granada, Malaga und zwei in Sevilla. Diese ziehen Leute aus einem breiten Spektrum von Gruppen an, von andalusischen Nationalisten bis hin zu Anarchisten, die mehr oder weniger eng mit der CNT kooperieren. Außerdem gibt es einen Buchladen in Sevilla und Pläne für eine selbstverwaltete Bücherei in Granada. Zu guter Letzt eine Menge kleiner Stände, die Fanzines, Bücher und Musik, vor allem Punk, verkaufen: Manche von ihnen vertreiben auch anarchistisches Material in kleinen, geschlossenen, gegenkulturellen Kanälen. Die Beziehungen der CNT zu diesen Netzwerken sind sehr unterschiedlich. Eine Zeitlang waren sie zur FIJL und den Kulturzent-ren sehr eng. Man könnte sagen, dass sich diese Gruppen auf die CNT zu bewegen, dass sie alle in ihren Einflussbereich geraten und dass die CNT viele neue Mitglieder aus diesen Netzwerken rekrutiert. Doch mit einigen von ihnen sind die Beziehungen eher gespannt, und es hat auch Auseinandersetzungen gegeben. In den letzten Jahren ist die Distanz größer geworden, bedingt durch das Aufkommen neuer Strömungen im Anarchismus wie Insurrektionalismus, Situationismus, Primitivismus usw. Diese sind vor allem unter jungen Leuten beliebt, denen es mehr um die Identifikation mit einem gewissen marginalen Lebensstil als um den Aufbau einer lebensfähigen gesell-schaftspolitischen Bewegung geht. Trotz der Präsenz der CNT in vielen größeren oder kleineren Städten zieht sie nur eine geringe Zahl von Aktivisten an. Aus offensichtlichen strategischen Gründen veröffentlichen die meisten spanischen Parteien und Gewerkschaften keine Mitgliederzahlen. Man kann jedoch anhand der auf dem CNT-Nationalplenum angegebenen Zahlen eine ungefähre Schätzung vornehmen: demnach hat die CNT in Andalusien weniger aus tausend Mitglieder. In den meisten Provinzstädten gibt es nur eine „Vereinigung aller Berufe" mit fünf bis zwanzig Mitgliedern. Die CNT-Syndikate in Pedrera, Puerto Real, Cordoba und Adra sind größer, aber nur in Granada und Sevilla war die CNT in der Lage, eine Lokalföderation aus mehreren verschiedenen Syndikaten und mit mehr als hundert Mitgliedern zu gründen.
In Granada gab es drei CNT-Syndikate: „Vereinigung aller Berufe", Öffentlicher Dienst und Bildungswesen. In Sevilla gab es nur eine „Vereinigung aller Berufe", die zugleich als Lokalföderation fungierte. Bis vor kurzem bewarb sie sich nur um wenige Posten im Regionalko-mitee, da ihr die ständigen Kosten der Gewerkschaftsarbeit mehr Kopfzerbrechen bereiteten als ihre Abstimmungsmacht. Doch der Kampf zwischen den CNT-Tendenzen begann das Interesse der Föderation von Sevilla zu wecken und sie versuchte, mehr zahlende Mitglieder zu gewinnen, um ihr Stimmengewicht zu vergrößern. Kürzlich vereinbarte die Lokalföderation eine Expansionsstrategie mit dem Ziel, neue Branchensyndikate, deren Zusammensetzung noch unbestimmt ist, in Bereichen wie Verkehrswesen, Reinigungsbranche, Öffentlicher Dienst, Bildung usw. zu gründen. Dieser Gründungsprozess neuer Branchen verlief langsamer als erwartet: Obwohl schnell neue Mitglieder beitraten, entschied die Lokalföderation, ihnen Zeit zu geben, um die Prinzipien und Praktiken der CNT besser kennenzulernen.
Das Regionalkomitee wurde auf einem Regionalplenum gewählt, gemäß dem oben genannten Stimmschlüssel. Es hat momentan seinen Sitz in Granada. Die Wahl war Anlass zu einem Kräftemessen zwischen der „anarchistischen" und der „syndikalistischen" Tendenz. Nach Aussage einiger „Syndikalisten" spielte die FAI (Federaciön Anarquista Iberica) dabei eine bedeutende Rolle. Über die FAI zu diskutieren, ist ein heikles Thema, weil sie eine Geheimorganisation ist. Es ist nicht genau bekannt, wer dazugehört: Nur einer oder zwei CNTler in Andalusien bekennen sich offen zu ihrer Mitgliedschaft. Doch inoffiziell wird in der CNT natürlich darüber gesprochen: Gerüchte kursieren. Den meisten der engagiertesten Vertretern der „anarchistischen" Linie wird unterstellt, der FAI anzugehören. Andererseits wird jedoch behauptet, die FAI habe kürzlich die kompromisslosesten Anhänger der „anarchistischen" Tendenz ausgeschlossen, möglicherweise ein Anzeichen dafür, dass die Verdächtigungen der „Syndikalisten" falsch sind und die FAI einen gemäßigteren Kurs einschlägt.
Der springende Punkt bei der Sache ist, dass die meisten „Syndikalisten" gegen die Grundsätze und Ziele der FAI gar nichts einzuwenden haben: Sie teilen sie sogar und erkennen das Bedürfnis nach Geheimhaltung an. Allerdings nehmen die „Syndikalisten" einen gewissen ideologischen Druck wahr. Zum Beispiel entspann sich auf der Heimfahrt von einem Regionalplenum zwischen Mitgliedern verschiedener Syndikate der „syndikalistischen" Tendenz folgendes Gespräch über Beschlüsse der „anarchistischen" Tendenz (alle Namen sind geändert):
Manola: Habt Ihr bemerkt, dass das Syndikat aus Cädiz, die Lehrer aus Granada, die „Vereinigungen aller Berufe" aus Granada, Motril und La Puebla zu jedem Punkt der Tagesordnung exakt das Gleiche gesagt haben. Ramön: Großer Gott! Das stimmt. Sie müssen vor der Sitzung darüber diskutiert haben, um zu einer gemeinsamen Position zu gelangen. Eustaques: Diese FAI-Typen sind einfach unglaublich! Ich hätte nie gedacht, dass sie so weit gehen würden!
In Zeiten interner Konflikte und persönlicher Konkurrenzkämpfe um CNT-Amter wird sehr leicht erkennbar, wer zu welcher Fraktion gehört. Einige Syndikate sind anfangs unschlüssig, schlagen sich aber am Ende auf die eine oder andere Seite. Die Delegierten haben dabei eine entscheidende Macht als Vermittler: Die gleiche Rolle spielen einige prominente CNTler, denen nachgesagt wird, FAI-Mitglieder zu sein, und die in der „syndikalistischen" Fraktion Ansehen und Respekt genießen.
Diese Polarisierung ist das Resultat einer Spannung, die aus einem Anpassungsbedürfnis entsteht. Organisationen sind Systeme in einem spezifischen Umfeld: Sie müssen sich diesem Umfeld anpassen, um zu überleben. Dieses Anpassungsbedürfnis führt Organisationen in Krisen, in denen ihre Mitglieder Lösungen anbieten. Beide Tendenzen tun das. Leider sind nicht alle Lösungen gleichermaßen praktikabel: Einige sind objektiv besser geeignet als andere, diese Anpassungsleistung zu vollbringen und folglich die Organisationsziele zu fördern. Andere Lösungen machen alles nur noch schlimmer. Glücklicherweise ist die ideologische Polarisierung in der CNT nicht annähernd so ernst wie es scheint. Sie ist nicht wirklich das Produkt verschiedener Ideologien, sondern eher das Resultat persönlicher Macht- und Konkurrenzkämpfe. Es ist die große Angst der „Anarchisten", dass sich die CNT dem offiziellen System der anderen Gewerkschaften anschließt und so zu einem Werkzeug der bestehenden Gesellschaftsordnung wird, während die „Syndikalisten" in erster Linie darauf drängen, dass sich die Organisation den wahren Problemen der Arbeitenden zuwendet, doch haben sie zu keinem Zeitpunkt vorgeschlagen, zu den offiziellen Betriebsratswahlen anzutreten. Die andere große Angst der „Anarchisten" ist, dass die „Syndikalisten", denen sie Kontakte zur CGT unterstellen, eine Wie-dervereinigung beider Organisationen anstreben. Das Beispiel der CNT Andalusien legt nahe, dass diese Angst absolut unbegründet ist.
Weder die Führer noch die einfachen Mitglieder der „syndikalisti-schen" Gewerkschaften stehen mit CGT-Führera in Kontakt, in den meisten Fällen wissen sie nicht einmal, wer diese sind. Hinter der scheinbaren Polarisierung der CNT steht ein echter politischer Konsens, den viele nicht wahrhaben wollen. Die Riesen sind in Wirklichkeit Windmühlen. Es gibt keine Verschwörungen. Die Krise ist nur ein Machtproblem und eine Anpassungskrise.

DIE ANPASSUNGSKRISE: ORGANISATIONEN ALS SYSTEME

Die Allgemeine Systemtheorie ist ein äußerst hilfreiches Instrument zur Untersuchung von Organisationen. Sie beinhaltet, Organisationen als Gesamtheit miteinander verbundener Elemente zu betrachten, die ein Ganzes bilden. In den Sozialwissenschaften ist die Systemtheorie hauptsächlich auf den Wirtschaftssektor und die öffentliche Verwaltung angewandt, aber selten dazu benutzt worden, Alternativbewegungen zu analysieren. Ausgehend von den Erkenntnissen Bacharachs und Lawlers (1980) zum Problem der Macht denke ich, dass die wesentliche Herausforderung sowohl der alten wie der neuen sozialen Bewegungen darin besteht, die Einsichten der Systemtheorie in radikale Politik umzusetzen.
Die CNT kann als ein System verstanden werden, das durch die Gesamtheit der Relationen zwischen seinen einzelnen Komponenten (Aktivisten, Mitglieder, Gruppen, Komitees usw.) gebildet wird. Seine Umwelt ist die spanische Gesellschaft, die ihrerseits Teil einer globalen kapitalistischen Umwelt ist. Jedes System existiert in einer Umwelt, zu der es durch Materie, Energie und Information Kontakt hält. Das Überleben jedes Systems hängt davon ab, wie erfolgreich es mit seiner Umwelt kommuniziert. Eine Pflanze etwa nimmt Licht, Wasser, Nahrung, Sauerstoff, Kohlendioxid usw. auf. Man könnte die Auffassung vertreten, dass sich die CNT die Umgestaltung, ja Revolutionierung ihrer Umwelt vornehme und ihr Überleben deshalb von der Anpassung der Umwelt an ihre Forderungen abhängig mache. Das wäre aber völlig falsch. Laut Panebianco (1990) muss jede Organisation ein Gleichgewicht zwischen der Anpassung an ihre Umwelt und deren Beherrschung anstreben: wenn nicht, wird sie ihre Ziele nie erreichen.
In der Kommunikation zwischen System und Umwelt gibt es vier entscheidende Faktoren, nämlich: die Komplexität des Systems, die Unsicherheit der Umwelt, die Anpassungsfähigkeit des Systems und die Sensitivität der Umwelt (Wagensberg 1985). Ein System ist komplex, wenn es auf mehrere verschiedene Formen zugreifen kann, d.h., wenn es mehrere verschiedene Möglichkeiten besitzt, auf Umweltveränderungen mit Anpassungsprozessen zu reagieren. Allerdings sind Anpassung und Anpassungsvermögen zwei gänzlich verschiedene Dinge. Je besser nämlich ein System an eine bestimmte Umwelt angepasst ist, umso weniger ist es in der Lage, auf Veränderungen zu reagieren. Die „Unsicherheit" der Umwelt bezieht sich auf die Anzahl von Formen, die sich innerhalb einer bestimmten Umwelt herausbilden können. Je größer die Unsicherheit, umso schwieriger ist es für ein System, sich Veränderungen anzupassen und eine stabile Gleichgewichtsposition zu erreichen, d.h. zu überleben. Der nächste Faktor, die Fähigkeit des Systems zur Antizipation, kann auch als seine Fähigkeit verstanden werden, Umweltveränderungen schnellstmöglich zu erkennen, um eine neue, flexiblere Form anzunehmen. Je erfolgreicher die Antizipationsfähigkeit, umso größer die Wahrscheinlichkeit, dass das System Veränderungen in der Außenwelt überlebt. Schließlich ist die Umwelt auch sensitiv, d.h. sie kann mit Formenwandel auf Einwirkungen von Seiten des Systems reagieren.
Wenn sich einer dieser vier Faktoren ändert, müssen die drei anderen neu ausgerichtet werden. Die Anpassung dieser Faktoren ist die Grundlage der Unabhängigkeit, der Schlüssel zur Evolution. Laut Wagensberg (2000) versuchen Systeme auf drei Arten, ihre Unabhängigkeit zu bewahren:
Passive Unabhängigkeit, wenn das System seine Fähigkeit verliert, mit der Außenwelt zu kommunizieren;
Aktive Unabhängigkeit, wenn das System mit der Umwelt kommuniziert, um eine stabile, aber unausgewogene Form zu erreichen. Wenn die Umwelt unsicher wird, versucht das System, seine Unabhängigkeit durch Zunahme seiner Antizipationsfähigkeit oder durch Beeinflussung und Veränderung der Umwelt zu erhalten.
Kreative Unabhängigkeit: Komplexitätszunahme des Systems ange-sichts von Unsicherheit in der Umwelt. Das ist Evolution.
Das System muss sich anpassen. Geschieht das nicht, gerät das Sys-tem in die Krise und steht vor der Alternative, zu verschwinden oder sich neu zu strukturieren.
Die Übertragung dieser Ideen auf die CNT ermöglicht uns, ein bes-seres Verständnis ihrer Lage im aktuellen gesellschaftlichen Kontext zu erhalten, als wenn wir uns auf äußere Umstände wie Massenkommunikationsmittel, Spaltungen, Konsumgesellschaft, Verlust von Arbeiten-echten und dergleichen fixieren würden. Diese Situation ist - zumindest teilweise - internen Entwicklungen geschuldet, die die CNT kontrollieren kann, wenn sie nur einsieht, dass sie in eine Krise geraten und zu einer marginalen Gewerkschaftsorganisation geworden ist.

IN ANBETRACHT EINER UNSICHEREN UMWELT


Die zentrale These dieser Abhandlung lautet, dass die CNT sich in einer spezifischen Umwelt - Spanien im frühen 20. Jahrhundert - herausbildete und dass die Organisation nicht in der Lage gewesen ist, die nachfolgenden radikalen Veränderungen in dieser Umwelt auf schlüssige Weise zu analysieren. Sie ist deshalb auch unfähig gewesen, sich anzupassen. Sie hat nicht erfolgreich mit ihrer Umwelt kommuniziert und deshalb ihr Ziel verfehlt, dieser Umwelt eine radikal neue Ausrichtung zu geben. Ihr fehlen die notwendigen politischen Begriffe, um zu erkennen, was in ihrer Umgebung vor sich geht. Begriffe sind hier wie Brillengläser: sind sie schlecht eingestellt, sind wir außerstande, Veränderungen wahrzunehmen und de-mentsprechend zu handeln. Industriegesellschaften haben zwei wesentliche Arten von Veränderungen durchgemacht. In politischer Hinsicht haben wir erlebt, was Isidoro Moreno (2002) den „Einsturz der Stützpfeiler der Moderne" nennt. Der erste dieser Pfeiler ist der Glaube, dass Wissenschaft und technischer Fortschritt ein unbegrenztes Wirtschaftswachstum hervorbringen werden. Die Tatsache, dass dieses Entwicklungsmodell an seine Umweltgrenzen stößt, zeigt, dass dieser Aufklärungsmythos obsolet geworden ist. Der zweite eingestürzte Pfeiler ist das Vertrauen auf den Vormarsch der Vernunft, verstanden als zunehmender Bedeutungsverlust der Reli-gionen und theologischer Erklärungsmuster. Das Ü-berleben der tradi-tionellen Religionen, das Entstehen neuer religiöser Bewegungen und die Entwicklung nichtreligiöser Auffassungen des Heiligen entlarven diese Vorstellung als modernistische Illusion. Der dritte Pfeiler ist die Idee einer zunehmenden kulturellen Angleichung. Zwar sorgt die heutige Globalisierung tatsächlich für eine weltweite Durchsetzung der Konsumgesellschaft, doch wird sie durch die Selbstbehauptung lokaler Eigenheiten und Identitäten nachdrücklich in Frage gestellt. Der vierte und letzte Pfeiler ist der Glaube an einen einzigen Motor des gesellschaftlichen Wandels: für Liberale das Indivi duum, für Marxisten die Klasse bzw. der Klassenkampf. Heute ist anerkannt, dass der soziale Wandel zahlreiche Urheber hat: Individuen, ethnische Gruppen, Geschlechterverhältnisse, religiöse Minderheiten, Arbeiter - häufig in kleine Gruppen aufgesplittert -, Angestellte usw. Mit anderen Worten, Individuen und Kollektive, Arbeiter und Nichtarbeiter. Dieser Einsturz der tragenden Säulen der Moderne hat auch die Gültigkeit moderner politischer Programme in Frage gestellt, besonders die des Liberalismus und des Sozialismus, die ihre Ideen überdenken müssen.
Die für Gewerkschaften ausschlaggebenden Veränderungen sind natürlich diejenigen, die sich in der Produktionssphäre vollziehen. Laut Richard Sennett (1998) erleben wir gerade den Anfang eines „neuen Kapitalismus", der sich durch einen radikalen Wandel der Machtausübung im Wirtschaftssystem auszeichnet. Die Stabilität und Gleichförmigkeit fordistischer Arbeitsbeziehungen weicht einem durch Flexibilität charakterisierten Postfordismus. Der neue Machttyp unterscheidet sich vom alten in drei Punkten: einer regellosen Neubildung von Institutionen, einer flexiblen Spezialisierung der Produktion und einer Machtkonzentration ohne Zentralisierung. Diesbezüglich vertritt Sennett die Ansicht, dass unwiderrufliche Veränderungen der Unternehmensstruktur stattfinden, dass die Produktion auf die beschleunigte Herstellung einer größeren Palette von Produkten und Dienstleistungen mit Schwerpunkt auf Innovation und technische Spezialisierung ausgerichtet wird und dass die Entwicklung und Ausbreitung neuer Informationstechnologien neue, effizientere Formen der Überwachung ermöglichen, mit anderen Worten, das, was Foucault sozialen Panoptismus nannte.
Sennett zeigt, dass solche Veränderungen in der Produktionssphäre schlimme Auswirkungen auf die Persönlichkeit und die Identität der Arbeiter haben (Bezos 2005). Gewerkschaften müssen deshalb neue Antworten finden, um solchen neuen Herausforderungen zu begegnen. Ein erster Schritt in diese Richtung wäre, Zeit und Mühe auf die Analyse dieser Veränderungen zu verwenden. So können wir zu einer kritischen Einschätzung der Lage gelangen und den Gleichgewichtspunkt zwischen Innovation und Tradition finden.

SCHWACHEN, RISIKEN, STARKEN UND CHANCEN


Eine SWOT-Analyse kann helfen, die Situation der CNT zu verstehen.
Hierzu würde sich eine partizipatorische Untersuchungsmethode wie PIA(Participatory Investigation-Action) anbieten, bei der die Aktivisten selbst dieSWOT-Bewertung kollektiv diskutieren und ergänzen. Anstelle einer solchen Komplettrecherche hier einige Gedanken, die möglicherweise von Nutzen sein können:

Schwächen

Fehlen theoretischer Reflexion
Selbstausschluss von den offiziellen gewerkschaftlichen Vertretungsstrukturen
Bürokratismus
ineffektive Außendarstellung

Risiken

abnehmender Stellenwert der Arbeit für die Identitätsbildung
individuelles Aushandeln von Arbeitsvertragen
Bedeutung des Finanzkapitals
Repression

Stärken

autonome Institutionen
flexible gesellschaftspolitische Ansätze
partizipatorische Organisationsstruktur
hoher Beteiligungsgrad der sozialen Basis und der Mitgliedschaft

Chancen

Wandel im Produktionsprozess
neue Technologien
Krise der repräsentativen Demokratie
Förderung kritischen Denkens

Im Abschnitt „Schwächen" habe ich solche Punkte aufgelistet, die die CNT an der Verwirklichung ihrer Ziele hindern. Und davon gibt es etliche! Der erste ist das Fehlen theoretischer Reflexion. Die Art von Analyse, die die CNT vor nimmt, hat sich seit ihren Anfangszeiten kaum verändert: Sie greift immer noch auf dieselben Begriffe und theoretischen Ansätze zurück. Hingegen hat sich die Gesellschaft extrem gewandelt. Die Kluft zwischen Analyseinstrumentarium und gesellschaftlicher Realität ist der Grund für die gravierende Unfähigkeit, Umweltveränderungen zu erkennen und entsprechende Anpassungen vorzunehmen. Ein deutlicher Beleg dafür sind die CNT-Publikationen, die sich mehr-heitlich mit der Geschichte der Arbeiterbewegung beschäftigen, aber kaum jemals Analysen zu Gegenwartsthemen bieten. Sie beziehen sich weiter auf Bakunin, Kropotkin und Malatesta, als ob deren Gedankengut zeitlos wäre und nicht das Produkt spezifischer historischer und kultureller Bedingungen.
Die wesentlichen Erkenntnisgewinne in den Sozialwissenschaften sind vom Anarchosyndikalismus weitgehend ignoriert worden. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, ist der Anarchismus überall an den Rand des wissenschaftlichen Geschehens gedrängt worden und hat dafür einen hohen Preis bezahlt. David Graeber (2004) erklärt diese Marginalisierung aus der Abneigung der Anarchisten gegen autoritäre Institutionen und dem Vorrang der Praxis gegenüber der Theorie in der politischen Kultur des Anarchismus. Doch nur, wer in der Lage ist, plausible Erklärungen der Realität zu liefern, wird auch imstande sein, sie zu verändern. Wenn die CNT nicht über die Instrumente verfügt, die Welt um sie herum zu verstehen, ist sie zum Scheitern verurteilt. Das Beispiel der Machtanalyse im Anarchismus ist aufschlussreich. Als Kind der Moderne stellt der Anarchismus eine spezifische Radikalisierung des Liberalismus dar und geht somit von einer vereinfachenden Sicht der Macht aus, die Foucault,juristisch-diskursiv" nennt: Für den Anarchismus ist Macht einfach Repression. Anarchisten sind der Meinung, dass Macht bloß unterdrückt und hemmt, und vergessen dabei, dass Macht auch kreativ sein, gestalten und belohnen kann. „Reine Schranke der Freiheit - das ist in unserer Gesellschaft die Form, in der sich die Macht akzeptabel macht", bemerkt Foucault (1983: 87). Ein derart einseitiges Verständnis von Macht führt zur Unfähigkeit, ihre Erscheinungsformen zu erkennen und folglich, ihr Widerstand zu leisten. Konkreter gesprochen: Macht ist in der CNT ein Tabuthema. Nach allgemeiner Auffassung gibt es in der Organisation keine Machtstrukturen. Das ist aber völlig abwegig: Alle menschlichen Kollektive gründen sich auf Machtbeziehungen. Mehr noch: Wenn CNT-Syndikate gut funktionieren, liegt das zumeist an der Führung durch bestimmte Aktivisten. So zu argumentieren, heißt nicht, anarchosyndikalistische Prinzipien über Bord zu werfen, sondern nur, anzuerkennen, dass eine gut funktionierende Machtstruktur in höchstem Maße nützlich sein kann, wenn sie kollektiver Kontrolle und den Mechanismen direkter Demokratie unterliegt. Die zweite Schwäche der CNT ist ihr Selbstausschluss von den offiziellen gewerkschaftlichen Vertretungsstrukturen. Wie oben erwähnt, stellt die CNT keine Kandidaten zu den Betriebsratswahlen auf. Die Folge ist ihr Ausschluss aus dem Kreis der etablierten Gewerk-schaften.
Hätte sich die CNT während der „transición" (1975-78) diesen Strukturen voll und ganz angeschlossen, wäre sie heute sicherlich mitgliederstärker und einflussreicher. Andererseits hätte sie dabei womöglich ihre Identität verloren und wäre in die Netze gesellschaftlicher Reproduktion eingebunden worden. Mit anderen Worten: Sie hätte wohl ihren revolutionär gesellschaftsverändernden Charakter verloren.
Die dritte Schwäche der CNT ist ihr überzogener Bürokratismus. Um irgend etwas über eine Kleingruppe in einer ultrademokratischen Struktur hinaus zu organisieren, ist unglaubliche Kraft erforderlich. Zumal, wenn Mandatsträger keine finanzielle Entschädigung erhalten. Um innerhalb der Strukturen direkter Demokratie, durch die regelmäßige Herausgabe „organischer" Mitteilungsblätter, durch Treffen und Versamm-lungen, die sich aufgrund des Informationsmangels der Aktivisten endlos hinziehen können, auch nur die trivialsten Entscheidungen herbeizuführen - ist ein so massives Arbeitspensum vonnöten, dass sich bei den Engagiertesten über kurz oder lang fast zwangsläufig ein Gefühl von Erschöpfung und Ausgebranntsein einstellt.
Die vierte und letzte Schwäche sind die ineffektiven Formen von Werbung -vielleicht eine Konsequenz der erstgenannten Schwäche. Sowohl die Kommunikationsformen - Flyer, Flugblätter, gesprühte Graffitis - als auch ihr Inhalt -Parolen, Vorträge, Botschaften - verfehlen die erwünschte Wirkung auf ihre Empfänger. Vielleicht war das geschriebene Wort früher einmal in der Lage, die Massen zur Revolution aufzustacheln, aber das ist längst nicht mehr der Fall. Wenn wir Arbeitskämpfe bekannt machen, eine klare Botschaft vermitteln wollen, müssen wir uns die suggestiven Techniken der „Gesellschaft des Spektakels" zu eigen machen. Es wäre besser, einige Nachhilfestunden bei der kommerziellen Werbung und dem „social marketing" zu nehmen, und sich vom Schwarz-Rot-Fetischismus und dem Wiederkäuen grobschlächtiger, aggressiver, überholter Propagandasprüche zu verabschieden. Diese Kritik schließt den Inhalt der CNT-Publikationen ein: Sie sprechen normalerweise Themen an, die die meisten Arbeiter nicht interessant finden. Die Flugblätter wandern umgehend in den Müll. Im Allgemeinen machen CNT-Mitglieder den Eindruck, hochmotivierte Aktivisten zu sein, aber sie sprechen nicht dieselbe Sprache wie diejenigen, die sie zu erreichen versuchen, und sie sind - anderslautenden Meinungen zum Trotz - nicht in der Lage, die wahren Interessen derjenigen zu erkennen, für die sie sich angeblich einsetzen. Die Verwechs lung des Anarchosyndikalismus mit Jugendsubkulturen - wie Punk - stößt Arbeiter oft ab.
Ein weiterer Beleg für die mangelhafte „Selbstvermarktung" der CNT ist der Zustand ihrer Räumlichkeiten. Die Zentren der Organisation sind ihre Türen zur Außenwelt und sollten Seriosität und Kompetenz ausstrahlen. Stattdessen sind die Gewerkschaftslokale schmutzig und unaufgeräumt. Ein Arbeiter, der sich in einem Rechtsstreit oder einem Arbeitskampf befindet und ein CNT-Büro aufsucht, wird verzweifelt wieder hinauslaufen, in der festen Überzeugung, dass diese Leute ihm niemals werden helfen können. Das war zum Beispiel mein erster Eindruck der CNT-Räume in El Puerto de Santa Maria, der CNT-Büros in Sevilla bis vor ein paar Jahren und der CNT-Treffen in Granada während meines dortigen Aufenthalts im Zeitraum von 1998-2001 - trotz des redlichen Bemühens eines Aktivisten, den Räumen ein einigermaßen akzeptables Erscheinungsbild zu geben.
Sind diese Schwächen solche des Systems, so betreffen die „Risiken" Umwelteigenschaften, die die CNT in die Krise treiben könnten. Eines der großen Hindernisse gewerkschaftlicher Organisierung ganz allgemein ist der Prestigeverlust von Arbeit als Faktor der Identitätsbildung. Zunehmende gesellschaftliche Komplexität und die daraus folgende Fragmentierung, der Zerfall des Lebens in getrennte Abschnitte, haben zum Niedergang von „Arbeitskulturen" als Schlüsselelemente persönlicher Identität geführt (Palenzuela 1995). Neben älteren Faktoren der Identitätsbildung - Geschlecht, ethnische Zugehörigkeit, Arbeit (und Klasse) - gibt es heutzutage eine Fülle anderer Strukturen: Lebensstile, Religionen, sexuelle Präferenzen, Jugendkulte, sogar Fußballvereine. Ein weiteres Risiko für Gewerkschaften ist die Tendenz zur individuellen Aushandlung von Arbeitsverträgen. Das kommt natürlich den Wünschen vieler Betriebsleiter entgegen. Die Deregulierung und - vor allem - der Wert, der auf Flexibilität gelegt wird, haben die Voraussetzungen für Direktverhandlungen zwischen dem einzelnem Arbeiter und der Betriebsleitung geschaffen. Die kurzfristigen Auswirkungen dieses Trends sind nicht vorhersagbar. Auf Dauer werden sich jedoch die Spaltungen zwischen den Arbeitern verschiedener Kategorien - Stammpersonal und Leiharbeiter, befristet und dauerhaft Beschäftigte - nur vertie-fen können. Die Einheit der Arbeiterschaft war einst die große Stärke der Gewerkschaften: Heute ist diese Einheit ernsthaft bedroht. Die Bedeutungszunahme des Finanzkapitals gegenüber dem Produktivkapital ist ebenfalls problematisch. Ökonomen schätzen, dass mehr als die Hälfte aller Kapitalanlagen in der Welt in Strukturen des Finanzsektors getätigt werden: aus Investitionsmitteln, die kein direkter Bestandteil des Produktionsprozesses sind. Die mächtigste Waffe der Arbeiterbewe-gung überhaupt war einmal der Streik: die Einstellung der Produktion. Aus der Tatsache, dass die globale 0-konomie von der Produktion von Gütern und Dienstleistungen immer weniger
abhängig ist, folgt dementsprechend, dass die Fähigkeit der Arbeiterbewegung, den Lauf der Wirtschaft zu beeinflussen, sich drastisch vermindert hat. Eine letzte Gefahr, die in Betracht gezogen werden muss, ist die Repression. Historische Studien haben ergeben, dass ein günstiges rechtliches Klima Gewerkschaftszugehörigkeit und Streikbereitschaft fördert. Arbeiterfeindliche Gesetze wirken sich hingegen demotivierend auf gewerkschaftliches Engagement aus. Darin liegen Erklärungsansätze für den Niedergang der Gewerkschaften: Zum Beispiel sank von 1991 bis 1998 die Zahl der Streiks in Spanien von 1552 auf 618 und die der beteiligten Arbeiter von 3,8 Mio. auf 1,9 Mio. In den 1990er Jahren verschlechterten sich die rechtlichen Rahmenbedingungen mit der Durchsetzung von Arbeitsreformen und der Ausbreitung befristeter Arbeitsverträge.
Trotz dieser zahlreichen Hindernisse, mit denen alle Gewerkschaften zu kämpfen haben, ist nicht alles negativ. Die CNT besitzt eine Reihe wichtiger Stärken und Chancen, von denen die Organisation, wenn sie genutzt würden, sehr stark profitieren könnte. Die große Stärke der CNT ist ihre Autonomie gegenüber Regierungsinstitutionen. Sie ist nicht auf öffentliche Mittel angewiesen, was ein ausgezeichneter Garant ihrer Unabhängigkeit ist und sie sehr viel unanfälliger für Veränderungen in ihrem weiteren Umfeld macht. Die anderen Gewerkschaften, deren Funktionäre von den Unternehmen bezahlt werden und deren Verwaltungsapparat von öffentlichen Subventionen abhängt, vermitteln hingegen das Bild einer höchst fragwürdigen Form von Unabhängigkeit. Ihre Entscheidungen sind mehr von den Interessen ihrer Geldgeber als von denen der Arbeiter diktiert. Viele Arbeiter haben deshalb das Vertrauen in diese Gewerkschaften verloren: Der hohe Prozentsatz von Stimmenthaltungen bei den Betriebsratswahlen ist ein deutlicher Beleg dieser Unzufriedenheit. Andererseits muss man eingestehen, dass die Autonomie der CNT auch erhebliche Nachteile hat, vor allem in finanzieller Hinsicht. Die einzige Einnahmequelle der CNT sind die Mitgliedsbeiträge, und da sie nur wenige Mitglieder hat, fehlt es ihr an Finanzmitteln. Eine Gewerkschaft zu organisieren und am Laufen zu halten, kostet Geld: Es werden Räumlichkeiten benötigt, Bürogeräte, Computer, Telefone, Internetzugänge, Putzmittel, Rechtsanwälte, Propagandamaterial usw. Mitgliedsbeiträge reichen nicht, um diese Kosten zu decken. Es kommen verschiedene Mittel zum Einsatz, um mehr Geld aufzutreiben. Leute nehmen Material auf ihrer Arbeitsstelle mit, es gibt Spendenaufrufe, Benefizkonzerte und andere Veranstaltungen, Werbeartikel (Feuerzeuge, Sticker, Aufnäher, Taschenkalender usw.) werden verkauft, manche Syndikate und Föderationen erhöhen ihre Beiträge, usw. Natürlich verdient das Bemühen der Mitglieder, Geld aufzubringen, Aner-kennung, aber selbst wenn sie teilweise Erfolg haben, lösen sie nicht das Problem. Immer noch haben viele CNT-Syndikate keine Räume, keinen Internetzugang, nicht einmal einen Telefonanschluss. Viele sind kaum in der Lage, in puncto Propaganda und Koordination auch nur Mindestanforderungen zu erfüllen. Es ist schlicht illusorisch, von solchen Gruppen ein nennenswertes gewerkschaftliches Engagement zu erwarten. Die zweite Stärke der CNT ist die Flexibilität ihrer politischen Kultur, die sich verschiedenen Bedingungen anpassen kann. Das Modell einer libertären Gesellschaft ist nicht starr und unveränderlich. Während manche an den Plänen von Isaac Puente aus dem frühen 20. Jahrhundert festhalten, steht es doch jeder gesellschaftlichen Gruppe frei, sich nach eigenen Vorstellungen und gemäß ihren jeweiligen kulturellen Besonderheiten eine libertäre Gesellschaft zu definieren. Anpassungsvermögen sollte die Grundvoraussetzung für die internationale Verbreitung anarchistischer Kultur sein. Sollte der Anarchismus hingegen - wie manche behaupten - ein unflexibles, fest im christlich-jüdischen Denken verankertes gesell-schaftspolitisches Projekt sein, wäre er zum Scheitern verurteilt.
Eine weitere große Stärke der CNT sind ihre ultrademokratischen Strukturen. Die neuen sozialen Bewegungen haben die vertikalen Hierarchien marxistischer Organisationen verworfen und stattdessen partizipatorische Strukturen angenommen, die sie für „neu" halten. Für Aktivisten aus straff organisierten politischen und religiösen Gruppen mögen sie tatsächlich neu sein, die CNT hingegen arbeitet seit Jahr und Tag mit solchen Strukturen. Während viele Menschen eine größere Teilhabe in ihren Gesellschaften einfordern, betreiben die offiziellen Gewerkschaften eine noch stärkere Machtkonzentration. Würde die CNT ihre partizipatorische Struktur auf eine ansprechende - d.h. attraktive, nichtaggressive - Weise präsentieren, könnte sie als verlockende Alternative zu den do-minierenden Gewerkschaften wahrgenommen werden. Allerdings müssen wir zugestehen, dass eine demokratisch erscheinende Struktur nicht zwangsläufig auch auf demokratische Weise funktioniert. Ich muss leider sagen, dass in der CNT häufig Entscheidungen auf Grundlage persönlicher Ein-flussnahme oder durch kleine Cliquen in strategischen Machtpositionen getroffen werden. (Wir kommen darauf zurück.) Wir wollen für den Augenblick lediglich festhalten, dass die formalen Strukturen der CNT die Beteiligung aller ihrer Mitglieder fördern.
Die letzte Stärke ist der hohe Grad an Engagement seitens der CNT-Basis. Im Vergleich zu anderen Organisationen ist der hohe Anteil von Aktivisten an den CNT-Mitgliedern überraschend. Er erklärt sich aus den partizipatorischen Strukturen und der politische Kultur der Organisation, die zu aktiver Teilnahme ermuntert, die ihre Mitglieder wissen lässt, dass sie alle wichtig sind für die Organisation, dass die CNT sie braucht, dass das gemeinsame Projekt ohne ihre Mitwirkung nicht realisierbar ist. Die Treffen und Versammlungen fungieren allesamt als mehr oder minder ausdrückliche Appelle an die Mitglieder, sich zu engagieren. Deren leidenschaftlicher Einsatz ist der Hauptgrund, warum die CNT, trotz all ihrer Schwächen, als Organisation überlebt. „Chancen" sind solche Umweltelemente, die die CNT nutzen kann, um ihre Krise zu überwinden. In diesem Sinne stellen die momentanen Umwälzungen im Arbeitsprozess eine Chance dar. Ich will nicht darauf hinaus, dass die sich verschlechternden Arbeitsbedingungen, die der Neoliberalismus mit sich bringt, die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass die Arbeiter aufbegehren. Das ist alles andere als sicher. Ich möchte das Hauptaugenmerk vielmehr auf die Tendenz der Unternehmen richten, ganze Geschäftsbereiche auszulagern bzw. an Subunternehmen zu vergeben. Tätigkeiten, die einst innerhalb eines Unternehmens mit großer Belegschaft ausgeführt wurden, werden heute von einer Vielzahl von Betrieben erledigt, die sich um ein Zentralunternehmen herum ansiedeln. Theoretisch ist dies ein Umstand, der die Arbeiter spaltet, ihre Verhandlungsposition gegenüber den Arbeitgebern schwächt. Allerdings liegt darin eine Chance für die CNT. In Spanien haben die großen fordistischen Unternehmen mit tausenden von Angestellten gewerkschaftliche Vertretungsorgane. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, können die CNT-Gruppen nicht mit den anderen Gewerkschaften konkurrieren, die die Vertretung der Arbeiter unter sich ausmachen. Doch wie immer man dazu steht, die Zahl dieser Unternehmen geht rapide zurück (Baglioni 1992). Die meisten Arbeiter mit Dauerverträgen, die eine Art „Arbeiteraristokratie" darstellen, werden per Abfindung in den Vorruhestand geschickt. Die
17. Juni 2009, 23:38 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
lazlo wanda



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Sich ständig verändernde Arbeitsbedingungen, der Wechsel von einem Unternehmen oder einem Arbeitsplatz zum nächsten, bringen mit sich, dass diese Arbeiter niemals zu einer gemeinsamen Identität gelangen werden. Laut einem UGT-Bericht hat Spanien eine der höchsten Zeitarbeitsraten in Europa: Etwa ein Drittel aller Erwerbstätigen arbeitet in Teilzeit, besonders junge Menschen, Migranten und Frauen. Politiker und Wirtschaftsbosse behaupten, dieser Wandel sei auf die hohen Rentenkosten zurückzuführen. Dabei hat Spanien von allen EU-Staaten das niedrigste Rentenniveau und dennoch den höchsten Anteil an Teilzeitbeschäftigten. Auf die Bedürfnisse dieser Personengruppe einzugehen, ist die wirkliche Herausforderung für die CNT: zu lernen, an die Ängste, Wünsche und Frustrationen dieser Arbeiter anzuknüpfen und ihre Interessen mit denen anderer Schichten der Arbeiterklasse zu vermitteln. Die Chance für die CNT hierbei ist nicht, dass diese Menschen „unglücklich" wären, sondern dass die offiziellen Gewerkschaften in diesen Bereichen der Arbeitswelt weniger präsent sind. Wie die CCOO (2001) festgestellt haben, hat die Entstehung disparater Arbeitsverhältnisse, gestützt auf den neoliberalen Trend zum Aushandeln von Individual-verträgen, ein Vakuum gewerkschaftlicher Vertretung geschaffen. Schon von vornherein werden diese kleinen Subuntemehmen von den Großgewerkschaften oft gar nicht zur Kenntnis genommen. Außerdem sind die dort Beschäftigten zumeist nicht gewerk-schaftlich organisiert. Dennoch sind sie häufig in höchstem Maße unzufrieden über die Missachtung ihrer Rechte und ihrer Arbeitsbedingungen. In solchen Kleinbetrieben ist die Kommunikation zwischen Angestellten und Gewerkschaften sehr einfach: Schon eine Hand voll Arbeiter können eine Ge-werkschaftsgruppe gründen und schnell darauf bestehen, dass keine Verhandlungen ohne sie geführt werden. Das Gewerkschaftsmodell der CNT, das in Großbetrieben weitgehend gescheitert ist, könnte für die Belegschaften solcher Subuntemehmen sehr gut funktionieren. (Wir werden später auf diesen Punkt zurückkommen.)
Die Entwicklung und Verbreitung neuer Technologien eröffnet insofern Chancen für die CNT, als sie die internen Kommunikations-, Koordinations- und Entscheidungsprozesse, die heute noch so viel Zeit und Mühe in Anspruch nehmen, sehr vereinfachen könnte. Die Organisation hat zwar diesbezüglich bereits einige Fortschritte gemacht, aber es bleibt noch viel zu tun. Die neuen Technologien sollten organisatorische Abläufe erleichtem, sie könnten aber auch der Weiterbildung der Aktivisten dienen - wenngleich die Gefahr nicht ganz von der Hand zu weisen ist, dass sie auch die Entstehung einer Wissenselite begünstigen, die über ein gewisses Machtpotential verfügt. Es ist kein Geheimnis, dass die Bildungsarbeit der CNT große Defizite aufweist: Die Mitgliederschulung beschränkt sich zumeist auf weltanschauliche Unterweisung, berücksichtigt aber wissenschaftliche Themen ebenso wenig wie praktisches Fachwissen über Informationstechnologie und Buchhaltung, über das Prozede-re bei Gerichtsverfahren und Kollektiwerhandlungen, die Aufgabenbereiche einer Gewerkschaft usw.
Eine dritte Chance für die CNT ist die „Demokratiemüdigkeit" und das „Partizipationssyndrom". Zumindest in der öffentlichen Debatte fordern immer mehr Leute eine umfassendere Form von Demokratie. In den meisten Fällen sind solche Forderungen nicht Bestandteil eines Programms zum Bruch mit der repräsentativen Demokratie, sondern als Ergänzungsmaßnahmen gedacht. Solche Bewegungen stellen die gesellschaftlichen Herrschaftsmechanismen nicht in Frage, haben aber dennoch zum sogenannten „Partizipationssyndrom" geführt, d.h. zu der Tatsache, dass sich allenthalben Ideen über „partizi-patorische Projekte", „partizipatorische Forschung", „partizipatorische Entwicklungszu-sammenarbeit" in Umlauf befinden. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt gekommen, um dieses traditionelle Kernelement der politischen Kultur der CNT hervorzukehren und eine „partizipatorische Gewerkschaftsbewegung" auszurufen, als Antwort auf die Hierarchien der offiziellen Gewerkschaften. Schließlich ist, im Zusammenhang mit dem vorherigen Punkt, die Zunahme kritischen Denkens und neuer sozialer Bewegungen eine große Stärke der CNT. Die Vertiefung des Nord-Süd-Gefälles, die Invasionspolitik der USA und die ökologische Gefährdung des Planeten haben allesamt die Entstehung neuer Formen kritischen Denkens und globaler Bürgerbewegungen gefordert. Die CNT muss mit all diesen Initiativen in Kontakt treten und kontinuierliche Beziehungen wechselseitigen Austausches herstellen: Sie muss ihre Werte und Erfahrungen mit partizipatorischer Demokratie, direkter Aktion, Selbstverwaltung usw. kommunizieren und von den anderen Bewegungen neue Werte und Sensibilitäten lernen.
Manche behaupten, das besondere Kennzeichen der Moderne sei die Herausbildung zerstreuter, fragmentierter Netzwerke (Hardt 2002: 140). In der CNT ist die „soziale Aktion" (acciön social), die Beschäftigung mit sozialen Themen und Bewegungen, ein selten diskutiertes Randproblem. Es gibt zum Beispiel in Sevilla kein Sekretariat dafür. Dabei ist offensichtlich, dass kein gesellschaftspolitisches Projekt heutzutage erfolgreich sein kann, ohne nicht zeitweilige, flexible Bündnisse und Allianzen einzugehen, was ununterbrochenen Dialog und ständige Überprüfung erfordert. Die feministische Bewegung war die erste, die das erkannt hat (Haraway 1995). Dank dem Feminismus, der Ökologie-, der Schwulen/Lesben-, der Antiglobalisierungsbewegung können wir Machtstrukturen besser erkennen und wirksamer bekämpfen.

ENTWICKLUNG VON CHANCEN UND ORGANISIERUNG IN DER CNT SEVILLA

Anfang 2002 trat eine Gruppe von Arbeitern an die CNT Sevilla heran. Sie wollten sich beraten lassen. Sie arbeiteten für PILSA, eine im Auftrag der Stadtreinigung von Tomares, einer Kleinstadt in der Nähe von Sevilla, tätige Firma. Es fehlte ihnen jegliche Arbeitsplatzsicherheit: Ihr Lohn betrug weniger als 500 Euro pro Monat für eine Vierzigstundenwoche, und die Firma war mit den Zahlungen im Rückstand. Außerdem waren die Hygiene- und Sicherheitsstandards mangelhaft. Die CNT traf sich mehrmals mit der gesamten Belegschaft von 25 Angestellten, gab ihnen rechtliche Tipps und gründete schließ lieh eine CNT-Betriebsgruppe, der nahezu das gesamte Personal beitrat. Im April wurde ein unbefristeter Streik ausgerufen.
Während des Streiks konzentrierte die CNT-Lokalföderation ihre ganze Kraft darauf, Öffentlichkeit herzustellen, die Medien zu mobilisieren, Streikposten zu organisieren, rechtliche Schritte wegen Verletzung des Streikrechts einzuleiten, usw. Sie erhielt dabei Unterstützung von ihren Föderationen auf regionaler und nationaler Ebene. Es folgten viele Auseinandersetzungen, aber nach einem 22-tägigen Streik unterzeichnete die CNT einen Vertrag mit der Firma FERROSER und der Gemeinde Tomares, und der Konflikt war beendet. Der neue Vertrag sah Verbesserungen für die Arbeiter vor: Für viele verdoppelte sich der Lohn, und sie erhielten eine Weiterbeschäftigungsgarantie für den Fall, dass der Vertragspartner für Reinigungsdienste wechselte. Der Tomares-Streik brachte die CNT Sevilla dazu, ihre Rolle zu überdenken: Sie war fortan keine weltanschauliche Propagandagruppe mehr, sondern eine richtige Gewerkschaft. Sie musste aufhören, über Ideen und abstrakte Themen zu reden, und sich den wirklichen Problemen wirklicher Arbeiter stellen. Sie musste praktikable Sofortlösungen finden. Das führte die Lokalföderation zu einem radikalen Strategiewechsel.
Im folgenden Jahr traten die Arbeiter von Tomares erneut in Streik, weil die meisten Vertragsbedingungen von den Arbeitgebern nicht eingehalten und die engagiertesten Arbeiter mit Entlassung bedroht wurden. Dieser zweite Streik dauerte vier Monate - de facto der zweitlängste Streik in Sevilla seit 1975 -und war durch einige heftige Auseinandersetzungen geprägt. Die Streikenden trotzten der Polizei, einige traten in Hungerstreik, initiierten viele kostspielige Gerichtsverfahren, organisierten Protestmärsche, hielten Versammlungen ab und arrangierten Benefizveranstaltungen für die Familien in ganz Spanien. Tatsächlich war die Stadt nie so sauber gewesen wie während des Streiks: Die Gemeinde und die Leihfirma heuerten Streikbrecher zur Reinigung von Tomares an. Nichtsdestotrotz gewannen die Streikenden, und ein neuer Kollektivvertrag sicherte ihnen bessere Bedingungen zu. Das Medieninteresse an dem Fall war riesig.
Nach den Vorfällen in Tomares organisierte die CNT Sevilla drei weitere Streiks, bei denen es um ähnliche Probleme ging: den Streik der AVE-Zugbegleiterlnnen, einen Streik der Reinigungskräfte an der Universität Sevilla und einen Streik der AUSSA-Arbeiter, einem kommunalen Abschleppunternehmen in Sevilla. In allen drei Fällen gewannen die Arbeiter, und in jedem Fall wurde eine neue CNT-Betriebsgruppe gegründet.
Darüber hinaus hat die CNT Sevilla in den letzten Jahren von anderen Gewerkschaften organisierte Streiks aktiv unterstützt und eine Beratungsstelle für Arbeiter eingerichtet. Nach den Unterlagen der Syndikate ist die Mitgliederzahl um 300 % gestiegen. Wenn dieser Trend anhält, wird die CNT Sevilla bald eine wirkliche soziale Kraft darstellen. Dies ist kein Beispiel für das zufällige Zusammentreffen glücklicher Umstände, sondern Resultat mehrerer Einflussfaktoren.
Einer der wichtigsten ist, dass die CNT Sevilla von Arbeitern ge-führt wird und die Zahl von Jugendlichen und Studenten relativ gering ist. Doch am wichtigsten ist vielleicht die Qualität dieser Führungsriege, die dem „bürokratischen" Typus weit näher kommt als dem „charismatischen". Die CNT Sevilla wird von einer kleinen Gruppe von Aktivisten geführt, die mehrheitlich große Erfahrung mit Gewerkschaftsarbeit haben. Sie kennen sich aus mit rechtlichen Fragen, die bei gewerkschaftlichen Aktionen von zentraler Bedeutung sind. Kurzum, sie haben eine „Professionalisierung ohne Profis" entwickelt. In den Begriffen meiner Analyse gesprochen, hat die CNT Sevilla begonnen, ihre Schwächen zu beheben, die Risiken zu neutralisieren, auf ihre Stärken zu setzen und Chancen zu ergreifen. Wenn andere Syndikate diese Praxis aufgreifen, kann die CNT beginnen, die Vormachtsstellung der anderen Gewerk-schaften zu brechen.



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Begriffserklärungen

Primitivismus wird in erster Linie als utopistische Strömung innerhalb des Anarchismus verstanden. Es wird eine Revolution und Rückkehr zur biologischen Ursprünglichkeit des menschlichen Tieres angestrebt. Ob Industrie überhaupt fortschrittlich sei, ja sogar das historische Zivilisationsvorhaben als Ganzes werden von dieser radikalen Form der Ideologiekritik in Frage gestellt. Eine gesellschaftliche Rückkehr zu vor-industriellen, und oft sogar zu vor-landwirtschaftlichen Produktions- und Lebensverhältnissen ist das Ziel dieser politischen Strömung.

Insurrektionalismus ist eine politische Strömung, die dem bewaffneten Kampf anhängen. Eine Insurrektion - auch Insurrektionskrieg - (von lat. insurgere = „sich erheben") ist ein bewaffneter Aufstand oder ein Aufruhr gegen die bestehende zivile oder politische Autorität. Der Begriff wurde vor allem während des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts verwendet und findet in der heutigen deutschen Sprache kaum mehr Gebrauch.

Situationismus operiert an der Schnittstelle von Kunst und Politik, Architektur und Wirklichkeit und setzten sich für die Realisierung der Versprechungen der Kunst im Alltagsleben ein. Sie forderten unter anderem die Abschaffung der Ware, der Arbeit, der Technokratie und der Hierarchien, und entwickelten ein Konzept der „theoretischen und praktischen Herstellung von Situationen", in denen das Leben selbst zum Kunstwerk werden sollte. Einige Situationisten sind in den Ausbruch der Studentenunruhen vom Mai 1968 verwickelt, die auf ganz Frankreich übergriffen und dort, anders als in Deutschland, auch Arbeiter und Angestellte erfassten. Situationistische Ideen waren in den folgenden Jahren sehr verbreitet und haben international in Kunst, Politik, Architektur und Pop Spuren hinterlassen.

Obsolet - hinfällig geworden, veraltet

Antizipation - eine Entwicklung bewußt vorwegnehmen.
17. Juni 2009, 23:18 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
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