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Lügen und Halbwahrheiten über die Arbeitslosigkeit

 
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Lügen und Halbwahrheiten über die Arbeitslosigkeit
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far



Anmeldedatum: 25.06.2005
Beiträge: 5481

Beitrag Lügen und Halbwahrheiten über die Arbeitslosigkeit Antworten mit Zitat
Zitat:
Ein Sixpack Aufklärung
Sechs Mythen, Lügen und Halbwahrheiten über die Arbeitslosigkeit und wer daran Schuld ist

1. Deutschland kommt auf den Hund, weil wir faul geworden sind und seit Jahrzehnten verwöhnt werden.

Man stelle sich in einer beliebigen Stadt um 8.30 Uhr an eine größere Kreuzung, wahlweise an einen innenstädtischen Bahnhof, und beobachte, was passiert: Die Menschen wuseln herum wie die Ameisen um ihren Hügel. Sie gehen arbeiten. In Deutschland werden nach offiziellen Schätzungen ca. 57 Milliarden Stunden Arbeit pro Jahr geleistet („Gesamtarbeitsvolumen“).

Merkwürdigerweise ist in Deutschland bis Ende der 90er Jahre nicht nur die Zahl der Arbeitslosen stetig gestiegen, sondern auch die Zahl der Beschäftigten. Erst seit der Jahrtausendwende sinkt die Zahl der Beschäftigten. Eigenartig ist bloß, dass die Summe der geleisteten Arbeitsstunden gleich geblieben ist. Es könnte daran liegen, dass die verbliebenen ArbeiterInnen länger und intensiver arbeiten müssen und stärker ausgebeutet werden.

Sie würden es nicht tun, wenn sie dafür keine Gegenleistung bekommen würden. Und die sollte nicht nur in einem Stundenlohn bestehen, der zum Leben reicht und vielleicht ein bisschen Wohlstand verspricht, sondern auch in immateriellen Werten wie Absicherung im Alter, bei Krankheit oder Jobverlust. Und was wäre die Plackerei ohne Urlaub, freie Zeit, Muße? Schließlich leben wir nicht, um zu arbeiten.

2. Die Arbeit muss gemacht werden. Alle müssen ihren Beitrag leisten.

Es hat sich niemand die Mühe gemacht, zu errechnen, wie viele der 57 Milliarden Arbeitsstunden im Jahr wirklich sinnvoll investiert sind. Natürlich brauchen wir Nahrungsmittel, Wohnraum, Kleidung und so weiter. Wir gehen gern ins Kino, amüsieren uns, auch das Bier nachts um halb vier will gebraut und gezapft werden, die Kinder gehütet, die Kranken gepflegt und die Toten begraben. Das alles ist nicht nur sinnvoll, sondern unverzichtbar.

Reden wir von anderen Dingen, die durch Arbeit produziert werden: Maschinengewehre, Panzer, Giftgas, Pestizide, Psychopharmaka, Potenzmittel, Haar-Energizer, Brusterweiterung, Genmanipulation, Autobahnausbau, Atomkraft, Abschiebelager, Gefängnisse, SuperRTL, extrabreite Alu-Felgen, DJ Ötzi. Sinnvoll? Da kann man geteilter Meinung sein. Außerdem: Auf einem Berg von zweifelhaften Waren und Dienstleistungen sitzt ein aufgeblähter Wasserkopf, der dafür zuständig ist, diese Produkte unter die Leute zu bringen: Werbung, Marketing, PR, Promotion, Vertrieb etc. Die Firmen liefern sich tagtäglich eine wahre Schlacht, die mit enormem Aufwand an Material, Personal und Zeit geführt wird, nur um uns die gleiche Scheiße in verschiedener Verpackung völlig überteuert zu verkaufen. Omo, Dash oder Persil? Wo ist der Unterschied?

Reden wir erst gar nicht von der Organisation der Arbeit in den Betrieben, die in den überwiegenden Fällen nicht nur unsinnig und irrational, sondern für einen Großteil der Beschäftigten entwürdigend ist.

3. Arbeitslose und Sozi-Empfänger leben auf Kosten der Arbeiter und Angestellten.

Die ArbeiterInnen von heute sind die Arbeitslosen von morgen. Viele plackern sich ab und wissen nicht wofür. Ständig in Angst vor der Entlassung. Es ist jedoch die Frage, ob wir uns zusammenschließen, um gemeinsam für unsere Rechte zu kämpfen - oder ob wir einen Fußabtreter brauchen, auf den wir herabschauen, den wir bespucken können. Anfang der 90er waren es die „Asylanten“, dann wurden unsere Innenstädte von Obdachlosen und Junkies „gesäubert“, dann kamen die „Klaukids“, die „mehrfachkriminellen“ Jugendlichen („Mehmet aus München“). Jetzt sind die Sozialhilfe-EmpfängerInnen und Arbeitslosen an der Reihe(„Miami-Rolf“), die von der Boulevard-Presse als Schmarotzer und Abzocker hingestellt werden. Als nächstes bist Du selber dran.

Dieser Sozialrassismus schließt immer größere Teile der Bevölkerung aus und versucht, niedere Instinkte gegen sie zu mobilisieren: Neid, Missgunst, Schadenfreude. Diese Kampagnen gehen oft von der Bild-Zeitung, manchmal vom Focus, Spiegel oder Stern als Leitmedien aus und werden von den übrigen Kollegen in den Redaktionsstuben eifrig kopiert. Sie korrespondieren mit den Kampagnen der Parteizentralen. Leider finden sie ihren Widerhall auf der Straße. Und das ist eine Schande.

4. Man muss die vorhandene Arbeit nur gerechter verteilen (35-Stunden-Woche).

Eine schöne Idee, die in die richtige Richtung geht. Der britische Philosoph Bertrand Russel hat schon 1935 ganz ernsthaft für 4 Stunden Arbeit am Tag plädiert. Was der DGB und viele Linke den Leuten aber verschweigen: In diesem Wirtschaftssystem ist die gerechte Verteilung von Zeit, Geld, Ressourcen und Belastungen nicht möglich. Die Einführung der 35-Stunden-Woche in bestimmten Sektoren wie der Metallindustrie hat unter dem Strich nur dazu geführt, dass die Überstunden früher gezählt wurden. Die Arbeitslosigkeit lässt sich so nicht bekämpfen. Es ist für ein kapitalistisches Unternehmen stets günstiger, eine Person optimal auszupressen, als zwei Personen halbtags zu beschäftigen.

5. Die Globalisierung ist an allem Schuld, weil die Fabriken ins Ausland verlegt werden. (Arbeit zuerst für Deutsche).


Die Globalisierung ist so ein Modebegriff der letzten Jahre. Bei Licht betrachtet beginnt „die Globalisierung“ vermutlich im Jahr 1492 mit der Entdeckung Amerikas durch die spanische Krone. Süd- und Mittelamerika haben sich von der folgenden Ausplünderung nie erholt. Spaniens Reich ist lange untergegangen, Deutschland ist heute die Exportmacht Nr. 2 in der Welt.

Es liegt in der Natur der Sache, dass das Kapital versucht, dort Produktionsstätten aufzubauen, wo seine Absatzmärkte liegen, um z. B. Währungsschwankungen leichter begegnen zu können. So produzieren amerikanische Firmen seit den 20ern in Deutschland Autos, oder Brause (Ford, General Motors, Coca-Cola). Gleiches tun deutsche Konzerne überall auf der Welt. Ebenfalls ist es klar, dass der Kolonialismus nicht nur Rohstoffe erbeutet, sondern auch Sklaven. Die Sklaven von heute sind die Lohnarbeiter in den Freihandelszonen der Welt. Dem Kapital bieten sich dort traumhaft niedrige Lohnstückkosten. Der Trend scheint momentan allerdings wieder zurück in die guten alten Standorte zu gehen, denn sie haben einen unschätzbaren Vorteil: Sicherheit, Zuverlässigkeit, Bildung, Integration. Die Zahl der Regionen, die von bürgerkriegsähnlichen Zuständen oder kollabierenden Volkswirtschaften oder beidem heimgesucht werden, wächst dramatisch.

Wenn das deutsche Kapital entscheiden würde, wieder verstärkt in Deutschland zu produzieren, würden die Produkte entweder so teuer, dass sie nicht zu verkaufen wären, oder die Arbeitsbedingungen hier müssten sich den Standards der dritten Welt anpassen. Genau das ist die Tendenz. Die Agenda 2010 soll „die Löhne im Niedriglohnbereich ins Rutschen bringen“. Sie wird die Verelendung auch in unsere Städte bringen. Ihr könnt sie jetzt schon sehen, die Obdachlosen, die in Glascontainern nach Pfandflaschen suchen, die Alten, die neben dem McDonalds die Mülleimer nach Essbarem durchwühlen. Wenn ihr genau hinschaut.

6. Für's Nichtstun soll man kein Geld bekommen. (Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.)

Die armen Schlucker erhielten in der Vergangenheit ihr Minimum, eben damit sie besser nichts taten. Damit der Klassenkrieg in Schranken gehalten wurde. Wenn der Staat den Arbeitslosen, Sozi-EmpfängerInnen, RentnerInnen und Kranken den Saft abdreht, dann werden diese - bevor sie sich dem Elend tatenlos fügen - zwangsläufig aktiv werden. Sie könnten Zigarettenautomaten knacken und den Inhalt in Kneipen verkaufen. Fahrräder klauen - um mit simplen Dingen zu beginnen. Sie könnten sich in einer Ecke hinterm Bahnhof für 10 Euro ficken lassen. Sie könnten eure Häuser besuchen und dort nach Wertgegenständen suchen. Auch der Drogenhandel bietet gute Aufstiegschancen bei einem Risiko, das jemand, der nichts zu verlieren hat, wenig interessieren wird. Die Selbstmordrate wird steigen und die Bahn kaum noch pünktlich kommen. Andere werden Millionärs-Erben entführen, Banken überfallen; eine Minderheit dürfte sich politisieren und ständig überall Stunk machen und manche könnten auf die Idee kommen, den örtlichen Arbeitsamts-Chef nach Feierabend in die Mangel zu nehmen. Oder den Schmierlappen von der Lokalzeitung. Es wäre klüger, den Leuten ein Minimum zu lassen.

[aus: direkte aktion # 160, Nov./Dez. 2003, Stuhlfauth, Köln, 08.11.03]

Auf chefduzen.ch gefunden!

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Um einen Widerstand zu brechen, braucht es Gewalt, aber wenn der Widerstand hält, ist es die Gewalt, die zerbricht.
02. November 2009, 07:43 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden E-Mail senden
Pressluftpinocchio
Schraubenverdreher


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Sehr genial.

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02. November 2009, 15:24 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden E-Mail senden
Danger Mines!!



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Wohnort: süsch no was?!

Beitrag der ansatz ist gut nur... Antworten mit Zitat
die nummer 6. z.B. toent sehr erpresserisch und hat auch keinen emanzipatorischen hintergrund. es geht ja wohl nicht darum: den leuten das minimum zu lassen, sondern um: alles fuer alle oder wir wollen die ganze baeckerei und nicht bloss den kuchen.

das produzierte soll allen gleich zur verfuegung stehn und zwar frei!!

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Und wie die antiken Staaten an der Sklaverei zugrunde gegangen sind, so werden auch die modernen Staaten am Proletariat zugrunde gehn. M.B.
06. November 2009, 06:01 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
minino
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Wohnort: Kt. Zug

Beitrag Antworten mit Zitat
Ich habs so verstanden, dass es vom Staat bzw. der Gesellschaft her die wir hier haben, logisch ist, den Leuten ein Minimum zu lassen, damit diese eben nicht rebellieren oder "kriminell" werden. Dass dies eben die Erklärung ist, warum der Staat eben so handelt, und diese nicht einfach sich selbst überlässt. Ich glaube nicht, dass es so gemeint ist, dass man das fordern würde.

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Nein, nein, wir wollen nicht eure Welt, wir wollen nicht eure Macht, und wir wollen nicht euer Geld,
wir wollen nichts von eurem ganzen Schwindel hören, wir wollen euren Schwindel zerstören!
06. November 2009, 08:04 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
far



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Beitrag Re: der ansatz ist gut nur... Antworten mit Zitat
Danger Mines!! hat Folgendes geschrieben:
die nummer 6. z.B. toent sehr erpresserisch und hat auch keinen emanzipatorischen hintergrund. es geht ja wohl nicht darum: den leuten das minimum zu lassen, sondern um: alles fuer alle oder wir wollen die ganze baeckerei und nicht bloss den kuchen.

das produzierte soll allen gleich zur verfuegung stehn und zwar frei!!


es versucht doch zu sagen warum wir eben eine sozialhilfe haben und warum man uns die lassen wird (solange es geht)....

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Um einen Widerstand zu brechen, braucht es Gewalt, aber wenn der Widerstand hält, ist es die Gewalt, die zerbricht.
06. November 2009, 08:29 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden E-Mail senden
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