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Interview mit Georg Kreisler

 
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Interview mit Georg Kreisler
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Melnitz



Anmeldedatum: 11.10.2006
Beiträge: 3354

Beitrag Interview mit Georg Kreisler Antworten mit Zitat
In der Jungen Welt. Stells hier ganz rein, weil es auf deren Seite schnell kostenpflichtig wird. Besser formatiert hier (im Moment).

Zitat:
»Wir leben in einer Unrechtsgesellschaft«

Gespräch mit Georg Kreisler. Über Hanns Eisler, die Begegnung mit Naziverbrechern, Folter im Krieg, Anarchismus und die Notwendigkeit einer Revolution

Interview: Thomas Wagner

Georg Franz Kreisler (geb. 1922 in Wien) ist Kabarettist, Komponist, Satiriker und Schriftsteller. Als Kind einer jüdischen Familie gelingt ihm 1938 zusammen mit seinen Eltern die Flucht in die USA. Bekannt wurde er vor allem in den 1950er- und 1960er-Jahren mit seinen hintergründigen Liedern. Noch heute bekannt ist »Taubenvergiften im Park«. Seit 2001 tritt Kreisler nicht mehr mit seinen Chansons auf. Er schreibt statt dessen Romane, Geschichten und Essays oder komponiert. Kreisler besitzt die US-Staatsbürgerschaft und lebt heute in Salzburg.

Sie sind mit Ihrem neuen Buch »Letzte Lieder« auf Lesereise. Darin schreiben Sie, daß Sie sich selbst wohl nicht allzu sympathisch wären, würden Sie sich auf einer Cocktail-Party begegnen. Wie meinen Sie das?

Von jemandem wie mir erwartet man eine besonders geistreiche Konversation oder etwas Witziges. Aber das bin ich nicht. Witzige und geistreiche Dinge fallen mir in der Schreibstube ein und nicht im Stegreif, wenn ich auf einer Cocktail-Party bin. Ich bin eigentlich ein ganz normaler Mensch, eher schweigsam, und daher glaube ich, wenn man mich auf einer Party trifft, ist man ein bißchen enttäuscht. Meine Frau, Barbara Peters, die kann leichte Gespräche führen, die kann plaudern. Ich kann nicht plaudern.

»Letzte Lieder« klingt nach Abschied. Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, daß Sie sich schon verabschieden wollen. Zumal in diesen Tagen auch noch eine neue Oper von Ihnen uraufgeführt wird.

Sie haben recht. Richard Strauss hat auch »Letzte Lieder« geschrieben und dann noch einige Lieder danach. Ich habe vor Jahren schon »Vorletzte Lieder« geschrieben. Das darf man nicht allzu ernst nehmen. »Letzte Lieder« ist ein Titel, den ich dem Verlag angeboten habe und der hat ihn gut gefunden. Im nächsten Frühjahr kommt ein anderes Buch von mir heraus mit Gedichten. Es wird »Zufällig in San Francisco« heißen und im Verbrecher-Verlag erscheinen. Andere Dinge sind in Arbeit. So lange es geht, mache ich noch weiter.

Die Oper, die an diesem Samstag in Rostock aufgeführt wird, heißt »Aqua­rium«. Ich werde natürlich dabei sein und hoffe das Beste.

Die meisten Menschen kennen Sie als den Schreiber und Sänger bissiger, satirischer Lieder. Wie ist es zu der Oper gekommen?

Ich wollte eine Oper schreiben. Das ist alles. Verdienen tut man damit nichts. Eine Oper zu schreiben, das ist eine lange Arbeit. In habe mit
Unterbrechungen zwei Jahre daran gearbeitet.

Nachdem die Oper fertig oder fast fertig war, gab es in Hamburg ein Treffen zwischen dem Intendanten aus Rostock und dem Regisseur Corny Littmann. Der wollte gerne einmal eine Oper inszenieren und nicht immer nur die Volksstücke, die er in Hamburg macht.

Der Stoff, die Grundidee der Oper stammt von Ihnen?

Ja. Es handelt sich nicht um eine Bearbeitung von irgend etwas anderem. Die Handlung ist ein absurdes Theaterstück. Das »Aquarium« ist ein Sinnbild. Die Fische können nicht über den Rand des Aquariums hinaus blicken. Ebenso geht es dem Menschen. Was wirklich in der Welt vorgeht, das übersteigt seinen Horizont. Das ist die Grundidee. Deshalb sprechen und singen die Leute in dem Stück eher absurd miteinander.

Sind Sie in irgendeiner Form selbst mit der Inszenierung befaßt?

Nein. Ich rede auch nicht rein. Ich schaue mir die letzten Proben an. Wenn ich dann eine Idee habe, werde ich einen Vorschlag machen. Aber mehr nicht. Herr Littmann ist mir als ein guter, ein sehr einfallsreicher Regisseur bekannt. Daher habe ich volles Vertrauen.

Abgesehen von den beiden Opern haben Sie in den vergangenen Jahren mehrere Romane und verschiedene andere Bücher publiziert. Diese Arbeiten sind aber nicht sehr bekannt geworden.

Überhaupt werden meine Sachen heute nicht sehr bekannt. Meine Schallplatten und Bücher sind hauptsächlich bei kleinen Verlagen erschienen, meine Stücke auch. Mit den Büchern verdiene ich kein Geld. Wenn man Glück hat, bekommt man einen ganz kleinen Vorschuß und sonst nichts.

Angesichts der Tatsache, daß Sie sich schon früh einen Namen gemacht haben, finde ich es erstaunlich, daß Sie keinen großen Verlag für Ihre Bücher haben gewinnen können.

Wir leben nicht mehr in der Zeit, wo ein Lektor oder ein Verlagsleiter selbst ein Buch oder ein Stück liest oder es zumindest anschaut. Früher sind die Intendanten und die Regisseure im Land herumgefahren und haben sich bei kleinen Theatern Stücke angeschaut, um Talente zu finden. Das ist längst vorbei.

Im Jahr 2000 ist in Wien die erste von mir komponierte und getextete Oper uraufgeführt worden: »Der Aufstand der Schmetterlinge.« Die Produktion ist von NetZZeit, Wien, ermöglicht worden. Ich hatte vorher schon musikalische Stücke geschrieben. Aber das war meine erste richtige Oper. Die Aufführung war ein großer Erfolg bei der Kritik und beim Publikum.

Die bei Kip-Records erschienene CD-Aufnahme habe ich samt Libretto und zum Teil mit einem persönlichen Begleitschreiben hinterher an sämtliche Opernhäuser in Deutschland, Österreich und in der Schweiz geschickt. Das waren insgesamt 97. Davon haben nur sieben überhaupt geantwortet. 90 haben gar nicht reagiert. Darunter waren auch Intendanten, die mich persönlich kennen. Man kommt da nicht hin. Trotz der guten Kritiken. Das geht heute über eine Profit-Schiene oder eine politische Schiene. Wir leben nicht mehr in einer Zeit, in der Kunst gesucht und gefördert wird.

Momentan ist der Sänger Tim Fischer mit einem Kreisler-Programm unterwegs. Haben Sie ihm dafür eigens neue Lieder geschrieben?

Das Programm heißt »Gnadenlose Abrechnung« und besteht hauptsächlich aus alten Liedern. Ich habe noch ein paar dazu genommen, die zwar auch alt sind, aber noch nicht gebracht wurden. In dem Fall also sind sie neu.

Ich habe mit ihm auch ein paar Tage lang an der Interpretation gearbeitet. Seine Interpretation ist natürlich etwas ganz Neues. Tim Fischer ist ja eine Persönlichkeit. Er macht das auch ganz anders als ich oder andere das gemacht haben. Schon vor zwei Jahren habe ich mit ihm am einem Stück von mir gearbeitet. Das Stück heißt: »Adam Schaf hat Angst.« Ich habe es damals inszeniert.

Ihre ersten großen Erfolge mit musikalischen Programmen haben Sie als ganz junger Mann schon während des Zweiten Weltkriegs gemacht. Sie waren mit Ihren Eltern vor den Nazis in die USA geflüchtet und sind dort später zum Kriegsdienst eingezogen worden. Sie haben dann bei der Armee zunächst musikalische Shows für die Truppenunterhaltung gemacht, haben später als Teil einer Einheit der militärischen Aufklärung aber auch Verhöre mit zum Teil sehr prominenten Kriegsgefangenen in Europa durchgeführt.

Es gab die Wehrpflicht, und ich wurde mit 20 Jahren eingezogen. Durch meine musikalischen Shows, ich war damals 21, 22 Jahre alt, bin ich zu einer Truppe gekommen, in der es nur Politologen, Historiker und andere Gelehrte gegeben hat. Ich wurde dahin geschickt, weil meine Vorgesetzten dachten, daß diese Leute auch ein bißchen Unterhaltung haben wollen. »Dann spielst du ihnen halt ein paar Lieder vor«, sagten sie mir. Das war der Grund, weshalb ich zu dieser sehr elitären Truppe kam und Kontakt zu Hermann Göring, Julius Streicher, Ernst Kaltenbrunner und anderen hohen Nazis bekam.

Die Verhöre der Nazi-Größen habe nicht ich selbst gemacht. Dazu hat man Leute genommen, die schon besser bescheid wußten als ich. Ich habe ein oder zweimal das sogenannte Vorverhör gemacht: »Wo sind Sie geboren? Was ist Ihr Beruf?«

Sie haben auch zu der Zeit schon gewußt, mit wem Sie es da zu tun haben?

Ja, natürlich. Streicher und Göring hat man gekannt.

Was hatten Sie für ein Gefühl angesichts dieser Verbrecher?

Na ja, eine gewisse Genugtuung war wahrscheinlich schon dabei, wenn ich mich richtig erinnere. Aber daß der Krieg für Deutschland verloren war, hat man schon eine Zeit lang gewußt und die Gefangenen waren für mich eigentlich nur alte Männer, die zum Teil auch unfähig waren, einen Gedanken zu äußern oder irgend etwas Wesentliches zu sagen. So fertig waren die. Streicher zum Beispiel mußte nachdenken, wenn man ihn gefragt hat: »Wie heißen Sie?« Das kam nicht so schnell. Hinzu kommt, daß man ihnen alles weg genommen hatte, was zu einem Selbstmord hätte führen können: Gürtel, Hosenträger, Schuhbänder und dergleichen. Sie mußten also die Hosen hochhalten, wenn sie kamen. Da steht dann so ein alter hilfloser Mann vor Ihnen.

Göring hat ja aber noch versucht, sich staatsmännisch darzustellen.

Er versuchte leutselig zu sein. Vielleicht war er auch der ehrlichen Meinung, ich weiß es nicht, daß die Amerikaner letzten Endes zusammen mit den Deutschen gegen Rußland kämpfen würden.

Er hat geglaubt, es gebe eine Chance, daß er aus dieser Situation noch herauskommt?

Ja, er hat absolut geglaubt, das wird gehen. Er wußte ja, daß die Amerikaner Antikommunisten waren, und hat gedacht, jetzt wird es gegen die Russen gehen. Vielleicht hat er es nur gesagt, vielleicht hat er aber auch wirklich daran geglaubt. Wie man weiß, hatte er ja eine Giftkapsel und konnte sich dann rechtzeitig aus der Welt befördern.

In »Letzte Lieder« schreiben Sie, daß damals in der US-Armee selbstverständlich auch gefoltert wurde. Auch in Ihrer Einheit?

Ich persönlich habe an keinerlei Folter mitgewirkt. Das ist nicht meine Art. Ich könnte das gar nicht. Es wäre mir unmöglich, einem Menschen weh zu tun oder grob zu sein. Das tue ich nicht. Aber Folter war im Krieg eine selbstverständliche Sache. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Wenn in meiner Truppe SS-Leute in größerer Zahl verhaftet wurden, die eine Aussage machen sollten, dann hat man sie in einer Reihe vor einem Zelt aufgestellt, hat den ersten reingenommen und ihn auf jeden Fall verprügelt, damit die anderen ihn schreien hören. Man wußte, dann werden die ihre Aussage machen. Im Krieg war die Folter unvermeidlich. Alle haben sie es getan: die Amerikaner, die Deutschen, die Japaner.

Wenn ein Gefangener, der wichtig war, nicht kooperiert hat, habe ich schon mal gesagt: »Zwei Tage kein Essen« oder ich habe ihnen angedroht, daß sie auf dem Fußboden schlafen müßten. Dann haben sie zwei Tage gehungert, und ich habe sie noch einmal kommen lassen. Wenn Sie das Folter nennen wollen … . In meinen Augen ist das aber keine Folter. Das ist zwar sehr unangenehm für den Betreffenden, tut ihm aber nicht direkt weh. Abgesehen davon wurde aber auch richtig gefoltert. Wenn man keine Zeit hatte, wie die Fronttruppen zum Beispiel, die wissen mußten: »Wieviel Maschinengewehre sind hinter dem nächsten Hügel?« Dann haben sie gefoltert. Ich war nicht dabei, aber das wußte man.

Man hat auch gewußt, daß die Gegenseite, also die Deutschen, foltern und töten. Wir haben als Aufklärungstruppe gewußt, wenn sie einen Deutschsprachigen erwischen, der wird gefoltert und getötet.

Auch in ihren heutigen Kriegen wenden die US-Truppen Verhörmethoden an, die als Folter bezeichnet werden müssen. In Ihrem Buch gibt es eine Stelle, wo Sie sich darüber zu wundern scheinen, daß man sich heute darüber aufregt. Haben Sie Verständnis für diese Methoden?

Nein, ich habe kein Verständnis dafür, aber ich glaube, es ist unvermeidlich. Die Leute foltern, wenn sie eine Auskunft haben wollen, die ihnen die andere Seite nicht sagen will. Wenn gerade keine Fotografen dabei sind: umso besser. Ich wundere mich, daß man ein großes Ding daraus macht. Ich wüßte niemand, der das nicht tut. Alle tun das, wenn sie Auskunft erhalten wollen. Ich bin sicher, das ist heute in Afghanistan nicht viel anders als damals im Zweiten Weltkrieg.

Es gibt doch aber auch so etwas wie ein Folterverbot.

Ja, aber ich glaube nicht, daß das eine Chance hat. Was machen Sie, wenn niemand da ist, der auf so etwas guckt? Außerdem: Wo beginnt die Folter, wo hört sie auf? Es gibt dieses Waterboarding, wo jemand glaubt zu ertrinken. Das sind natürlich grausame Sachen. Ich bin froh, daß ich damals niemand gefoltert habe.

Sie haben früher einmal Sympa­thien für den Anarchismus geäußert.

Das stimmt noch heute. Anarchismus ist nicht unbedingt mit Gewalt verbunden. Das wird bloß so kolportiert. Anarchismus heißt einfach: Verwalten statt Regieren. Anarchismus heißt: Keine Macht für irgend jemand. Autorität ja, aber keine Macht. Das ist ein großer Unterschied. Das ist natürlich ein Idealzustand, der nicht so leicht zustande kommen wird. Aber ich glaube, jeder Künstler, der ernst genommen wird, ist ein Anarchist. Das gehört zum Beruf, daß man Macht nicht haben will. Autorität ist etwas anderes. Ein Schneider, der mir einen Anzug schneidert, hat Autorität, was den Anzug betrifft, aber keine Macht. In dieser Hinsicht bin ich auch heute noch Anarchist.

Haben Sie in diese politische Richtung jemals Kontakte gehabt?

Nein. Anarchismus ist für mich eine Geisteseinstellung, die ich im täglichen Leben zu verwirklichen versuche. Ich versuche, keine Macht auszuüben, und versuche, mit regierenden Leuten höchst vorsichtig umzugehen. Man assoziiert Anarchismus mit »Bomben schmeißen«. Das hat damit aber überhaupt nichts zu tun. Das ist Quatsch. Kontakte zu anderen Anarchisten hatte ich nicht. Richtige politische Kontakte habe ich bis heute keine. Vor vielen Jahren, als ich in New York lebte und noch sehr jung war, habe ich mit vielen Kommunisten zusammengesessen. Aber die waren damals so von Moskau abhängig, daß ich weiter keine Konsequenzen daraus gezogen habe.

Sie hatten damals auch Kontakt mit dem Komponisten Hanns Eisler. Können Sie darüber etwas erzählen?

Ich habe für Charles Chaplin in dem Film »Monsieur Verdoux« mitgearbeitet. Ich war damals sehr jung, erst 23 Jahre alt. Es gibt ein paar Szenen in dem Film, wo der Chaplin Klavier spielt. Er sitzt an einer Attrappe. Ich bin im Hintergrund und spiele synchron zu seinen Handbewegungen. Derjenige, den man hört, das bin ich.

Chaplin hat die Musik zu diesem Film selbst komponiert, aber er konnte keine Noten schreiben. Er hat sie mir deshalb vorgepfiffen. Ich habe sie aufgeschrieben und bin dann alle paar Tage von den Chaplin-Studios am Sunset Boulevard in Hollywood zu Hanns Eisler nach Malibu gefahren und habe ihm mein Manuskript gegeben. Viel weiter ging der Kontakt aber nicht.

Damals gab es die heutigen Autobahnen noch nicht und es waren ein bis zwei Stunden Fahrt von Hollywood nach Malibu. Meist hat sich Eisler nur das Notenblatt angeschaut, und ich habe draußen gestanden. Ein einziges Mal hat er mich hinein gebeten, damit ich ihm vorspiele, weil er nicht sicher war, wie es gemeint war. Da habe ich mich dann ans Klavier gesetzt und ein paar Worte mit ihm gewechselt. Ich habe dann gesehen, daß sein Name im Vorspann des Films nicht erwähnt wurde. Darüber war ich verwundert. Später habe ich gehört, daß er sich mit Chaplin gestritten und seinen Namen zurückgezogen hat.

Hatten Sie später, als Sie aus der Emigration nach Europa zurückgekehrt waren, noch einmal eine Begegnung mit Eisler?

Nein. Die Begegnung, die ich in den USA mit ihm hatte, war ja eher flüchtig gewesen.

Sie haben einmal geschrieben: »Jeder Mensch muß vor allem versuchen, die Hindernisse, die die Sonne verstellen, für sich und seine Mitmenschen aus dem Weg zu räumen.« Haben Sie es geschafft, diesem Postulat in Ihrem eigenen Leben gerecht zu werden?

Hindernisse aus dem Weg zu räumen, ist nicht meine Art. Ich gehe weg. Wenn sich mir ein Hindernis auftut, verlasse ich das Zimmer und suche mir einen anderen Weg. Aber das ist nicht unbedingt richtig. Es ist halt meine Art.

Das Zitat bezieht sich aber auch auf die Zeit der Naziverfolgungen, und da mußte man natürlich schon Hindernisse aus dem Weg rollen. Zum Beispiel hat mein Vater, ein Rechtsanwalt, Wochen gebraucht, um alle Papiere zusammenzukriegen, die wir damals für die Ausreise aus Österreich brauchten.

Von Ihrer Familie haben relativ viele die Naziherrschaft überlebt.

Ja, relativ viele. Ich hatte eine große Verwandtschaft. Mein Vater hatte acht Geschwister, meine Mutter vier. Einige Onkel sind umgekommen. Meine Eltern und ich sind rechtzeitig herausgekommen aus Österreich. Wenige Tage vor unserer Ausreise ist mein Vater noch von der Gestapo vorgeladen worden, aber man hat ihn laufen lassen. Ich habe vor ein paar Jahren herausgefunden, daß er schon auf einer Liste von Rechtsanwälten in Wien stand, die ins Konzentra­tionslager kommen sollten.

Ist es nach dem Krieg noch einmal zu einem Familientreffen gekommen?

Nein. Das war damals ausgeschlossen. Manche waren in Schanghai, andere in den USA, in England oder in Südamerika. Mit einer Cousine, die als Kind nach Brasilien kam, korrespondiere ich noch. Sonst weiß ich von niemandem etwas. Die Onkel und Tanten sind natürlich längst tot. Da ich der jüngste von den Cousins war, ist anzunehmen, daß die meisten wohl mittlerweile gestorben sind.

In Ihrem neuen Buch sagen Sie voraus, daß es eine Revolution geben wird, die den gegenwärtigen Verhältnissen ein Ende setzt. Würden Sie so eine Umwälzung begrüßen?

Natürlich würde ich es begrüßen, wenn es dazu kommt. Denn wir leben zur Zeit in einer Unrechtsgesellschaft. Das sticht ja geradezu ins Auge. Irgendwann sind solche Unrechtsgesellschaften aber historisch gesehen zu Ende. Das hat man ja auch 1989 in Deutschland und in Osteuropa gesehen. Da gab es Unrechtsgesellschaften, und die wurden abgeschafft. Zugegeben: Dabei kamen neue Unrechtsgesellschaften heraus. Aber die werden auch abgeschafft werden. Ganz sicher. Auf die Dauer lassen sich die Menschen nichts gefallen.

14. November 2009, 16:06 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Käptn Kiff



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Beiträge: 1069

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wenn man allerfeinste kommunistische barden nur so leicht wiedererwecken könnte wie thread-leichen in diesem forum:

http://neoprene.blogsport.de/2011/11/23/georg-kreisler-ist-gestorben/

_________________
argumentum ad baculum
30. November 2011, 14:50 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
ratatoskr



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Beiträge: 565
Wohnort: walhall

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Käptn Kiff hat Folgendes geschrieben:
wenn man allerfeinste kommunistische barden nur so leicht wiedererwecken könnte wie thread-leichen in diesem forum:


Dank Youtube kann man es ja doch irgendwie ein bisschen:




_________________
Das ist die Verrücktheit einer Gesellschaft, die sich von einem Sachzwang bestimmen lässt, der nur existiert, weil ihn die einen selbst praktizieren und die anderen sich ihn aufherrschen lassen.
30. November 2011, 15:49 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
mühsal



Anmeldedatum: 14.09.2009
Beiträge: 27
Wohnort: In der Stahlbetonsargwohnung direkt links unter deinem Niveau

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Käptn Kiff hat Folgendes geschrieben:
wenn man allerfeinste kommunistische barden nur so leicht wiedererwecken könnte wie thread-leichen in diesem forum:

kommunistische barden? naja ich glaube nicht, dass sich Kreisler als Kommunist sah

"Nein. Anarchismus ist für mich eine Geisteseinstellung, die ich im täglichen Leben zu verwirklichen versuche. Ich versuche, keine Macht auszuüben, und versuche, mit regierenden Leuten höchst vorsichtig umzugehen. Man assoziiert Anarchismus mit »Bomben schmeißen«. Das hat damit aber überhaupt nichts zu tun. Das ist Quatsch. Kontakte zu anderen Anarchisten hatte ich nicht. Richtige politische Kontakte habe ich bis heute keine. Vor vielen Jahren, als ich in New York lebte und noch sehr jung war, habe ich mit vielen Kommunisten zusammengesessen. Aber die waren damals so von Moskau abhängig, daß ich weiter keine Konsequenzen daraus gezogen habe."

Wie dem auch sei, ich finde seine texte nach wie vor einfach genial.




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Die einzig richtige Einstellung in der heutigen Welt, ist die eines gepflegten Galgenhumors.
19. April 2012, 20:09 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Käptn Kiff



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nicht?





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argumentum ad baculum
20. April 2012, 08:07 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
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