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Lotterieaufstand in Albanien (1997)

 
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Lotterieaufstand in Albanien (1997)
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Melnitz



Anmeldedatum: 11.10.2006
Beiträge: 3354

Beitrag Lotterieaufstand in Albanien (1997) Antworten mit Zitat
In Zeiten, als die Bahamas noch halbwegs lesbar zu sein schien, wurde der Lotterieaufstand in Albanien folgendermassen kommentiert:

Zitat:
Die tendenziell emanzipatorische Leistung der Albaner besteht aber in ihrem staatsbürgerlichen Versagen. Sowohl Profiteure wie Verlierer der Pyramidenspiele hatten nur eines im Sinn: so schnell wie möglich reich zu werden und mit dem erwarteten Reichtum möglichst bald das Land zu verlassen. Diese "Deformation der Werte und der sozialen Tradition" (Tagesspiegel 18.3.97) verhinderte seit dem Zusammenbruch der Pyramiden einen das staatliche Gewaltmonopol renovierenden nationalen Konsens. Die Verlierer bestehen auf der Rückgabe ihres verlorenen Einsatzes, obwohl oder gerade weil sie wissen, daß dieser in Albanien zu nichts anderen als zum erneuten Spielen wirklich taugt. Die Legitimität des Staates wird ganz unzeitgemäß von seinem konkreten Nutzen für die Nutzlosen abhängig gemacht. Das unterscheidet die albanische Volksbewegung von den anderen bekannten postkommunistischen Unruhen. Damit stellen die Aufständischen - und auch die häufig nahezu kampflos kapitulierenden regulären Armee- und Polizeitruppen - sich quer zu den Erwartungen des marktwirtschaftlichen Weltgeistes im Reich der Freiheit. Voll Staunen darüber, daß dies heute noch nötig ist, formuliert die Neue Zürcher Zeitung gleichwohl geduldig, was hierzulande keinem Staatsbürger mehr gesagt zu werden braucht: "Jeder Anleger, der in die Pyramiden investierte, wusste um das Risiko und hat es daher auch selbst zu tragen." (18.3.97)

Solche Selbstverständlichkeiten der bürgerlichen Geschäftsordnung sind durch das Scheitern der Geldwirtschaft knapp sieben Jahre nach Einführung ihrer "echten" Version in Albanien ebenso fragwürdig geworden wie die staatsbürgerliche Loyalität überhaupt. In weiten Teilen des Landes haben die Leute dort erstmals das getan, was nach Ansicht radikaler Linker überhaupt an jedem Ort der Welt getan werden müßte: Die Staatsmacht vertreiben und Räte organisieren, die Gefängnisse öffnen und die lebensnotwendigen Dinge direkt aneignen. Für die "internationale Gemeinschaft" sind sie deshalb zum Objekt polizeilicher Exekutivaufgaben geworden. Aber auch für Linke (4) ist ein solches Benehmen äußerst anstößig. Werner Pirker, stolz, noch in jedem Wirtshaus seine Zeche selbst bezahlt zu haben, hegt einen quälenden Verdacht: "Ob sie bloß zurückklauen wollen, was ihnen geklaut wurde oder ob sie bereits darüber hinausgehende Visionen entwickelt haben, ist schwer auszumachen." (jW 11.3.97)

[...]

Angesichts ihrer Überflüssigkeit für die kapitalistische Wertverwertung haben die Albaner schließlich das getan, was auch unter weniger prekären Bedingungen sinnvoll wäre. Sie haben gehandelt wie Bertolt Brechts Kommunarden, deren Resolution vor Jahren noch zu den Hits der hiesigen arbeitertümelnden Linken gehörte: "In Erwägung ... usw. ... / Wollen wir mal feststelln, daß nur Fensterscheiben / Uns vom guten Brote trennen, daß uns fehlt." Fensterscheiben sind wie die Preisschilder an den Waren ein sinnfälliger Ausdruck der staatlich garantierten Wertförmigkeit der notwendigen Dinge. Sie zu mißachten, die ausschließende Abstraktion des Wertes zugunsten der unmittelbaren Aneignung zu überwinden, ist die über den Augenblick hinausreichende "Botschaft" der Aufständischen. Daß ihnen auf die Dauer unter ihren konkreten Bedingungen kaum ein Erfolg beschieden sein wird, steht auf einem anderen Blatt. Doch nicht erst auf diesem steht die Notwendigkeit der direkten Aneignung und der Vertreibung der Staatsgewalt in den uns nur zu vertrauten "entwickelten" Ländern. Und damit auch die "Emanzipation der Deutschen zu Menschen" (Marx).

Wie immer die albanische Revolte enden wird, die praktizierte Aufkündigung der Loyalität zu Markt und Staat, die Zerschlagung der alten Strukturen und die Selbstorganisierung - für den SPIEGEL bezeichnenderweise der "Selbstmord einer Nation" (12/97), rücken basale Voraussetzungen einer Aufhebung des Kapitalismus wieder ins Bewußtsein. Insofern ist das albanische Beispiel durchaus ein Hoffnungsschimmer für alle, die noch auf den Massenselbstmord der Nationen - sprich Revolution - setzen.

Chaos und Anarchie in Albanien (Bahamas 23)

12. August 2010, 01:48 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Melnitz



Anmeldedatum: 11.10.2006
Beiträge: 3354

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Was im Albanien von damals passiert ist, erinnert mich daran, was die Gruppe Théorie Communiste unter dem Begriff Kommunisierung als notwendigen Schritt der Revolution zusammenfasste:

Zitat:
The attack against the capitalist nature of the means of production is tantamount to their abolition as value absorbing labour in order to valorize itself; it is the extension of gratuity, the potentially physical destruction of certain means of production; their abolition as factories in which the product is defined as product, i.e. the frameworks of exchange and of commerce; it is the upheaval of relations between the sections of productionwhich materialise exploitation and its rate; it is their definition, their setting in individual intersubjective relations; it is the abolition of the division of labour such as it is inscribed in the urban landscape, in the material configuration of buildings, in the separation between town and country, in the very existence of something which one calls a factory or a place of production. “Relations between individuals are fixed in things, because exchange value is by nature material” (Marx, Grundrisse...) The abolition of value is a concrete transformation of the landscape in which we live, it is a new geography. The abolition of social relations is a very material affair.

[...]

The destruction of exchange: this means the workers attacking the banks which hold their accounts and those of other workers, thus making it necessary to manage without; this means the workers communicating their “products” to themselves and the community directly and without market; this means the homeless occupying homes, thus “obliging” construction workers to produce freely, the construction workers taking from the shops at liberty, obliging the whole class to organise to seek food in the sectors to be collectivised, etc. Let’s be clear about this. There is no measure which, in itself, taken separately, is “communism”. To distribute goods, to directly circulate means of production and raw materials, to use violence against the existing state: fractions of capital can achieve some of these things in certain circumstances. That which is communist is not “violence” in itself, nor “distribution” of the shit that we inherit from class society, nor “collectivisation” of surplus-value sucking machines: it is the nature of the movement which connects these actions, underlies them, renders them the moments of a process which can only communise ever further, or be crushed.

TC: Self-organisation is the first act of the revolution ; it then becomes an obstacle which the revolution has to overcome

12. August 2010, 01:38 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
O.B.M.F



Anmeldedatum: 18.01.2006
Beiträge: 1218
Wohnort: Zug

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Hie noch ein Text aus den Wildcat-Zirkular zum Aufstand damals:

http://www.wildcat-www.de/zirkular/36/z36alban.htm
12. August 2010, 12:09 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
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