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Über den Rechtsruck der Antisemitismuskritik

 
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Über den Rechtsruck der Antisemitismuskritik
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Muoit



Anmeldedatum: 31.10.2006
Beiträge: 1498

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Auch wenn er meines Erachtens manches Mal übers Ziel hinausschiesst, ein interessantes Interview mit Moshe Zuckermann über den instrumentellen Umgang mit dem Antisemitismusvorwurf von konservativer und antideutscher Seite. Kein Wunder ist die Konkret dem Zuckermann seit einiger Zeit spinnefeind...

Zitat:

M. Z.: Nein, die neue Ideologie, von der Sie reden, ist nichts anderes als ein Mittel, kaschierte Interessen effektiv zu verfolgen, und ist darin das, was Ideologie letztlich schon immer war: ein Instrument der Affirmation von Herrschaft und Legitimierung von repressiv Bestehendem. Der Antisemitismusbegriff, dessen sich diese Ideologie bedient, hat, wie Sie richtig andeuten, fast nichts mehr mit Antisemitismus, geschweige denn mit seiner Bekämpfung zu tun, sondern dient, wie ich eingangs sagte, als Instrument zur Verfolgung gänzlich fremdbestimmter Zwecke. Dass er sich dabei des Shoah-Gedenkens in so perfider Weise bedient, wie er es immer wieder tut, ist für mich mit die schändlichste Form der Verwertung der Erinnerung an die historischen Opfer, ja grenzt meines Erachtens an Shoah-Verleugnung. Der philosemitische Impuls, der dabei oft zutage tritt, ist gerade darin durchaus dem genuinen antisemitischen Ressentiment verschwistert. (...)

H.: Es wurden Kommunisten und andere Kapitalismuskritiker als „neue Antisemiten“ denunziert. Schließlich nahmen prominente Neocons wie Alan Dershowitz* alle Kritiker von Israels Staatspolitik, der neoimperialistischen Kriege der westlichen Welt oder Kritiker von Folter oder anderen Menschenrechtsverletzungen ins Visier. Irgendwann mussten soziale Bewegungen dran glauben, die sich gegen Rassismus oder auch nur gegen Kinderarbeit oder Tierversuche engagieren. Diese inflationäre Entwicklung gipfelte in der grotesken Behauptung, schon die pejorative Verwendung des Begriffs Neokonservatismus sei eine Form verkappten Judenhasses. (...)

M. Z.: Es geht also um eine verbale Praxis, die letztlich darauf hinauslaufen muss, dass durch Inflationierung des Begriffs, mithin durch seine Abnutzung die welthistorische Singularität der Shoah, aber eben auch das Bewusstsein von den geschichtlich gewichtigen Auswirkungen des realen Antisemitismus schlicht aushöhlt. Was den Polemikern, die solche Vergleiche in Israel wie in Deutschland anstellen, entgeht, ist die Tatsache, dass sie damit nicht nur die historischen Opfer des Antisemitismus für unhaltbare Zwecke instrumentalisieren, sondern dass sie die Opfer im Stande ihres Opferseins, also als die, die sie waren, nämlich Opfer, nicht mehr erinnern. Damit verraten sie die Opfer selbst, aber auch das Andenken daran, was diese zivilisatorisch repräsentieren – eine Opfer erzeugende gesellschaftliche Realität – ein weiteres Mal. Im Falle der so agierenden Deutschen wundert mich das auch gar nicht: ihnen geht es ja gar nicht um die Juden, schon gar nicht um die heute noch lebenden, sondern primär um ihre eigene Befindlichkeit bzw. um die Regulierung ihres gestörten emotionalen Haushaltes. Es handelt sich um ein regressives Moment.


http://www.hintergrund.de/201011251260/feuilleton/zeitfragen/das-boese-der-banalisierung.html

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Power to the Pöbel!
30. August 2011, 13:53 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Behemoth



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Beiträge: 167
Wohnort: egal

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Tatsache...

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"ihr aber werdet die soziale Frage wissenschaftlich lösen, d.h. mit euerm grossen Maule. Der brutalen Herrschaft gegenüber seid ihr fein, d.h. ihr seid selber mehr oder weniger Bourgeois. Nur weiter, ihr anständigen Leute, die soziale Frage aber wird brutal gelöst werden; der Racheruf der Unterdrückten wird brutal ertönen" - Der Communist, N°17, 1893
01. September 2011, 18:05 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Pressluftpinocchio
Schraubenverdreher


Anmeldedatum: 26.06.2005
Beiträge: 2944
Wohnort: q3dm17

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http://www.classless.org/2011/08/22/richtige-stellung-5-bahamas/

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06. September 2011, 19:26 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden E-Mail senden
Melnitz



Anmeldedatum: 11.10.2006
Beiträge: 3354

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Gute Anmerkung von Bernhard Schmid zu den judenfeindlichen Ressentiments in Nordafrika:

Zitat:
Der in deutschsprachigen Diskussionen – die sehr häufig deutsche Selbstbetrachtungs-, Selbstfindungs-, und nationale Geschichtsdiskussionen statt Blicke auf eine äußere Realität darstellen – oft auf den Nahostkonflikt projizierte Begriff des Antisemitismus passt in Wirklichkeit nicht auf die Realität arabischsprachiger Länder. Weder stützt sich die Opposition gegen Israel (in ihrer großen Mehrheit) auf eine ›Rassen‹theorie, noch sind auch nur die gesellschaftlichen Grundlagen des Antisemitismus in Europa des frühen 20. Jahrhunderts vorhanden. Damals wurden dort einerseits die abstrakten, modernen (d.h. vorkapitalistische, ›idyllische‹, feudale) Verhältnisse umwälzenden und persönliche Loyalitäts- und Feudalbindungen zerreißenden Aspekte und andererseits die krisenhafte Elemente des Kapitalismus gleichermaßen auf die Juden projiziert: Letztere galten verantwortlich für ›Intellektualismus‹, für ›Winkeladvokaten‹tum und ›Schmierenjournalismus‹, für moderne Kunst, für die ›Finanzoligarchie‹ (verkörpert in der Figur Rothschild) und für den Marxismus (verkörpert in Marx oder Trotzki). Erleichtert wurde dies dadurch, dass die europäischen Juden seit dem Mittelalter – als ihnen Bodenbesitz verboten war – zum Teil in Handels-, Finanz- und später auch in intellektuellen Berufen konzentriert waren. Ferner lebten sie über die neuen nationalstaatlichen Grenzen hinweg über den ganzen Kontinent verstreut. Dies bildete die Grundlage für die Wahnvorstellung, durch die Vernichtung der jüdischen ›Rasse‹ auch die Krisenphänomene, die etwa zur wirtschaftlichen und sozialen Katastrophe von 1929 geführt hatten, ausmerzen zu können. Würde man jedoch heutzutage einen repräsentativen Querschnitt von arabischen Menschen danach befragen, welches Volk ›über die ganze Welt verstreut lebt und Handel betreibt‹, käme als spontane Antwort mutmaßlich: ›Libanesen‹. Würde man nachfragen, welche Leute unverschämt reich im Finanz(spekulations)geschäft aktiv sind, würden die Antwortenden wohl auf Saudis und Golf-Araber tippen. Jene, die ein Feindbild ›Israel‹ pflegen, würden es keineswegs mit dem ›wurzellosen‹, abstrakten Bild des Juden – das im Europa der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verbreitet war – assoziieren, sondern weitaus eher mit einem Staatsvolk, das sich ›an einem Boden festklammert und ihn nicht gleichberechtigt teilen möchte‹. Der Unterschied ist manifest. Es ist arabischsprachigen Ländern zwar tatsächlich oft ein diffuses judenfeindliches Ressentiment im Alltagsklima anzutreffen. Doch ist es falsch – weil darauf nicht tragbare historische Implikationen aufrufend –, darauf den historisch konnotierten Begriff des Antisemitismus (wie er in Europa entstanden war) anwenden zu wollen.


Via: http://ofenschlot.blogsport.de/2011/12/23/zur-geflissentlichen-kenntnisnahme/

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"We houden er niets van de prietpraat, die in de rest van Nederland gedaan wordt. We zijn er gewoon op de man, een woord is een woord, een hand een hand en een vuist is een vuist." (Hafenarbeiter aus Rotterdam)
24. Dezember 2011, 14:38 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
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