Forum-Übersicht
RegistrierenSuchenFAQMitgliederlisteBenutzergruppenLogin
Abnehmende Gewalt?

 
Neue Antwort erstellen    Forum-Übersicht » Literatur & Leseecke Thema drucken Vorheriges Thema anzeigen
Nächstes Thema anzeigen
Abnehmende Gewalt?
Autor Nachricht
lazlo wanda



Anmeldedatum: 26.12.2008
Beiträge: 650

Beitrag Abnehmende Gewalt? Antworten mit Zitat
Steven Pinker vertritt die These, dass die Gewalt in der Menschheitsgeschichte gesamthaft
rückläufig ist. Dazu hat er auf über tausend Seiten eine Unmenge an empirischem Material
zusammengetragen. Die These ist gewagt - und viele Punkte klingen sehr eurozentrisch und
kulturalistisch. Trotzdem ist die These interssant und falls sie zutreffen sollte vermutlich gut
für uns.

Eine kürzeres Interview im Spiegel:
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-81015460.html

_________________
Erwarte nichts. Heute: das ist dein Leben. Kurt Tucholsky

Jaged mer doch all die Verbänd zum Tüüfel! Zorniger Tramfahrer zur Gewerkschaftspolitik an der "Streik-Versammlung"
30. November 2011, 13:13 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Sudaka



Anmeldedatum: 05.04.2011
Beiträge: 81
Wohnort: Welt

Beitrag Antworten mit Zitat
Hab mir das Interview mal durchgelesen.
Seine Thesen sind nicht schlecht, aber ich glaube
er hat einen ziemlich speziellen Begriff von Gewalt.
Er zählt keine psychische Gewalt auf, die durch die aktuellen Verhältnisse diktiert,
bzw. er nimmt sich der aktuellen Gesellschaftsstruktur überhaupt nicht an (heroisiert sie eher noch).
Bööö, komplexe Sache,
wie denkt ihr darüber?

_________________
"Vielmehr geht es darum, dass etwas an sich völlig Nicht-Dingliches, nämlich menschliche und soziale Beziehungen, durch die gesellschaftliche Warenform entfremdet und verdinglicht werden."
30. November 2011, 19:03 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Muoit



Anmeldedatum: 31.10.2006
Beiträge: 1498

Beitrag Antworten mit Zitat
Zitat:
Aggression ist Bestandteil der menschlichen Natur. Deshalb kann die Gewalt auch nicht aus der Geschichte verschwinden.


Der dritte und der vierte Satz. Ich hab genau bis hierhin gelesen. Danach ist mir dir Lust ziemlich gründlich vergangen.
So kriegt man auch nie einen Begriff von der gesellschaftlichen Präformation von Gewalt (die dann auch erstmal zu definieren wäre) hin, weder auf der individuellen Ebene, noch auf der Ebene wo Nationalstaaten mit Bomben und Raketen aufeinander losgehen und ihr Menschenmaterial ganz unfriedlich gegeneinander werfen.

_________________
Power to the Pöbel!
30. November 2011, 21:59 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Muoit



Anmeldedatum: 31.10.2006
Beiträge: 1498

Beitrag Antworten mit Zitat
Lazlo sag mal, meinst du das eigentlich ernst mit dem verlinken?

Zitat:
SPIEGEL: Versagen die moralischen Mechanismen in Situationen, in denen man die Verantwortung nach oben abgibt?

Pinker: Es ist gefährlich, sich auf das Gewissen des Einzelnen zu verlassen. Menschen sind zu vielem imstande; wir müssen die sozialen Kontrollinstanzen so aufbauen, dass gewaltloses Verhalten die bessere Alternative ist. Die fünf historischen Kräfte, die der Gewalt entgegenwirken, haben derzeit zumindest tendenziell die Oberhand: der demokratische Rechtsstaat mit seinem Gewaltmonopol, die wirtschaftliche Globalisierung, die Feminisierung der Gesellschaft, der Kosmopolitismus und der Fortschritt von Wissenschaft und Vernunft.


Und das soll vermutlich gut sein für uns?

_________________
Power to the Pöbel!
30. November 2011, 21:35 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
ratatoskr



Anmeldedatum: 22.07.2010
Beiträge: 565
Wohnort: walhall

Beitrag Antworten mit Zitat
Muoit hat Folgendes geschrieben:
Der dritte und der vierte Satz. Ich hab genau bis hierhin gelesen. Danach ist mir dir Lust ziemlich gründlich vergangen.


Schade, du verpasst echte Highlights:
Freihandel ist Wirtschaftsgemeinschaft und verhindert Gewalt, wie man grad aktuell z.B. in Libyen und Griechenland sehen kann...
Zitat:
Das ändert nichts an der Tendenz, dass Demokratie, Freihandel, wirtschaftliche Verflechtung die Kriegsgefahr verringern. Der Feind wird zum zahlenden Kunden. Die gesamte Europäische Union, die als Wirtschaftsgemeinschaft demokratischer Staaten begann, ist auf diesem Gedanken aufgebaut, der eine Schlussfolgerung aus den Lehren des Zweiten Weltkriegs ist.



Auch der Staat verhindert Gewalt, weil er sie selber ausübt.
Zitat:
Der Prozess der Zivilisation, so wie ihn der deutsche Soziologe Norbert Elias definiert hat, beruht darauf, Recht und Gewalt an den Staat zu übertragen, statt sie selbst in die Hand zu nehmen. So gesehen ist der Staat der große Friedensbringer.


_________________
Das ist die Verrücktheit einer Gesellschaft, die sich von einem Sachzwang bestimmen lässt, der nur existiert, weil ihn die einen selbst praktizieren und die anderen sich ihn aufherrschen lassen.
30. November 2011, 23:10 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
lazlo wanda



Anmeldedatum: 26.12.2008
Beiträge: 650

Beitrag Antworten mit Zitat
Klar, Pinker argumentiert an vielen Stellen sehr staatsaffirmativ (soziale Kontrolle, Frage der "Kultur" etc.).
Aber: sein empirisches Material, das er zusammengetragen hat, sollte man sich erst mal zu Gemüte führen,
oder zumindest zur Kenntnis nehmen, bevor seine im Nachinhein angelegte Interpretation patschpatsch
abgewatscht wird. Ich finde ihn auch an vielen Stellen echt nervend, und wie gesagt, halte ich es auch
nach wie vor eine gewagte These, doch: Falls es tatsächlich zu einer Abnahme der gewaltförmigen
Auseinandersetzungen in der menschlichen Gesellschaft (über die Jahrtausende gesehen) gekommen
ist (nochmals: ohne die tatsächlichen Gewaltstrukturen unserer Gesellschaft ausser Augen zu verlieren),
wäre das nicht das schlechteste für uns!

_________________
Erwarte nichts. Heute: das ist dein Leben. Kurt Tucholsky

Jaged mer doch all die Verbänd zum Tüüfel! Zorniger Tramfahrer zur Gewerkschaftspolitik an der "Streik-Versammlung"
01. Dezember 2011, 04:36 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Muoit



Anmeldedatum: 31.10.2006
Beiträge: 1498

Beitrag Antworten mit Zitat
Woher weisst du denn, was der für empirisches Material zusammengetragen hat? Das kommt im Spiegel-Interview doch gar nicht vor. Ich befürchte, dass der gute Mann einfach von der staatlichen Gewalt abstrahiert. Das liegt bei seinem fürchterlich affirmativen Standpunkt doch auf der Hand. Dass diese Gesellschaft in ihrem inneren (auch) überhaupt von der staatlichen Gewalt zusammengehalten wird, die allerhand Menschen gewaltförmig von einer angemessenen Teilnahme am gesellschaftlichen Reichtum abhält, das ist ihm keine Zeile wert. Einen Begriff von struktureller Gewalt scheint der Autor nicht zu haben. Zudem: Schon die ganze Argumentationsstruktur ist dermassen schief und baut auf einer Psychologisierung gesellschaftlicher Momente auf. Wenn man das materialistisch anschaut, dann muss man sich fragen, welche konkreten historischen Hintergründe die behauptete Abnahme der Gewalt hat und da kann man dann schon auch mal auf andere Resultate kommen. Ich halts für Blödsinn. Ich halts auch für Blödsinn, wenn man Gealt per se als etwas schlechtes definiert. Und so bleibt für mich mehr als schleierhaft, warum es für uns «nicht das schlechteste» sein soll, dass der Staat die Menschen niederhält und auch möglicher revolutionärer Gewalt (bösbös) zu begegnen weiss.

_________________
Power to the Pöbel!
01. Dezember 2011, 18:09 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Danger Mines!!



Anmeldedatum: 24.10.2006
Beiträge: 1444
Wohnort: süsch no was?!

Beitrag Antworten mit Zitat
in dem zusammenhang wuerd es mich mal interessieren ob sich selber gewalt zufuegen auch in irgendeiner form bei seinen studien vorkommt.
ich aeussere mal die vorsichtige hypothese, dass die menschen sich heute selber mehr leid zufuegen als dies vor hunderten oder tausenden von jahren der fall war.
oder kennt jemand ne story von massenhaft jungen die sich die arme verkratzen und aufschlitzen oder sich umbringen?? heute gibts dies ja massenweise und die meisten von uns werden wohl solche faelle persoenlich kennen.
hat wohl eben auch damit zu tun, dass er sehr unvollstaendig mit dem thema umgeht. (laut dem kleinen spiegelbericht auf jedenfall)

_________________
Und wie die antiken Staaten an der Sklaverei zugrunde gegangen sind, so werden auch die modernen Staaten am Proletariat zugrunde gehn. M.B.
01. Dezember 2011, 18:37 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
lazlo wanda



Anmeldedatum: 26.12.2008
Beiträge: 650

Beitrag Antworten mit Zitat
Okay. Ich krebse zurück. Mir wurde das Buch aus dritter Hand empfohlen. Nun
habe ich selber darin geschmökert; sehr quellenkritisch geht Pinker mit seinen
zusammengetragenen Daten nicht um.
Weshalb ich seine These interessant fand ist viel zu weit enfernt davon: Beverly
Silver hat in einem Aufsatz über Arbeiterbewegung, Krieg und Weltpolitik mal
beschrieben, dass die USA seit dem Ersten Weltkrieg bis zum Vietnamkrieg
(ein bis heute andauernder Prozess) immer mehr Mühe gehabt hat, Soldaten an
die Front zu kriegen, weil sich diese immer häufiger weigerten sich als Kanonen-
futter zu opfern. Das war dann laut Silver auch die Ursache, warum die
meisten grösseren Staaten (im Westen) die Wehrpflicht abschaffen mussten.
Und dies ist sicherlich eine postive Entwicklung. Aber ja, der gedankliche Sprung
ist zugegebenermassen ein wenig zu weit.

_________________
Erwarte nichts. Heute: das ist dein Leben. Kurt Tucholsky

Jaged mer doch all die Verbänd zum Tüüfel! Zorniger Tramfahrer zur Gewerkschaftspolitik an der "Streik-Versammlung"
02. Dezember 2011, 02:51 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Raskolnikow



Anmeldedatum: 23.05.2011
Beiträge: 480

Beitrag Antworten mit Zitat
Zitat:
Steven Pinker vertritt die These, dass die Gewalt in der Menschheitsgeschichte gesamthaft rückläufig ist.


wie ja auch sklaverei, erster und zweiter weltkrieg, genozide und imperialistische massenvernichtung auf demokratische weise demonstrieren.

_________________
A slave is one who waits for someone to come and free him. - Ezra Pound
02. Dezember 2011, 05:11 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Muoit



Anmeldedatum: 31.10.2006
Beiträge: 1498

Beitrag Antworten mit Zitat
Ofenschlot hat was dazu geschrieben:
http://ofenschlot.blogsport.de/2012/04/26/evolutionaeres-verschwinden-der-gewalt/

_________________
Power to the Pöbel!
27. April 2012, 18:05 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Behemoth



Anmeldedatum: 07.08.2010
Beiträge: 167
Wohnort: egal

Beitrag Antworten mit Zitat
Danger Mines!! hat Folgendes geschrieben:

oder kennt jemand ne story von massenhaft jungen die sich die arme verkratzen und aufschlitzen oder sich umbringen?? heute gibts dies ja massenweise und die meisten von uns werden wohl solche faelle persoenlich kennen.

ähm... ja...
Sehr vergleichbar wäre z.B. die Selbstgeisselung in vielen Religionen, wie z.B. Christentum, Judentum, Buddhismus... Peitschen, Hungern, auch Verstümmelung, ritzen weiss nicht... Selbstmord ist je nach Kultur auch unterschiedlich, wobei zugegebenermassen die heutige Kultur mit ihrer Sinnlosigkeit schon ziemlich dazu drängt...

Allgemein ist ja sone studie über gewalt schon ein bisschen lächerlich, nicht nur dass der Gewaltbegriff meines wissens als äquivalenzbegriff (gewalt=gewalt=böse) relativ modern ist, sondern auch weil es relativ schwer ist zu sagen welchen kulturkreis meint der z.B.? die ganze welt? was ist menge gewalt? Auflistung von toten?
Und dann noch: a) es handelt sich um statistiken, statistiken die irgendwer selbst gefälscht hat... Die eine "dunkelziffer" haben müssen, wenn man sich mal das thema anschaut...
Und b) wär das positiv wenn es wenig gewalt gibt? Weil, der typ wird ja kaum irgendwelche kompliziertere Gewaltverhältisse im auge haben, wo er dann wohl keine gewalt sieht... und selbst wenn die herrschende ordnung die gewalt überflüssig machen würde, zu wessen gunsten wohl? wäre gewalt heute wirklich überflüssig, dann aus der sicht des systems, denn nur der sieger kann die waffen wählen...
c) anschliessend an das stell ich mir grad die frage ob echt die abnahme der gewalt nicht vor allem an der willigkeit der untertanen liegt, und ob das lebenlassen (und implizierende versklaven) der feinde nicht fast eine schlimmere historische entwicklung ist... das war doch der sinn vom leviathan, nicht?

_________________
"ihr aber werdet die soziale Frage wissenschaftlich lösen, d.h. mit euerm grossen Maule. Der brutalen Herrschaft gegenüber seid ihr fein, d.h. ihr seid selber mehr oder weniger Bourgeois. Nur weiter, ihr anständigen Leute, die soziale Frage aber wird brutal gelöst werden; der Racheruf der Unterdrückten wird brutal ertönen" - Der Communist, N°17, 1893
24. Dezember 2012, 04:45 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Neue Antwort erstellen    Forum-Übersicht » Literatur & Leseecke Alle Zeiten sind GMT + 1 Stunde
Seite 1 von 1

 
Gehe zu: 
Du kannst keine Beiträge in dieses Forum schreiben.
Du kannst auf Beiträge in diesem Forum nicht antworten.
Du kannst deine Beiträge in diesem Forum nicht bearbeiten.
Du kannst deine Beiträge in diesem Forum nicht löschen.
Du kannst an Umfragen in diesem Forum nicht mitmachen.


Powered by phpBB © 2001, 2005 phpBB Group
Design by Freestyle XL / Music Lyrics.Deutsche Übersetzung von phpBB.de