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Mario Tronti - Unser Operaismus

 
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Mario Tronti - Unser Operaismus
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Melnitz



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Beitrag Mario Tronti - Unser Operaismus Antworten mit Zitat
Mario Tronti hat im Februar 2012 einen rückblickenden Artikel über den Operaismus geschrieben. Leider ist er bisher nur in englischer Sprache verfügbar (vielleicht noch auf Italienisch). Jedenfalls scheint er in seinem Schlussabsatz für Reformismus auch keinen Spielraum mehr zu sehen:

Zitat:
From the 1980s onwards, neo-liberal capitalist restoration sapped the workers’ capacity for opposition. With the breaking of the weakest link in the anti-capitalist chain—the Soviet state—there was no longer any way to block the returning hegemonic power from taking absolute command. The newly declared dominance of capital was not just economic but social, political and cultural. It was at once theoretical and ideological, a combination of intellectual and mass common sense. Yet it’s worth stressing one final fact: for as long as the post-capitalist horizon remained open, the struggle to introduce elements of social justice within capitalism achieved some success. Once the revolutionary project was defeated, the reformist programme became impossible too. In this sense, the latest form of neo-liberal capitalism may prove ironically similar to the final forms of state socialism: incapable of reform.

Ganzer Text: Our Operaismo


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"We houden er niets van de prietpraat, die in de rest van Nederland gedaan wordt. We zijn er gewoon op de man, een woord is een woord, een hand een hand en een vuist is een vuist." (Hafenarbeiter aus Rotterdam)
24. Mai 2012, 00:08 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
narodnik



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Big thanks!

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"Solange wir nicht fragen, was uns die Welt bedeutet und was wir der Welt bedeuten, solange können wir uns jede Demonstration sparen" - Rudi Dutschke
25. Mai 2012, 21:43 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
O.B.M.F



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Audio:

Christian Frings - Die neue Marx-Lektüre des frühen Operaismus

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Wenn ich dabei tanzen muss, ist es nicht meine Revolution.
25. Oktober 2012, 18:41 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Karlito



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Beitrag Re: Mario Tronti - Unser Operaismus Antworten mit Zitat
Melnitz hat Folgendes geschrieben:
Mario Tronti hat im Februar 2012 einen rückblickenden Artikel über den Operaismus geschrieben. Leider ist er bisher nur in englischer Sprache verfügbar (vielleicht noch auf Italienisch). Jedenfalls scheint er in seinem Schlussabsatz für Reformismus auch keinen Spielraum mehr zu sehen:

Zitat:
From the 1980s onwards, neo-liberal capitalist restoration sapped the workers’ capacity for opposition. With the breaking of the weakest link in the anti-capitalist chain—the Soviet state—there was no longer any way to block the returning hegemonic power from taking absolute command. The newly declared dominance of capital was not just economic but social, political and cultural. It was at once theoretical and ideological, a combination of intellectual and mass common sense. Yet it’s worth stressing one final fact: for as long as the post-capitalist horizon remained open, the struggle to introduce elements of social justice within capitalism achieved some success. Once the revolutionary project was defeated, the reformist programme became impossible too. In this sense, the latest form of neo-liberal capitalism may prove ironically similar to the final forms of state socialism: incapable of reform.

Ganzer Text: Our Operaismo


Vielen Dank fürs Posten! Habe mit dem Gedanken gespielt den Artikel zu übersetzen, aber er ist relativ lang.

Mag sich jemand an einer Übersetzung beteiligen?

LG
11. Dezember 2012, 13:54 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Muoit



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Mein Englisch ist leider zu miserabel... Wär aber über eine Üersetzung natürlich froh.

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Power to the Pöbel!
11. Dezember 2012, 23:39 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
rude e
Mad Dog


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Ich wäre dabei. Wie teilen wir ihn auf?

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Es tut mir leid wenn ich euch störe, Leute, aber ich tanze immer den letzten Tanz der Saison. In diesem Jahr hat es mir einer verboten. Aber ich lasse mir nichts verbieten. Ich werde tanzen, und zwar mit einer wundervollen Partnerin.

Erst wenn der letzte Lappen gelöhnt, die letzte Mark verjubelt und der letzte Groschen gefallen ist, werdet Ihr merken, dass man mit Bäumen nicht bezahlen kann.
12. Dezember 2012, 14:37 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Danger Mines!!



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wuerd es auch mit einem kleinen teil versuchen, schickt mir ne pm was ich uebersetzen soll, dann machen wir nicht alles doppelt...

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Und wie die antiken Staaten an der Sklaverei zugrunde gegangen sind, so werden auch die modernen Staaten am Proletariat zugrunde gehn. M.B.
13. Dezember 2012, 16:08 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
fräulein else



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würd auch ein bissl übersetzen....

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"Es wird immer schwerer, normal zu sein"
14. Dezember 2012, 00:08 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
rude e
Mad Dog


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Ich mach mal bis "Rupture of fifty-six".

Edit: Also alles oberhalb dieses Titels.

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14. Dezember 2012, 19:57 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Danger Mines!!



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ich geh weiter bis: A Bildungsroman

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15. Dezember 2012, 02:03 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
fräulein else



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dann mach ich bis our workerism? okay

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15. Dezember 2012, 10:44 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
rude e
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Bene.

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Erst wenn der letzte Lappen gelöhnt, die letzte Mark verjubelt und der letzte Groschen gefallen ist, werdet Ihr merken, dass man mit Bäumen nicht bezahlen kann.
16. Dezember 2012, 13:09 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
fräulein else



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in meinem teil kommt folgendes marx zitat vor:
Zitat:
But the revolution is thorough. It is still on its journey through purgatory. It goes about its business methodically.

wer weiss, wo ich das original (auf deutsch) finde?

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"Es wird immer schwerer, normal zu sein"
17. Dezember 2012, 22:16 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Savo



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das zitat stammt aus "der achtzehnte brumaire des louis bonaparte":

Zitat:
Aber die Revolution ist gründlich. Sie ist noch auf der Reise durch das Fegefeuer begriffen. Sie vollbringt ihr Geschäft mit Methode. Bis zum 2. Dezember 1851 [Anm. Staatsstreich Louis Napoleons] hatte sie die eine Hälfte ihrer Vorbereitung absolviert, sie absolviert jetzt die andre. Sie vollendete erst die parlamentarische Gewalt, um sie stürzen zu können. Jetzt, wo sie dies erreicht, vollendet sie die Exekutivgewalt, reduziert sie auf ihren reinsten Ausdruck, isoliert sie, stellt sie sich als einzigen Vorwurf gegenüber, um alle ihre Kräfte der Zerstörung gegen sie zu konzentrieren. Und wenn sie diese zweite Hälfte ihrer Vorarbeit vollbracht hat, wird Europa von seinem Sitze aufspringen und jubeln: Brav gewühlt, alter Maulwurf!


Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, 7. Kapitel: Karl Marx 1852

quelle: http://www.marxists.org/deutsch/archiv/marx-engels/1852/brumaire/kapitel7.htm (9. absatz)

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"Komplettere Esel als diese Arbeiter gibt es wohl nicht." (Marx)
17. Dezember 2012, 22:45 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
fräulein else



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du bisch aber en gschnälle...
die englische version, welche in tronti's text vorkommt, hab ich per google nicht gefunden...

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18. Dezember 2012, 17:33 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Savo



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das liegt daran, dass tronti eine andere übersetzung genutzt hat (entweder eine italienische, die anders ins englische übersetzt wird oder eine andere englische). im englischen MEW-original heisst es:

Zitat:
But the revolution is thoroughgoing. It is still traveling through purgatory. It does its work methodically.


und nicht

Zitat:
But the revolution is thorough. It is still on its journey through purgatory. It goes about its business methodically.


letztere version findet sich nur bei tronti und, was auf eine spezifische englische version schliessen lässt, bei negri.

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18. Dezember 2012, 18:37 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
fräulein else



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mein teil:


Unser Operaismus - M. Tronti

[....]
Ein Bildungsroman

Es war in den frühen 1960ern als sich eine operaistische Gruppe spontan zu formieren begann. Nicht so, wie die ‘Gruppen’ in den 1970ern institutionalisiert wurden. Sie war originell, ein ausschliesslich informeller Weg, zusammen zu kommen, politisch als auch kulturell. Es ist merkwürdig, wie die ganze Zeit lang eine gewisse gegenseitige Zuneigung bestehen blieb, sogar mit denen, die nicht mit uns den Weg von den Quaderni Rossi [Rote Notizbüchlein] zu Classe Operaia [Arbeiterklasse] gegangen sind. Noch immer fühle ich eine tiefe Sympathie, wenn ich mich an die menschlichen Qualitäten von Personen wie Bianca Beccalli, Dario und Liliana Lanzardo, Mario Miegge, Giovanni Mottura, Vittorio Rieser, Edda Saccomani, Michele Salvati und anderen erinnere. Quaderni Rossi war ein schöner Titel für eine Zeitschrift, mit einer bildhaften Einfachheit, eloquent in sich selbst. Die ‘Notizbücher’ drückten den Willen für Forschung, Analyse und Studium aus. Das rote Cover war das Zeichen einer Entscheidung, eine Zusage, so zu sein. Um die Schrift einzuleiten - und somit das Lesen - war das Cover schwarz auf rot gedruckt - eine brilliante Idee Panzieris.

Raniero - er starb 1964 in seinen Vierzigern - war einer, die zu wenig Zeit auf dieser Erde hatte. Jedoch genug lang, um eine Spur zu hinterlassen. Wenn ich mich an ihn erinnere, wenn ich wieder über ihn nachdenk, fühl ich eine Nostalgie für eine verlorene politische Menschlichkeit. Er war kein natürlicher, romantischer Held, aber wurde zu einem durch den Zwang der Umstände. Er wollte vom Organisator der Operaismus zum Organisator von Arbeiterkultur werden. Aber er konnte gar nichts wirklich organisieren. Da lag ein Charme in seinen Limiten, die so ähnlich waren wie unsere eigenen - speziell wie meine eigenen - was uns eine Nähe zu ihm fühlen liess. Panzieri’s Marx war der Marx Luxemburgs, nicht Lenins. Wie Rosa hat er das Kapital gelesen und sich die Revolution vorgestellt. Nicht wie Lenin, der das Kapital gelesen hat um die Revolution zu organisieren. Er war kein, und hätte nie ein Kommunist sein können. Seine Tradition war die des revolutionären Syndikalismus, mit einem Schuss anarchischem Sozialismus, welcher von der PSI historisch geboren wurde. Aber ‘Arbeiterkontrolle’ war ein Zauberwort, welches uns von dem anderen dogmatischen Schlummern aufweckte - die sozialistische ‘Partei für alle Menschen’.

Mit Raniero bei Nacht durch die Strassen Roms oder Mailands - nicht durch’s verhasste Turin - zu gehen, liess mich Benjamin’s Idee vom ‘sich in einer Stadt verlieren’ realisieren. Es gibt sogar die Kunst, sich selbst in den der polis zu verlieren - die der Politik; wir stecken all unsere Kraft da rein, Meister dieser Kunst zu werden. Mehr als einmal verliefen wir und fanden uns wieder an einer Grenze, welche diese Seite von der anderen trennt, ohne sie jemals zu überschreiten. Wir bevorzugten moderne, intelligente Bosse, aber nur um den Krieg besser zu kämpfen, welcher uns interessierte. Wir waren nicht in die progressive Demokratie verliebt, aber benutzen sie als erweitertes Feld des Kampfes. Intuitiv erkannten wir die reformistische Linke als ernsthafte Funktionäre des kapitalistischen Gesamtintellekts (welcher heute auf euro-globalem Level regiert). Wir bewerteten die Impulse der Bewegung eher als Passion als ein Fakt. Es war ein Ereignis der politischen Vorstellungskraft, über welche wir konstant nachdachten - und praktizierten, eine weit ernstere Sache.

Die Quaderni Rossi zündete die Lichter in einer Fabrik an, fokussierte die Linse und schoss ein Foto, auf welchem die Verhältnisse der Produktion in erstaunlicher klarheit herausstanden. Was auch immer über ex-operaistische Intellektuelle gesagt wurde, es bestand der Konsens, dass alle Analysen über die Arbeiter-Fragestellungen verständlich und klar formuliert waren. Der Operaismus öffnete einen neuen Weg, sich in der Soziologie zu engagieren: Webersche Methodologie gemischt mit der Politik der Marxistischen Analyse. In diesem Sinne, wenn man in die Zeit zwischen den Quaderni Rossi und der Classe Operaia, oder zwischen Vittorio Rieser und Romano Alquati, gab es weniger Unstimmigkeiten, als wir zu der Zeit gedacht hätten. Die Schuld der italienischen Soziologie am Operaismus is heute weitgehend erkannt; aber sie war auch ein Kontext in welchem neue Wege der Geschichte ins Auge gefasst wurden. Umberto Coldagelli und Gespare De Caro eröffneten einen kritischen Pfad mit ihrer ‘Marxistisch-wissenschaftlichen Hypothesen zu zeitgenössischer Geschichte’ in Quaderni Rossi 3. Coldagelli begann sein langes Abenteuer in die politische und institutionelle Geschichte Frankreichs; Sergio Bologna begann seine Untersuchungen zu Deutschland, Nazismus und Arbeiterklasse.



Pfade durchs Fegefeuer
Unsere Unstimmigkeiten mit Panzieri und den Soziologen der Quaderni Rossi entstanden über Idee und Praxis der Politik; nichts anderem. Die höhere Gewichtung der Politik war von Anfang an Präsent in Classe Operaia, welches 1963 als ‘politische Zeitung der Arbeiter im Kampf’ entstand. Der Slogan meines Editorials der ersten Ausgabe, ‘Lenin in England’ - ‘erst die Arbeiter, dann das Kapital’ - bedeutet: die Arbeitskämpfe bestimmen den Kurs der kapitalistischen Entwicklung - das war die Politik: Wille, Entscheidung, Organisation, Konflikt. Von der Analyse der Arbeitsbedingungen, was Quaderni Rossi weiterhin tat, zur Intervention, sie wären für im Sinne der Klasseninteressen weitergeschritten, war, was dem Sprung von der Zeitschrift zur Zeitung ihre Bedeutung gab. Und falls Quaderni Rossi eine Innovation im Inhalt hervorbrachte, so war Classe Operaia auch eine Revolution in ihrer Form. Die Auswahl der Bilder war Sache höchsten Handwerks; Poeten und Schriftsteller, von Babel zu Brecht, Mayakovski zu Eluard, füllten ihre Seiten; war Pionier mit ihrem Comic Strip der politischen Satire - der Triumphierende Drachen, der den fliehenden Sankt Georg verfolgt, als Umkehrung von Untertan und Herrn. Wir sahen Classe Operaia als das Politecnico - die legendäre Nachkriegs-Wochenschrift - der Fabrikarbeiter.

Eingedruckt in des Blattes roten Umschlag waren Marx’s Worte: “Aber die Revolution ist gründlich. Sie ist noch auf der Reise durch das Fegefeuer begriffen. Sie vollbringt ihr Geschäft mit Methode.” Die Revolution ist gründig [anm. d. übers.: dieser satz steht wortwörtlich so im englischen - und wahrscheinlich auch im italienischen - text)]. Togliattis Übersetzung/Interpretation: sie geht bis an den Grund der Dinge. Nicht schlecht. Das aber am Anfang des Satzes ist jedoch entscheidend; ein bemerkbarer Zweifel. Heute wissen wir nicht mehr, ob es methodisch funktioniert, zu zerbrechen droht oder bereits ausgedient hat. Lange, träge Perioden der Restauration werden - mehr als andere Epochen - zu Exklusivitäten revolutionärer Illusion; zwischen 1848 und 1871 sah Marx einige davon. Von unserer kleinen Ecke aus sahen wir andere, und dies wurde dann später zu einem der Auswahlkriteria für diejenigen, die die operaistischen Erfahrungen aufs Schlachtfeld nahmen. Heute scheint die berühmte Spaltung der Quaderni Rossi auf den ersten Blick auf die Unfähigkeit der Akteure Panzieri und Romano Alquati zurückzuführen zu sein. Sie kamen auf der Basis eines gemeinsamen Forschungsprojekt zusammen, konnten aber nicht miteinander. Bei Alquati wurde die intellektuelle Unordnung aufs Genie-Level gehoben. Er sah weniger was war, als was im Begriff war, zu werden. Er erzählte uns, dass er erst als Erwachsener, als er endlich fähig war, sich selbst einige der Spektakel zu leisten, realisierte, dass Gras grün ist. Alquati erfand und arbeitete intuitiv; er sagte, er sei uns immer einen Schritt voraus. Aber es war auch er, der uns zeigte, wie die jungen FIAT-Arbeiter ihren Kampf vorantrugen.

In anderen Worten brachten wir ein gutes, altes Irrenhaus zusammen. Während unseren Treffen sprachen wir etwa die hälfte der Zeit, den Rest lachten wir. Und ausser ein paar ordinären PCI-Militanten habe ich bis jetzt noch nie Leute mit höherer Menschenachtung getroffen als die, mit denen ich mich zuerst in der Quaderni Rossi und dann in der Classe Operaia verbündete: solch selbstlose öffenltiche Interventionen, frei von jeglicher persönlicher Ambition; solch ein forwärtsgerichteter Sinn des Engagements; und ein solch illusionsfreier, selbstironischer Weg des Teilens kollektiver Arbeit. Die Genossen von den Quaderni Rossi sind bekannter und wurden von der schadvollen Zeit, die folgte, entschuldigt, wurden willkommen geheissen auf dem Berg Parnassus des gut gemeinten. Die Genossen von Classe Operaia werden seltener zitiert und öfter denunziert; in unendlicher Nostalgie erinnere ich mich an sie. Diese jungen Frauen und Männer haben nicht “einen neuen Weg der Praxis” theoretisiert. Sie haben ihn praktiziert.

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"Es wird immer schwerer, normal zu sein"
18. Dezember 2012, 18:21 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Danger Mines!!



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du bist aber auch schnell... arbeitest du noch was nebenbei?? ich hab neben der arbeit immer mal wieder 30 minuten bis eine stunde zeit und bin mit der rohfrom noch nicht mal fertig, geschweige dann mit der ueberarbeiteten fertigen version...

bei mir gehts also noch ein weilchen aber ich schaffs schon noch hab ja zum glueck ein bilangue im geschaeft der mir mal wieder auf die spruenge hilft...

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19. Dezember 2012, 14:25 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
fräulein else



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ich war halt grad 'n paar tage in den bergen, und was soll man da auch anderes zu tun haben als tronti übersetzen...?
lasst euch nicht stressen, falls ich noch einen schub hab' übersetz ich einfach noch mehr...

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20. Dezember 2012, 01:22 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Danger Mines!!



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fräulein else hat Folgendes geschrieben:
ich war halt grad 'n paar tage in den bergen, und was soll man da auch anderes zu tun haben als tronti übersetzen...?
lasst euch nicht stressen, falls ich noch einen schub hab' übersetz ich einfach noch mehr...



alles klar... bei uns ist gaaanz fest dezember und extraschicht im geschaeft!!! pffff

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20. Dezember 2012, 07:31 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Danger Mines!!



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Beitrag eher schlecht als recht... Antworten mit Zitat
da ist es, in schlechtem deutsch und noch schlechterer gramatik, aber hoffentlich hilfreich...:


Die 56er Unruhe
Als ein strategischer Punkt und wichtiges Schluesseldatum fuer uns alle: 1956. Verschiedene Dinge machen dies Jahr „unvergessen“, ich wuerde aber den Uebergang von einer Parteiwahrheit zu einer Klassenwahrheit als erkenntnisstheoretischen Bruch ueberbewerten. Die Zeitspanne vom 20.ten Sovietischen Parteikongress bis zu den Ungarischen Ereignissen stellte eine Abfolge von Sprüngen im Bewusstsein einer jungen Generation von Intellektuellen. Ich spuehrte, befor ich es wirklich wusste, das ende des zwanzigsten Jahrhundert. Wir erwachten aus dem dogmatischen Schlummer der Geschichtlichkeit. In Italien, die Herrschaft des Nomen als substativ oder adjektiv, materialist oder idiealist, die -De Sanctis, -Labriola, -Croce, oder -Gramsci Linie, hat zu einer beispiellosen kulturpolitischen Hegemonie in der Politik gefuehrt. Dank Togliattis Charisma formte sich darum in der Nachkriegsperiode eine starke Gruppe von PCI Chefs, die nun versuchten die Dinge ins laufen zu bringen. Am Istituto Gramsci konnte man Parteimitglieder aus der Direktion und des Sekretariats treffen. Sie schrieben keine Buecher oder hatten Geisterschreiber die dies fuer sie uebernahmen. Sie lasen Buecher. Und zwischen der einen oder der anderen Initiative diskutierten Sie was sie davon hielten.
An einem gewissen Punkt erschien ein komisch Aussehender Charakter aus Sizilien – er hatte in Messina gelehrt: gross, drahtig, mit einer gebogenen Nase im Falken Gesicht. Er sprach in einer schwierigen Sprache und sein schreiben war noch schwieriger zu verstehn. Aber Della Volpe hat alles auseinandergenommen, Stueck fuer Stueck, die kulturelle Linie der Italienischen Kommunisten, ohne orthodoxen Loyalitäten zu beherzigen. [2] Um ehrlich zu sein, haben wir uns von Gramscians „national-populistischer“ Linie befreit, aber ein gewisser intellektueller Aristokratismus klammerte sich an uns. Das Verstaendniss war immer noch wichtiger als die Ueberzeugung; die arbeit ueber das Konzept brachte schwierigkeiten mit dem Wort. Heute scheint das Gegenteil der Fall zu sein der Diskurs bedeutet den Verzicht auf das Denken. Der Ansatz den wir damals nahmen, scheint umso wertvoller jetzt, wo der Triumph der mediatisierten Vulgaritaet ueber die politische Sprache abgeschlossen ist. Unsere Schule war die der asketischen intellektuellen Strenge, auf kosten einer selbstreferentiellen Trennung. Wissenschaft gegen Ideologie war das Paradigma. Marx gegen Hegel, Galileo gegen die Scholastiker oder Aristoteles gegen die Platoniker. Dann, allgemein gesprochen, entwuchsen wir diesem Schema so weit es den Inhalt betraf, unter der Beibehaltung der Lehren im Bezug auf die Methode. Nach einigem Nachdenken war es gerade dieses Schema, das uns erlaubte ab 1956 nicht wie die meisten anderen die Werte der Buergerlichen Freiheit wiederzuentdecken doch durch Versuch und Irrtum die kommunistische Freiheit zu erkunden.
Unsicher bleibe ich ueber die Wahl der politischen Taktik an diesem Punkt, nicht was „richtig“ aber am nuetzlichsten gewesen waere. Es ist wahr, dass zu dieser Zeit, wenig an unseren eigenen Entscheidungen und viel an Umstaenden, Oeffnungen und Begegnungen hing. Aber es war ein anderer Weg fuer uns offen im Jahr 1956 um ein politisches Wachstum der grossen Masse der Mitglieder der PCI zu eroeffnen, dessen Fuehrung in diesem Zeitraum die „Erneuerung in der Kontuitaet“ in Angriff genommen hat. Was haette der zweite Weg fuer Folgen gehabt? Ein langer Marsch durch die Institutionen, dass kulturelle Opfer auf dem Altar der Praxis, die ausuebung der renaissance der politischen kategorie der „ehrlichen Heuchelei“. In meiner persoenlichen Bildung war Togliatti der Meister Politiker par excellence. Ich frage mich, ob es moeglich gewesen waere, ein Togliatti zu sein, aber mit einer anderen Kultur – die Antwort, Ja. Die Politik hat eine eigene Autonomie, sogar aus dem kulturellen Rahmen der besteht und der Zeit die Ihn legitimiert. Wir liessen uns davontragen vom faszinierenden des alternativen Denkens. Aber die anhaltenden Zweifel blieben bestehen, dass der andere Weg vieleicht der Richige haette sein koennen: weniger Reden und mehr machen. Die Theoretische Endeckeung der „Autonomie des politischen“ hat ihren Platz eingenommen in der praktischen Erfahrung des Operaismus: es war aber seine historisch-konzeptionelle Ausarbeitung die spaeter mit der Erkenntnis kam, versagt zu haben in einer Synthese von „innen und gegen“. Vor einigen Jahren schrieb ich: „Wir jungen kommunistischen Intellektuellen waren zurecht auf der Seite der ungarischen Aufstaendischen. Aber das ist das Paradoxe an der Revolution im Westen. Der sozialistische Staat war es nicht, er musste Ihn mit Panzern zuendebringen“ 3 Das ist die Art von einem Satz, der sogar die naehesten Freunde, gerade weil sie dir nur das beste Wuenschten , vorgaben nicht gelesen zu haben. Doch die Loesung dieses oedipalen Raetsels der Arbeiterbewegung des 20. Jahrhunderts, war genau die Aufgabe die uns damals konfrontierte. Es ist einfach zwischen richtig und falsch zu unterscheiden: was schwierig ist, ist wenn du zwischen zwei Internen richtigen Seiten zu entscheiden hast. Das Dilemma in dem wir uns befinden ist, ob man die Leidenschaft des dazugehoerens oder das kalkuel von Moeglichkeiten verfolgt. Die beiden richtigen von 1956 waren also die beiden falschen: es hat diejenigen gespalten, die nur die moeglichkeit einer Entwicklung des „Sozialismus mit menschlichem Anlitz“ gesehn haben, von denen, deren alleinige Maßstab war, sofort die Kontrolle über Stellungen zu uebernehmen, das Kreuzfeuer wurde zwischen diesen beiden gegenerischen Bloecken ausgetragen.
Doch einer der wichtigsten kritischen Analysen des sowjetischen Systems kam aus dem operaismus. Rita Di Leos „Operai e sistema sovietico“ hat gezeigt, dass ausgehend von der Sicht der Arbeiter es möglich war, sehr viel mehr als die kapitalistische Fabrik zu verstehen. 4 Das politische Experiment der Arbeiterbewegung par excellence wurde hier kritisch ins Spiel gebracht. Es blieb eine extrem isolierte Betrachtungsweise: Wahrheit und Tatsache fielen zu eng zusammen als dass sie von einer der beiden dominanten Ideologien begruesst haetten werden koennen.

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Und wie die antiken Staaten an der Sklaverei zugrunde gegangen sind, so werden auch die modernen Staaten am Proletariat zugrunde gehn. M.B.
20. Dezember 2012, 17:18 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
fräulein else



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dann mach ich mal noch den nächsten ( 'our workerism' )

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23. Dezember 2012, 16:55 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
rude e
Mad Dog


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Habe jetzt den halben Nachmittag übersetzt, werde aber den Eindruck nicht los, dass das alles auch auf Englisch nicht wirklich sinnvolle Sätze sind. Ein Beispiel:

Zitat:
I have never forgotten the lesson we learned at the factory gates, when we arrived with our pretentious leaflets, inviting workers to join the anti-capitalist struggle. The answer, always the same, coming from the hands that accepted our bits of paper. They would laugh and say: ‘What is it? Money?’ A ‘rough pagan race’ indeed. This was not the bourgeois mandate, enrichissez-vous; it was the word, wages, presented as an objectively antagonistic reply to the word, profit.


Das kann man schon irgendwie übersetzen:

Zitat:
Ich habe die Lektion nie vergessen, die wir an den Fabriktoren gelernt haben, als wir mit unseren anmassenden Flugblättern ankamen, um die Arbeiterinnen und Arbeiter dazu einzuladen, am antikapitalistischen Kampf teilzuhaben. Die Antwort war immer dieselbe, die uns von jenen gegeben wurde, die unsere Flugblätter annahmen. Sie lachten und sagten: ‚Was habt ihr da? Geld?’ Wahrlich eine ‚raue heidnische Rasse’. Das funktionierte nicht nach dem bourgeoisen Befehl, enrichissez-vous; das eine Wort, Lohn, stand dem anderen Wort, Profit, als Widerspruch gegenüber.


Oder was ist damit gemeint? Gibt es irgendwo das italienische Original?

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04. Januar 2013, 19:00 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
rude e
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So, habe jetzt mal zusammengestellt und überarbeitet, was wir bis jetzt haben. In eckigen Klammern sind Stellen angeführt, bei denen ich nicht so sicher bin.

Zitat:
Während sich die meisten Formen und Traditionen der europäischen Linken ungeachtet der nationalen Grenzen ausbreiteten, blieb der italienische Operaismus der 1960er über weite Teile einzigartig. In seinem Herkunftsland hatte er wichtige intellektuelle Auswirkungen – durch seine Arbeiterinnen- und Arbeiteruntersuchungen veränderte sich die italienische Soziologie und es gab eine beträchtliche Anzahl an theoretischen Zeitschriften: Quaderni Rossi, Classe Operaia, Angelus Novus, Contropiano – im Ausland erwirkte der Operaismus ein weit geringeres Echo als die grössere Strömung rund um Il Manifesto, dessen kulturelle Breite und deren politischer Gehalt anders gelagert waren.
Eine Voraussetzung für das Entstehen des Operaismus war eine tiefgreifende industrielle Expansion in den 1950ern, und eine Kultur, die schon stark von zwei Massenarbeiterinnen- und Massenarbeiterparteien gefärbt war, die wiederum beide für ihr eigenes intellektuelles Leben sorgten. Die Kommunistische Partei Italien hatte etwa zwei Millionen Mitglieder und die Sozialistische Partei der Nachkriegsjahrzehnte war weit linker als die Sozialdemokratie des Kalten Krieges; beide gewannen nach der Geheimrede Chruschtschows und dem daraus folgenden Tauwetter an neuer Kraft.
Der Operaismus kann durch seine unerbittliche Feindschaft gegenüber dem verwässerten Gramscianismus, den die PCI mit ihren ‚national-populären’ [?] Ansichten vertrat (‚die Resistenza als zweites Risorgimento’ [?]) und durch eine anti-historizistische wissenschaftliche Herangehensweise charakterisiert werden. Die frühen Operaistinnen und Operaisten kamen zu grossen Teilen aus der Linken der PSI, deren Parole der ‚Autonomie’ – ursprünglich mit der Konnotation des ‚für sich selbst’ – als Schlüsselbegriff übrigblieb. Eine wegweisende Figur, Raniero Panzieri (1921-64), war zwischen 1957 und 1959 Redakteur von Mondo Operaio, der theoretischen Zeitschrift der PSI; durch die Nenni-Führung zur Seite gedrängt, begann er für Einaudi in Turin zu arbeiten. Als er dort 1961 mit den Quaderni Rossi startete, konnte er auf gleichgesinnte Denkerinnen und Denker rund um Luciano Della Mea in Mailand, Antonio Negri und Massimo Cacciari in Venetien und Mario Tronti in Rom zählen.
1931 als Sohn einer kommunistischen Arbeiterfamilie in Rom geboren, trat Tronti in den frühen 1950ern der PCI bei, während er an der Universität von Rom Philosophie studierte. Nachdem er 1964 mit den Quaderni Rossi brach, begann er, Classe Operaia herauszubringen, kehrte 1967 zur PCI zurück und führte das operaistische Projekt in deren Reihen fort und entwickelte das Konzept der ‚Autonomie des Politischen’. Wir veröffentlichen in dieser Ausgabe einen überarbeiteten Auszug aus Trontis Erinnerungen an die Bewegung, Noi operaisti [Wir Operaisten], welche von Derive Approdi 2009 herausgebracht wurden. Gleichzeitig polemisch und persönlich, zeigt er aufschlussreich den Unterschied zwischen dem Frühling 1956 und dem heissen Herbst von 1969 und zieht eine scharfe Trennlinie zwischen dem klassischen Operaismus und dessen fernen Echo, der Autonomia, welche in den gegenkulturellen Ausläufern in den europäischen Städten der späten 1970ern ausharrte, um zur Jahrhundertwende wieder in einer hygienischeren [? more hygenic] Form in Hardt und Negris Empire aufzutauchen.

Der italienische Operaismus der 1960er startet mit der Geburt der Quaderni Rossi und endet mit dem Tod von Classe Operaia. Ende der Geschichte. So geht die Beweisführung. Oder alternativ – si le grain ne meurt – der Operaismus wurde auf andere Weise reproduziert, wiedergeboren, verändert, verdorben und ... verloren. Dieser Text entsprang ursprünglich dem Bedürfnis, die intellektuelle Unterscheidung zwischen dem Operaismus – „Arbeiterismus“ wäre eine unangemessene aber unausweichliche deutsche Übersetzung – und dem Post-Operaismus oder der Autonomia-Bewegung der späten 1970er und dem was nachher kam zu klären. Weiter tat das süsse Vergnügen des sich Erinnerns den Rest. Ob dieser ‚Rest’ gut schmeckt oder für heute irgendeinen Nutzen bringt, müssen die Leserinnen und Leser entscheiden. Dies ist meine Wahrheit, welche auf dem fusst, was ich damals geglaubt habe und heute lediglich etwas klarer sehe. Ich will keine autorisierte Interpretation des Projekts Operaismus bieten; aber es ist eine mögliche Lesart, einseitig genug, um der guten alten Idee der militanten Untersuchung [? partisan research] gerecht zu werden, [that indigestible theoretical practice of ‚point of view’ that formed us.]
Ich sage wir, weil ich glaube, für eine Handvoll Leute sprechen zu können, die untrennbar durch eine politische Freundschaft verbunden sind, [who shared a common knot of problems as ‚lived thought’]. Wir beschränkten uns in der klassischen Unterscheidung zwischen politischen Freunden und Gegnern nicht einfach auf ein Konzept des Feindes, sondern hatten auch eine Theorie und eine Praxis des Freundes. Wir wurden und blieben Freunde weil wir, politisch, einen gemeinsamen Feind entdeckten, der uns gegenüber stand; dies hatte Konsequenzen, welche die intellektuellen Entscheidungen der Zeit und [the horizons that followed] vorwegnahmen. Ich will versuchen, in einfachen Worten zu sprechen und eine literarische Sprache zu vermeiden. Obwohl man sagen muss, dass der Operaismus der 1960er seinen eigenen ‚hohen Stil’ des Schreibens erfand, kantig, luzid, konfrontativ, einen Stil, mit dem wir den Rhythmus der Fabrikarbeiterinnen und Fabrikarbeiter in ihrem Kampf gegen die Chefs zu fassen glaubten. Jede historische Zeit wählt ihre eigene Form der symbolischen Darstellung. Nur halbwegs des Schreiben mächtige Partisanen, die mit den Exekutionskommandos der Nazis konfrontiert waren, brachten die Lettere di condannati a morte della Resistenza heraus, ein Kunstwerk. [1] Auf dieselbe Weise lasen die Jungs, die früh Morgens vor den Toren der Mirafiori-Fabrik in Turin gestanden hatten, Die Seelen und die Formen des frühen Lukács’, wenn sie am Abend nach Hause gingen. Angestrengtes Nachdenken forderte angestrengtes Schreiben. Ein Sinn für die Wichtigkeit des Konflikts weckte in uns Leidenschaft für den nietzscheanischen Stil: in einer edlen Sprache für jene von unten zu sprechen.
Ich habe die Lektion nie vergessen, die wir an den Fabriktoren gelernt haben, als wir mit unseren anmassenden Flugblättern ankamen, um die Arbeiterinnen und Arbeiter dazu einzuladen, am antikapitalistischen Kampf teilzuhaben. Die Antwort war immer dieselbe, die uns von jenen gegeben wurde, die unsere Flugblätter annahmen. Sie lachten und sagten: ‚Was habt ihr da? Geld?’ Wahrlich eine ‚raue heidnische Rasse’. Das funktionierte nicht nach dem bourgeoisen Befehl: enrichissez-vous; das eine Wort, Lohn, stand dem anderen Wort, Profit, als widersprechende Antwort gegenüber. Der Operaismus formulierte Marxens brillanten Satz – das Proletariat, das seine eigene Emanzipation durchsetzt, befreit die ganze Menschheit – um: die Arbeiterinnen- und Arbeiterklasse führt, indem sie ihren eigenen, einseitigen Interessen folgt, in eine allgemeine Krise der kapitalistischen Zusammenhänge. Der Operaismus kennzeichnete einen Weg, politisch zu denken. Idee und Geschichte begegneten sich gegenseitig in einem direkten, unmittelbaren und frontalen Aufprall. Alles was war, musste der Analyse, Reflektion, Kritik und Beurteilung ausgesetzt werden. Alles was darüber gesagt und geschrieben worden war, kam nachher.
Der biographische Bericht, der folgt, zeigt eine Doppeldeutigkeit zwischen einer persönlichen und einer allgemeinen Ebene. Aber ich muss gleich zu Beginn sagen, dass mein Operaismus ein kommunistischer war. Das traf auf die meisten nicht zu, sogar in den frühen Tagen; Parteimitglieder bildeten nie die Mehrheit des italienischen Arbeiterismus’ und waren auch nicht dominant bei Quaderni Rossi oder Classe Operaia; diese Kombination war möglicherweise mein Problem. Hier möchte ich die Lehrjahre der Operaistinnen und Operaisten beschreiben, eine begrenzte, aber wichtige Generation. Als ungeschickter Historiker der Ereignisse und Ideen werde ich die schwierigen ersten Versuche der operaistischen Argumentation zu erklären versuchen, und das, was danach kam.

Der Ausbruch 1956
Ein Schlüsseljahr stellte für uns alle ein strategisch wichtiger Ausgangspunkt dar: 1956. Verschiedene Dinge machten dieses Jahr ‚unvergesslich’, ich möchte den Übergang – ein eigentlicher erkenntnistheoretischer Bruch – von einer Parteiwahrheit zu einer Klassenwahrheit hervorheben. Die Zeitspanne vom zwanzigsten sowjetischen Parteikongress bis zu den ungarischen Ereignissen sorgte für einige Bewusstseinssprünge bei einer jungen Generation von Intellektuellen. Ich spürte, bevor ich es wirklich wusste, das Ende des zwanzigsten Jahrhundert. Wir erwachten aus dem dogmatischen Schlummer der Geschichtlichkeit. In Italien, die Herrschaft des Nomen als substativ oder adjektiv, materialist oder idiealist, die -De Sanctis, -Labriola, -Croce, oder -Gramsci Linie, hat zu einer beispiellosen kulturpolitischen Hegemonie in der Politik gefuehrt. [What the hell will uns Tronti hier mitteilen? Falls jemand aus dem Original schlau wird: In Italy, the rule of the proper noun, as substantive or adjective, materialist or idealist—the De Sanctis–Labriola–Croce–Gramsci line—had exercised an unparalleled cultural hegemony in politics.] Dank Togliattis Charisma formte sich darum in der Nachkriegsperiode eine starke Gruppe von PCI-Chefs heraus, die nun versuchte, die Dinge zum Laufen zu bringen. Am Istituto Gramsci konnte man Parteimitglieder aus der Direktion und dem Sekretariat treffen. Sie schrieben keine Bücher und hatten auch keine Ghostwriter, die sie für sie schrieben. Sie lasen Bücher. Und zwischen der einen Initiative zur nächsten diskutierten sie, was sie davon hielten.
An einem gewissen Punkt erschien ein komisch aussehender Charakter aus Sizilien – er hatte in Messina gelehrt: gross, drahtig, mit einer gebogenen Nase im Falkengesicht. Er sprach in einer schwierigen Sprache, und was er schrieb, war sogar noch schwieriger zu verstehen. Aber Della Volpe nahm, Stück für Stück, die kulturelle Entwicklung der italienischen Kommunistinnen und Kommunisten auseinander, ohne den Orthodoxen Loyalität zu zollen. [2] Um ehrlich zu sein: Wir befreiten uns zwar von der gramscianischen ‚national-populistischen’ Linie, aber ein gewisser intellektueller Aristokratismus blieb an uns haften. Das Verständnis war immer noch wichtiger als die Überzeugung; die Arbeit am Konzept brachte Schwierigkeiten mit dem Wort. Heute scheint das Gegenteil der Fall zu sein, der Diskurs bedeutet den Verzicht auf das Denken. Der Ansatz, den wir damals hatten, scheint heute umso wertvoller, wo der Triumph der medialisierten Vulgarität über die politische Sprache abgeschlossen ist. Unsere Schule war die der asketischen intellektuellen Strenge, auf Kosten einer selbstreferentiellen Isolation. Wissenschaft gegen Ideologie war das Paradigma. Marx gegen Hegel, wie damals Galileo gegen die Scholastiker oder Aristoteles gegen die Platoniker. Dann, etwas verallgemeinernd, entwuchsen wir diesem Schema, soweit es den Inhalt betraf, behielten aber die Lehren im Bezug auf die Methode bei. Wenn man darüber nachdenkt, war es gerade dieses Schema, das es uns wenigen erlaubte, ab 1956 – während die meisten anderen den Wert der bürgerlichen Freiheiten wiederentdeckten – Schritt für Schritt, durch Versuch und Irrtum, die Möglichkeiten kommunistischer Freiheit zu erkunden.
Unsicher bleibe ich über die Wahl der politischen Taktik zu diesem Zeitpunkt – nicht darüber, welches die ‚richtige’, sondern welche die nützlichste gewesen wäre. Es ist wahr, dass zu gewissen Zeiten weniger von unseren eigenen Entscheidungen abhängt, dafür mehr von den Umständen, von Möglichkeiten, die sich auftun, und von Begegnungen. Aber für uns wäre auch ein anderer Weg offen gestanden im Jahr 1956: jener des politischen Wachstum innerhalb der Masse von Mitgliedern der PCI, deren Führung eine Periode der ‚Erneuerung in der Kontinuität’ in Angriff genommen hatte. Was hätte der zweite Weg für Folgen gehabt? Einen langen Marsch durch die Institutionen; ein kulturelles Opfer auf dem Altar der Praxis; die Ausübung der wiedererwachten politischen Taktik der ‚ehrlichen Heuchelei’. Nach meiner persönlichen Einschätzung war Togliatti der Meisterpolitiker par excellence. Ich frage mich, ob es möglich gewesen wäre, ein Togliatti zu sein, aber mit einer anderen Kultur – und ich antworte: Ja. Die Politik hat eine eigene Autonomie, sogar gegenüber dem kulturellen Rahmen, der sie trägt und legitimiert. Wir liessen uns davontragen vom faszinierenden Vergnügen des alternativen Denkens. Aber die anhaltenden Zweifel blieben bestehen, dass der andere Weg vielleicht der richtige gewesen wäre: weniger reden und mehr machen. Die theoretische Entdeckung der ‚Autonomie des Politischen’ fand in der praktischen Erfahrung des Operaismus statt: es war lediglich seine historisch-konzeptionelle Ausarbeitung, die später kam – und mit ihr die Erkenntnis, darin versagt zu haben, eine Synthese zwischen ‚innerhalb und gegen’ zu finden.
Vor einigen Jahren schrieb ich: „Wir jungen kommunistischen Intellektuellen waren zu Recht auf der Seite der ungarischen Aufständischen. Aber, das ist das Paradoxe an der Revolution im Westen, der sozialistische Staat lag nicht falsch, den Aufstand mit Panzern zu einem Ende zu bringen.“ [3] Das ist die Art von Satz, bei dem sogar die besten Freundinnen und Freunde, gerade weil sie dir nur das beste wünschen, vorgeben, ihn nicht gelesen zu haben. Doch dieses ödipalen Rätsel der Arbeiterbewegung des 20. Jahrhunderts zu lösen, war genau die Aufgabe, mit der wir uns damals konfrontiert sahen. Es ist einfach zwischen richtig und falsch zu wählen; schwierig ist es, zwischen zwei Mal richtig zu wählen, wenn beide Möglichkeiten deinem Standpunkt innewohnen. Es ist das Dilemma, ob man sich für die Leidenschaft des Dazugehörens oder für das Kalkulieren der Möglichkeiten entscheiden soll. Die beiden richtigen Dinge von 1956 waren also zwei falsche: es hat diejenigen, die nur die Möglichkeit einer Entwicklung des ‚Sozialismus mit menschlichem Antlitz’ gesehen haben, von jenen gespalten, deren alleiniger Massstab es war, im Kreuzfeuer zweier gegnerischer Blöcke die direkte Kontrolle über die Stellungen zu bewahren.
Trotzdem kam eine der wichtigsten kritischen Analysen des sowjetischen Systems aus dem Operaismus. Rita Di Leos ‚Operai e sistema sovietico’ hat gezeigt, dass es ausgehend von der Sicht der Arbeiter möglich war, sehr viel mehr zu verstehen als die kapitalistische Fabrik. [4] Das politische Experiment der Arbeiterbewegung par excellence wurde hier kritisch ins Spiel gebracht. Es blieb eine extrem isolierte Betrachtungsweise: Wahrheit und Tatsache fielen zu eng zusammen, als dass sie von einer der beiden dominanten Ideologien hätten begrüsst werden können.

Ein Bildungsroman
Es war in den frühen 1960ern, als sich eine operaistische Gruppe spontan zu formieren begann. Nicht auf eine Weise, wie die ‘Gruppen’ in den 1970ern institutionalisiert wurden. Unser war ein ursprünglicher, ausschliesslich informeller Weg, zusammen zu kommen, politisch als auch kulturell. Es ist merkwürdig, wie über die ganze Zeit hinweg eine gewisse gegenseitige Zuneigung bestehen blieb, sogar mit jenen Genossinnen und Genossen, die nicht dieselbe Reise von den Quaderni Rossi [Rote Notizbüchlein] zu Classe Operaia [Arbeiterklasse] gemacht hatten. Noch immer fühle ich eine tiefe Sympathie, wenn ich mir die menschlichen Qualitäten von Personen wie Bianca Beccalli, Dario und Liliana Lanzardo, Mario Miegge, Giovanni Mottura, Vittorio Rieser, Edda Saccomani, Michele Salvati und anderen in Erinnerung rufe. Quaderni Rossi war ein schöner Titel für eine Zeitschrift, mit einer bildhaften Einfachheit, ausdruckstark in sich selbst. Die ‘Notizbücher’ drückten den Willen für Forschung, Analyse und Studium aus. Die rote Farbe des Covers war das Zeichen einer Entscheidung, eine Zusage, so zu sein. Um die Schrift einzuleiten – und somit die Lektüre – war das Cover schwarz auf rot gedruckt – eine brillante Idee Panzieris.
Raniero – er starb 1964 in seinen Vierzigern – war einer derjenigen, denen zu wenig Zeit auf dieser Erde gewährt wurde. Jedoch genug, um eine Spur zu hinterlassen. Wenn ich mich an ihn erinnere, wenn ich wieder über ihn nachdenke, fühl ich eine Nostalgie für eine verlorene politische Menschlichkeit. Er war kein romantischer Held von Geburt, aber er wurde zu einem durch die Kraft der Umstände. Er wollte vom Organisator des Operaismus zum Organisator von Arbeiterinnen- und Arbeiterkultur werden. Aber er konnte gar nichts wirklich organisieren. Es liegt ein Charme in dieser seiner Beschränktheit, die unserer so ähnlich war – speziell meiner eigenen – was uns eine Nähe zu ihm fühlen liess. Panzieris Marx war der Marx Luxemburgs, nicht jener Lenins. Wie Rosa hat er das Kapital gelesen und sich dabei die Revolution vorgestellt. Nicht wie Lenin, der das Kapital gelesen hat, um die Revolution zu organisieren. Er war kein Kommunist, und hätte nie einer sein können. Seine Tradition war die des revolutionären Syndikalismus, mit einem Schuss anarchischem Sozialismus, welcher die PSI historisch mit sich trug. Aber ‘Arbeiterkontrolle’ war ein Zauberwort, das uns aus jenem anderen dogmatischen Schlummer aufweckte – dem der sozialistischen ‘Partei für alle Menschen’.
Mit Raniero bei Nacht durch die Strassen Roms oder Mailands - nicht durchs verhasste Turin - zu gehen, liess mich Benjamins Idee vom ‘sich in den Strassen einer Stadt verlieren’ verstehen. Es gibt aber auch die Kunst, sich selbst in der polis zu verlieren – die Politik; wir steckten all unsere Kraft da rein, Meister dieser Kunst zu werden. Mehr als einmal verliefen wir uns und fanden uns wieder an der Grenze, welche diese Seite von der anderen trennt, ohne sie jemals zu überschreiten. Wir bevorzugten visionäre Bosse, aber nur um den Krieg besser zu kämpfen, welcher uns interessierte. Wir waren nicht in die progressive Demokratie verliebt, aber benutzen sie als erweitertes Feld des Kampfes. Intuitiv erkannten wir die reformistische Linken als ernst zu nehmende Funktionäre des kapitalistischen Gesamtintellekts (welcher heute auf euro-globalem Level regiert). Wir bewerteten den Impuls der Bewegung [movementist impulse; also mehr im Sinne einer Bewegungsideologie?] eher als Leidenschaft, denn als einen Fakt. Es war ein Ereignis der politischen Vorstellungskraft, über welches wir stetig nachdachten – und das wir praktizierten, eine weit ernstere Sache.
Quaderni Rossi zündete die Lichter in der Fabrik an, fokussierte die Linse und schoss ein Foto, auf dem die Produktionsverhältnisse in erstaunlicher Klarheit hervorstachen. Was auch immer über ex-operaistische Intellektuelle gesagt wurde, es bestand der Konsens, dass die Analysen ihrer Arbeiterinnen- und Arbeiteruntersuchungen erhellend waren. Der Operaismus eröffnete einen neuen Weg, sich in der Soziologie zu engagieren: Webersche Methodologie gemischt mit der Politik der marxistischen Analyse. In diesem Sinne gab es rückblickend zwischen Quaderni Rossi und Classe Operaia, oder zwischen Vittorio Rieser und Romano Alquati, weniger Unstimmigkeiten, als wir zu der Zeit gedacht hätten. Dass die italienische Soziologie dem Operaismus einiges zu verdanken hat, ist heute weitgehend anerkannt; aber in seinem Kontext wurden auch neue Wege der Geschichtswissenschaft ins Auge gefasst. Umberto Coldagelli und Gespare De Caro eröffneten einen kritischen Pfad mit ihrer ‘Hypothesen über marxistische Forschung zur Gegenwartsgeschichte’ [habe noch das Original gefunden: Alcuna ipotesi di ricerca marxista sulla storia conemporanea] in Quaderni Rossi 3. Coldagelli begann sein langes Projekt über die politische und institutionelle Geschichte Frankreichs; Sergio Bologna begann seine Untersuchungen zu Deutschland, Nazismus und die Arbeiterklasse.

Pfade durchs Fegefeuer
Unsere Unstimmigkeiten mit Panzieri und den Soziologen von Quaderni Rossi gingen aus der Idee und Praxis der Politik hervor; nichts anderem. Die höhere Gewichtung der Politik war von Anfang an vorhanden in Classe Operaia, welche 1963 als ‘politische Zeitung der Arbeiter im Kampf’ entstand. Der Slogan meines Editorials der ersten Ausgabe, ‘Lenin in England’ – ‘erst die Arbeiter, dann das Kapital’; das bedeutet, dass es die Arbeitskämpfe sind, die den Kurs der kapitalistischen Entwicklung bestimmen – das war Politik: Wille, Entscheidung, Organisation, Konflikt. Der Wechsel von der Analyse der Bedingungen für die Arbeiterinnen und Arbeiter, die von Quaderni Rossi weiterhin vorgenommen wurde, hin zur Einmischung in die Forderungen, die im Sinne des Klasseninteresses gestellt wurden, das war der entscheidende Schritt zwischen der Zeitschrift (Quaderni Rossi) und der Zeitung (Classe Operaia). Und falls Quaderni Rossi eine inhaltliche Neuerung mit sich gebracht hatte, so brachte Classe Operaia eine Revolution in der Form. Die Auswahl der Bilder war Sache höchsten Handwerks; Poetinnen und Poeten, Schriftsteller und Schriftstellerinnen, Babel bis Brecht, Mayakovski bis Eluard füllten ihre Seiten; mit ihren politisch-satirischen Comicstrips leistete sie Pionierarbeit – der triumphierende Drachen, der den fliehenden Sankt Georg verfolgt, als Umkehrung von Untertan und Herrn. Wir sahen Classe Operaia als das Politecnico – eine legendäre Wochenzeitung der Nachkriegszeit – der Fabrikarbeiterinnen und Fabrikarbeiter.
Im roten Titelbalken standen Marxens Worte: “Aber die Revolution ist gründlich. Sie ist noch auf der Reise durch das Fegefeuer begriffen. Sie vollbringt ihr Geschäft mit Methode.” Die Revolution ist gründig. [Anm. d. Übers.: Dass die Revolution gründig sei, steht wortwörtlich und auf Deutsch im englischen Text – und möglicherweise auch im italienischen Original]. Togliattis Übersetzung und Interpretation davon: Die Revolution geht bis auf den Grund der Dinge. Nicht schlecht. Das ‚aber’ am Anfang des Satzes war entscheidend; ein wichtiger Zweifel. Heute wissen wir nicht mehr, ob sie methodisch funktioniert, zu zerbrechen droht oder bereits ausgedient hat. Lange, träge Perioden der Restauration neigen – mehr als andere Epochen – zu Irrlichtern revolutionärer Illusion; zwischen 1848 und 1871 sah Marx einige davon. Von unserer kleinen Ecke aus sahen wir andere, und diese wurden dann später zu einem der Auswahlkriterien für diejenigen, welche die operaistische Erfahrung mit aufs Schlachtfeld nahmen. Heute scheint die berühmte Spaltung der Quaderni Rossi auf den ersten Blick auf die Unfähigkeit der Akteure Panzieri und Romano Alquati zurückzuführen zu sein. Sie kamen auf der Basis eines gemeinsamen Forschungsprojekts zusammen, konnten aber nicht miteinander. Mit Alquati wurde die intellektuelle Verwirrung auf das Level eines Genies gehoben. Er sah weniger was war, als was im Begriff war zu werden. Er erzählte uns, dass er erst als Erwachsener, als er sich endlich eine Brille leisten konnte, realisierte, dass Felder grün waren. Alquati erfand und arbeitete intuitiv; er sagte, er sei immer einen Schritt voraus. Aber es war auch er, der uns zeigte, wie die jungen FIAT-Arbeiter ihren Kampf vorantrugen.
In anderen Worten brachten wir ein gutes, altes Irrenhaus zusammen. Während unserer Treffen sprachen wir etwa die Hälfte der Zeit, den Rest lachten wir. Und abgesehen von ein paar PCI-Militanten aus der Basis habe ich bis jetzt noch nie Leute mit höherer Menschenwürde [?human worth] getroffen als die, mit denen ich mich zuerst bei Quaderni Rossi und dann bei Classe Operaia zusammentat: solch selbstlose öffentliche Projekte [? Interventions], frei von jeglichen persönlichen Begierden; so ein aufrechter Sinn des Engagements; und ein solch illusionsfreier, selbstironischer Weg gemeinsam zu arbeiten. Die Genossinnen und Genossen von Quaderni Rossi sind bekannter und wurden in den feindlichen Zeiten, die folgten, begnadigt, wurden willkommen geheissen auf dem schöngeistigen Berg Parnass des gut Gemeinten. Die Genossen von Classe Operaia werden seltener zitiert und öfter denunziert; in unendlicher Nostalgie erinnere ich mich an sie. Diese jungen Frauen und Männer haben nicht über ‚einen neuen Weg der Praxis’ theoretisiert. Sie sind ihn gegangen.


Ich täte mich dann mal: "Operaismo and the PCI" widmen, während sich Mademoiselle Else um "Our workerism" kümmert. Danger, alter Minenspürhund, wie wärs mit: "Culture of Crisis"?

Ach, und Far, gibt's die Möglichkeit, Kursivschrift und so ohne mühsame Handarbeit ins Forum zu übertragen, aus einem Wordfile?

P.S.
Und wenn ich richtig informiert bin, wurde die ganze Übersetzerei nur wegen eines Spamers ausgelöst. Oder gibt's den Karlito wirklich? stupid

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Erst wenn der letzte Lappen gelöhnt, die letzte Mark verjubelt und der letzte Groschen gefallen ist, werdet Ihr merken, dass man mit Bäumen nicht bezahlen kann.

Zuletzt bearbeitet von rude e am 06. Januar 2013, 15:48, insgesamt einmal bearbeitet
05. Januar 2013, 01:04 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
fräulein else



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ich bin dafür, dass wir uns noch das italienische original zutun; dann können wir wenigstens versuchen, eine sinngemässe übersetzung hinzukriegen... ;)

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05. Januar 2013, 13:33 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
rude e
Mad Dog


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Habe mich wegen des italienischen Originals an die New Left Review gewendet, die den Text ursprünglich veröffentlicht hat. Und ich habe auch schon Antwort bekommen, leider nur, dass sie Ferien haben und das Büro erst wieder am Montag besetzt ist :-)
Weiter übersetzen können wir ja trotzdem, das Original wäre einfach für Details noch praktisch.

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05. Januar 2013, 14:24 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
fräulein else



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naja, details? es gibt auch in meinen bisherigen passagen sätze, deren gemeinter inhalt im englischen schlicht unklar bleibt. ich bin da schon für eine möglichst dem original gleichende übersetzung, auch wenn ich manchmal meine eigene interpretation des satzes fast besser mag.... wir sehen's dann montag

p.s. danke für's mailen!

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05. Januar 2013, 16:23 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Danger Mines!!



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oke, ich bin dabei. (weiter mit englisch) italienisch hab ich keine ahnung da muessen dann andere ran.

und ich dacht schon, es sei wegen meinen geringen englischkenntnissen, dass da manchmal kein sinn rauskommt..

werd aber einwenig zeit brauchen... kuemmere mich also um: "Culture of Crisis"

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Und wie die antiken Staaten an der Sklaverei zugrunde gegangen sind, so werden auch die modernen Staaten am Proletariat zugrunde gehn. M.B.
06. Januar 2013, 10:29 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
far



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Zitat:
Ach, und Far, gibt's die Möglichkeit, Kursivschrift und so ohne mühsame Handarbeit ins Forum zu übertragen, aus einem Wordfile?


Also mir ist nichts bekannt wie man den Wordtext direkt in BBCode umsetzen könnte...

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Um einen Widerstand zu brechen, braucht es Gewalt, aber wenn der Widerstand hält, ist es die Gewalt, die zerbricht.
06. Januar 2013, 17:21 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden E-Mail senden
rude e
Mad Dog


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So, die New Left Review hat zurückgeschrieben. Es gibt kein italienisches Original.

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09. Januar 2013, 21:37 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
fräulein else



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fo' real?!

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09. Januar 2013, 22:32 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
rude e
Mad Dog


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Sie schreiben, dass ja in der Einleitung erwähnt werde, dass es sich bei dem Ganzen um eine editierte Fassung von Abschnitten aus 'Noi operaisti' von vor drei Jahren handle. Also wurde das ganze schon irgendwie aus dem Italienischen übersetzt, es gibt aber nicht eins zu eins einen italienischen Ausgangstext.

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10. Januar 2013, 19:48 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Muoit



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Vielleicht mal nachfragen, was die kuriosen Stellen genau bedeuten sollen?

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10. Januar 2013, 22:35 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
rude e
Mad Dog


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Finde ich vor allem ab dem zweiten Abschnitt sehr interessant.

Zitat:
Operaismus und die PCI
Und doch gab es eine simple Tatsache, die sich nicht mittels eines politischen Willensakts beseitigen liess. Viele jener, welche die ‚alternative Subjektivität’ in den 1960ern entdeckt hatten, waren ausserhalb geformt worden und stellten sich in einem gewissen Ausmasse gegen die offiziellen institutionellen Formen der Arbeiterinnen- und Arbeiterbewegungen und ihre Parteien. 1962 bot der Konflikt der FIAT-Arbeiter und Arbeiterinnen um neue Verträge somit eine Gelegenheit für eine aussergewöhnliche öffentliche Agitation, die sich im ganzen Land bemerkbar machte. Das politische Zentrum der Arbeiterinnen- und Arbeiterklasse handelte, das lernten wir, in der Praxis auf folgende Weise: es setzte, immer wenn es ausbrach, jenen Vorschlag auf die Tagesordnung des Landes, den Brecht 1935 in der antifaschistischen Konferenz in Paris vorgebracht hatte: ‚Genossinnen und Genossen, lasst uns über die Besitzverhältnisse sprechen!’ Aber die PCI befreite sich nicht von der ihr zugeteilten Funktion, die grossen Arbeitskämpfe der frühen 1960er in hohe Politik zu übersetzen. Im Gegensatz zu dem, was allgemein angenommen wird, war die ‚Partei der arbeitenden Klasse’ mehr dazu gewillt, auf die 68 Studentinnen und Studenten zu hören anstatt auf die 69 italienischen Arbeiterinnen und Arbeiter. (Hier gibt’s wieder einen rückwirkenden Beweis: in den Jahren, die folgten, wurde die Parteiführung viel mehr durch Studentinnen und Studenten ergänzt als durch Arbeiterinnen und Arbeiter.)
Zur gleichen Zeit entwickelte sich ein linker Antikommunismus, der nach einer historischen Analyse verlangt. Es handelte sich hier ganz grundsätzlich um eine Anti-PCI, gebildet von intellektuellen Kräften, die heute noch existieren (trotz des Verschwindens ihres Gegners), und die unter dem Eindruck einer Bewegung herangewachsen waren, einer Generation, einer Perspektive; eher einer Art Gefühl, Intimität und Kommunikation, denn eines Seins, Denkens und Kämpfens. Der Vorhut dieser Tage hatte sich nun eine Armee von Reuigen angeschlossen.
Dieses Phänomen verstärkte sich nach Togliattis Tod 1964, nicht nur wegen eines Rückgangs der Vermittlungsfähigkeit der Partei, sondern auch wegen einer tiefen Veränderung, die in der italienischen Gesellschaft stattfand. Es war erst in den späten 1950ern und frühen 1960ern, dass sich der moderne Kapitalismus in Italien wirklich durchgesetzt hatte, und die alte kleine Welt der bürgerlichen Gesellschaft, eingebettet in die Erinnerung ans neunzehnte Jahrhundert, kam zu einem Ende. Das kleinkarierte ‚Italietta’ des Risorgimento lastete immer noch auf jenen von uns, die in den 1930ern geboren waren; wir sollten mehr von diesem Jahrzehnt lernen als von all jenen, die noch folgen sollten. Wir wurden geimpft gegen die Altes-Italien-Krankheit [? vetero-italica disease]. Die ganze Geschichte Italiens war bis zu diesem Zeitpunkt nur eine untergeordnete des zwanzigsten Jahrhunderts gewesen. Jene von uns, die in modernen und desillusionierten Begriffen dachten, fühlten ihr Gewicht auf unseren Schultern – von der Beschränktheit der italienischen Sprache bis zur Blindheit ihrer Kultur. Wir entdeckten, indem wir Locke und Montesquieu lasen und uns mit dem Westminster-System auseinandersetzten, dass die ganze vorfaschistische Ära im Grunde eine Karikatur des westlichen liberalen Systems gewesen war. Und die zwei ‚roten Zeiten’ von 1919-1920 und von 1945-1946, sosehr sie sich voneinander unterschieden, waren zwei magische Momente gewesen, die nur aus der Asche der beiden grossen Kriege hatten entspringen können.
Die stille Kraft der PCI hatte darin gelegen, sich in dieser untergeordneten Geschichte der longue durée einzuordnen, die eigenen Ziele zurückzuschrauben, jede Leidenschaftlichkeit zu stoppen, eine ‚Was-ist-zu-tun’-Haltung zu pflegen, die nie über das Mögliche hinaus zeigte und vorsichtig darauf bedacht zu sein, nie nach dem Unmöglichen zu greifen.
Das National-Volkstümliche der PCI war ein rotes Tuch für uns Operaistinnen und Operaisten, noch mehr auf einer kulturellen Ebene als auf einer politischen; das war etwas, was wir schon früh verstanden. Unser Genosse Alberto Asor Rosa schrieb 1964 Scrittori e popolo, im Alter von dreissig Jahren: einen Essay über – und gegen – populistische Literatur in Italien.[5] Sein Buch markierte den Beginn einer Krise für einen Aspekt der politischen Kultur Italiens, der bis dahin vorherrschend gewesen war. Aber ohne diese volkstümliche – nicht populistische – Politik hätten wir nie einen Grund gehabt zu singen: „Avanti, avanti, il gran partito siamo dei lavoratori...“ Die wahre Kraft der PCI war in ihrer bewussten Strategie begründet, sich selbst offensichtlich kulturell in einem Volk zu verwurzeln, das aus dieser Geschichte entstanden war.
Es ist ein Gemeinplatz zu sagen, dass die PCI die wahre italienische Sozialdemokratie war. Sie war es nicht [von dem her ist es kein Gemeinplatz/commonplace, weil ein Gemeinplatz ist ja eine allgemein bekannte Tatsache, es ist mehr ein allgemeines Vorurteil oder so, Anm. des Übersetzers]. Im Gegenteil war sie die italienische Version einer kommunistischen Partei. Die italienische Strasse zum Sozialismus war eine lange, die sich weit in die Ferne erstreckte: hinter uns lagen die Geschichte einer Nation, die Realität eines Volkes, die Tradition einer Kultur. Gramcis Leben und Arbeit verbanden diese Dinge und hinterliessen deren intellektuelles Vermächtnis dem totalisierenden politischen Handeln Togliattis. Deshalb war Reformismus, in seinem ursprünglichen Sinne, die politische Form, die der revolutionäre Prozess in diesem Zusammenhang annahm. Dieser Kreis schloss sich mit der Auflösung des Mythos der kapitalistischer Zurückgebliebenheit, der in der PCI lange bestand hatte, sogar während des Anstiegs der kapitalistischen Entwicklung in Italien. Die orthodoxeste Togliatti-Fraktion, die Amendola-Gruppe, kultivierte diesen Mythos über jeden gerechtfertigten Punkt hinaus und machte ihn zur sozialen Basis einer kulturellen Vernunft [? And made it the social basis for a cultural common sense]. Das ist, wo der Bruch stattfand zwischen der Partei und jungen aufkommenden intellektuellen Kräften, die Unterstützung in Teilen des Gewerkschaftssektors fanden, vor allem im Norden, und in den widerspenstigen Teilen der Partei.[6]
Tatsächlich lagen die Aufstände der italienischen Arbeiterinnen und Arbeitern des Nordens in den frühen 1960ern jenen des New-Deal-Amerikas näher, als jenen der italienischen Landarbeiterinnen und Landarbeiter der 1950er im Süden. Der apulische Arbeiter, der in Turin zum Massenarbeiter wurde, war das Symbol für das Ende der ‚Italietta’-Geschichte. Togliatti hatte ein gesundes Gespür für die überstrukturellen und politischen Aspekte des frühen Mittelinks [? centre-left], aber er war unfähig, die sozialen und materiellen Gründe zu sehen, die dieses herbeigeführt hatten, und die zentrale Rolle der grossen Fabriken zu erkennen. Quaderni Rossi und Classe Operaia sahen die Verknüpfung von Fabrik, Gesellschaft und Politik als strategischen Ausgangspunkt kapitalistischer Veränderung klarer, als dies die Zeitschriften der PCI, Società und Rinascita, taten. Man braucht nur in den Seiten der operaistischen Journale blättern: Korrespondenz aus den Fabriken, vor-Ort-Analysen der Restrukturierung des Produktionsprozesses, Einschätzungen von Strategien des Managements, kritische Abhandlungen über die Nachfrage, Beurteilungen von Verträgen, Einmischungen in Kämpfe, internationale Themen; und auch Leitartikel über die politischen Schlüsselfragen der Zeit.


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Es tut mir leid wenn ich euch störe, Leute, aber ich tanze immer den letzten Tanz der Saison. In diesem Jahr hat es mir einer verboten. Aber ich lasse mir nichts verbieten. Ich werde tanzen, und zwar mit einer wundervollen Partnerin.

Erst wenn der letzte Lappen gelöhnt, die letzte Mark verjubelt und der letzte Groschen gefallen ist, werdet Ihr merken, dass man mit Bäumen nicht bezahlen kann.
21. Januar 2013, 20:59 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
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Beitrag Danilo Montaldi Antworten mit Zitat
Kennt jemand von Euch Danilo Montaldi? Gibt es seine Bücher oder sonstige Texte in einer mir zugänglichen Sprache (de, fr, en)? Hat jemand von Euch was von ihm gelesen?

Links:

http://it.wikipedia.org/wiki/Danilo_Montaldi

http://www.toppoint.de/~kapeka/opera5.html

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"Die kommunistische Theorie kann nichts anderes sein als gebunden an die gesellschaftliche Praxis der proletarischen Bewegung, sie ist weder 'marxistisch' noch 'anarchistisch'." Jean-Yves Bériou, 1975.
08. November 2013, 22:17 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Muoit



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Beitrag Antworten mit Zitat
Keine Ahnung. Das Buch, welches auf kommunismus.narod gestellt wurde - die eigentlich nur deutschsprachige Texte veröffentlichen - ist leider auch auf italienisch.

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Power to the Pöbel!
10. November 2013, 23:06 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
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Beitrag Operaismus in Brüssel Antworten mit Zitat
Falls jemand von Euch gerade in Brüssel weilt: http://grm.hypotheses.org/1333

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"Die kommunistische Theorie kann nichts anderes sein als gebunden an die gesellschaftliche Praxis der proletarischen Bewegung, sie ist weder 'marxistisch' noch 'anarchistisch'." Jean-Yves Bériou, 1975.
25. November 2014, 13:19 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
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Beitrag Workerism beyond Fordism Antworten mit Zitat
Sergio Bologna zu Operaismus -> Post-Operaismus:

Zitat:
Work­erism and Fordism

Work­erist groups devel­oped in an his­tor­i­cal period in which there seemed to be no alter­na­tive to mass pro­duc­tion in cap­i­tal­ist soci­eties, where big com­pa­nies were able to obtain large economies of scale. The large fac­tory, in which thou­sands of work­ers always car­ried out the more sim­pli­fied oper­a­tions, while the machines took care of the more com­plex ones, seemed to be the cul­mi­na­tion of a his­tor­i­cal process that orig­i­nated in the rise of indus­tri­al­ism. Mass pro­duc­tion was the best way to pro­duce cheap goods that could be bought by every­body, above all by the very work­ers who pro­duced them, even when these goods were as com­plex as a car. Thus, the con­di­tions for real­iz­ing the irre­place­able coun­ter­part to mass pro­duc­tion – that is to say, mass con­sump­tion – were cre­ated. This was such a per­fect and well-functioning sys­tem that even com­mu­nist coun­tries ended up adopt­ing it. Actu­ally, the com­mu­nist rev­o­lu­tion had tri­umphed in coun­tries where this sys­tem was still very imper­fect, under­de­vel­oped, or even non-existent. It there­fore fell on the gov­ern­ments emerg­ing from the rev­o­lu­tion to per­fect the devel­op­ment of mass pro­duc­tion by orga­niz­ing it in big Kom­bi­nats, indus­trial com­plexes with thou­sands of work­ers, and also by extend­ing it to agri­cul­ture. In the West this sys­tem was called, for con­ve­nience, “Fordism,” because it found its most com­plete prac­ti­cal and the­o­ret­i­cal appli­ca­tion in the orga­ni­za­tion of the auto­mo­bile fac­to­ries of Henry Ford. The idea at the base of work­erism, obvi­ously bor­rowed from Marx­ian the­ory, was that the large fac­tory with its thou­sands of work­ers could become a large fer­tile ter­rain for a rev­o­lu­tion­ary project, and shift from the site of mass pro­duc­tion to a space lib­er­ated from cap­i­tal­ist oppres­sion. Cap­i­tal­ism had to be caught right where it lived, the walls of its home becom­ing the bars of its prison. The Fordist assembly-line had to become the train­ing field where the worker could develop a rev­o­lu­tion­ary sub­jec­tiv­ity, and become the mass worker. As you can see, the pri­mor­dial idea of work­erism was the mold, as inverted foot­print, of Fordism. With­out a social orga­ni­za­tion like that of the Fordist fac­tory, work­erism would have had dif­fi­culty elab­o­rat­ing its rev­o­lu­tion­ary project; the mass worker formed as a class in a pro­duc­tive sys­tem with par­tic­u­lar tech­no­log­i­cal char­ac­ter­is­tics, and was one with this sys­tem, which pro­vided his means of sub­sis­tence. The mass worker was first and fore­most a wage earner. The struc­ture of his pay­check was com­posed of a fixed part, the base wage, and a vari­able part, linked to pro­duc­tiv­ity. There were also items that cor­re­sponded to con­trac­tual gains like pace with infla­tion, fam­ily allowances, over­time, pro­duc­tion bonuses, com­pen­sa­tion for night work and haz­ardous work, etc. The orga­ni­za­tion of Fordist pro­duc­tion was not only the dom­i­nant sys­tem within the fac­tory, but also pro­jected its rigid struc­ture onto soci­ety, onto urban and sub­ur­ban mobil­ity, hous­ing set­tle­ments, shop­ping hours. Thou­sands of work­ers left the fac­to­ries early in the morn­ing after work­ing the night shift, while many oth­ers were already out­side wait­ing at the gates to enter for the first morn­ing shift. This was the best moment to dis­trib­ute and spread the fly­ers of Classe Operaia and Potere Operaio. These fly­ers were almost always writ­ten accord­ing to direc­tions given by the work­ers of those same fac­to­ries, after a long labor of “co-research,” a dia­logue and exchange of opin­ions and infor­ma­tion between mil­i­tant work­erists and fac­tory work­ers. Work­erism there­fore was in all respects the inverted image of Fordism, it was one with Fordism, lived in sym­bio­sis with it. Work­erism with­out a Fordist soci­ety, with­out mass pro­duc­tion, with­out the mass worker, did not seem imaginable.

http://viewpointmag.com/2014/12/15/workerism-beyond-fordism-on-the-lineage-of-italian-workerism/


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"Die kommunistische Theorie kann nichts anderes sein als gebunden an die gesellschaftliche Praxis der proletarischen Bewegung, sie ist weder 'marxistisch' noch 'anarchistisch'." Jean-Yves Bériou, 1975.
16. Dezember 2014, 03:51 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
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Beitrag Tronti Antworten mit Zitat
Eine überaus interessante Kritik an Trontis Subjektivismus:

Zitat:
This is the core of the argument. Sbardella’s critique of Tronti is subtler than might first appear, however. Following an insight not only of workerism itself, but also of a much older left communist tradition, he recognizes the historical institutions of the workers’ movement as founded on expropriation. Classical parties such as the PCI indeed represent the will of the class, but only as separate and alienated from the class. Parties monopolize political subjectivity. Yet this does not mean that the pure unmediated activity of the class is therefore inherently revolutionary, as a certain naively left communist position would imply. On the contrary: when the class suffers material defeat, its strategy, too, is thrown into disarray. Workers then find themselves huddling around whatever concentrations of power still survive. In these circumstances, spontaneity leads to bad politics, not because workers lack direction from a proper revolutionary vanguard, but rather because the objective situation leaves them few other options. In such a period even the most impeccably committed cadres are only capable of organizing defeat. It is not the case, according to Sbardella, that an oppositional subjectivity always exists. It is rather constituted and deconstituted in the flux of the class struggle. For all their emphasis on class composition, the workerists around Tronti failed to recognize this fact.

https://viewpointmag.com/2016/01/28/the-nep-of-classe-operaia/


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"Die kommunistische Theorie kann nichts anderes sein als gebunden an die gesellschaftliche Praxis der proletarischen Bewegung, sie ist weder 'marxistisch' noch 'anarchistisch'." Jean-Yves Bériou, 1975.
29. Januar 2016, 01:20 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
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Beitrag Soziologie und Marxismus Antworten mit Zitat
Einen etwas gar trockenen Text von Tronti, Soziologie und Marxismus, gibt's nun auf Englisch:

Zitat:
In this sense I believe that the worst thing would be to want to set­tle these diver­gences in every way, not because I believe the pos­si­bil­ity of this agree­ment to be unjus­ti­fied if we were at the end of the dis­cus­sion, but because I believe it invalid that the pos­si­bil­ity of this agree­ment be assumed in advance, which is why the frame­work of this con­ven­tion, at cer­tain moments, has risked play­ing out in this way, that is, like a tra­di­tional pro­ce­dure: Sep­pili presents the the­ses, Col­letti lays out the antithe­ses, and Spinella wants to make the syn­the­sis imme­di­ately. In this way Spinella has repeated some­thing of a gen­eral method while also pre­serv­ing a gen­eral law, which is that of the dialec­ti­cal Hegelian trin­ity. At the same time he has deliv­ered an ele­ment of inter­rup­tion to the pro­ceed­ings of the con­ven­tion.

I believe that the prob­lem of the con­ven­tion must be spec­i­fied pre­cisely in its own orig­i­nal terms, that is, the rela­tion­ship between Marx­ism and soci­ol­ogy; in other words it seems to me not a con­ven­tion on soci­ol­ogy, but a report on the way that Marx­ists under­stand soci­ol­ogy. This is the speci­fic theme that must be under­lined.

https://viewpointmag.com/2016/10/03/on-marxism-and-sociology-1959/


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05. Oktober 2016, 23:01 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
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