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Die neuen ReformistInnen: Piketty & Co.

 
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Die neuen ReformistInnen: Piketty & Co.
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Melnitz



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Beitrag Die neuen ReformistInnen: Piketty & Co. Antworten mit Zitat
Eine Diskussion, die wohl bald auch die deutschsprachigen Medien erreichen wird. Thomas Piketty, Ökonom aus Frankreich, hat ein Buch mit dem Namen »Capi­tal in the Twenty-First Cen­tury« geschrieben. In Frankreich und den USA ist er mittlerweile ein Superstar im Wirtschaftsteil und Feuilleton. Dabei scheint er sich vor allem mit empirischem Material auseinanderszusetzen und interessiert sich für die Verteilung des Reichtums. Nicht verwunderlich schlägt er dann in der Perspektive scheinbar eine Steuer für Reiche vor. Hier in dem Thread sollen alle Texte versammelt werden, die sich mit Piketty und ähnlichen ReformistInnen auseinandersetzt:


Zuerst einige kürzere Texte von Ingo Stützle:

Die Krise in Zeiten von Piketty

Zitat:
Ingo Stützle über den neuen Star am Ökonomenhimmel und die Frage, warum Argumente allein nichts bewegen


Marx zu Thomas Piketty


Die NZZ hat sich der Debatte ebenfalls mit zwei Artikeln angenommen:


Thomas Piketty: Alles zum Kapital. Die Lust am Umverteilen

Zitat:
Der Kapitalismus bringt starke und steigende Ungleichheiten, Steuern auf Einkommen und Vermögen müssen dies korrigieren. Dies ist die Sicht eines französischen Wirtschaftsprofessors.



Amerikas jüngster Bestseller: Der Piketty-Hype

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"We houden er niets van de prietpraat, die in de rest van Nederland gedaan wordt. We zijn er gewoon op de man, een woord is een woord, een hand een hand en een vuist is een vuist." (Hafenarbeiter aus Rotterdam)
06. Mai 2014, 10:54 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Melnitz



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Es gibt auch einen Thread bei Libcom:

http://libcom.org/forums/theory/capital-21st-century-piketty-16042014

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06. Mai 2014, 11:39 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
O.B.M.F



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Die WoZ haz vor ein paar Wochen auch was dazu gebracht:

http://www.woz.ch/1416/die-verteilung-des-reichtums/wir-sollten-uns-mit-der-ungleichheit-befassen-bevor-die-situation

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Wenn ich dabei tanzen muss, ist es nicht meine Revolution.
06. Mai 2014, 13:46 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Aras



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Interview mit Piketty im New Republic: http://www.newrepublic.com/article/117655/thomas-piketty-interview-economist-discusses-his-distaste-marx

Zitat:
IC: Can you talk a little bit about the effect of Marx on your thinking and how you came to start reading him?

TP: Marx?

IC: Yeah.

TP: I never managed really to read it. I mean I don’t know if you’ve tried to read it. Have you tried?

IC: Some of his essays, but not the economics work.

TP: The Communist Manifesto of 1848 is a short and strong piece. Das Kapital, I think, is very difficult to read and for me it was not very influential.

IC: Because your book, obviously with the title, it seemed like you were tipping your hat to him in some ways.

TP: No not at all, not at all! The big difference is that my book is a book about the history of capital. In the books of Marx there’s no data.

06. Mai 2014, 13:51 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Melnitz



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So eine Tröte! Oder ist das Satire? Da kritisiert er Marx und hat ihn nicht mal gelesen. Hier im Tagi-Interview lässt er sich noch mehr aus zu Marx:

Zitat:
In den deutschen Medien hat man Sie bereits als den besseren Karl Marx bezeichnet. Tatsächlich weckt Ihr Buch «Capital» nicht nur ­wegen des Titels Erinnerungen an dessen Werk von 1867.

Marx ging es um die gleichen Fragen. Dennoch sind die Umstände heute ganz anders als damals. Mein Ziel war es, die Entwicklung von Kapital und Einkommen seit der industriellen Revolution in einer historischen Perspektive zu untersuchen und was das für die Zukunft bedeuten könnte. Das Buch von Marx ­besteht dagegen aus theoretischer Spekulation. Mein Ziel besteht darin, den Lesern ein eigenes Urteil zu ermöglichen und die demokratische Debatte zu befruchten. Marx war vom Niedergang des Kapitalismus überzeugt. Er wollte absolute Wahrheit – ich nicht.

Was denken Sie denn dazu?

Marx ging von einer fallenden Profitrate aus. Meine Schlussfolgerung ist radikal anders: Rein ökonomisch gesehen ist es durchaus möglich, dass die Profitrate – also das Kapitaleinkommen – bis in alle Ewigkeit höher als das Wirtschaftswachstum sein kann. Ich sage also keine Katastrophe voraus.

http://www.tagesanzeiger.ch/wirtschaft/konjunktur/Marx-wollte-absolute-Wahrheit--ich-nicht/story/31433512


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06. Mai 2014, 13:10 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Aras



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Nein, der meint das glaub schon alles ernst. Piketty, Rockstar des Feuilletons guitar mr green

Aber es ist ja auch kein neues Phänomen, dass in schöner Regelmässigkeit v.a. in der bürgerlichen Presse "alternative" Wissenschaftler/Intellektuelle etc. präsentiert werden, deren Thesen dann als "revolutionär" dargestellt werden. Siehe Graeber, Zizek und so weiter... Scheint mir bei Piketty jetzt ähnlich zu sein.
06. Mai 2014, 14:24 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Melnitz



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Aras hat Folgendes geschrieben:
Aber es ist ja auch kein neues Phänomen, dass in schöner Regelmässigkeit v.a. in der bürgerlichen Presse "alternative" Wissenschaftler/Intellektuelle etc. präsentiert werden, deren Thesen dann als "revolutionär" dargestellt werden. Siehe Graeber, Zizek und so weiter... Scheint mir bei Piketty jetzt ähnlich zu sein.


Die Frage ist ja, ob er sich vom Rockstar des Feuilletons (wie auch Graeber und Zizek) zu einem Theoretiker mausert, auf den sich eine reformistische Bewegung berufen kann. Er macht ja immerhin auch ganz "praktische" Vorschläge:

Our manifesto for Europe

Zitat:
European Union institutions no longer work. A radical financial and democratic settlement is needed


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06. Mai 2014, 14:03 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Aras



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http://blog.tagesanzeiger.ch/nevermindthemarkets/index.php/34696/der-piketty-schock-fuer-die-usa/
07. Mai 2014, 07:26 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Aras



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FAZ-Perle: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/zu-besuch-bei-thomas-piketty-der-neue-star-der-intellektuellenszene-12927888.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

Zitat:
Die Erfordernisse der Modernisierung und zur Transparenz politischen Handelns sind gerade vielen Verantwortlichen unter den Linken noch nicht genügend im Bewusstsein, klagt er. Er macht es sich nie einfach und bemüht sich geradezu obsessiv, pragmatisch und im Sinne des Common Sense zu formulieren. Am Ende des Buches aber gestattet er sich eine Utopie: eine progressive Steuer auf das Kapital, weltweit harmonisiert erhoben.

09. Mai 2014, 07:48 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Aras



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Weiter geht's in der FAZ mit einem Beitrag von Hans-Werner Sinn:

Zitat:
Das Buch erinnert an Karl Marx, Piketty hat einen ähnlich emotionalen Schreibstil, und er benutzt eine ähnliche Theorie.


http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/hans-werner-sinn-ungleichheit-ist-nicht-so-einfach-wie-thomas-piketty-denkt-12933579.html
21. Mai 2014, 21:08 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Melnitz



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Axel Berger in der Jungle World über Piketty:

Harmloser als sein Ruf

Zitat:
Thomas Pikettys »Kapital im 21. Jahrhundert« ist die neueste Fundgrube für alle, die sich nach mehr Verteilungsgerechtigkeit sehnen. Mehr soll es aber nicht sein.


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05. Juni 2014, 08:57 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Melnitz



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Erneut Stützle zu Piketty:

http://stuetzle.cc/2014/10/ist-eine-tautologie-ein-gesetz-thomas-piketty/

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10. Oktober 2014, 07:56 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Melnitz



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Das Buch von Piketty ist jetzt ins Deutsche übersetzt worden und findet sich in den Buchläden. Die Diskussion im deutschsprachigen Raum wird also nochmals Fahrt aufnehmen. Das "Neue Deutschland" hat dazu eine Themenseite gemacht unter dem Titel "Yes We Piketty". Leider sind nicht alle Artikel ohne Abo zu lesen:

Yes We Piketty

Zitat:
Ein »neues deutschland« über das »Kapital im 21. Jahrhunderts«, Ungleichheit und was man dagegen tun kann.

Er wird als »neuer Superstar« der Ökonomen 
gefeiert, sein Buch »Das Kapital im 21. Jahrhundert« 
als »bahnbrechendes Meisterwerk« gelobt. Diese Ausgabe des »nd« widmet sich den Thesen Thomas 
Pikettys, Reichtum und Ungleichheit.


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13. Oktober 2014, 08:35 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Aras



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Falls wer am 7.11.14 in Berlin ist:

Zitat:
Kein anderes politisches Buch hat in den letzten Jahren für derartige Furore gesorgt wie Thomas Pikettys „Das Kapital im 21. Jahrhundert“. Pikettys zentraler Befund: Im Zuge der kapitalistischen Entwicklung konzentriert sich der gesellschaftliche Reichtum immer stärker in den Händen der Kapitalbesitzer.
Was aber folgt daraus? Kann von Aufstieg durch Arbeit heute keine Rede mehr sein? Erodiert somit letztlich die Legitimationsgrundlage der gesamten kapitalistischen Ordnung?
Darüber diskutieren mit Thomas Piketty zum Erscheinen der deutschen Ausgabe (im Verlag C.H. Beck): die Philosophin Susan Neiman, der Politikwissenschaftler und »Blätter«-Mitherausgeber Hans-Jürgen Urban und der Kulturwissenschaftler Joseph Vogl, moderiert von Mathias Greffrath.


https://www.blaetter.de/democracy-lecture
13. Oktober 2014, 10:50 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Melnitz



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Ingo Stützle mit einem weiteren Artikel zum Herrn Piketty:

Des Teufels großer Haufen

Zitat:
Der französische Ökonom Thomas Piketty plädiert für mehr Leistungsgerechtigkeit


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14. Oktober 2014, 08:11 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Melnitz



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Melnitz hat Folgendes geschrieben:
Ingo Stützle mit einem weiteren Artikel zum Herrn Piketty:

Des Teufels großer Haufen

Zitat:
Der französische Ökonom Thomas Piketty plädiert für mehr Leistungsgerechtigkeit


P.S. Es hat niemand per Zufall den Artikel "Mythos Aufstieg" von Felix Klopotek in Konkret 6/2014 über Piketty online zur Verfügung (Scan oder so)? Ich hab den damals gelesen und seine These, dass die Popularität von Büchern in der Art von Piketty darauf hindeuten, dass sich die Menschen ihrer (ökonomischen) Lage vermehrt bewusst werden. Eine Reflexion auf die eigene Situation (Aufstieg objektiv kaum mehr möglich, Leben wird ständig schlechter, etc.). Leider hab ich die Konkret damals nicht gekauft depro

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14. Oktober 2014, 09:25 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Albert Gräfe



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Ich habe den Artikel eingescannt und hier hochgeladen:

http://www.file-upload.net/download-9686054/Mythos-Aufstieg_Klopotek_konkret062014.pdf.html
14. Oktober 2014, 20:22 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Melnitz



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Beitrag Antworten mit Zitat
Albert Gräfe hat Folgendes geschrieben:
Ich habe den Artikel eingescannt und hier hochgeladen:

http://www.file-upload.net/download-9686054/Mythos-Aufstieg_Klopotek_konkret062014.pdf.html


Danke vielmals! Grossartig! Irgendwann - im Kommunismus oder schon vorher - springt da mal ein Bier (oder sonstiges Getränk) bei raus! mr green

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14. Oktober 2014, 22:45 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Kes



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Auf dem "theorieblog" gibt es ein "Piketty-Buchforum". Bisher sind drei Teile erschienen:

1.) Piketty-Buchforum 1: Ungleichheit im 21. Jahrhundert. Was genau ist das Problem?
2.) Piketty Buchforum 2: Piketty-konventionell und radikal oder wider den Fetisch der Eigentumsrechte
3.) Piketty-Buchforum 3: Wozu sollen Steuern dienen?


Teil 1 verweist auf den kritischen Punkt, dass dem Buch eine Moraltheorie fehlt. Hier würde ich gerne eine Frage anschließen, die sich auf ein Problem bezieht, welches ich selbst mit der Lektüre Pikettys habe. Falls dieser Threat nicht der richtige Ort dafür ist, sagt es mir bitte.
Hier meine Frage:

Ausgehend von dem Eingangszitat des Buches "Gesellschaftliche Unterschiede dürfen nur im gemeinsamen Nutzen begründet sein" (Artikel 1, Erklärung der Menschen und Bürgerrechte, 1789) äußert sich Piketty auf S.37 folgendermaßen:

"In diesem Buch interessieren wir uns nicht nur für den Umfang der Ungleichheit als solcher, sondern vor allem für die Struktur der Ungleichheit, das heißt für den Ursprung der Einkommens- und Vermögensunterschiede zwischen den sozialen Gruppen sowie für die verschiedenen ökonomischen, sozialen, moralischen und politischen Rechtfertigungen, mit denen sie gutgeheißen oder verurteilt werden. Ungleichheit ist nicht per se etwas Schlechtes: Die zentrale Frage ist, ob sie gerechtfertigt ist, ob es gute Gründe für sie gibt."

Kennt jemand diese Argumentationsweise und ihre Denktradition? Mir scheint, als würde sich hier ein wesentlicher Unterschied zu Marx verdeutlichen, bei dem ja Ungleichheit zu unterschiedlichen Interessen führt und diese schließlich grundlegend für den inneren Widerspruch des Kapitalismus sind. Dementsprechend sind alle Versuche Ungleichheit gesellschaftlich zu legitimieren, Versuche den ungerechten Status Qui aufrechtzuerhalten und sie müssen als falsch gelten. Sehe ich das an dieser Stelle richtig?

Alles Liebe, Kes

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Als im weißen Mutterschoße aufwuchs Baal
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Als im dunklen Erdenschoße faulte Baal
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Wie ihn Baal einst liebte, als Baal war.
Bertold Brecht
26. Oktober 2014, 15:36 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Melnitz



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Zitat:
Kennt jemand diese Argumentationsweise und ihre Denktradition? Mir scheint, als würde sich hier ein wesentlicher Unterschied zu Marx verdeutlichen, bei dem ja Ungleichheit zu unterschiedlichen Interessen führt und diese schließlich grundlegend für den inneren Widerspruch des Kapitalismus sind. Dementsprechend sind alle Versuche Ungleichheit gesellschaftlich zu legitimieren, Versuche den ungerechten Status Qui aufrechtzuerhalten und sie müssen als falsch gelten. Sehe ich das an dieser Stelle richtig?


Ich glaube das ist genau der springende Punkt: Piketty geht es ja nicht darum, die Ungleichheit zu beseitigen. Er ist mehr der Ansicht, dass die Ungleichheit zu einem Problem für das Fortbestehen des Kapitalismus geworden ist. Denn die Ungleichheit, so Piketty, beruhe zunehmend darauf, dass der Reichtum vererbt wird und darum die Reichen immer reicher werden und die Armen immer ärmer. Die Verteilung des Reichtums findet nicht mehr über die Leistung ("Jeder ist seines Glückes eigener Schmid."), sondern über Erbschaft statt. Und diesen Umstand prangert Piketty an. Ungleichheit, wenn sie auf Leistung beruht, hält er nicht für einen Skandal sondern für vernünftig. Ingo Stützle und Stephan Kaufmann bezeichnen diese Denkrichtung in ihrem schmalen, aber guten Büchlein zu Piketty (Stephan Kaufmann / Ingo Stützle, Kapitalismus: Die ersten 200 Jahre) als Meritokratie. Darum ist Piketty auch kein Antikapitalist, sondern will den Kapitalismus vor sich selber retten.

Edit: Zitat von Piketty, wie er "Meritokratie" versteht: "Unsere demokratischen Gesellschaften basieren auf einer meritokratischen Weltanschauung oder zumindest einer meritokratischen Hoffung, womit ich einen Glauben an eine Gesellschaft meine, in der Ungleichheit eher auf Leistung und Anstrengung beruht als auf Verwandtschaft und Zinseinkommen." (S. 422)

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27. Oktober 2014, 12:29 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Kes



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Vielen Dank für die Antwort. Sie hilft mir bei meiner Lektüre. Jetzt verstehe ich auch den Erfolg des Buches in den USA. Mir scheint als wäre Pikettys Analyse besonders folgenreich für den "amerikanischen Traum"!

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27. Oktober 2014, 15:57 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Kes



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Es ist ein weiterer Artikel zu Pikettys "Kapital" erschienen (Neues Deutschland):

Piketty links liegen lassen?

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05. November 2014, 17:10 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Kes



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David Harvey hat auf seinem blog eine Rezension zu Pikettys "Das Kapital im 21. Jahrhundert" geschrieben.

Afterthoughts on Piketty's Capital

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20. November 2014, 18:59 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
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